Ausgabe 
16.1.1931
 
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GieheimZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

J ihrgang Freitag, -en Januar Nummer 5

Durchs Dunkel...

Bon Leo Sternberg.

Von lampenhellen Blättern schaue ich sinnend auf.

Da taucht an schwarzem First« der Vollmond groß heraus.

Das Dunkel meines Herzens hat mir kein Buch erhellt.

Ich schaue in des Mondes mir stumme blinde Welt.

Die Lampe lischt. In Wolken der Mond. Mein Herz vergißt. Durchs Dunkel schwebt, was allem Blute gemeinsam ist.

Hassan hält über sich Gericht.

Erzählung von Anton Schnack.

Hassan Kuperosoli, der unter dem Khediven Ismael Pascha Leiter der ägyptischen Marineschule in Kairo war, saß an seinem Schreibtisch, nichtstuend, böse, schwermütig und im Gesicht verzerrt. Es war schwül. Die Luft war sa stgelb. Er erinnerte sich an einen donnerartigen nieder­gehenden Regen in der Nacht. An sonst erinnerte er sich nicht. Er bewegte seine rechte Hand knetend, immer wieder, als müßte er etwas Gemeines, Widerwärtiges oder Dreckiges zerreiben.

Sein Gesicht war schön durch die Steinschwärze seiner Augen. Es waren uralte Negeraugen, die vor tausend Jahren vielleicht ein speer- werfender Sudanese im Nil-Dschungel getragen hatte. Die Schwüle im Zimmer machte ihn noch bleierner als er war. Er kam nicht aus dem Schlaf. Er kam mitten aus dem Rauch und Rausch eines Klubs: 70 000 Goldpiaster hatte er im Spiel dort gelassen. Sie hatten ihm Wein über den Kopf geschüttet...

Er sprang aus: ein paar Klingeln hatten durch das Haus geklirrt. Er war von Unruhe gepeinigt. Es kam ihm vor, als sei er von Spionen und Beobachtern umgeben. Mit der Begründung, daß es überall Schwei­nereien gäbe, hatte er unterschlagen. Es gab überall ein paar Knöpfe, die den Staat für sich auszunützen wußten das sagte er sich oft. Er war in seinem Ressort allmäcktig und ein Goldstrom lief durch seine begehrlichen und zugreifenden Hände: Gold, um Kadetten und Soldaten auszurllsten, Gold für neue Kanonenboote, Kessel und Pulver, Gold für Docks, Geschütze, und Hafenmauern. Er ließ diesen Geldstrom zumeist in seine Taschen fließen. Seine Disziplin, sonst sehr scharf und bestimmt, war gegen sich ungenau. Er war ein Lastermensch. Es trieb ihn zum Genuß Es peitschte ihn eine dunkle, unwiderstehliche Stimme, der er bis zur Sklaverei untertan war. Er war ein Phantast. Und irgendwo, ohne Protektion, Erziehung imb Herkunft, wäre er ein Nihilist gewesen und mit eiserner Stirne und Revolvern in der Tasche gegen den Besitz angerannt. So verstreute er ihn. Er verstreute seinen eigenen Besitz, er verstreute den Besitz von Wucherern und zuletzt verstreute er auch das Geld seines Staates.

Es war das Furchtbarste, was ein Beamter tun kann. Er hatte die feurigsten Pferde von Kairo. Manche überglänzten sogar den Marstall des Khediven. Er besaß eine Villa mit üppigen, pflaumenfarbenen und pfauenblauen Zimmern. Frauen aus allen Zonen gingen hindurch Er gab vielen Ketten aus alten Perlen. Er gab vielen Steine, die in Pans zugejchliffen waren und mit Eilschiffen kamen. Er hatte Garten am Nu, die wie Traum sich durchschreiten ließen. Er hatte die Ueppigkeit bis zu einem Punkte hinnufgetrieben, wo sie ihn mit ihrer teuslischen Last begraben mußte... ,,

