Ausgabe 
15.6.1931
 
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den qelernt." m .. I

, Erhabener Sohn des Himmels", flüsterte die Kaiserin ihrem Gemahl ins "Ohrdarf man den göttergleichen Herrn belügen?"

Oho, das durfte man wohl nicht, Bafchbah , befahl Si-Tfchu, melde dem Kommandanten, daß er mir in einer halben Stunde deinen . Lügenkopf sende." , , , s.

Und so geschah es. Baschbah, der Tor, verlor seinen Kopf, aber die Chinesen behielten ihre fünfhundert Klassenhäupter, mit deren Hilfe sie fünfundvierzigtausend Schriftzeichen bilden können, von denen der gute Kublai-Khan nur ein paar lustige lernte und in den nächsten Kriegen bald wieder vergaß.

Am ORanhe der Menschheit.

Von E. v. Ungern-Ste.rnberg.

Es gibt kaum etwas fo Stilles in der Welt wie eine Nacht am Rande der Taiga. Unter dem kalten nächtlichen Dach breitet sich die Dämmerung wie ein seidener Teppich über endlose Weiten. Noch im Spätfrühling | stemeii Schneenebel auf, wallen und rauchen und bilden in wunderlichen j Formen den Palast der Eiskönigin. Gigantische Blöcke, die starr und steif, I mit schneebärtigen Gesichtern in den wabernden Dunst hineinragen, sind die Fundamente zum Märchenbau. In den Löchern auf dem Strome gurgelt es leise: die reißenden Wasser kämpfen mit dem Frost, er will die Lücken in der Eisdecke nicht dulden und deckt sie immer wieder zu. Selten nur verirrt sich ein Mensch in jene kalten Oeden, und wenn man einen Pelzjäger oder einen Unbekannten trifft, so greift man am besten nach der Waffe und hält den Finger am Drücker, denn selten bringt er Gutes. Die Taiga hat ihre finsteren Geheimnisse. Mord und Raub sind alltägliche Dinge, um die man sich abseits der Bahnlinie unb der Städte wenig kümmert. Wenn irgendwo, in einem Lande der Sehnsucht, Men- chen Brüder sein sollen, so schauen sie sich hier mit Wolssaugen an. Und wenn in den Zentren der Zivilisation der Stärkere den Schwächeren nur mit behandschuhten Fingern an die Kehle saht, so schickt er ihm hier ohne alle Vorbereitungen eine Kugel ins Herz.

Den Winter hindurch liegen die Tundren auf Taufende von Meilen als eisgebundene Wüste da, selten nur kreuzt sie der Hundeschlitten eines Tungusen oder ein verwegener Jäger. Es ist das Land des Todes. Und doch, wenn sich der Schneesturm gelegt hat, der Mond die Einsamkeit mit silbernem Schein durchflicht und das Nordlicht Garben von strahlenden Farben über den Himmel streut, dann geht der Eisfuchs in seinem weißen Fell auf die Jagd und erwürgt die Schneehühner; Schnee-Eulen gleiten langsam mit unhörbarem Flügelschlage in die Dämmerung, und der Wolf trabt durch sein Reich, lautlos, grausam und blutgierig.

Das Frühjahr kommt in Sibirien sehr plötzlich. Noch im Mai können beladene Schlitten über das Eis der kilometerbreiten Ströme fahren, die in das Eismeer münden. Aber dann braust plötzlich «in Sturm über die Taiga dahin, preßt auf die locker gewordene Eisschicht bis sie birst und sich Scholle aus Scholle zu türmen beginnt. Aus dem Süden ertönt ein Tosen und Krachen, das langsam näher kommt. Das Eis stöhnt, und am Ufer bilden sich Strudel, es schmilzt nicht, denn die Schollen sind noch zweit und mehr Meter dick, es wird von dem furchtbaren Druck der anstürmenden Massen wie mit Hämmern zertrümmert. Gischtige Berge türmen sich auf wie weiße Ungeheuer, die alles mit sich fortreißen. In wenigen Stunden ist der Eisgang vorüber und klar und durchsichtig gurgelt nun der Strom in seinen Ufern dahin. Dichte Wolken bedecken den Himmel. Rot, violett und grün beginnt das Moos zu leuchten, an dünnen Stengeln schwankt das Wollgras. Zugvögel fliegen zu Millionen herbei und lassen sich auf dem Strom und auf den Tümpeln nieder, Myriaden von Mücken steigen aus dem glucksenden Sumpf, schweben über dem Boden, ballen sich zusammen, teilen sich wieder und zerfließen. Bernsteinschnecken hinterlassen auf dem Moose eine schleimige Spur.

In den Tundren und in der nördlichen Taiga besteht die Herrschaft der Sowjets nur dem Namen nach. Die Tungusen, Jenisfeier und Samo­jeden wissen wenig von den Dingen, die in Moskau vorgehen. Durch Jäger und Fischer am Unterlauf des Ob und Jenissei ist zu ihnen die Kunde gedrungen, daß ein neuer Zar regiere, aber sie kümmern sich

ihr Ende finden.

