Zu verlassen. Dem Leutnant Schükri war das Benehmen des Chefs sonderbar. Der Ches stand an Deck, nun unbeweglich, den Kops nach vorne geduckt aber um sich blickend. Er hatte nur drei BI.de; der eine Blick qina aus den Landungsplatz am Kai, der andere galt den Booten und Barkassen, die die Kadetten ans Land brachten. Der dritte war oft von einem wütenden Stampfen begleitet, wenn er die Leute sich zu langsam auf dem Verdeck Herumdrücken sah.
„Gehen Sie, Leutnant Schükri, gehen Sie, tote bewahren sich Ihr Leben!"
Schükri erschrak sehr vor diesem seltsamen Befehl, er stammelte „Jawohl", entfernte sich und teilte dem Leutnant Achmed mit, daß er bleiben werde, um den Chef Hassan Knperosoli zu beobachten. Achmed blieb ebenfalls. Sie hatten sich hinter Geschützständen verborgen und spähten nach Hassan. Dieser ging aus der Steuerbordseite auf und ab wie gepeinigt und unsagbar gequält. Plötzlich holte er sich ein Fernglas aus der Steuermannskajüte und schaute lange das Ufer ab. Auch die Versteckten taten dies und sahen den Kai, Matrosen, Hafenlungerer, Neugierige, die abziehenden Kameraden und plötzlich eine Gendarmeriepatrouille, die von einem hohen Offizier begleitet war Die Patrouille schien die Kadetten anzuhalten. Es wurde gedeutet, und hundert Köpfe — das sah Hassan und das sah Schükri — drehten sich nach der verlassenen Korvette um. Die Patrouille eilte zum Landungssteg. Hassan, kalt wie Eis, lächelte bitter; denn das sah nach Verhaftung aus. Er blieb stehen und wartete nur auf den Augenblick, wo das Boot abstieß. Im runden Glas erkannte er die Köpfe: den bleichen Schädel des Polizeipräfekten Dfchemal Bei) und Hussein Risa Pascha vom Marineministerium.
Die Schatten im Hafen wurden immer länger, denn die Sonne hatte schon eine schräge Strahlenneigung angenommen. Der Wind, der den ganzen Nachmittag das Meer geschaukelt hatte, war eingeschlafen. An der Mole standen Männer mit rotem Fez und angelten. Heber die Schiffe brach violetter Dunst. Hassan tief um diese Zeit noch auf der Treppe, die ins Schiffsinnere führte. An einer Treppensprosse war er mit dem linken Fuße hängen geblieben und war, abrutschend, fast nach vorne übergestürzt. Aus dem stinkigen Rauchgang prallte ihm ein Mann entgegen, der Heizer Fuad aus Haifa. „Hund, was tust du hier? Mach, daß du nach oben kommst oder du verreckst!" ... Aber von oben kam bereits Gepolter, und ein Brett schien knallend über die Schisfstreppe zu rutschen. Schükri, Achmed und die Handvoll Kadetten waren ihrem Chef nachgeschlichen, blieben aber wie angenagelt durch das Brettgepolter. Sie bissen sich aus Wut und Angst auf die Lippen. Der schwarze Heizer kam gespenstisch und erschrocken herauf.
Der Posten, der die Wache vor der Pulver- und Munitionskammer hatte, war auch gegangen. Sein Gewehr hatte er achtlos, disziplinwidrig und eilfertig in das Halbdunkel einer Ecke geschmissen. — „Verkommener Kerl", dachte Hassan. *
Vor der Barkasse, vor Dschemal Bey und Hussein Risa Pascha, erhob sich eine ungeheuere springende Feuer- und Rauchsäule, die blendend aufschoß und sich dann wie ein Fächer mit blauen, grauen und weißen Faserungen ausbreitete. Zusammen mit ihr, einen Sekundenbruchteil später, platzte ein unbeschreibliches und grausames Getöse in ihre Ohren. Es wurde Nacht im Hafen und Tausende von glühenden Eisenteilen, zischenden Holztrümmern und Funken gingen gleich einem Höllenregen über sie nieder.
Die Patrouille im Boot fiel vom Luftdruck, der wie ein Gewitter kam, um. Einer der Gendarmen war ins Wasser gestürzt; ein glühender Span war ihm zwischen die Zähne hineingesprungen. Ein Glück, daß sie noch dreihundert Meter von der Korvette entfernt waren. Eine hohe Welle drang geballt heran und schlug das Boot empor. Sie kenterten nicht. Hussein Risa schrie: „Zurück!" Aber die Matrosen und der Steuermann im Boot waren wie gelähmt.
Nach dem sürchterlichen Getöse kam wie ein ängstlicher Vogel, schweigsam, lautlos, unergründlich eine lähmende Stille. Es geschah nichts mehr. Im Rauch, der wie eine riesenhafte Wolke im violetten Abendhimmel hing, ging die Korvette unter. Als die Wolke sich verzogen hatte, war nichts mehr zu sehen.
