Ausgabe 
15.5.1931
 
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Da zerging -er grausige Anblick, ohne daß eine Bewegung wahrzunehmen gewesen wäre; und der Maler sah jetzt ebenso deutlich wie vorher den Kopf die ferne Baumsilhouette, die fast den gleichen Umriß bildete. In diesem Augenblick veränderte der Hund seine Stellung, lief zu seinem Herrn, sprang an ihm wie schutzsuchend herauf, wandte den Kopf noch einmal zum Fenster und stellte sich dann erwartungsvoll vor seinen Herrn, wie ers vor dem Ausgehen zu machen pflegte, wenn der Herr den Mantel anzog. Er schien seinen Herrn, der das über seinem nachwährenden Schreck nicht bemerkte, geradezu zum Weggehen zu drängen.

Na, da soll doch", fuhr es dem Maler heraus, in den jetzt Be­wegung kam.Was war das, Spitzchen?" Der Hund sah seinen Herrn an und wedelte und drängte, während er endlich entschlossen seinen Revolver vom Nachttisch nahm und zum Fenster ging. Die Scheiben standen groß und leer im Mondlicht. Er öffnete und sah in den Garten hinab. Wege und Beete lagen still und hell. Es war nichts von einem Menschen zu sehen, auch nichts von einer Vorrichtung, die so schnell nicht entfernt sein konnte, an der Hauswand bis zum Fenster hinauszukommen.

Er sah noch einmal hinab, ob sich die Büsche irgendwo bewegten. Sie standen reglos und schon ein wenig herbstlich entlaubt im Mondlicht. Leise schloß der Maler das Fenster und ging mit dem Hund und Revolver aus den Treppenflur, um auch dort nachzusehen. Der Spitz, der sehr wachsam war und gut witterte, umwedelte und bedrängte ihn noch immer zum Weggehen, gab aber, als sie aus der Ateliertür traten, nicht das mindeste Zeichen von Aufmerksamkeit; im Hause selbst konnte also niemand sein. Das Hinaussehen aus dem Treppensenster, bis unter dessen Gesimse sich neben der Haustür Weinlaub emporrankte, brachte auch kein Ergebnis. Wie nach der Atelierseite lag Nähe und Weite ruhig schweigend da, wie mit offenen Augen schlafend. Nach einer Weile schrie irgendwo ein Stein­kauz. Der Maler überlegte zumal der Spitz noch immer die größte Lust zum Weggehen zu haben schien, ob er sich anziehen und wenigstens den Garten absuchen solle, verwarf den Gedanken aber wieder aus begreiflicher Aengstlichkeit. Nur wachbleiben wollte er und aufpassen, ob sich noch etwas rühren würde in dieser Nacht.

Dann aber wurde er über die ganze Störung ärgerlich, erklärte sie für abgetan, schob des Hundes Polster bis vor sein Bett und legte sich nieder schlief auch nach einem wiederholten Ausschauen und Horchen aus seinen'Kissen wieder ein. Bis zum Morgen kam keine Störung mehr. Als es Tag war und die Sonne hell vor seinem Werkstattfenster im Garten lag, war er schon bereit, über die ganze Sache zu lachen. Während er arbeitete, klopfte es unten am Tor. Er zeichnete erst noch ein paar Striche, ehe er sich die Stiefel anzog und hinunterging, um aufzumachen. Es mußte die Bäuerin sein, die ihm morgens von ihrem nicht allzuweiten Gehöft die Milch brachte. Als er herunterkam, war niemand mehr da. Es stand auch keine Milchkanne vor der Tür. Er schlenderte die Straße bis zum nächsten Ouerweg hinunter, in dem ein Brunnen war; da tränkte die Bäuerin manchmal ihren Esel. Schon von weitem hörte er Stimmen und sah, als er umbog, eine Gruppe von Leuten beisammen- stchen, die erregt sprachen und zwischen sich auf den Boden sahen. Zwei Gendarmen waren dabei.Ist was passiert?" fragte er, als er näherkam.

Es ist einer ermordet worden heute nacht", antwortete einer der Leute, und der Gendarm fragte ihn, ob er etwas Auffälliges auf seinem Heimwege gesehen oder nachts in der Nähe seines Hauses Hilferufe gehört habe. Er wollte seine Gespenstergeschichte, an die er selber nicht mehr glaubte, hier vor den Leuten nicht erzählen, und sagte nur, daß ihm ein Mann begegnet sei, und daß ihn in der Straßenbahn einer nach dem Wege zum Valle di Giorgio gefragt habe.

