Ausgabe 
31.8.1931
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Jahrgang (931

Montag, den 3. August

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Schrebergarten.

Aon Theodor Kramer.

Wenn nach langem staubverbrannten

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Man hockt um die Tische, döselt oder tauscht seine Tippelerfahrungen aus. Abgegriffene, schmutzige Heftchen wandern von Hand zu Hand: Frank Allan, der Richter der Enterbten". Selten, daß man in den Hän­den der Wanderer etwas anderes sieht. Zwar verfügt dieHerberge zur Heimat" über Lesestoff. Aber die uralten Gartenlaube-Bände finden bet diesen Männern ebenso wenig Anklang wie die ebenso alten Nummern von Belhagen & Klasings Monatsheften. Um sieben Uhr wird das Abend­essen ausgegeben: eine Schüssel Suppe oder ein Teller mit Kartoffeln und Gemüse. Wenn der Letzte feinen Napf am Schalter abholt, steht der Erste schon wieder hinter ihm, um zukapitulieren". Zwei, drei Porstonen finden immer Platz im Magen eines hungrigen Tippelkunden.

Dann geht's hinauf in die Schlafsäle. Um neun Uhr liegt alles in den Betten. Morgens um halb sieben wird geweckt. Sind die vier trockenen Brötchen verzehrt und der Kaffeebecher ausgetrtmken, so wird vom Haus­vater oder seinem Stellvertreter die Arbeit verteilt:Bier Mann zum Bettenmachen, sechs Mann zum Kartosfelschälen, die Uebrigen in den Holzkeller!"

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Aus den Tropfen ist ein Trupp geworden. Gegen fünf Uhr nach­mittags rücken sie ein in dieHerberge zur Heima t". Der schmuck­lose Raum, über dessen TüreVerpflegung" steht, füllt sich rasch mit dreißig, vierzig Menschen. Alle Stühle und Holzbänke sind belegt. Junge Leute in farbigen Hemden und dicken Sportstrümpfen, alte, von harter Arbeit gezeichnete Gestalten, blasse, bebrillte Jünglinge, denen man den stellungslosen Kaufmann" ansieht, verwegeneHarry-Piel-Tollen" und kurzgeschorene Köpf«, deren graue Borstenstümpfe wie abgefressen an» sehen.

DerDice", das Faktotum der Herberge, fordert die Wanderscheine ein und nimmt die Rucksäcke und Aktentaschen auch solche gehören zu den Requisiten moderner Tippelkunden in Verwahr. AnGemüt­lichkeit" ist nicht zu denken in der drangvollen Enge der Derpflegungs- stube. Wirres Durcheinander von Stimmen: rheinisch« Mundarten, Wedding-Berlinisch, spitzes Norddeutsch, langgezogenes Ostpreußisch, Friesenplatt von der Waterkant. Dazwischen sächselt ein Leipziger und

rAnd^de'r^e berechtigt, auf der Arbeitssuche durch Deur,<yianos «Saue zu ziehen. Allerdings hat diese Wandersreiheit Hecken und Zaune. Die gottgesegneten Schönheitswinkel des deutschen Landes, die gewunde- iten, stillen Waldwege, die Höhenpsade mit ihren Fernsichten, das existiert -nicht für den Besitzer des Wanderscheines. Ihm gehört nur das laufende Band der geisttötenden Landstraße. Er ist verpflichtet, jeden Tag die Kilometerzahl bis zur nächsten Wanderer-Herberge zuruckzulegen. Diese Herbergen sind vorsorglich so angelegt, daß man schon auf derRenn­strecke", der graben Landstraße bleiben muß, um fein Zrel rechtzeitig du erreichen.

Im Zeitalter des Autos gibt es keine Tippelkunden mehr, meinen Sie? Meistens finden die Wanderer unterwegs eine menschenfreundliche Seele, die sie «in Stück mitnimmt. Das Heer der Wanderer ist zu groß. Der Lastwagenlenker stoppt nicht seinen schweren Wagen ab, um einen »Kunden" mitzunehmen. Und der Herrenfahrer? Bleibt nur das Auf- üpringen und Anhängen hinten am Lastkraftwagen. Aber auch das hat kein« Mucken, wenn man die Fünfzig hinter sich hat ober einen schweren Rucksack auf bem Buckel schleppt...