Hassan horchte, den Kopf etwas vorgeneigt halrend, und er horchte nicht umsonst. Eine Ordonnanz kam und befahl ihn zu einer sosortchcN Audienz beim Vizekönig. Hassan zitierte nicht. Es war ihm pldchlich alles gleichgültig Das war der Widerschlag auf die grauenhafte Spannung seit Monaten. Ich weiß, was der Vizekönig von mir will, dachte er bei dor Hinfahrt. Ich weiß, daß die 70 000 Goldpiaster dieser Teufelsnacht ihm schon in den Ohren singen. .

Ja über ein Band von Spionen und Intriganten war die Meldung schon am frühesten Morgen auf den Schreibtisch des Vizekonigs gelangt. U-bera!lher kamen die Nachrichten: Achtung, Hasian Kuperosoli hat tm Klub 30 000 Goldpiaster verspielt, Obacht. Hassan Kuperosoli hat-sich eine Lurusjackt gekauftI Hallo, heute war Hassan beim Wucherer Mtl-koi. und hat sein Landhaus verpfändet, Hassan hat eine Dame mit einem Arm­band von 5000 Piaster empfangen! Hassan war schon lange abgeschatzt in seinen Einnahmen und seinen Ausgaben. Er war durch,paht worden bis in den letzten Winkel feiner Brieftasche. Alles bei ihm roch nach Ver­untreuung.

Ohne Umschweife erklärte ihm der Vizekönig:Ihr Lebenswandel, Hassan Kuperosoli, ist sehr ausschweifend geworden. Glauben Sie aber nicht, daß ich Ihnen nachspionieren lasse. Ihre Laufbahn war bis jetzt tadellos und großartig. Noch ist nichts Bestimmtes gegen Sie gesagt. Aber Gerüchte, Briefe und Gespräche wollen Ihnen Unterschlagungen öffent­licher Gelder nachweisen. Ich warne Sie und setze Sie von den Dingen in Kenntnis. Ich schätze Ihre Eigenschaften. Sie haben immer Mut und Ausdauer bewiesen. Sie haben eine militärische Begabung, für die hohe Ziele bereit sind. Ich frage Sie nicht, ob Sie öffentliche Gelder ent­liehen haben, das wird vielleicht das Kriegsgericht untersuchen, das die öffentliche Meinung für Sie verlangt und das Staatswohl von mir fordert."

Hassan war wie von Hämmern zerschlagen. Er trat hinaus und wußte, daß hinter ihm eine Spinne kroch. Unwiderstehlich würde sich ihm dieser Tag, diese bittere Viertelstunde in sein Gedächtnis einprägen, so lange er leben würde.Leben!" er erschrak vor diesem Wort. Hatte Leben noch Sinn für ihn, der bisher mitten in ihm war und den es mit allen Genüssen, Lastern, Eitelkeiten und Wohltaten überschwemmte?

Hassan Kuperosoli winkte dem Soldaten ab, der am Regierungs­gebäude mit dem Wagen wartete. Er hatte nach diesem harten Schlag Lust zu gehen. Im Gehen konnte er am besten überlegen und seine beklemmende Lage überschauen. Er konnte nichts verkaufen, weil alles schon verpfändet war. Er konnte nicht mehr leihen, weil die Wucherer ihm nichts mehr gaben. Er konnte nichts mehr nehmen, weil der Staat feine Goldquelle abgestoppt hatte.

Er war ganz erbittert Über seine Lage. Trostlos vor sich hinstierend, ließ er sich durch das Gewühl tragen. Er trat in ein Cafe, das in der Calif-Gohar-Straße war. Da saß er, Zigaretten rauchend, über eine Stunde nachdenklich, verbohrt und abwesend. Noch immer hielt ihn der Schlag beschattet, den ihm die peinliche Unterredung mit dem Vizekönig auf sein Dasein gegeben batte. Er schloß manchmal, um sich zu verdunkeln und auszulöschen, dle Äugen. Aber es war unmöglich, das ewig strö- , wende, ununterbrochen fließende Leben spülte seinen Atem bis in seine träne Bewußtlosigkeit hinein.