Hassan hatte sich in die Lust gesprengt.
Aiherwellen-Musik.
Von Dr. Herbert E. Trieb.
Seit den vor ein paar Jahren erfolgten Vorführungen des russischen Professors Theremin hat sich die Oessentlichkeit nicht mehr um die „Aetherwellen-Musik gekümmert, obwohl auf diesem Gebiet wichtige neue Erfindungen gemacht wurden.
Als im Sommer 1927 Theremin und Jörg Mager mit bem Aetherwelleninstrument und dem Sphärophon vor die Oessentlichkeit traten, erregten sie größtes Aufsehen. Es war in der Tat etwas ganz Außerordentliches, was sich da ereignete. Was die Menschheit in vergangenen Zeitaltern von magischen Musikinstrumenten und von der Harmonie der Sphären geträumt hotte, wurde nun Wirklichkeit. Töne erklangen, aus elektrischen Schwingungen gezaubert, frei vom Ballast der Materie! Damit war ein geschmeidiger ungeahnte Möglichkeiten bergender Rohstoss für kommende Musikgeneratiönen geschossen. Wissenschaft und Technik hatten zusammen den Erfolg errungen. Die Wissenschaft, die den grundlegenden Arbeiten von Helmholtz folgte, hatte erkannt: Hanggefärbte Töne setzen sich zusammen aus Schallwellen, deren tiefste Harmonie als Grundton gehört wird, und deren Oberfchwingungen die Klangfarbe bilden. Die Elektrotechnik lieferte dann die Mittel, diese Erkenntnisse zu benutzen und klanggefärbte Töne mit Hilfe elektrischer Wechselströme hervorzurufen, wobei der elektrische Musiker durch geeignete Mischung der Obertöne und der Grundtöne den Klangcharakter zu beherrschen vermag.
Das Problem wurde in jahrelangen Versuchen gelöst. Viel Kleinarbeit mußte geleistet werden. Ms erster wagte es 1906 der Amerikaner Thad
dens Cahill, das musikalisch-elektrische Problem mit feinem Apparat „Dynamophon" anzupacken. Er leitete Wechselströme auf Magnete welche auf hölzerne Resonanzböden montiert waren und eine Art Lautsprecher bildeten. Auf einem ähnlichen Prinzip beruht übrigens eine viel spätere Erfindung, das „Pianor" des Franzosen Henri M « r t i n, das vor einigen Jahren Aufsehen erregt hat, heute aber fast vergessen ist. Cahill konnte damals die Schwierlgleiten, die sich vor ihm auftürmten, nicht überwinden; erst die Erfindung der Elektronenröhre ermöglichte es, mit der dadurch vereinfachten Frequenzbestimmung elektrischer Schwingungen — dies ist für die Tonhöhenbildung wichtig — recht brauchbare Ergebnisse zu erzielen. , _ _ ,
In Deutschland sah man im Jahre 1927 auf der großen Frankfurter Veronstaltunq „Sommer der Musik" den Aetherwellenapparat des russischen Proseßors Theremin und des hessischen Volksschullehrers Jörg Mager, das „Sphärophon". Theremins Methode ist bekannt, sie besteht darin, durch einfache Handbewegungen die Schwingungen elektrischer Kiastfelder zu beeinflussen und damit Höhe und Stärke der dem Jnstru- menr entlockten Töne zu meistern. Auf den uneingeweihten Zuschauer wirlte dieser Vorgang damals außerordentlich geheimnisvoll. Theremins Apparat, der heute von einer amerikanischen Firma im großen hergestellt und vertrieben wird, hatte noch ziemlich viele Mängel: man konnte auf ihm nur langsame Melodien spielen, und eine genaue Regelung der Tonleiter war fast unmöglich; es war ein Instrument für den künstlerischen Improvisator, nicht für den strengen Künstler. Jörg Mager kam vom Vierteltonproblem — er hatte zuerst ein Vierteitonharmonium konstruiert — zur elektrischen Musik mit ihren unendlichen Jntervall- möglichkeiten. Man sagt, die Lektüre der Beschreibung von Cahills „Dynamophon" in Busonis „Entwurf einer neuen Aesthetik der Tonkost habe den Anstoß zu Magers folgenden Experimenten gegeben. Seit 1921 hatte er an (einem „Ele'.trophon" gearbeitet, das er später in „Sphärophon umtaufte und in drei Typen ausbildete: er schuf einen Melodietyp für einstimmiges Spiel, Soli und Kammermusik, einen Akkordtyp für mehrstimmiges Spiel und ein „Kaleidophon". Auf dem Kammermusikfest in Donaueschingen im Jahre 1928 wurden bereits Originalkompositionen moderner Musiker auf dem Magerschen Instrument vorgeführt. Inzwischen hat der Erfinder unablässig weitergearbeitet und ist seinem Ziel, einen vollwertigen Ersatz für die Orgel mit ihren Registern zu schaffen, bedeutend näher gekommen. Das letzte Ergebnis (einer Ver(uche ist die Radio-Orgel", die eine Weiterbildung des ehemaligen „Kaleido- p'hons" darstellt. Sie ist eine kleine dreistimmige Orgel, die polyphomsches und akkordliches Spiel gestattet. Ihre dreiteilige Tastatur — zwei uber- einanbergeorbnete Manuale und ein Pebalwerk — ist von der Orgel übernommen worden. Man kann sie gegeneinander verschieben und so vom Halbton zum Drittelton, Viertelton und allen anderen Systemen übergehen. Mit Hilfe zweier Hebel sind alle Register nach Höhe und Tiefe akkordlich zu verschieben. Durch das Pedal kann man Tone verstärken ober dämpfen und gleitende Uebergänge vom hauchzarten Pia- nijfimo bis zum strahlenden Fortissimo schaffen. Eine eigene Tafte laßt bie Töne vibrieren. Eine besondere Schaltung für die Ob ertöne ermöglicht Klangfarbenänderungen in etwa taufend Variationen. Der Ton wird durch einen in das Gestell der Orgel eingebauten niederfrequenten Röhrenfchwingungskreis erzeugt.
