Ausgabe 
1.5.1931
 
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GiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zrhrgang Ml

Freitag, den l-Mai

Nummer 34

Frühlingsnacht.

Von Josef Freiherrn von E chendorfs. Uebern Garten durch die Lüfte Hört' ich Wandervogel ziehn. Das bedeutet Frühlingsdüfte, Unten fängt's schon an zu blühn. Jauchzen macht" ich, möchte weinen, Ist mir's doch, als könnt's nicht sein! Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondesglanz herein. Und der Mond, die Sterne sagen's. Und in Träumen rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist deine, sie ist dein!

».Zum grünen Anker".

Eine schreckliche Kriminalgeschichte.

Von I. W. Bart.

Mr. Frank aus Boston war zum erstenmal nach San Franzisko ge­kommen, um sür seine Etui-Erzeugung neues Absatzgebiet zu erobern. Auf der Hotelsuche kam er zumGrünen Anker", der zwischen Hafen und Chinesenviertel gelegen war. Da er als Fremder nicht wissen konnte, daß sich dem Bürger bei Erwähnung dieses Hotels alle Haare sträubten, trat er ein und verlangte ein Zimmer. Der Portier gab ihm Nr. 77 und einen Schlüssel dazu, der die Verwunderung des Gastes erregte. Wie es in vielen Hotels üblich ist, die Zimmerschlüssel an Stäben zu befestigen, um das Einstecken und Bergessen zu verhindern, so war es auch hier: nur befand sich an Stelle des Stabes ein Gummiknüttel von anständigem Ausmaß. Auf die Frage des Mr. Frank antwortete der Portier, daß diese Vor­richtung für Gäste mit Minderwertigkeitsgefühl gedacht sei, denn im Grünen Anker" tjabe man psychoanalytisches Verständnis. Gleichzeitig wies er auf eine Tafel, die folgende Inschrift trug:Die p. t. Gäste werden ersucht, Schußwaffen größeren Kalibers und Messer von über zehn Zoll Länge im Hotelbureau zu deponieren."

Mr. Frank, ein Mann von heiterer Lebensauffassung, freute sich über diese Fürsorge und schritt mit dem Selbstgefühl des Bürgers im Ordnungs­staat zum Fahrstuhl. Die Tür öffnend, sah er in der Ecke einen Mann sitzen der nach Babyart vor sich hinlallte.Was hatterle denn?" fragte der Fabrikant teilnehmend, bekam aber keine Antwort. Offenbar litt der Fremdling seelisch, wofür bläulich unterlaufene Schwellungen im Gesicht sprachen, wie sie nach einem Boxkampf aufzutrcten pflegen. Mr. Frank schüttelte ihn so lange, bis der Mann mit einem Auge erst schätzend, dann vertrauend blinzelte. Hierauf griff er nach seinem Genick, zog aus dem Kragen ein schwarzes Etui, drückte es Mr. Frank in die Hand und sprach: Bringen Sie Diamanten nach Polizeizentrale, Stop. Habe sie Billi Billi abgenommen. Stop. Ganze Juwelenräuberbande imGrünen Anker".

Er verwechselt mich mit einem Telegraphenamt", sagte Mr. Frank und steckte das Etui in die Tasche, während der andere in den ursprüng­lichen Dämmerzustand zurückkehrte. Gleich darauf gesellte sich ein Mann mit Bulldoggesicht zu dem Paar im Lift, schloß die Tür und drückte auf den Knopf, worauf sich der Aufzug in Bewegung setzte. Während er dem interesselosen Detektiv die Kleider durchsuchte, fragte er Mr. Frank, ob er nicht ein Etui gesehen habe.

Natürlich", sagte der tüchtige Kaufmann,ich bin doch vom Fach " Was?" rief der andere,Sie sind auch vom Fach? Bei mir sind Sie Zweiter. Geben Sie das Etui her, oder ich radier« Sie aus.