Der stille Nachmittagswind blieb, der, vom Meere heraufkommend, ! ihn anfächelte. Der Kaffeedust blieb, der würzig und schwer in sein Gefühl eindrang; immer wieder, morgen, in einem Jahr, und noch nach i hundert Jahren wird er Menschen in die Nase dringen; das Gelächter blieb, immer wieder von anderen Menschen gelacht, aber es blieb als - Ausdruck der Freude, der Heiterkeit und des Glückes.

} Der Schritt der Vorbeigehenden schlürfte durch sein Bewußtsein, Huf­schläge von Mauleseln, Bruchstücke von Sätzen, Zurufe und Geräusche > zeigten ihm das riesenhafte wilde Leben. Hassan dachte müde: morgen i bin ich vielleicht nicht mehr teilhaftig dieser Geräusche und Ersck-einunqen.

Er wurde traurig und sackte kraftlos mit den Schultern ein; seine Füße rutschten dabei nach vorne. Jede Festigkeit und jede Substanz schienen mm seinen Knochen und Muskeln geflossen zu sein.

Dabei stiegen in ihm Bilder auf, die in keinem Zusammenhang mit 1 seiner Katastrophe standen; Blumen kamen in sein oberstes Bewußtsein, die er acktlos in seinen Garten zertreten hatte; Vögel, Ibisse und Kraniche, ganze Geschwader, die, wenn seine Jacht in das Schilfufer des Nils ein­brach, gleich Wolkenfahnen in den blauen Metallschild des Himmels auf­flogen. Wie lächerlich: er dachte an einen grauen Hornfpiegel in feinem Baderaum, eine entzückende, von galanten Motiven geschmückte Vene- - zianerarbeit; und noch vieles andere kleine Zeug, Tand, unsagbar lächer- ; liche Gespräche, Nichtiakeiten bedrängten in dieser schwarzen und firmt- fernen Stunde sein Herz. Er wollte mit großer Macht und großer i Gebärde ins Leben, aber nun mußte er heraus. Ein anderes gab es I nicht:, er hatte 30 000 Piaster unterschlagen, 80 000, 120 000, die Summe stieg immer höber, weil sein Wille immer mehr Leben begehrte. Spiel- tilche, Weiber, Gelage, Pferde, Ansehen, Gärten und Schiffe vorbei. Man würde ihn Hinwegzerren, vielleicht ins Gefängnis, vielleicht zur Degradation, vielleicht zur Verabschiedung. Lächerlich: und dann immer Vergleiche ziehen zwischen einst und jetzt. Und vielleicht aus dem kleinen I Winkel in das blühende Panorama seiner ehemaligen Freuden spähen? ! N e > n.

I Mit diesem Rein im Willen stand Hassan Kuperosoli am Abend auf der KorvetteSultan", die als Schulschiff ausgerüstet war. Er hatte 1 Eile, seine Lippen waren bleich, sein Benehmen war aufgeregt und fein Blick mißtrauisch. Er hatte niemanden mehr aufgesucht. Er war nur kreuz und quer gegangen. Er war in seiner Wohnung gewesen, aber er hatte darin nichts 'getan als durch die Zimmer gesehen, Dust gerochen und sich eingeschlossen.

Auf dem Deck hin- und herschießend, befahl er alle Mann vor sich hin. Die Kadetten kamen. Er schrie sie an:Sofort das Schiff verlästern Urlaub bis morgen früh!" Es war ein ungewöhnlicher Vorgang, noch nie dagewefen. unerhört wie ein aufgeregter Vogelschwarm stoben sie i auseinander. Manche von den 187 Mann hatten keine Lust, das Scbifs