Ausgabe 
15.6.1931
 
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tnjelnen Stationen. Und hier, auf dem Wege zwischen der obersten iilellektuellen Leitung und der Aussührung durch die speziellen Organe, s»d nun zur Erfüllung bestimmter Orders die Drüsen mit innerer Sekre- I»n zwischengeschaltet.

Es gibt deren eine ganze Reihe, überall im Körper zerstreut. In der ».nichhöhle finden wir die Milz, die Leber und die Bauchspeicheldrüse, stvohl wie die aus zwei nur anatomisch zusammenhängenden Organen lstehende Nebenniere. In der Halsgegend die Schilddrüse, die Nebcn- s iiddrüsen und den Thymus (nur bei jungen Tieren). In der Beckcn- W«end die männlichen bzw. weiblichen Keimdrüsen und schließlich, der tet)irnba{r unmittelbar angegliedert, den Hirnanhang oder die Hypo- styse, wahrscheinlich ebensalls aus mehreren, in der Wirkung ganz ver- stiedenen Organen aufgebaut.

Die in diesen zahlreichen Organen hergesteUten, spezisisch wirksamen Losse sind eben die Hormone, dieAnreger" (von dem griechischen E orte hormaein). Jeder dieser Stoffe hat eine im Einzelversuch desinier- t re Wirkung auf irgendwelche, für den Ablauf der Lebensvorgänge iZenswichkigen Funktionen und wird zu diesem Zwecke von den ent- s,»echenden Organen aus unter Vermittlung von Nervenreizen in die Lutbahn abgegeben. Wenn aber auch jedes dieserendokrinen" Organe j ne bestimmte Sonderfunktion hat, so stehen sie doch alle in untrenn= i, rem Zusammenhang miteinander. Es gibt keine einzigeinnersekre- irische" Drüse, die isoliert zu bewerten wäre; jede erstreckt ihre Wir- ogen auf viele andere (wahrscheinlich alle) und wird von anderen in -en Funktionen beeinflußt. Es hat erstens praktisch gesprochen - Des Hormon seinAntihormon", zu dem Zweck, eine allzu starke, der . ersten Leitung nicht mehr erwünschte Steigerung irgendeines Prozesses . id) Anweisung an das Gegenorgan zur Aussendung des Antihormons . tudämpfen. Anderseits aber finden wir auch ergänzende Wirkungen. . kann die Wirkung eines Hormons durch Beihilfe eines zweiten zu ..csentlich höherer Wirksamkeit gesteigert werden. Kurzum, wir sehen hier i überaus verwickeltes Spiel von chemischen Kräften, von gegenseitiger Unterstützung und Ausbalancierung. Das Endresultat ist, daß es im a lüg normalen Organismus geradezu dieses unendlich fein abgestimmte 8cichgewicht der innersekretorischen Wirkungen ist, das alle Funktionen tx- Organismus, vom einfachen Stoffwechsel und Wachstum angefangen bc zur Regelung der feinsten Organfunktionen, zur Regelung der Wärme­ei gäbe, der Geschlechtstätigkeit und sogar der intellektuellen Leistungen, mifaht. Dieser außerordentlichen Feinheit der Regulationen entsprechend |itt> aber auch die schweren Störungen, die eintreten, wenn dieses feine Jrtj gegenseitiger Beziehungen an irgendeiner Stelle durch Erkrankung tii<r auch nur mangelhafte Funktion eines dieser Organe unterbrochen nirb. Sann treten die endokrinen Störungen in den mannig- schsten Formen auf; und sie sind es geradezu, die heute die Aerzte voll ir Anspruch nehmen, sowohl in der Diagnose komplizierter Krankheits- cscheinungen und geringerer Anomalien, wie auch in der Therapie. Senn schr häufig gelingt es, die Ausfallerscheinungen «infolge einer Störung bs endokrinen Apparates dadurch zu beseitigen oder zu mildern, daß MN den im Körper in ungenügender Menge vorhandenen spezifisch u rksamen Stoff künstlich zufllhrt.