DieAnreger" der Lebensfunktionen.

Was wissen wir heute von den Hormonen?

Von Professor Dr. med. et phil. Carl Oppenheimer, Berlin.

Wir können den Organismus eines höheren Lebewesens ansehen als analog zu dem Aufbau eines komplizierten Fabrikunternehmens. Die Maschinen", die in diesemBetrieb" arbeiten, sind die Muskelzellen. Die chemischen Laboratorien, die die Umformung der Rohstoffe für diese Maschinen besorgen, haben wir in der Leber und anderen Drüsen zu suchen. Die Beseitigung der Abfallstoffe erledigen zum Teil der Darm und besonders die Nieren und die Lunge, die anderseits auch wieder den wichtigsten Betriebsstoff, den Sauerstoff, zuführt. Die Blutgefäße ver­senden die umgewandelten Rohstoffe an die Stellen, wo sie gebraucht werden. Das Herz ist die zentrale Pumpe, die diesen Umlauf reguliert. Was nun aber hier nm meisten interessiert, ist das Problem der zentra­len Leitung dieses ganzen verwickelten Betriebes. Wir finden hier eine Staffelung der Funktionen, einen regelrechten Instanzenweg. An der Spitze steht als geistige Oberleitung das Großhirn. Ihm unterstellt stno allerlei sekundäre Zwischenstationen, im Zwischenhirn, im Ruckenmari usw., sozusagen die Abteilungsvorsteher für die einzelnen Betriebe. Nervenleitungen leiten die Nachrichten von den einzelnen Bctriebsstatio- ncn zur Zentrale und Mnorbnungen von der eZntrale umgekehrt zu uen

ganz einfach? Es heißt Pferd. Setzest du es aber dreimal nebeneinander, lo bedeutet es soviel wie Galopp oder galoppieren.

Sohn des Himmels", erlaubte sich Baschbah hier emzuwenben,so che Klassenhäupter, wie sie dir eben hier gezeigt wurden, gibt es allem suns- hunderb Aus ihren verschiedenen Zusammensetzungen werden, dann die "'^Der^Kaiser wu^e"nachdenklich und trug Baschbah auf, nun in feiner Schrift das Wort galoppieren zu schreiben. Ach, welch langes Geschreibsel ro>K,roi?aenM05 lang", höhnte die Kaiserin.Es nimmt ««r kein Ende. Das ist in meiner Schrist schon eine ganze Erzählung. Erlaube mir erhabener Sohn des Himmels, noch ein Beispiel. Em kleines Viereckchen mit drei Schwänzchen, nicht anders als es Kinder in den «and zeichnen. 2,0 j)er Kaster^dec immer wieder das Zeichen für Pferd vor sich hinmalte,

Wenn°du nun aber das Zeichen für Weib zweimal fetzest, jo bedeutet

KublaüKhan bewies durch sein ungebildetes Lachen, daß es leichter ist, die Welt zu erobern, als gute Manieren zu lernen. Die Kaiserin tat, als freue sie solch unhösliche Heiterkeit, und fuhr fort:Nimmst du aber dieses Viereckchen mit den drei Schwänzchen dreimal, so bedeutet das: Tratsch, Ränke, Umtriebe." ..

Und darüber muhte der Kaiser mehr lachen, als der 2'terat über ine vierundvierzig Buchstaben. Baschbah sollte nun seine Kunst gehen lassen, sollte Weib, zanken und Ränke untereinanderschreiben. Es wurden endlos viele Zeichen, ein Gekritzel und Gekrotzel, das den Kaiser höchlichst ver­droß.Baschbah, du hast mich belogen", brüllte der Kaiser voll Zorn, die Schrift der Kaiserin hier ist einfacher und schneller zu lernen! Ich habe in der kurzen Zeit schon laß mich nachrechnen, neun Wörter schrei-

wenig darum, und da auch die Missionare ausbleiben, verfallen sie wieder ganz ihren alten heidnischen Gebrauchen, bringen ifjren ©Ottern Opfer dar, beten die Winde an und treiben allerlei Zauberspuk. Wie nun bie Sowjetzeitungen berichten, haben sich außerhalb bet Reichweite der GPU inmitten der Unermeßlichkeik der Tundren Ansiedlungen von weihen russischen Flüchtlingen gebildet, die unter schweren Entbehrungen ihr Leben fristen, von Jagd und Fischfang leben und in der Umklam­merung von Schnee und Eis darauf warten, dis sie wieder m ein befreites Rußland zurückkehren können. Die Sorojetreg.erung hat einige ihrer Agenten in die Tundren entsandt, aber keiner von ihnen ist wieder gesehen worden, man nimmt an, daß sie den Strapazen erlegen ober erschlagen worben sinb. . .

