Ausgabe 
15.6.1931
 
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Jahrgang Mi

Montag, den 15.3uni

Nummer 46

SiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Chinesische Straßenserenade.

Bon Anton Schnack.

Biermat Gong.

Reiter traben. Pauken machen: pong, pong, pong.

Aus der Palaststraße wälzt sich stolz

Eine Musikantenbande: Bläser, Flöten, Holz.

In der Seidensänfte sitzt mit blassen

Mienen Herzog Mu und tut gelassen.

Blaue Reiter starren wie aus Erz gegossen

Auf den heißen, weißen Edelrossen.

In die Nacht hat sich der Vernsteinmond gehängt.

Unter die Hapierlaternen haben Tänzerinnen aus dem Teebaus sich ge- Nur die Tänzerin Goldammerfuß kommt auf den Balkon, sdrängt.

Neigt sich leichthin und bewegt den grünen Pfauenfächer.

Es bedeutet: dein ist mein Vogelherz, hoher Göttersohn!

Und ein Sternstück blitzt als Himmelszeichen über die gezackten Drachen­dächer.

Und der gelbe Herzog aus dem Stamme Jumen

Ueberftreut des Hauses Treppe mit hochroten Feuerblumen,

Dann erhebt er seinen schönen Jadestab:

Und die Reiter traben trab, trab, trab.

Die Musik verklingt, verrauscht, vertropft.

Und die Sänfte hält am Palast Schu.

Leise, wie im Traum, macht die Tänzerin Goldammerfuß ihr Balkon- An das ein Zweig von Pfirsichblüten leicht im Winde klopft. sfenster zu,

Oie listige Kaiserin.

Eine Geschichte aus dem alten China.

Von Bruno Brehm.

Kublai-Khan, ein Enkel des großen, gefürchteten Dschingis-Khan, hatte auf seinen Kriegszügen von der chinesischen Mauer bis nach Schlesien, wenig Muße gehabt, sich mit den Wissenschaften abzugeben. Als er daher nach der Vernichtung der Sung-Dynastie als Si-Tschu Chinas Thron bestieg, bekam das Reich der Mitte einen Kaiser, der weder lesen noch schreiben konnte. Marco Polo, dem Europäer, der den Hof dieses mongo­lischen Barbaren besuchte, war dies weiter nicht aufgefallen, aber die hochmütigen chinesischen Literaten und nirgends auf der Welt sind die Literaten hochmütiger als in China wollten darüber nicht hinweg­kommen, von einem Kaiser beherrscht zu werden, der weder lesen noch schreiben konnte. Nur heimlich, da sie die Kraft des Schwertes ebenso fürchteten wie verachteten, nannten sie den neuen Kaiser den Herrn, der mit den fünfhundert Schlüsseln den Schrein der Weisheit nicht aufsperren kann und den Monarchen, dem die Klassenhäupter nicht gehorchen, was in unsere einfache Sprache übersetzt soviel besagen will, als daß der Kaiser von Chma nicht lesen konnte. Und in vielen Gedichten beklagten sie die arme Kaiserin, eine chinesische Prinzessin aus dem Kublai-Khan gestürzten Hause Sung, welche diesen rohen Barbaren aus Staatsrück­sichten hatte ehelichen müssen. Da der neue Kaiser nicht lesen konnte, so verstand er zu hören, wiewohl er sich stellte, als verstünde er weder das Gespött der Literaten noch die Sticheleien seiner gebildeten, aber zänkischen Gemahlin. So sehr nun auch der Kaiser wünschte, die Furcht der Litera­ten in Achtung zu verwandeln, so schien es ihm doch hosfnungslos, jetzt, da er sich schon die halbe Erde^unterworfen hatte, sich auch noch die fünf­undvierzigtausend chinesischen Schriftzeichen untertänig zu machen. Als er daher von einem mongolischen Mönch vernahm, daß dieser ein Alphabet von nur vierundvierzig Zeichen erfunden habe, ließ er ihn rufen und erteilte ihm den Auftrag, sogleich mit dem Unterricht in dieser leichten Wissenschaft zu beginnen. Der Mönch Baschbah oder wie ihn die Chinesen in ihrer tröpfelnden Sprache nennen: Ba-se-pa, gehorchte. Und nun seht ihr, wie hoch auch die Mauern des kaiserlichen Palastes waren, wie weit auch die Gärten und wie verschwiegen die Wachen, Literatur­geschwätz ist wie Staub, es fliegt über die Stadt, es kennt keine Grenzen. Und obwohl die chinesischen Literaten die besterzogenen Literaten auf dieser Welt sind, sie vergaßen Erziehung und Vorsicht und lachten sogar laut auf, als sie vernahmen, daß der Kaiser samt seiner Leibwache, samt seinen stolzen Generälen, von einem schmutzigen Mönch lesen lerne.

Seit aber der Kaiser buchstabieren lernte, war etwas wie Schüler- Hochmut und kleinliche Unversöhnlichkeit über ihn gekommen. Er befahl seiner Wache, diese spottlustigen Burschen auszuheben und in den Palast zu schaffen. r ,

Hunde, was habt ihr zu lachen?" herrschte er die auf dem Bauche liegenden Literaten zornig an,ich will euch das Spotten austreiben, ihr müßigen Affen!"

Allmächtiger Sohn des Himmels" stammelten im Staub die Litera- ten, wir haben vor Freude gelächelt, weil deine Erhabenheit das Schwert des Ruhmes beiseite gelegt hat, um den Duft des Geistes aus den herr­lichen Blüten der alten Schriften zu saugen."