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unb die Tische decken sich;

Sprecher, Grammophon schnarr'n und spielen schon, und im Zwielicht glühn die schwarzen Stempel durch den blassen Mohn.

Oie Rennstrecke.

Von Axel Rudolph.

Endlos dehnt sich das graue Band der Landstraße. Sturm peitscht di« kohlen Aeste der Chausseebaume. Fern trauert gedrückt unter bleigrauem Himmel ein niedriger Kirchturm. Zwei schwarze Punkte kommen näher, in gleichmäßigen, langen Trippelschritten. Abgerissene Anzüge, von Regengüssen faltig geworden, schlottern um eckige Gestalten. Ein Paar klobiger, steinharter Schuhe klopft wie ein Karrengaul die Straße. Daneben schlurfen mühselig zwei lappenumwickelte Füße in schmutzig- grauen «vegeltuchtrittchen, von denen der linke durch einen starken Bind­faden zusammengehalten wird.

Ritter der Landstraße, das klingt nett unb vergnüglich, nach Eichen- dorffschen Taugenichtsen unb Wanderburschen-Romantik. Hat sich was damit! Fragt mal die beiden Wanderer da. Sie haben keine Ahnung von Wander-Romantik unb kein Fünkchen Vagabunbenhumor. Sie fingen auch keine Wanderlieder, bie beiben. Haben höchstens eine Tonleiter unflätiger Flüche, wenn ein Auto vorbeirast und sie gezwungen sind, bem Herrn ber Landstraße auszuweichen. Sie haben keine Verbrecher- physiognomien unb stinken nicht nach Fusel. Unb doch blicken ihre Augen >-> fumtcnieria. verwildert und verwahrlos daß einsame Spazier-

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ist hinter den beiden Tippelbrüdern. Mit den ähe, kurze Regengüsse, fegen schräg herab auf igere wirft einen schwermütigen Blick auf feine «.Ob bie Wohlfahrt in Hattingen wohl ein

ten", murrte ber Alte. JDie werden dir wat [:rft, roennfte über zwei Monate auf der Stenn»

Gabelung. Schwarze Schrift auf gelbem Blech,

groß und deutlich, für die Autofahrer berechnet:Hattingen. 9 km/ Halt dich nicht auf", brummt der Stoppelbärtige dem stehestbleibenden Kollegen zu.Mach voran, bat wir noch einijerrnaßen trocken unter Dach kommen." Der Jung« schneidet ein Gesicht und schleppt feine gequollenen Füße rascher vorwärts.Haste nochne Kippe, Willem?"

Im Weiterschreiten zieht der Aeltere einen Zigarettenstummel aus der Tasche.Da! Kannste haben. Aber'n Streichholz hab ich nich." Schweigend verstaut der Junge das Endchen in seiner Westentasche.

Die Landstraße, die den Autofahrern «ntgegenstürzt, fcheint vor den mühsam Schreitenden zu fliehen.

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rberge um Arbeit. Die Wandererarbeitsstätte nur noch ein Asyl für bie Nacht, ein warmes enden Tag, nach vierstündiger Arbeitszeit, eine es wieder weiter tippeln, die Rennstrecke ent- Herberge, ruhelos, rastlos wie ein geschlagene»

Die Wanderer-Arbeitsstätten haben den Zweck, mittellosen, arbeits­fähigen deutschen Männern, die außerhalb ihres Wohnsitzes Arbeit suchen, solche zu vermitteln unb ihnen vorübergehenb gegen Arbeits­leistung Unterkunft unb Verpflegung zu gewähren." Also steht es in ben Statuten ber beutschen Wander-Herbergen. Aber ber erste unb wichtigste

*1 *1" ' J" = h fd> a f f u n g , ist illusorisch geworben. Die Zeit, °p'!öfäw' *1 Gunst" bei seinenKrautern" um Arbeit ein-

an. Heute fragt ber Wanderer gar nicht mehr

Tag die erste Kühle weht

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