Ausgabe 
31.8.1931
 
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gemalt worden waren Die Katze aber saß mit wohlig gekrümmtem Rücken auf dem Nacken des Hundes.

Brausend, mit einem Geschrei, das die Erde erzittern machte, brach die Tertia in ihre Feinde ein!

Die Ueberrumplung glückte vollkommen! Die Knötzingianer da drüben glaubten, nicht fünfundzwanzig, sondern zweihundertundfünfzig blutig bemalte Indianer vor sich zu sehen. Sie liefen, was sie nur konnten. Niemals hat man Jungens so laufen gesehen!

Die Tertia war rechtzeitig gekommen. Schon hatten die Knötzingianer die Knüppel erhoben, die auf die Säcke losschlagen sollten. Aber noch war keine der Katzen getötet worden.

Sogleich stürzten sich die Tertianer über die Säcke her. Sie luden sich die Beute auf. Sie liefen in Falks Haus zurück.

Am Rande der Kiesgrube waren einzelne Knötzingianer zurückgeblie­ben. Die lachten und riefen der TertiaBravo!" zu. Dann aber wandten sie sich höhnend gegen ihre Kameraden. Sie meinten es nicht schlecht. Aber ihre Zurufe, die den Fliehenden ihre Verachtung bezeugen sollten, gereichten der Tertia zum Verderben. Denn die da drüben wurden nun gewahr, welch einer Sinnestäuschung sie erlegen waren. Die Beherzten unter ihnen kehrten ebenso schnell zurück, wie sie davongelaufen waren. Dieselben Knüppel, die zum Tiermord bestimmt waren, wurden jetzt drohend gegen die Häupter jener Tertianer erhoben, die ihre Säcke rück­wärts im Hause bergen wollten.

In diesem Augenblick traf auch der Generalissimus der Stadtfront, der Fellhändler Biersack, auf dem Schlachtfeld ein. Es war, als fei Poly- phem unter die Schar des Odysseus geraten. Er schimpfte und jammerte und lockte und griff in seinem blinden Gram nach den Tertianern, die ihm die Euter seiner Ziegen melken und ihm die Herden aus dem Stall forttreiben wollten.

Aus der Drohung der erhobenen Stöcke wurde der erste Schlag. Ein jüngerer von der Bande bekam einen Hieb quer über die Mütze. Er taumelte, stürzte und stand sogleich wieder auf.

Ich bin auf!" schrie er mit zitterndem Lachen.

Seinem Angreifer sprangen drei andere, ebenfalls jüngere und schwä­chere, an die Kehle. Der Bursche bekam einen Faustschlag auf die Nase. Schon lag er knock out auf dem Boden, und er hatte herrliche Träume von Bierkrügen, erschlagenen Katzen und Kautabak.

Allgegenwärtig war Lüders. Er rih dem Fellhändler die Fuhrmanns­peitsche aus der Hand, mit der erbeuteten Waffe beschrieb er wie ein Schnitter konzentrische Halbkreise, die seinen Kameraden Luft schaffen sollten. Wo immer sich einer mit einer Katze auf dem Rücken zu Falks Haus hinwandte, da schaffte ihm Lüders mit feiner sausenden, pfeifenden und klingenden Sense Raum genug vor den Feinden.

Her zu mir! Her zu mir!" rief er, wie die deutschen Krieger der Reformation.

Hornbostel war von einem gewaltig starken Knötzingianer nieder­geboxt worden, der nun auf der Brust des Fliegers kniete. Aber Otto Kirchholtes gab ihm, wie beim Fußball, mit dem Spann seines Fußes einen Schlag gegen den Rücken, so daß der Goliath sich dreimal in der Luft überkugelte. Es sah aus, als habe er einen Ulk-Akrobaten im Film darzustellen, und die Tertianer in seiner Nähe lachten. Wie der Akrobat endlich seine rechtschaffene horizontale Lage auf der Erde eingenommen hatte, kniete ihm nun Hornbostel auf der'Brust. Jedoch der ließ sogleich von ihm ab, denn Ottos Schlag mit dem Spann hatte den Goliath kampfesunlustig gemacht.

Ein erwachendes Schamgefühl hielt die Erwachsenen und die Behör­den zurück. Holzapfel war sogar über Land geschickt worden. Man berichtete dem Oberamtmann von der Schülerschlacht in der Kiesgrube. Er tat, als habe er nichts gehört ober als sei es unter seiner Wurde, hierzu irgendeine Bemerkung zu machen. Insgeheim vertraute er auf die Zahl und Stärke der Stadtschüler.

