Siehener KmilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Ml Freitag, den 15. Mai Nummer 38
Oer Kopf im Fenster.
Erzählung von Wilhelm von Scholz. Copyright 1931 by I. L. A. Wien.
Heute abend strahlt der Himmel...
Von Theodor Kramer.
Heute abend strahlt der Himmel über allen Gassen klar;
heute abend ist der erste warme Tag in diesem Jahr.
Ohne Hut und ohne Weste ist es heut ein leichtes Gehn; Tau netzt die Kastanienäste und die Blütenkerzen wehn.
Würzig ist die Luft und flüssig, vor den Schenken ist es voll; gerne wird man heut nicht schlüssig lang, wohin man gehen soll.
Wo man hinkommt, sind die Leute heut gefällig und zur Hand;
jeder Schilling, den man heute ausgibt, ist gut angewandt.
Leicht bekömmlich ist der Braten, und der Wein macht heut nur klar; heute abend ist der erste warme Tag in diesem Jahr.
Ein junger deutscher Maler, der um die neunziger Jahre in der Nahe Roms allein in einem kleinen Weinberghaus lebte, kam in einer schönen, klaren Mondnacht, nachdem er mit ein paar Kunstgenossen lange beim Wein zusammengesessen hatte, gegen die zwölfte Stunde nach Haus. Er ging seinen nicht ganz kurzen und sehr einsamen Heimweg, der bei der letzten Haltestelle der Straßenbahn begann und dann meist zwischen hohen weißen Mauern hinführte, oft spät bei Nacht, auch wenn kein Mond schien, und stets ohne Furcht. Er war nicht reich, trug nichts Kostbares bei sich, sah mit seinem braunen Ilmhängemantel und dem breitkrämpigen Hut für Räuber wenig verlockend aus und hatte, was ebenfalls wichtig ist, auch kein Liebesverhältnis in Rom. Warum sollte er Furcht haben? — Er dachte an seine Braut in Deutschland, trug fast immer einen Brief von ihr in der linken inneren Westentasche dicht über dem Herzen, redete manchmal mit seinem kleinen Hunde, einem Spitz, der sich nie weit von seinem Herrn entfernte. Der Maler hatte auch einen, seit er ihn vor Jahren kaufte, nie abgeschossenen Revolver bei sich. Warum also Furcht?
Nur wenn er an der Gartentür seines Hauses ankam, fürchtete er sich so lange bis er aufgeschlossen hatte, d. h. er redte sich mit fast behaglichem Gruseln selber Furcht ein, spielte mit dem Gedanken, daß um die Erke — die hohe Mauer bog etwa fünf Meter hinter der Tür nach hinten in einen schmalen Weinbergsweg um — plötzlich ein Kerl hervorstürzen und ihn am Aufschliehen verhindern könnte. Darum hatte er immer öte Schlüssel schon aus der Tasche, ehe er an das Psortchen kam, und schloß so schnell als möglich auf, wobei er oft genug mit dem Glimmlicht seiner. Zigarette das Schlüsselloch suchte. Dann schloß er ebenso schnell hinter sich zu und fühlte sich geborgen, hatte fast ein Bedauern darüber, daß nun fein Wegelagerer an die verschlossene Eisenpforte vergeblich anrannte. Er ging mit seinem Spitz ins Haus, nahm, wenn er die Haustür aufgeschlossen hatte, den Kerzenleuchter, den er links auf den abgetretenen Ziegel liefen bereitgestellt, machte Licht, prüfte den Turverschluß der ebenerdigen Räume, die mit Ausnahme der kleinen Küche kalt waren, und die er nur zum Abstellen von Gerät, Bildern, Spannrahmen, Kisten und Gerümpel benutzte, und stieg dann die knarrende Treppe in den ersten und einzigen Stock hinauf, wo sein Atelier und sein kleines Schlafzimmer sich befanden. Das Schlafzimmer war eigentlich mehr ein Alkoven, der immer zur Werkstatt offen stand, so daß man vom Bett aus das große eingebaute Fenster und darin die Sterne ober die erglühenden JKorgenwolken sehen konnte. ,
Sein heutiger Heimweg war nicht so ganz ohne Beunruhigung gewesen. Cs war zwar nichts Greifbares geschehen, und vielleicht war der Maler nur durch ein Gespräch über unheimliche Dinge, welches die Freunde
gepflogen hatten, ein wenig aufgeregt, so daß ihm Dinge als besonders vorkamen, die immer gewesen sein mochten, und die ihm nie aufgefallen waren. Einmal allerdings bellte sein Spitz auch in einen dunklen Gang breitäftiger Linden hinein, an dem der Weg etwa 300 Meter vor seiner Wohnung vorbeiführte. Viel harmlosere Dinge hatten ihn aber schon vorher in eine ihm ganz ungewohnte ängstliche Aufregung versetzt. Zunächst hatte ihn noch in der Straßenbahn ein etwas verwegen aussehender Mann, der Erdarbeiter oder dergleichen sein mochte, nach dem Valle San Giorgio gefragt, einem gänzlich einsamen Tälchen mit einer Kapelle, zu dem der Weg nicht weit hinter seinem Hause vorbeiführte, und das so spät in der Nacht aufzusuchen kein vernünftiger Grund auszudenken war. Das beschleunigte etwas seinen Schritt gegen sonst, als er ausgestiegen war, und hielt ihn ausnahmsweise einmal in Vorstellungen von möglichen Gefahren auf seinem Wege, so daß er seinen Revolver in der Tasche entsicherte, sich auch mehrmals umsah, ob jemand ihm folge.
