Ausgabe 
15.5.1931
 
Einzelbild herunterladen

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitä ts»Buch-undSteindruckerei.R. Lange, Sieben.

und liege zu deinen Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!" _ ,

Viktoria war gerührt, und auch der Kanzler verzog Dränen.

Erlauchte Frau", sagte er,wer bin ich, der so zu Euch reden darf!" Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen, und an seinem Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet.

Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem letzten habe ich ihn dort wiedergesehen: denn damals, durch die Macht der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte, erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist: Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den Mund öffnete, sand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: .Bist du es, Girolamo? Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchtest. Ich verarge dir nicht, wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereister Diplomat geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen Freunde gewonnen hast?'

So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und sagte: Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt? Nicht mein Los, sondern Italien und -immer wieder Italien. Ich betraute als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt, und der ein zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie ihr wieder euer werdet. Da war der 83atentino, jener Cäsar, Girolamo, mein Söhn» chen das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt sich, seine ge­walttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist, Italien zu gründen, doch stark genug, um jeden andern an dem Heilswerke zu hindern.

Girolamo mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien unter­geht, denn es trägt Unsterblichkeit in sich: aber ich möchte ihm das Fege- feuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden hinweg- . fegt Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein Frevler, noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den "faieg an seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er fei, nur fein Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an Lift und Lüge notwendig ist - denn anders gründet sich kein Reich, das übernimm du, mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'"

Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne daß er es merkte und auch die ergriffene Viktoria merkte es nicht, weit über die Grenze der Wahrheit.Diesem Erkorenen", rief er aus, stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die Tugend l.,blich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser Eerderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der Herrschaft und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machie Miene, Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und flüsterte verschämt:So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker.

Viktoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne waren und brannten wie zwei Sonnen.

Da sagte der Kanzler:Ich hab« Euch ermüdet, edle Frau, die Augen fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich inzwischen auf die ewige Stadt gesenkt hatte.

Drittes Kapitel.

An einem Fenster, dessen Blick über die Türme von Novara und eine schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen de» Monte Rosa erreichte, sah Pescara und arbeitete an dem Entwürfe de» Feldplanes, der bas Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des Kammerdieners nicht'vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener W Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umruhrte, bemerkte er:Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen gehört haben ein Alp, eine Beklemmung ... nicht der Rede wert." Er nahm einen Schwa aus dem Glase. . ,

Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau, e habe geglaubt, sich.bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich dreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten, wahren» er doch in Tat und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges Verve- feines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem beigesprunge war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann in feinen zlrmei auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den Atem wiedersano-

(Fortfetzung folgt.) ____

Name dient uns noch heute als Schimpfwort. Ochs, Efe! Katze, Sdjaf, Schwein, Kamel, Hund mit all ihren Namen, die uns doch nahe und gut sind wissen wir uns untereinander zu schmähen: nur mit dem Pferd beleidigen wir uns nicht, ein Negativ aber doch ein Anzeichen für schöne Wahrheit. Größe ist allemal Größe und Höhe allemal Hohe: weil wir geistig sind, kann uns nichts ungeiftig sein. Geistig ist auch der Raum und geistig darum uns das Pferd, das uns hochtragend zuerst ihn zu verneinen half, und fo jahrtausendelang, bis wir lernten, uns selber anders zu helfen.

Die Versuchung des Pescara.

Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.

(Fortsetzung.)

Viktoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten Aus­gang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte suchten das den Garten abschließende Kasino.

Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu unter­scheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße Stirn in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale Juliens und dem größeren Pescaras, durchlief sie mit den Augen gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was sie las: es war die drei­malige Versuchung des H^rn durch den Dämon in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen Auge, was sie von Kind an auswendig wußte.

Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers ent- . gegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des Menschen . Sohn auf die Stelle feiner künftigen Speerwunde ... Da wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die friedfertige Recht« bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die Hand über seine durch- schimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden Bibelblatte. Aergertich über das Spiel ihrer Sinne, tat sie sich Gewalt an und blickte auf.

Wer bist du, -und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr sichende dunkle Gestalt antwortete:Ich bin Girolamo Marone und komme zu reden mit Viktoria Colonna." Viktoria erinnerte sich, wen ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich, während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen Widerwillen einflößte.

Zu später Stunde", sagte sie,suchet Ihr mich: doch Ihr bringt mir wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der Frühe verreise."

Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Marone, und nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Viktoria Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine Gott­heit, der ich zürne, und gegen die ich Klage erhebe."

Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es aus den Lippen der Marchesa, dach sie fragte rasch und warmblütig:Wessen klaget Ihr mich an? Was ist meine Schuld, Marone?"

Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Traja beweinet und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die Fes­seln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!"

Welche dreie?" fragte sie.

Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr, sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden Flechten ein Diadem anftünbe, der kluge Mohr verstrickte sich in die blonden Flechten und vergiftete feinen Neffen, den Erben van Mailand."

Die Schändliche!"

Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen, kräftigen Armen den siechen Knaben ihren Gemahl auf den vorenthal­tenen Thron heben wallte, sie beschwor und bestürmte ihren Vater, den König van Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte."

Aermste!"

Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn, daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief der Mohr den Fremden."

Unselige!"

Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es er= lösen!"

Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greifes, noch eines Knaben, noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe berücken lassen, und ... ich begehre keine Krone." Sie errötete und wurde wie Purpur.

Herrin", sagte der Kanzler,die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht: liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich mit Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr die erste, so umfanget feine Knie und redet aus der Fülle Eures Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien