unwahrscheinlich blauen zum regnerisch düstern Himmel, vom Haus in >er eitrigen Sonne zur verfaulenden Hütte, von allzeit fröhlichen zum »art geplagten Menschenkind. In dieser Art geistreicher und zugleich «elenvoller Durchdringung von Jenseits und Diesseits liegt der nie uersiegende Reiz von Spitzwegs Schöpfungen, deren jede eine neue nicht uorauszuahnende Mischung darstellt. Darin liegt das Geheimnis, daß er nie enttäuscht, weil er eben in seiner Kunst das Gegenteil von eintönig fft, wie man etwa aus einer hochmütigen Entfernung vermuten könnte.
Trotzdem hat er selbstverständlich das, was die Gegensätze im Innern ■nt und was das Wahrzeichen der großen Persönlichkeit ist. Er hat eine . nvergleichliche Kraft, die ihm allein in dieser Weise eigentümlich ist, innen Humor, der mit so aufrichtiger Gesinnung vorgetragen wird, daß hn jedermann ernst nehmen muh, eine innige Liebe zur Welt und'allen iiren kleinen Vorzügen und Mängeln, eine allen Versuchungen zum ürotz stets beherzte Hingabe an alles Lebende und Belebte und eine . nübertroffene Souveränität, das äußerlich Unscheinbare kraft dieser i!iebe zu adeln und zu erheben. Als echter Lyriker gibt er dem Wertlosen Bedeutung und gewinnt als armer Hirte ein unbekanntes Königreich. ;rin Königreich, in dem es keine Gerichte gibt, weil alle Leute sich ver- iragen und jeder die Schnurren des andern geduldig in Kauf nimmt. Ko alle anspruchslos sind, weil der Ehrgeiz und Neid aus der Mode «kommen sind und Bequemlichkeit und Beschaulichkeit allen anderen Tugenden vorgezogen werden. Wo die Sittlichkeit nicht gefährdet wird, veil alle ungestümen Triebe nusgerottet sind, wo es das größte Verzechen ist, den andern in seinem egoistischen Behagen zu stören.
Mit einem Wort, im Wunderland von Spitzwegs Bildern herrscht eine laeifpiettofe Toleranz, wie sie auch für Humoristen nicht gewöhnlich ist, hne daß sich eine Dosis Satire ober Ironie beimengt. Bei Spitzweg hlen sie, sein Verhältnis zur Welt ist bei allem Streben über sie hinaus ii unbedingt bejahend, aufrichtig und gerade, daß sich kein schiefer Ge- -inte in die Register seines Tagebuchs einzuschleichen vermag. Seibern Kaftslos und doch voll tiefen Empfindens und echter Musikalität leben iine bescheidenen Egoisten zwischen Mauern, die Geschichte atmen, »agieren sie, ohne nach der Uhr zu sehen, durch schwüle, windstille, abend- !che Landschaften.
Auch als Mensch war Spitzweg frei von jeder Zweideutigkeit, und der Veg, den er zwischen Wunsch und Wirklichkeit gesunden hatte, ganz israde. Person und Werk decken sich bei ihm restlos, an feinen Bildern töt nichts Falsches; er matte genau das, was er lebte. Ein ebenso gutmütiger und nachdenklicher Egoist wie seine Kaktusfreunde, Bibliothekare laib Dachstubenbewohner war er selbst. Wir sprachen schon bavon, baß er hin ganzes Leben äußerlich sorgenfrei war, und ba er aufjerbem unver- teiratet blieb, so hinberte ihn zeitlebens nichts zu tun und zu lassen, was er ballte. Neidlos, wie er darum fein durste, trug er den Menschen ein r jenes Herz entgegen, und wurde nur empfindlich, wenn sie ihn in Inner Arbeitsruhe stören wollten. Anmaßende Menschen waren ihm ein sllcher Greuel, daß er feine Bilder lieber feinen Freunden verschenkte, ns sie unsympathischen Käufern zu überlassen.
In seiner Münchener Junggesellenwohnung mag es ähnlich idyllisch msgesehen haben wie in manchen seiner gemalten Stubierftuben, und henn er durch die nächtlichen Straßen ging, so kam er sich wohl selbst nur wie einer, der als treuer Hüter und Wahrer der Stunden über dem lichlaf der Bürger wacht. Und ebenso einsam, aber ohne menfchenseind- ithe Gedanken wird er als „Hagestolz" durch die Felder gegangen (ein, 1 in Los mit freudiger Gelassenheit tragend, weil sich im Herzen die Silber unb Einsälle brängten, baß ihm zumute würbe wie der Lerche, teenn sie fingen muß. Unb wie sie singt, so malte er bann, nicht weil t Kunstwerke schassen wollte, sondern weil es ihm zum Malen zumute nur. Das versichert er in feiner Bescheidenheit:
Gedanken, weisheitsvoll, Wenn ich sie jemals hab': Sie brachen immer mir Beim Bleistiftspitzen ab!