Auf dem Wege dieser modernen Erforschung und quantitatioen Eichung sii d in den letzten Jahren einige der allerwichtigsten Hormone teils voll­kommen rein, teils in sehr hochwertigen und exakt vergleichbaren Präpu­tien hergestellt worden. Zu den ersteren gehört das heute völlig bekannte Ui b sogar künstlich herstellbare Hormon der Schilddrüse, das Thyroxin, d s die wichtigsten Wirkungen dieses Organs im Versuch und in der klinischen Behandlung vonSchilddrüsenstörungen wiedergibl. Sieser Erfolg if UM so höher zu veranschlagen, ais die Schilddrüse allem Anschein nach >i dem verwickelten Getriebe der endokrinen Wirkungen ein übergeord- iwtes Organ ist, sozusagen der Regulator der Regulationen. Infolgedessen 'i6)ren krankhafte Veränderungen an der Schilddrüse zu den schwersten Erscheinungen, die sich bis zu einem völligen Zusammenbrechen der Stoss- «rchselregulationen und der psychischen Funktionen steigern können. Von Präparaten, die wir noch nicht als chemisch reine Stosse kennen, die wir ai er mit genügender Sicherheit eichen können, seien hier genannt: , das 3 m (ul in als Produkt der Bauchspeicheldrüse, dessen Fehlen den Nieder- buud) des Zuckerstofswechsels bewirkt, und mit dessen Zufuhr man somit m ch schwere Formen der Zuckerkrankheit mit Erfolg behandeln kann. Ifrrner das Hormon der Nebenschilddrüsen, das uns durch die wrschungen von C o l l i p zugänglich geworden ist und eine entscheidend Dchtige Rolle im Mineralstosfwechsel und über diesen in der Aufrecht- uEjaltung eines normalen Funktionierens des Nervensystems spielt.

' Sus größte Interesse hak sich in den letzten Jahren denjenigen Hor- nonen zugewendet, die direkt ober inbireft mit ben Geschlechts- . n 11 i o n e n zu tun haben. Hier haben sich sowohl chemisch wie bio- Icgifd) überaus interessante Zusammenhänge aufberfen lassen. Im innersten Sm dieses Getriebes stehen die Keimdrüsen selbst. Eie produzieren ik^zisische Hormone die gewaltige Einflüsse auf den Stoffwechsel ausuben. 3:. dem Augenblick, wo nach Abschluß der Kindheit die Keimdrüsen an- Icngen zu funktionieren, treten eben durch die Wirkung der nunmehr beugten Hormone alle jene Aenderungen der äußeren Körperform, des ^ivffwechsels und der seelischen Vorgänge auf, die mit dem Begriff der 8: schlechtsreife verbunden sind. Es ist gelungen, sowohl bas weibliche bas männliche Keimdrüsenhormon näher zu kennzeichnen und exakte kchungsmethoden für seine Wirksamkeit zu finden. Mit deren Hilfe hat nun bas weibliche Hormon sogar schon in wahrscheinlich völlig reinem 3: ftanbe isolieren können und seine chemische Struktur im großen auf- zcklärt. , , ,

Im Versuch läßt sich zeigen, baß die Einführung dieses Hormons m uch unreife oder kastrierte Tiere weitgehend die Erscheinungen künstlich sikworzurufen gestattet die normalerweise von der Keimdrüse ausgehen. P e Erscheinungen der Geschlechtsreife können wir nach diesen Befunden ' ujf die Keimdrüsenhormone zurücksllhren. Aber dabei ergibt sich sofort ii;.e neue Frage: Nur die reifen Keimdrüsen erzeugen M diese Hormone; ar müssen also weiterhin suchen, durch welche Einflüsse nunmehr die kÄmdrüsen selbst zur Reife gelangen. Siefe Funktion, mit der also sozu­

sagen der ganze Ablauf der Geschlechtsreife angekurbelt werden muß, fällt dem Hirnanhang (Hypophyse) zu. In ihrem vorderen Lappen wird das Hormon gebildet, bas nun zunächst einmal bie Keimbrüse zur Reife bringt unb an biefer Wirkung experimentell gemessen unb geeicht werben kann. Wahrscheinlich hanbelt cs sich sogar um mehrere solche Hormone, bie gleichzeitig an ber Keimdrüse ansetzen und sie zur Reife bringen. Es ist nun sehr interessant, daß dieses übergeordnete Hormon der Geschlechts­reife für das männliche und weibliche Geschlecht dasselbe ist. Sie Hyper- physe erzeugt also ein unspezifisches Hormon für beide Geschlechter, das zunächst bie Reifung ber Keimdrüsen bewirkt. Unb erst von dieser hängen bann bie geschlechtsspezifischen Wirkungen ab.