In der Tat füllte sich das Schlachtfeld mit neuen und immer neuen Feinden! Aus der Stadt strömte Zuzug herbei. Einige verhielten sich abwartend. Andere ermutigten zu ihrer Belustigung bald die Knötzingia­ner, bald die Bande. Die Mehrzahl jedoch nahm tatkräftig für ihre kämpfenden Stadt-Kameraden Partei.

Oben auf den Feldern zogen Pferde mit gleichmäßigen Schritten eine Mähmaschine, und der Bauer, der sie leitete, fuhr unbekümmert hügelauf, hügelab, am Rande der Kiesgrube vorbei, ohne der Schlacht auch nur einen Blick zu schenken. Während die dort unten sich für einen Gewinn oder für eine Idee zerfleischten, baute der oben im Weideland gemächlich am Tempel seiner früchtereichen Ernte.

Der Kurfürst und die Seinen waren von Feinden umringt.

Sie mußten im nächsten Augenblick erdrückt und gefangengenommen werden. Der rechte und der linke Flügel hatten keine andere Deckung mehr, als die von ihren Hunden. Auch war es nicht mehr möglich, einen einzigen Katzensack noch bis ans Haus zu bringen. Denn fast schlimmer als die Feinde im Lichte, waren in ihren Finsternissen die rasenden Tiere, um deren Wohl und Wehe es ging. Wer immer von den Ter­tianern sich einen Sack aufladen wollte, brach unter den wütenden Krallen der Tiere bald zusammen. Das Blut der Bande floß in Strömen.

Bald stand einer von den Säcken offen. In ihrer nameckkosen Panik griffen die Tiere ihre eigenen Erretter an, mit Augen, die weiß und glühend vor Entsetzen, Angst und Haß waren. Die Knötzingianer, mit Biersack an der Spitze, begannen eine Jagd auf die entlaufenen Katzen zu veranstalten. Sie versuchten sie mit ihren Knüppeln zu tresfen.

Die Katzen! Seht die Katzen!" schrien sie einander zu.Haut sie! Hauk sie!"

Aber die Katzen entwichen mit riesigen Galoppsprüngen in diejenigen Bezirke der Wiesen, die noch ungeschnitten waren. Der blindwütige Polyphem folgte ihnen in seinem Jammer.

Diese Diversion gab der Tertia Luft, jedoch nur für einen Augenblick.

Einer nach dem andern sank dahin. Nicht einer unter ihnen, der nicht von zwei oder drei Feinden umringt wäre, während die Säcke

Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl

auf dem Boden wilde Sprünge veranstalteten oder aufs neue von den Feinden geraubt wurden.

Die Hunde der Bande standen im Kampfe mit den Stadthunden. Lama und ihre Jungen waren von drei Fleischerhunden überwältigt worden. Die Wolfshunde tagen halbtot auf ihren Flanken, sie winselten zuweilen, mit hilfeflehenden Blicken zu ihren Herren. Die schwarze Dogge kämpfte noch aufrecht, ein unerschütterlicher Mann und Held. Und feinem Freund, dem Miniaturfoxterrier, war ebenfalls nicht beizukommen. Er war so klein, daß ihn der Feind einfach übersah. So gelang es ihm hier und ba,- einen Biß in menschliches ober tierisches Gebein anzubringen, wobei es ihm ganz gleichgültig war, ob es sich um Freunb oder Feind handelte, um die knötzingianischen Fleischerhunde oder um seinen Kame­raden Peggy, welch letzterer sich an diesem Tage als Tor und unreifer Babyhund, der er nun einmal war, mit fortgeworfenen Holzfchwertern oder mit Steinchen trefflich amüsierte.

Unsere Hunde gehen kaputt!" rief ein Tertianer weinend vor Wut.

Einige von der Bande slüchteten sich ins Haus, aber, wie sie sich vor der Haustüre trafen und von dort aus den Jammer der Kameraden und der Hunde sahen, ermahnten sie sich gegenseitig keuchend zu neuen Kämpfen, und mit zusammengebifsenen Zähnen stürzten sie sich wieder zurück in die Schlacht.

Der Große Kurfürst, in der Linken die flatternde Standarte mit dem Tieremblem, konnte noch gerade die Signalpfeife ergreifen, bevor zwei Burschen seine Handgelenke umfaßten. Während er das verabredete drei­malige Zeichen zum Rückzug gab, wurde ihm die Standarte entrissen, und es wurden ihm die Arme auf den Rücken gedreht. Wie die aus dem Hause Vorwärtsstürmenden dies sahen, befolgten sie den Befehl zum Rückzug« nicht, sondern sie stürzten sich mutig gegen die Feinde ihres Häuptlings. Er wurde befreit, und die Standarte zurückgewonnen. Ader nun wurde die ganze Bande gegen die rückwärts gelegene Wand des Hauses gedrängt, dorthin, wo weder Tür noch Fenster waren.