Was für eins denn?" begütigte Frank,Sie können eins in Rot haben, eins mit Saffianleder gefüttert oder dasselbe in Grün."Wat sagt er?" sprach das Bulldoggesicht und knirschte schrecklich mit den Zähnen, denn es glaubte, der andere erlaube sich zu scherzen. Straffte die Muskeln des Oberarmes daß die Aermelnähte krachten, nahm mit der Faust an der Kinnlade des Mr. Frank Maß und holte soweit aus, als der be­schränkte Raum im Lift zuließ. Der Bedrohte erinnerte sich rechtzeitig des psychoanalytischen Zimmerschlüssels und klopfte mit dessen Ende seinem Partner auf den Kopf. Das Bulldoggesicht seufzte, verdrehte die Augen und sank auf die Plüschbank neben den dösenden Inspektor. In der vierten Etaae aussteigend sah sich Mr. Frank einem ernsten Herrn gegenüber, der so lang war daß er sich tief bücken mußte, um in den Lift hineinsehen zu können. Als' er die Bescherung wahrnahm, fragte er bei Mr. Frank an, ob er nicht ein Etui gesehen habe. Durch die Erfahrung klug geworden, die gebeugte Stellung des neugierigen Hotelgalles geschickt ausnutzend, beantwortete er die Frage, indem er das bewährte Instrument betätigte, worauf der Herr mit einem Hechtsprung in das Fahrftuhliunere ver­schwand. Als der Portier die traurige Ladung unten ankommen sah, kratzte er sich Hinterm Ohr. Dann befestigte er eine Tafel mit der Aufschrift: 3n Reparatur!" an der Lifttür.

Im Zimmer suchte Mr. Frank nach dem Etui. Bei dem tüchtigen Kaufmann machten Etuis den Lebenszweck aus. Es war daher nicht zu verwundern, wenn er drei Musterstücke von früher in den Taschen trug ohne sich ihrer zu erinnern, so daß anstatt der Etuis, für das sich die Hotelgäste interessierten, eines aus der Werlstätte des Mr. Frank zum Vorschein kam. Er öffnete es und fand es natürlich leer. Fachkundig kritisierte er die schlechte Arbeit des angeblichen Konkurrenzfabrikats, dann steckte er es wieder ein und begab sich zum Abendessen nach dem Speisesaal.

An kleinen Tischen saßen Herren im Smoking von denen jeder seinen Patentzimmerschlüssel neben sich liegen hatte. Einer kratzte sich gerade mit der Gäbel den Kopf, denn seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Diamantdiadem, das ihm 8er Detektivinspektor Anderson entrissen hatte. Es war Billi-Billi, das Haupt der großen Bande. Ihm gegenüber, in der anderen Ecke des Saales, saß der berühmte Privatdetektiv Craggs aus Chikago. Er war gekommen, weil er vernommen hatte, daß für die Wieder, beschaffung eines Diadems von der beraubten Juwelenfirma Gebrüder Smith eine Prämie von 10 000 Dollars zu verdienen [ei. Der dritte anwesende Interessent war der Universalgauner Fox, ebenfalls aus Chikago: ein alter Dorn im Auge des Privatdetektivs. Auch Fox träumte in stillen Stunden von dem Diadem und wollte es feinen Kollegen abknöpfen.