Das Pferd und der Mensch.
Von Albrecht Schaeffer.
Aus einem im Insel-Verlag erscheinenden Werk „Roß und Reiter" veröffentlicht das Frühlingsheft des „Insel- Schiffes" eine Betrachtung „Mensch und Tier" von Albrecht Schaeffer, aus der wir den folgenden, die menschlichen Beziehungen zum Pferd tief und schön deutenden Abschnitt mitteilen.
Wer unter uns, der Knabe war und von großen Taten und Fahrten tiaumte, war nicht — längst bevor oder ohne daß er je die Bekanntschaft eines Rosses machte — mit einem Hengst beritten, der ihm so treu war nie er selbst feinem Stern, heldenhaft stark und kühn, ihn hintragend dirch Feuer und tausend Gefahren, — ganz zu schweigen von allen Icärchen und Rittersagen, die, tausendmal in der Phantasie wiederholt, c:>n Roß und Reiter wimmelten, unzählbar und unaushörlich. An mein eilftes Pferd erinnere ich mich aus einer Zeit vor dem Lesenkönnen; in einer oorgelesenen Geschichte mußte es am Ende seines aufopferungsvollen Lebens erschoßen werden, aber es sprang zu Tode getroffen auf, um dorthin J. taumeln, wo es feinen Herrn wußte, und zu verbluten, von seinen, ni in, meinen Armen umschlungen und bitter beweint; ein unersetzlicher Szrluft. Auf hölzernen Wiegenkufen stand, aber ein hellbraunes, echtes, toenbig — mir heute noch! — riechendes Fell hatte das nächste, unb unver- Giffen blieb mir die Zwielichtstunde, in der ich an feinem Halse hing, hrbmunb von einer nie verschmerzenden Kränkung und schmerzensselig ihm versichernd, daß ich an ihm den Freund habe, den einzigen auf der Ei'be, der mich verstand. Das dritte haben wohl manche meines Alters so biie ich gekannt und geliebt und beweint; jenen Rapphengst meine ich, b’lffcn arabischer Name „Rih" den Vogel Schwalbe bedeutete, dessen schnelle er hatte, und der so eben dahinrannte im ventre ä terre, bas der weiter ein gestrichen volles Glas Wasser hätte tragen können; Rih, der
Einzige, der keinen auf seinem Rücken litt als seinen Herrn, und der sein „Geheimnis" hatte: die zwischen die Ohren gelegte Hand, die feine schon rasende Schnelle in das Unwahrscheinliche, Übernatürliche verwandelte — nicht mehr Lauf, sondern Atemraubendes, Flug, — ah, mein guter, unmöglicher Rih, dein Erfinder kannte den tiefsten Traum in der Knabenseele: das Ideal, das Roß mit dem „Geheimnis", Pegasus-ähnlich, hinein- rennenb ins Imaginäre.
Lebenswirklich erschien bann erst ein halbes Menschenalter später die indische Stute von arabischem Blut namens Mimose, ich weih nicht durch welche Zufälle bis an den Rand der Nordsee verschlagen, um alle angeborene Liebe zum Pferd in mir leiblich lebendig und wissend werden zu lassen:
Ein Schweißfuchs, dunkelbraun, mit einem Hauch von Rot, Wie wenn das edle Blut das Fell durchleuchte. Feinhaarig dünnen Schweifs, hochaufgesetzt, Auf kurzen Beinen schlanke Stämmigteit, Gedrungnen Halses, von der tiefen Schwanenbrust Aufsteigend, rasch verjüngt zum kleinen Haupte, Mit diesen großen, funkelnd starren Augen, Gläsernen (wie bei Käfern) und den breiten Großoffnen Nüstern, innen glühend von Rubin, Und immer anmutvoll (uralter Würde
Erlaüchter Ahnen eingedenk): im Stand die Füße Leicht voreinander, und die Schenkel schwenkend, Tänzelnd im Gang, wie Jeftas Tochter: nie Wird mir dein Wuchs vergessen sein, du zarte Tochter der Wüsten, scheue, feurige,
Wie Samums Wirbel heiß, — wo bist du nun?