Haben Sie den Mann, der Ihnen begegnet ist, so genau gesehen, daß Sie ihn wiedererkennen würden?" Nein, aber immerhin habe er Anhaltspunkte. Er habe gesehen, daß er bärtig war.War es der?" fragte der Gendarm und deckte den mit einem Sack verhüllten Körper der am Boden liegenden Leiche auf. Dem Maler, den schon das Zusammen­treffen seiner merkwürdigen Traumerscheinung mit dem Verbrechen, das hier entdeckt worden war, aufgeregt hatte, versagte die Stimme. Genau so wie am Fenster: mit offenen Augen, etwas Blut an der linken Schläfe und zusammengeklebten Haaren starrte ihn der bärtige Kopsen. Und jetzt begriff er auf einmal den Ausdruck dieses Gesichts, das noch immer eine Seele widerzuspiegeln schien: es war ein Hilferus, ein Herbeizwingenwollen des nächsten Menschen zur Rettung. Und wie er das erkannte, schien der Ausdruck des Kopfes in Vorwurf überzugehen, der den Maler erschütterte: sein Hund, dessen Benehmen er in der Nacht nicht beachtet hatte und das ihm jetzt klar wurde, hatte dem Bedrängten, der nach Schutz suchte, zu Hilfe eilen wollen, und er, der Herr, hatte es in seiner Angst um sich selber nicht verstanden.

Der Maler schämte sich und sagte endlich tonlos zu dem Gendarmen: Ich glaube, dieser Mann war es." Dann erfuhr der Maler aus weiteren Gesprächen, daß der Ermordete, ein ehemaliger Schäfer aus Albanien, ein Sonderling war, der behauptete, er besitze die Gabe des zweiten Auges, wisse die Zukunft voraus, und könne Krankheiten mit Sympathie heilen. Er habe manche Schicksale sehr gut vorausgesagt, auch einmal einen großen Brand, der in derselben Stunde geschah, so deutlich geschildert, als sähe er ihn, während die Brandstelle über zwanzig Meilen entfernt lag. Einer sagte:Um so merkwürdiger ist es, daß er dann nicht diesen Weg vermieden hat, der ihn zum letzten wurde!"

Da brachte der Gendarm, der den Tascheninhalt des Ermordeten durch­suchte, einen Zettel ans Licht, auf dem stand:Ich gehe jetzt einen schweren Weg. Vielleicht kehre ich nicht heim, rette aber ein anderes Leben."

Die Mörder wurden bald darauf verhaftet. Es waren mehrfach vor­bestrafte Kerle, die in der Gegend als Wegelagerer bekannt waren. Sie gestanden ein, daß sie den deutschen Maler hätten Überfallen und dann in aller Ruhe seine ganzen Habseligkeiten aus dem verlassenen Hause fort« schaffen wollen. Sie hätten sich aber in der Person geirrt, so daß ihnen der Richtige entkommen sei.

Der Maler zog noch am selben Tage in einen Gasthof der Stadt und kehrte bald über die Alpen nach Deutschland zurück.

Oer Maler Spihweg.

Von Wilhelm B o e ck.

Wenige deutsche Künstler haben es in ihrem Vaterlande zu solcher Popularität gebracht wie Spitzweg, und es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß er diesen allgemeinen Ruhm sehr wesentlich dem volkstümlichen Inhalt seiner Bilder zu verdanken hat. Doch auch den- enigen, der sich im besonderen mit Kunst beschäftigt, gilt heute der be« cheidene Münchener als einer der geschätztesten Meister des 19. Iahr- ;underts. Wie dem Kunsthistoriker für diese Wertung nur die künstle­rischen Eigenschaften von Spitzwegs Meisterarbeiten maßgebend sind, so pielt aber gewiß auch im Urteil des Publikums, ohne daß es zum Bewußtsein zu kommen braucht, das Künstlerische neben dem Inhaltlichen eine bedeutende Rolle. Käme es auf dieses allein an, so hätten manche einer Zeitgenossen, die es verstanden, durch den Gegenstand zu inter­essieren, weit berühmter werden müssen. Denn Spitzweg war keines­wegs der einzige, der solche Motive behandelte, wie jeder sie ohne nähere Beschreibung aus seinen Werken kennt. In Wahrheit beruht die an­sprechende und überzeugende Wirkung seiner Bilder weder auf dem einen noch auf dem andern, sondern auf_ber absoluten Uebereinftimmung, die zwischen Inhalt und Form herrscht. Sie ist auch bei Spitzweg insofern historisch gewährleistet, als er seine Form in keiner Weise zufällig in einem wohlrenommierten Atelier erlernte, sondern als Autodidakt allein auf eigenen Pfaden suchte und fand. Und wo er sich von fremder Art anregen ließ, da war sie seinem Wesen so absolut gemäß, daß man von fremd" eigentlich gar nicht sprechen kann.