Der Mensch hat sich bie Tunbren noch nicht bienftbar Zu wachen Der» ftanben, sie bieten ihm nur ein Versteck unb eine Zuflucht. Denn im Sommer für eine kurze Zeitspanne der Ob und der Jenissei von ihrer Eisdecke befreit sind und Dampfer aus dem Süden Sibiriens nach dem .Eismeer verkehren, bann finben bie in ber Taiga unb m ben Tunbren versteckten Flüchtlinge bie Möglichkeit, sich burch bie Tungusen und Jenisseier das Allernotwendigste für ihr Leben zu beschafsen.

- Die Jagd im hohen Norden Sibiriens verspricht kostbare Beute. Die Eingeborenen am unteren Jenissei erlegen jeder in einer guten Fangzeit 300 und mehr graue Eichhörnchen, die die als Feh bekannten Pelze liefern. Das wilde Renntier, der Elch und auch das Eichhörnchen liefern ihnen das zur Nahrung notwendige Fleisch. Mit dem Beinfell bekleiden sie ihre Schneeschuhe, um schneller dem Wild folgen zu können. Im Som­mer stechen sie den Stör. Auch Bär, Fuchs, Hermelin und Wiesel werden gejagt. Ihre kostbarste Beute aber ist der Zobel, der in Netzen gefangen unb bann erwürgt wirb, bamit bas teure Felle nicht schaben leibe. Mit der Jagd ist mancher Aberglaube oerbunben. Wenn bas Feuer knallt, jo gilt bas als ein gutes Vorzeichen, ber Jenisseier weiß, boh er bann viele i graue Eichhörnchen erlegen wirb. Wenn aus b«m Herbseuer em Holzscheit füllt, so zeigt es bie Richtung an, bie ber Jäger nehmen muß, wenn er Erfolg haben will. Flinten unb Patronen sinb ein seltener Besitz gewor­den unb so ziehen bie Eingeborenen des hohen sibirischen Nordens wieder wie' ihre Vorfahren mit Pfeil und Bogen auf die Jgd hinaus, für ,edes Tier gibt es eine besondere Pfeilart, mit der es erlegt wird. Die Treff­sicherheit der Tangusen mit diesen primitiven Wafsen ist erstaunlich.

'Die weißen Russen, die vor den Bolschewiken in die Tundren und in bie nörbliche Taiga geflüchtet sinb, müssen sich ben Sitten unb Gebrauchen ber Eingeborenen anpassen, wenn sie ihr kümmerliches Leben fristen wollen, aber sie haben ben Vorteil, einst ber Kultur angehört zu haben, sie verfügen in ben Augen ber primitiven Urbewohner ber Tunbra über große Zauberkräfte, unb ihnen bienen bie Götter des Windes. Es wirb berichtet, baß es einem biefer Flüchtlinge gelungen ist, sich eine Rabio- nnlage zu beschaffen. Er und die Seinen haben sich aus Moos unb I Reisern Hütten gebaut unb Möbel gezimmert. Kostbare Fell« bebecten ben Baben, ein Herbfeuer brennt. Das größte Wunber aber ist bas Rabio. Geisterstimmen fingen und sprechen zu den staunenden Tungusen, die unsichtbaren Götter steigen aus den Wolken herab und berichten, was in Tokio oder vielleicht was in Berlin vorgeht. Die eingeborenen manen opfern vor ben großen russischen Zauderern, bie soviel mehr als sie können, Schnaps unb schütten ihn in alle vier Himmelsrichtungen, sie achten nicht auf bie Erklärungen, bie man ihnen gibt, sie wollen sie auch gar nicht verstehen, für sie bleibt alles Zauber unb Geisterstimme. Und schließlich ... ist nicht auch der Klügste, der bie Wunber ber Technik unb bes Aethers kennt, von taufenb Geheimnissen umgeben?

Wunber geschehen! Im silbernen Glanz ber Morgensonne ist ber Zep- I pelin über bas nörbliche Sibirien geflogen, bie Eingeborenen, bie ihn erblickten, sinb niebergetniet unb haben ihn als Gotteserscheinung angebetet. Im hohen Narben geht bie Sage, baß sich bie Zeichen ber Apokalypse crfüUen unb baß bie Engel vom Himmel gestiegen sinb.

Heute liegen bie Tunbren Sibiriens noch weltabgeschlossen, in jung­fräulicher Einsamkeit ba, es gibt Hunbert« und Tausende von Kilometer» I strecken, die kein Menschenfuh betreten hat, aber wie lange noch? Werden | nicht in 10 oder 20 Jahren Flugzeuge jede Entfernung illusorisch machen? I Wird man nicht mit derselben Leichtigkeit einen Sommerausflug in bie nörblichen Tunbren wi« heute nach Lappland oder an das Nordkap machen können? Man behauptet, daß unter dem Eis und Moos, ebenso wie an ber nörblichen Lena unb am Alban, reiche Golbabern versteckt liegen unb bah Platin geschürft werben kann. Die Schlupfwinkel ber Eisfüchse, ber Schnee-Eulen unb bie Verstecke ber russischen Flüchtling« werben bann