Zweiundzwanzig Tertianer mit blutenden Gesichtern, mit kriegeri­schen Farben jeder Art bemalt, wortlos und stolz, so standen sie wie die Nibelungen gegen die Wand des Hauses gelehnt, und sie verteidigten sich mit ,Holzschwertern, mit Fäusten, ja sogar, wie die Helden der Mas, mit Steinen, die sie freilich nicht schleuderten, sondern nur zur Drohung erhoben hatten, während sie ihrerseits von mancher scharfen Steinkante getroffen wurden.

Es war nicht mehr möglich, sich gegenseitig beizustehen. Einer nach dem andern wurde umringt, wurde gefesselt und hinweggeführt.

Bald waren nur noch sieben Tertianer aufrechtstehend übriggeblieben, neben ihnen die schwarze Dogge, die japsend auf ihrem Hinterteil saß und zuweilen, wenn der Feind sich näherte, den schwachmütig gewordenen Rachen mattschnappend aufsperrte. Niemand von den Tertianern konnte den Katzensäcken auch nur einen Blick zuwerfen. Man wußte nicht mehr, wo sie geblieben waren. Man wußte nicht, ob dort drüben am Rand der Kiesgrube nicht bereits das Golgatha der Tiere begonnen hatte.

Die Schlacht war verloren. Reppert lachte.

Wir find eine Klaffe! Und da drüben find sieben! Uns hilft niemand von zu Haufe!"

Der Kurfürst an feiner Seite sah mit einem fast geistvollen Sinnen in die Menge furchtbarer Gesichter dicht vor ihm.

Lüders aber schrie, als sei er wahnsinnig geworden:

Ich will nicht von solchen Kerlen gefangen fein! Ich will tot fein, tot fein, tot fein!"

Jetzt aber, siehe da! wie Fanfarenruf drang das Bosch-Horn eines Automobils an ihr Ohr! Ehe sie den Klang noch richtig aufgenommen hatten, sahen sie ein Kleinauto heranbrausen, heldenhaft das Schlachtfeld zerteilend, als fei es ein Streitwagen auf den Gefilden des Skamandros. Er kam in schnellster Fahrt, unaufhörlich gab er warnende Zeichen. Vom Feldweg her quer über den holprigen Kriegsschauplatz jagend, bog er nun um die Ecke des Hauses.

Der Tertianer, sowohl die gefangenen, die geschleift wurden, wie auch die an der Mauer, glaubten ein Bildnis zu sehen, wie es die Götter dem Menschen gern vor die gaukelnden Augen stellen, ehe sie ihn in den Hades entgleiten lassen.

Nur der Häuptling verzog das geschundene Jmperatorengesicht za einem Lächeln, insofern ein solches Gesicht ein Lächeln noch hergibt.

Aus dem Wagen, den Alexander Kirchholtes gelenkt hatte, sprang bogenbewehrt Daniela mit ihren Doggen, Meleager und Atalante. Wie ein kleiner routentflammter Affe kroch hinter ihr Borst mit Josua an der Seine aus dem Wagen hervor.

Daniela verweilte sich nicht! Sie hatte die Hand an den Riemen ihrer Doggen, sie stemmte den Oberkörper zurück, sie bog die kühnen harten Knie mit leichter Biegung, sie stieß rauhe Hetzschreie aus.

Zuerst einmal stürmte sie an, sie stürmte gegen Otto Kirchholtes' lieber» roältiger, die ihn an den Haaren gepackt hatten und seinen schönen Leib am Boden schleiften.

Daniela gab die Doggen frei, die mit einem Röchelton der Entzückung auf Ottos Gegner eindrangen. Noch waren nicht zwei Sekunden ver­gangen, und der Knabe stand mit lachendem Gesichte frei und aufrecht vor Daniela.

Ein Schrei aus allen Kehlen:

Daniela! Daniela!"

Und abermals Schreie:

Atalante! Meleager!

Und abermals Schreie:

Alexander Kirchholtes!"

Und abermals Schreie, Jubel, Gelächter und Entzücken:

Borst! Der Kleine! Borst!"

(Schluß folgt.) __

sch« Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, ®ießen.