Man darf sich nun keinesfalls vorstellen, als habe Spitzweg voll von Vildgedanken gesteckt, für deren Verwirklichung er nach einer geeigneten Form ausgeschaut habe. Beide Faktoren haben sich vielmehr zusammen und aneinander entwickelt. EineEinstellung von vornherein" lag Spitzweg zu jeder Sache vollkommen fern, ja er besaß von vornherein überhaupt nicht einmal eine Einstellung zur Kunst, deren eigner Genius sich ihm wie ein Frühlingsblümchen in der Erde solange verbarg, bis einmal die Sonne besonders warm auf den fruchtbaren Boden herab- schien. Das war, als Spitzweg nach seinem pharmazeutischen Examen und einer schweren Erkrankung stille Tage im Kurbad Sulz am Peißen­berg erlebte. Von der beschaulichen Gesellschaft, die er dort antraf, wurde er auf künstlerisches Arbeiten aufmerksam und selbst zu praktischen Ver­suchen bewogen. Einer dieser Feriensreunde brachte ihn dann auch in München selbst mit der Künstterschast, darunter Schwind und Schleich, zusammen, und so kam er von seiner neuen Tätigkeit nicht mehr los. Er selbst hatte aber auch nicht mehr die geringste Lust, zu seinen Apothekertöpfen zurückzukehren, und lieh seine wissenschaftliche Vor­bildung Vorbildung sein; er hatte, so schien es ihm, nun ein besseres Los erwählt. Kurz vorher war fein Vater gestorben, so daß auch von feiten seiner in München wohl angesehenen Familie kein Einwand gegen die plötzliche Umkehr erfolgte. Ueberbies setzte ihn bas Vermögen seines Vaters inftanbe, fein ganzes Leben über in Ruhe unb Sorglosigkeit zu schassen.

Die späte Erleuchtung, bie Spitzweg in Sulz erfuhr, war bafür aber eine gründliche und wurde von ihm selbst vollauf ernst genommen. Wenn er sich auch wohl zu seinem Glück zu alt vorkam, um nun noch einmal die Malerakademie zu besuchen, so versäumte er doch keines­wegs, sich gewissenhaft zu bilden: Er reifte. Nach London, Paris, Ant­werpen, Venedig führten ihn seine Studienfahrten und bereiteten einen großen Reichtum verschiedensten alten und neuen Kunstgutes vor ihm aus, aus dem er sich Anleitungen herauswählen und seinen Wünschen gefügig machen konnte. Das tat er denn auch ausführlich, ohne dabei ja feine persönlichen Ziele aus dem Auge zu verlieren. Bei dieser Gründlichkeit und da er verhältnismäßig spät angefangen hatte zu arbeiten, gelang es ihm erst als Vierzigjähriger (er war 1808 geboren unb starb 1885), ben Stil ben er sich selbst erarbeitet hatte, vollkommen zu meistern.

Mannigfaltigefrembe" Elemente waren in biesem Stil aufgegangen: In Paris fanb er bei bem Spanier Narcisse Diaz Aehnliches verwirk­licht wie er selbst erstrebte, in ber Hauptsache aber hing sein Blick an ben belitaten Arbeiten verschobener alter Meister. Gefiel ihm in Venebig an Guardis Silbern die akzentuierende Verteilung der bunten Farb­fleckchen und die anmutige Verbindung von Architektur und Staffage, so waren ihm als Landschafter die Holländer und unter ihnen die Ver­treter der Schule von Haarlem besonders vorbildlich. Von Ruisdael nahm er den kräftigen Wechsel von Licht und Dunkelheit, von Brouwer die an­spruchslosen sandigen Motive. Den tiefsten Eindruck unter allen muß indes Rembrandt auf ihn gemacht haben, so wenig er selbst sich mit ber Größe biefes Einzigen zu vergleichen vermessen hätte, unb so wenig auch wir ben Gehalt beiber in Beziehung setzen können. In Komposition und Technik verdankte er ihm aber Außerordentliches, wenn auch das meiste sich selbst. Denn uns scheint Spitzweg mit Recht als etwas ganz Un­abhängiges, Eingeborenes, Selbständiges von unverkennbarer Eigenart und Einmaligkeit. Er scheint es uns so sehr, daß wir darüber leicht die Vielseitigkeit seiner Begabung und seiner Werke vergessen, die sich als eine notwendige Folge seiner vielseitigen Umschau zeigen mußte.

Ebenso unerschöpflich wie die Reihe seiner Gegenstände, die er jeden Augenblick mit seinem geschulten Auge ergriff und aus seiner zarten Phantasie wie beweglichen Bildung ergänzte, ist auch die Fülle seiner Ausdrucksweisen. Diese liegen im großen und ganzen zwischen zwei Polen, bem Realistischen unb bem Märchenhaften. Dem entsprechen auch bie beiben Farbgruppen in seinem Silbe: Einmal verwenbet er die trüben dunklen Erdfarben, wie er sie bei den holländischen Landschaften gesehen hatte unb wie sie anroenbbar sind, um den trüben irdischen Lebensgang schlicht unb recht abzubilben.

Auf ber anberen Seite aber besitzt ber Gesinnungsgenosse Moritz von Schwinds auch bie sonntägliche Fähigkeit, mit Farben, die so hell und licht sind, daß sie in dieser Reinheit im Gesicht ber Erbe kaum erscheinen, ein unwirkliches Dasein hervorzuzaubern. Wie bie Personen feiner Silber manchmal tief im Staub zu waten scheinen unb bann roieber phantastisch beschwingt einer besseren, ungetrübteren Welt an­gehören, so gibt es auch in feiner Malweise tausenb Zwischenstufen vom