Reben Theremin und Jorg Mager haben noch viele andere Erfinder elektrische Musikinstrumente gebaut, die grundsätzlich wenig voneinander abweichen. Unter allen Konstrukteuren ragt der in Baben geborene und in Berlin lebenbe Postrat Dr.-Jng. Fr. Trautwein mit feinem technisch und musikalisch vorzüglich burchdachten „Trautonium" hervor. Der Apparat wurde in der letzten Zeit mehrmals öffentlich vorgesührt; bas Patent, auf dem er beruht, stammt vom April 1924. Wissenschaftlich stützt sich Trautwein auf seine „j)aUformnntentl)eorie", eine Erweiterung der klassischen Helmholtzschen Lehre von der Entstehung der Töne. Die Hallformanten, bie mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei der Sprachbildung eine Rolle spielen, bestimmen den musikalischen Klangcharakter. Die wtsien- schaftlichen und technischen Einzelheiten der Methoden Trautweins sollen hier nicht beschrieben werden. Was kann es dem gewöhnlichen Sterb- licben, der keine Technische Hochschule besucht hat, schon nützen, wenn er erfährt, daß „mit Hilfe stoßartiger Einwirkungen des interrupten Wechselstroms eines Glimmlampenunterbrechers auf einen elektrischen Schwingung-kreis von variabler Eigenfrequenz Hallformanten erzeugt" werden. Für den Musikfreund ist nur wichtig, daß das Trautonium mit der Hand gespielt wird, sich durch Reinheit der Töne auszeichnet und unbeschränkte Jntervallmöglichkeiten sowie eine ganz erstaunliche Fähigkeit der Klangfarbenvariation bietet. Neben wundervoll beseelten Tönen bisher üblicher Musik bringt es auch ganz neuartige, seltsame Töne und Tonsormen hervor, die zweifellos eine Bereicherung der Musik bedeuten werden.
Trautweins Ziel ist die Schaffung einer Spielweife, die alle Meg'ichkeiten des künstlerischen Spieles bietet, aber dem reproduzierenden Künstler alle nicht unbedingt nötigen mechanischen Funktionen abnimmt. Mit diesem Programm rührt der Erfinder an den (ynn der technischen Entwicklung überhaupt: alle mechanische Tätigkeit durch die Maschine abtti- löseit und die produktiven Kräfte des Menschen freizumachen. Von diesem Standpunkt aus ist es ganz falsch, von der elektrischen Musik als einer „mechanischen Musik" zu sprechen, wie das oft geschieht. Unter mechanischer Musik versteht man Spielbllsen, Orchestrions, elektrisch« Klaviere und ähnliche Apparate. Bei den elektrischen Musikinstrumenten wird aber nicht bie Musik mechanisch erzeugt, sondern nur der Rohstoff, der Ton, genau wie beim Klavier, bei der (Beige und bei allen bisher üblichen Musikwerkzeugen. Und weil eben durch bie neuen Instrumente diejenigen Energien, bie der Künstler bisher zur mechnnischen (Erzeugung bes Tons aufwenden mußte, freiwerden, kann er dem Rohstoff der Töne (einen künstlerischen Formwlllen um so bester aufprägen. Daher kann man von der elektrischen Musik ohne Uebertreibung sagen: die Steigerung des Mechanischen wirkt nicht entfeelenb. sondern schasst im Gegenteil die Möoli-bkeit, sich mehr als früher auf das Seelische zu konzentrieren An den Musikern liegt es jetzt, das neue Material, das ihnen b:e Technik zur Verfügung stellt, mit neuem musikalischen Geist zu durchdringen.