Durch diese taktvolle, chinesischer Literaten würdige Antwort war der rauhe Krieger Kublai-Khan oder wie ihn die Chinesen nannten, Kaiser Si-Tschu fast besänftigt.Geht mir aus den Augen", schnaubte er mit verstelltem Grimm,und merkt euch, daß es für einen Krieger, der sich die halbe Welt unterworfen hat, kein Vergnügen ist, vierundoierzig Zei- chen zu lernen, und aus diesen Zeichen die unmöglichsten Worte zusam- menzusetzen. 0 1

vermochte es der kühnste unter den Literaten doch nicht zu schweigen Vorsichtig hob er den Kopf und fragte:Sohn des Himmels, wieviel Zeichen hast du gesagt, müssen deine Krieger, die den ganzen Erdkreis unterworfen haben, lernen?" Si-Tschu, der doch nicht so ganz sattelfest in der neuen Wissenschaft war, winkte den Mönch herbei.Belehre du die Narren, Baschbah."

Habt ihr den Sohn des Himmels nicht verstanden, ihr Toren!", brüllte Baschbah die Literaten an,vierundvierzig Zeichen!" Und nun konnten sich die wohlerzogenen Literaten eines lauten Auflachens nicht enthalten. Vierundoierzig, sagst du hahaha! Vierundvierzig! Es gibt doch allein fünfhundert L-chliisselzeichen und Klassenhäupter und fünfundvierzigtausend Zeichen. Willst du den erhabenen Sohn des Himmels täuschen und ihn mit deinen bettelhaften paar Zeichen betrügen?"

Baschbah", fragte der mißtrauisch gewordene Kaiser,sprechen diese Hunde die Wahrheit?"

Sohn des Himmels, sie sprechen leider die Wahrheit, sie, die ihr halbes Leben damit vertrödeln, eine solche Unmenge Zeichen zu lernen, wo doch alle Völker der Erde mit kaum mehr als dreißig solcher Zeichen ihr Auslangen finden."

Der Kaiser beschloß, diesen Unfug ein für allemal abzuschaffen. Es sei ein Befehl zu erlassen, daß von heute ab das chinesische Volk genau die gleiche Schrift anzunehmen habe wie alle andern Völker der Welt. Die fünf Literaten aber, deren Frechheit größer als ihre Weisheit f/i, wären sofort zu enthaupten. Das war des Kaisers Wille.Vierundvierzig", gluckste noch einer lachend, als ihm schon der Kopf von den Schultern fiel, eine Aeußerung, die noch lange in den ßiterotenfreifen weitergegeben wurde.

Die Kaiserin, der man alles hinterbrachte, schäumte vor Zorn und Scham. Diese Barbaren wollten sich nicht mit dxr Herrschaft über das unglückliche Reich der Mitte begnügen, sie wollten nun auch das Kost­barste, die alte chinesische Bildung mit ihren harten Fäusten zerstören. Sie gedachte weinend der großen Bücherverbrennung unter dem bar­barischen Kaiser Tschin und der fünfhundert lebendig begrabenen Litera­ten, die ihre Bibliotheken hatten retten wollen. Noch in der selben Nacht ließ sie sich in die Jurte ihres Gemahles tragen, da dieser rauhe Krieger es vorzog, statt zwischen den Mauern seines Palastes im Zelte unter den Bäumen des Gartens zu schlafen. Durch die Teppiche schimmerte noch Licht. Da saß der Barbar bei seinem stinkenden Mönch und lernte lesen.

Sohn des Himmels", rief die Kaiserin, des Gemahls Knie umklam­mernd,ich habe gehört, und kann nicht glauben."Was hast du gehört?" Der Kaiser blickte kaum von seiner Schriftrolle auf.

Daß voreilige Beamten unsere alte heilige Schrift zerstören und eine armselige neue einführen wollen."

So ist es, ich, dein Herr, habe es befohlen. Krieger haben nicht Zeit, so viele Zeichen zu lernen."

Erhabener Gemahl, großer, allmächtiger Sohn des Himmels, die Sprache meines Volkes ist doch einfacher als die Sprachen aller anderen Völker dieser Erde."

Einfach!" Der Kaiser lachte.Das nennst du einfach, so und so viele Tausend."

Erhabener Sohn des Himmels, höre, ehe du verdammst." Die Kaiserin riß diesem verdammten Mönch den Pinsel aus der Hand.Sieh, oh mein Gebieter!" Sie malte einen kleinen Bogenstrich.Ist das nicht einfach?" Kann nicht jedes Kind dieses Zeichen ausfiihren? Sieht es nicht aus wie ein Ohr? Es sieht so aus, mein Gebieter und es heißt auch Ohr. Und das hier sieh her, hier ein Strichlein, dort ein Strichlein, ist das nicht eine Tür? Siehst du, allmächtiger Herr, es bedeutet auch Türe. Und nun stelle ich das Ohrzeichen neben das Türzeichen und was heißt es dann? Das heißt und jedes Kind muß es verstehen hören.

Der Kaiser wiegte sein Haupt, das war weder schwer noch einfach; Baschbah, nun schreib du!"

Da Baschbah für jeden Laut ein eigenes Zeichen brauchte, wurde fein Worthören" viel länger.

Erhabener Sohn des Himmels, vergleiche selbst" krumpfte die Kaise­rin auf.Aber das ist noch nicht alles. Sieh dieses Zeichen! Ist es nicht