Ausgabe 
15.6.1931
 
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Und dein Arzt? Der mußte es wiffen, und ich zürne Ihm, daß er mich belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahr­heit zu sagen!"

Der arme Numa!" sagte der Feldherr.Er ist schon unglücklich genug, daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhs auf Ischia, ich aber sagte ihm: es ist umsonst. Loch wozu dies alles? ... Wohin gedenkst du zu gehen, Viktoria?"

Nein, Ferdinand, sprich! Verheimlich« mir nichts mehr!"

Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt, und das Herz leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den Herbst, bis zu den ersten Flocken! Soviel Zeit brauche ich, meinen Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund! Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal, schweige! Ich will es! gebot ich ihm ... Und ich habe das Leben geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte.Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Viktoria, gelobst mir doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe, nicht ungerufen mir nachzueilen durch die Staub­wolke meines Marsches und über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"

Viktoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie: Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr, Heiligen­wunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße tun und für deine Genesung beten."

Für meine Genesung?" lächelte er.Tue das. Auch wirst du dich in Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin, bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht auf­gewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen.

Viktoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa, den Arzt, erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam, ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah, streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Händen abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito vorüber, der das Knie vor ihr bog, und den sie nicht gewahr wurde, zum großen Herzeleid des Knaben.

Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein Reit­knecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter Kalabrese, und auf einem Maultier die römische 3ofe Viktorias.

Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfe­rufe des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen Wachtposten beobachtet. Di« Schwaben ergötzten sich weidlich an seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht, der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgesck/eppt würde, nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken, wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte. Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit vorgestreckten Hellebarden emp­fangen, sah er jammernd den Feldherrn und Viktoria in den Dunst der Ferne entschwinden.

Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg, kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Viktoria in tiefem Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und di« an seiner Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glück­lichen Tage zu erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Biierkeit sie jetzt auf einmal und in vollen Zügen kostete.

Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster ver­nahmen.Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig.Ich meine, ein Requiem", sagte sie.

Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der Pforte die Aebtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen. Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben, das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Aebtissin hatte die Ankunft Donna Viktorias in Novara schon gestern in Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch eine größere Auszeichnung: die

mystische und kagstch sterbende Schwester Beate, welche die blutigen A« an ihrem kranken und abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende,, beherzte Aebtissin hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der \ Macht über den Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegsst« zu erbitten, welche der gottlose und habgierige Feldherr dieses Rch genoß Pescara bei der italienischen Klerisei zuwider den kanonis^ Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt hckj Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche Stätte zu bettel« Madonna Viktoria begleiten würde, war der Aebtissin nicht im Tram eingefallen.

Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen u« blaffen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewähllen ü&ortu Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen Erscheinung ihr Eindruck machte.

Ehrwürdige", begann der Feldherr,Donna Viktoria wünscht währ«, des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich aus ein Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem Sm vente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach vollendet» Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"

Rasch erwiderte die Aebtissin, das ihrige stehe zu Gebote.

Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schweslc: mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Viktoria, deren Blässe die AeblW befremdete. Aber sie schrieb diese der begreiflichen Sorge um den zu FeIH ziehenden Gatten zu.

Wenn sich Donna Viktoria eingerichtet hat", schloß Pescara,wech es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte, filauju und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem Kloster wch will. Ihr sindet mich in der Kirche." Er verneigte sich und schritt an diese zu.

Viktoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt Antwort:Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unter greifen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der Aebiiss« während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle auszurichten gingen.

Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt zu entblößen ote irgendeine der Üblichen Devotionen zu verrichten, die Länge der Kirch mit festem Gange, die Arme über dem Panzer kreuzend. Er hatte sitz da er auf dem Heimritte seinen in Novara feldmähig einrückenden Trap pen begegnen muhte, leicht behelmt und beharnischt und schritt wie tu Held und Herrscher auf der Stätte des Gebetes und der Demut.

Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde,es sei heut- tat letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich tte. es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich wiederfinden, wen: ich ruhe."

Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauf*'. Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der Aebüfsi" denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören, ©elbftbie mystisch Beate war gekommen und vereinigte ihren schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder schwarzen Augen, meld)« üb Heldengestalt verschlangen. Alle versammelten Himmelsbräute priesen k Colonna selig und beneideten ihre irdische Lust, wahrend die glückW Geglaubte nicht ferne davon in einer Zelle mit gerungenen Händen w zweifelte. Auch Schwester Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Her» der Welt zu bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Hm mel inbrünstig an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott M entreißen. Aber diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der CEiteM feit. Nach dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspea» intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das sw auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine andern Prosa oder Sequenz.

Und er hätte wohl gelauscht, ober er stand regungslos, wie geben« vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen Mm bildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten. Dock) es n»i: nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leid stieß. Dieser offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht und Haltung eins solchen mit besonderer Genauigkeit studiert ober frifch aus dem Leden gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten Beinen, von benot das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und stach mit den dehnte' schuhten Fausten von unten nach oben derb und gründlich zu. Kesftlhmch.' Harnifchkragen, Brustpanzer, Arm- und Schenkelschienen, rote StriimM' breite Schuhe, nichts fehlte. 2lber nicht diese Tracht, die er zur ®enüf!* kannte, fesselte den Feldherrn, sondern der auf einem Stiernacken sitzend Kops. Kleine, blaue, kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, gst"'" sender Mund, blonder, krauser Knebelbart, braune Farbe mit rofig^ Wangen, Ohrringe in Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichst^ und Verschmitztheit wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte jjlriffü mit dem Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen, breit'" schultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den Urner bebeu: tete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da schmerzte w" plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und jetzt wußte er num wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer, der ihm bei Pavia b" Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den Lanzenstoß des neben ihm un b|,! Erde Geduckten empfangend, hatte er einen Moment in dieses kristallen Auge geblickt und diesen Mund vergnüglich grinsen gesehen. Nack'M Erkennung machte das unerwartete Wiederfinden auf den Felbhesi'" weiter keinen Eindruck, und mit freundlicher Miene fragte er die ÄebtW» die jetzt neben ihm stand, um ihn zu Donna Viktoria abzuholen, wer -n gemalt hätte. Sie antwortete, die Augen slüchttg niederschlagend:-0® Mantovaner, begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die b°:' Kloster gerne wieder scheiden sah."

(Fortsetzung folgt.) __

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniverf itätS-Buch- und Steindruckecei, X Lange, ®ie6eI>