Nehmen wir weiter noch hinzu, baß die weiblichen Keimbrüsen noch ein ganz besonderes Hormon erzeugen, das ausschließlich (in den bei Eintritt einer Befruchtung sich ausbildendengelben Körpern" ent­steht, und nunmehr) den Zweck hat, nach der Befruchtung alle Einflüsse abzustoppen, welche die eingetretene Schwangerschaft bedrohen könnten, also geradezu während der Schwangerschaft das Brusthormon und die Wirkung der Hypophyse lahmlegt, so gewinnen wir ein typisches Bild von den überaus verwickelten gegenseitigen Beziehungen der Hormone auf diesem einen engeren Gebiete der Geschlechtsfunktionen. Und ziehen wir weiter hinzu, daß nun wiederum der ganze endokrine Apparat um die Keimdrüsen herum mit allen übrigen Organen der inneren Sekretion untrennbar zusammenhängt, daß z. B. ganz besonders enge Beziehungen zur Schilddrüse und zur Rinde der Nebennieren bestehen, so mag dieses eine Beispiel für viele zeigen, wie verwickelt bie Beziehungen ber einzelnen innersekretorischen Stufen zu allen übrigen Anteilen biefes Apparates finb.

Jeder Fortschritt in der Erkenntnis dieser Stoffe wird uns damit auch dem Ziele des Arztes näherbringen, durch willkürlich abmehbare Ein­griffe chemischer Art in dieses Getriebe jene zahllosen unb vielgestaltigen Störungen ber Gesunbheit zu bekämpfen, bie ihre letzte Wurzel haben in einer Störung ber Harmonie ber inneren Sekreteion.

Oie Versuchung des Pescara.

Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.

(Fortfegung.)

Ippolito kratzte an der Tür unb brachte ein Paket, bas ber Feldherr öffnete. Es enthilt, neben einigen andern Briefschaften, einen Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieb und den Oberseldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach seinem Ermessen und gemäß ben Umständen zu verfahren.

Alles?" fragte Pescara.

Sa bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen, welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, unb entfernte sich. Es war übertrieben:In bie eigenen Hände des Marchese."

Vom Kaiser", sagte Pescara, und öffnete.Sa, Viktoria, lies vor. Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige Zeilen, und lautet:

Mein Pescara!

Ich bin es, ber biefe Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister. Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel, der Euch an der Hand hielt. Ich traue.

Ich Euer König."

Pescara lächelte mühsam.Karl traut zu leicht", sagte er.Sas könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin. Aber seltsam er hat meinen Genius erblickt."

Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Viktoria.Ich beschwöre dich, Pescara, nenne sie mir!"

Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem. Sa kniet sich Viktoria neben ihn nieder, hielt unb stützte ihn mit ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen unb den Knaben nach seinem Groß­vater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit einer Gebärde. Endlich ent­schlummerte er, aufs tiefste erschöpft, nachdem Viktoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Sa sie sich der Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.

Fünftes Kapitel.

Als Viktoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie (prang auf, den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte. Sie wurde ungläubig an ben nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen, er war ihr wie ein Traum.

Sa begann Pescara:Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den Namen meines Genius befragt und mir bangte, ihn vor Euch aus­zusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen, denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Sa erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und ber gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet sie gestern ver­gossen. Sonbern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr Euch zu begeben, währenb ich bas Heer bes Kaisers gegen Mailanb führe?"

Wie konntest bu es mir so lange verbergen, Ferdinand?"

Zuerst nicht lange verheimlichte ich es mir selbst ... doch nein, ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener bluti­gen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner gezählten Tage gewiß, wie hätte ich bie deinigen vorzeitig verfinstern dürfen? Su sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht grausam."

Su bist es", erwiderte sie,sonst hättest du mich nitf)t Jo bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen lassen."

Niemand durfte darum wissen", sagte er.