Wenn ich in ihren weichen Gängen —, nein, wenn ich anreitend an keinem Regen ihrer Gliedmaßen, sondern nur an der Veränderung und am Sichbewegen der Dinge umher mein Vorwärtskommen bemerkte; wenn ich in die See reitend über das unterirdische Murren und Donnern in ihrem Leibe erschrak — so lebendig wie in mir selbst —, den Anfang des Wieherns, mit dem sie überrascht auf die Weite antwortete; wenn beim unendlichen Hinjagen mein Körper mir in dem ihren schwand, das Hin- gleiten aber so eben war, daß an der Wahrheit jenes Vergleichs mit dem Glase Wasser nur wenig zu fehlen schien: so erfuhr ich das einige Vielerlei, das auf der Erde Lust und Ruhm aller Reiterei ist: die Erhöhung über den Boden in die Lüste, das Vogelhafte, die Verschmelzung von Leib mit Leib und zugleich die geistige Erhöhung durch die Beherrschung. Denn eben darum hat die leibliche Verschmelzung mit dem Tier nichts von Erniedrigung, weil der Menschenwille nur bewußt wird und steigt; nicht der Reiter verringert sich in das Tier, sondern sein Bestes aus ihm in sich einziehend steigert er sich und mehrt sich. Mögen etliche — wie einst Goethe — in dem ganz oder teils Tiergestaltigen der indischen und ägyptischen Gottheiten eine Verirrung sehn und verabscheuen; den Grund zu solchem Meinen bildet die Anmaßung, die Verwandtschaft zu leugnen, deren jene Völker noch demütig bewußt waren, nicht ohne Mitwirkung des Christentums, das den Menschen emporwürdete über das entseelte Tier. Bei Goethe selber sprach dies Letzte wohl weniger mit als seine Verwandtschaft mit dem Griechen, der das Maß des Menschen so weit erhob, daß er das Tier dem Gott nur zum Begleiter ließ oder ihm nur die zeitweilige Verwandlung — in Stier oder Schwan — erlaubte. Aber wenn nicht der lange Zeitenweg und unsere Beweglichkeit uns so weit von der Verwandtschaft der Pflanze trennte, daß {eins der ältesten Völker sie zu vergotten dachte: ein Gott in Palmengestalt, eine Göttin mit Brüsten aus Rosen hätten auch Goethe überzeugt und gefreut; und auch die Lilie der Legende könnte nicht so nah bei der Jungfrau stehn, wäre die Göttin nicht lilienhast.
Aber von solchem Schimmer im Menschentraum ist zu dem wirklichen Pferd nichts gedrungen. Nichts auch davon, daß der Germane feinen höchsten Gott mit ihm beritten machte und es durch ihn heiligte; auch dem Gotte geopfert, starb es (einen kleinen, ihm kaum bekannten Tod. Unter dem Namen Santata ging es mit dem Buddha in feine Sage ein, und als Pegafos erhielt es Flügel an (eine Flanken, nicht als ob es ihrer bedurft hätte, um dadurch mehr zu werden, sondern als Zeichen, daß der Vieles wissende, der sinnlich immer geistige Grieche auch die Geistigkeit wußte, die der Schnelligkeit und Raumüberwindung innewohnt. Wir aber entdecken hier einen Vorzug des Rosses der es zu uns über jedwedes andere Tier erhebt. Denn auch die beste Gabe, die das uns nächste unter den Tieren, die der Hund uns bietet: Geselligkeit, die uns erheitern und trösten kann, bleibt eine Angelegenheit des Gemüts und bleibt daher zurück hinter der fruchtbaren wirksamen Verbundenheit, hinter dem Anteil des Pferdes an der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Zu Roß sind die großen Wanderungen der Völker, der germanischen und skandinavischen Stämme wie nachmals der Burgunden und Langobarden, der Hunnen und Goten, der Normannen und Sachsen geschehn und nur durch das Roß möglich geworden. Zu Roß zogen die Kaiser und ihre Heere ihrer Sehnsucht zum goldenen Süden nach; auch das Roß trug das Kreuz, und das Roß eroberte unendliche Länder für den Koran. Im Wagen und auf Rosses Rücken lernte der Mensch zu reifen, überwand er die Fremde, fand er sich Freunde und fand wieder zurück zu den Getrennten; es wurde zu Land fein Schiff, es überwand für ihn Grenzen, Ströme, Ebenen und Gebirge. Ihn auf seinem Rücken leiblich erhöhend, erhöhte es ihn auch geistig, auch seelisch, machte ihn freier und kühner, machte den Reiter ritterlich, ja, cs schuf diese Tugenden, die — heute vielleicht vergessen ober barbarisch scheinend — doch einmal Tugenden waren, die wir unter den ritterlichen verstehn, und die auch den Griechen vor Troja wahrscheinlich deshalb fehlten, weil sie nicht ritten, sondern fuhren (siehe Achills und der übrigen Helden Verhalten an Hektors Leichnam), obgleich auch auf Achills wagenziehenden Rossen das Auge des höchsten Gottes mit Anerkennung und Mitleid ruhte. Der Hund, soviel Güte wir ihm zu danken haben, wir haben ihn aus feiner allgemeinen Tierniedrigkeit doch nicht losmachen können, und fein