Mr. Frank fühlte messerscharfe Blicke auf sich gerichtet, und richtig ver­mutend, daß alles Unheil von dem Etui ausgehe, entledigte er sich seiner, indem er es auf dem Wege zu seinem Tisch fallen ließ. Natürlich erwischte er bas falsche. Billi-Billi, der Privatdetektiv und Fox bekamen lange Hälse und Stielaugen.Wie komme ich zum Etui?" dachte jeder. Herr Fox erfreute sich des Vorteils, den Lichtschalter hinter sich zu haben, und alsbald brach tiefe Finsternis herein. Gleich darauf konnte man aus der Saalmitte ein dumpfes Krachen hören, wie es sonst nur beim Kegelschieben zu ver­nehmen ist: die drei Herren waren mit den Köpfen zusammegerannt. al» sie nach der Stelle sprangen, wo sich das Etui befinden mußte. Da es wieder Licht wurde, waren die übrigen Gäste erstaunt, auf dem Teppich drei elegante Männer fitzen zu sehen, die mit den Köpfen nickten wie Pagoden.Haben Sie vielleicht ein schwarzes Etui gesehen?" fragte der große Detektiv und sah die beiden anderen scharf an, denn wie sollte er wissen, daß er selbst darauf saß. Billi-Billi, bekannt als starker Mann, griff in seiner Wut in die Westentasche, holte einen Silberdollar heraus und biß davon kleine Stücke ab, die er dem berühmten Detektiv ins Antlitz spie. Dieser hatte vorsichtshalber den Zimmerschlüssel mitgenommen, weshalb er in der Lage war, den überraschten Billi-Billi überzeugend aufs Haupt zu schlagen, daß er sich wie ein Igel einringelte und zu träumen anfing. Bei dieser Amtshandlung war der Detektiv aufgeftanben, woburch bas Etui sichtbar wurde.Ha", lachte kurz und militärisch Detektiv Craggs und bückte sich nach dem Etui. Leider kam er nicht dazu, denn eben trat der Inspektor Anderson ein, der inzwischen im Lift aufgetaut war. Er fah das Etui und den Mann, der es aufheben wollte: da er feinen Kollegen nicht kannte, hielt er ihn für schädlich und schlug ihn leicht mit dem Gummi- knüttel. Detektiv Craggs fiel der Länge nach auf den Teppich, wo er sich mit den Bewegungen eines geübten Schwimmers fortzubewegen suchte. Die allgemeine Verwirrung benützte Fox, um mit dem Etui zu verschwinden; der tüchtige Inspektor aber eilte ihm nach und kam gerade dazu, wie der Gauner mit dem Lift, der indessen vom Hauschinesen geräumt worben war, auswärts fuhr. Anberson heftete sich an bie Spur bes Unholds und eilte treppauf dem Lift nach. Als guter Läufer stand er schon vor der Fahrstuhltür. als Fox in der sechsten Etage anlangte. Der Gauner war aber so gerissen, nicht auszusteigen, und fuhr nach der neuten Etage. Der Beamte gab sich nicht geschlagen, und wieder kam er früher an als Fox, der, da es nicht mehr hoher ging, den Aufzug abwärts dirigierte, gehetzt von dem Kriminalisten. Nach einer halben Stunde hing dem Inspektor die Zunge so weit heraus, daß sie seine Krawatte verdeckte.

Später schlich das gleichfalls erholte Bulldoggesicht in das Zimmer des Mr. Frank, um sich in einem Schrank zu verstecken. Als der Ruchlose die Schranktür offnen wollte, klangBesetzt" heraus, denn drinnen saß ein Hauschinese mit älteren Rechten. Bulldoggesicht sagtePardon!" und stieg in den nächsten Schrank.

Mr. Frank suchte erst spät fein Zimmer auf. Beim Ausziehen des Rockes entdeckte er in feiner Tasche ein Etui und legte es auf den Nacht­tisch: bann setzte er sich unb schrieb einen Brief. Unter bem Bett kroch geräuschlos ber Detektiv aus Chikago hervor, nahm das Etui und ver­schwand unbemerkt. Nach einer Weile sah sich Frank um und vermißte es. Irre geworden, griff er in die Tasche und brachte neuerdings eins hervor, von dem er dachte, er habe es in Gedanken wieder eingesteckt. Der Vorgang wiederholte sich, denn die Etuis gingen weg wie frllche Brezeln. Einmal drehte sich Mr. Frank rasch um und gewahrte den Chinesen, der mit einem Etui zur Tür schlich Der tüchtige Kaufmann fd'kuberte dem Elenden feine Füllfeder nach, daß sie in dessen Profil stecken blieb und dort wedelte. Hierauf schoß der Chinese aus dem Zimmer,