Nun fing sich der harte Schall seines Schrittes auf dem Feldsteinpflaster bei der weiten Nachtstille oft deutlich vernehmbar im Echo der Wegbiegungen. Da hielt der Maler jedesmal an, der Echoschritt auch, der sich nachklappend wieder in Bewegung setzte, sobald der späte Wanderer erneut zu gehen begann. Das dauerte längere Zeit so fort, und der Maler fing schon an, sich einen Angsthasen zu schelten und seinen guten Humor wiederzufinden, als er plötzlich bei einer Biegung vor sich auf dem Wege einen Mann gehen sah, der sich einmal nach ihm umwandte und dann mit gleichmäßigen langsamen Schritten nach rechts obbog. Er hatte das bärtige Gesicht des Fremden bei dessen kurzer Kopfwendung nur sehr undeutlich sehen können. Aber die Gestalt, ein gedrungener mächtiger Mann, war ihm mit ihrem ganzen bewegten Umriß eindrücklich bewußt geworden, und auch das Schreiten des Schattens an der Mauer, von der er bann auf bas.Pflaster des Weges hinabglitt, um [einem Herrn langsam in den Seitenweg zu folgen, hatte er bemerkt.
Von diesem Augenblick an hob sich die Stimmung des Wanderers, der Maler siegte über den Angsthasen, fand plötzlich, daß der Fremde ungefähr eine solche Gestalt sei, wie er sie schon lange — erst neulich wieder auf dem römischen Modellmarkt — für sein neues Figurenbild einer nächtlichen Rivalenszene suchte, und bedauerte, das Gesicht des Bärtigen nicht genauer gesehen zu haben.
Zu Hause angekommen, holte der Maler aus einem Winke! seiner Werkstatt sofort die große Pappe mit der Skizze seines Rivalengemäldes hervor, stellte sie auf die Staffelei und umriß mit Kohle die Gestalt des bärtigen Mannes. Er hatte die ihm noch fehlende Figur ursprünglich als den Angreifer gedacht, der von einem Mauereck verborgen auf den am Tor sich eben zärtlich verabschiedenden Liebhaber der ungetreuen Frau mit gezogener Klinge wartet. Nun verschob sich ihm, ehe er sich's versah, die ganze Idee. Der Bärtige mußte der Angegriffene sein und zwei mußten ihm auflauern. Er nahm einen großen Zeichenblock und skizzierte den neuen Gedanken flüchtig, jetzt rasch ermüdend und mit dem sehnlichen Wunsche, ins Bett zu kommen. Der Spitz hatte sich längst auf fein Polster in der Nähe her Tür hingestreckt und schlief.
Ehe er ins Bett ging, stand er vor dem hohen Fenster still und sah in die Mondnacht hinaus. Die Wipfel einiger Ulmen filberten in leichtem Wind, den man nicht hörte. Der Maler genoß wohlig die ganz einsame Lage seines Hauses; roeitum war keine andere Menschensieblung zu sehen. ' Unten in dem ungepflegten Garten lag der schwarze Mauerschatten und ein Stück scharfer Dachschatten des Hauses. Er öffnete eine Scheibe, atmete einmal tief, sah die glatte Hauswand hinab bis zum Boden, der im Mondschein'mit seinen kleinen Erhebungen und Senkungen merkwürdig plastisch aussah, schloß das Fenster und ging zu Bett; schlief auch gleich ein.
Er wußte nicht, wie lange er geschlafen, und was er geträumt hatte, als er plötzlich aufwachte, sich aufrichtete und sich besann. Ihm war so, als ob er geträumt hätte: irgend etwas Wirres, Aengstliches. Er wollte sich beruhigt wieder umlegen, aber warf vorher nur schnell noch vom Bett einen Blick ins Atelier hinein, in das jetzt ein Lichtstreifen des vollen Mondes fiel. Da sah er seinen Spitz mitten im Raum stehen, ganz vor- geftretft, den Kopf nach dem Fenster gerichtet, ohne zu bellen. Das war sonst die Art des Hundes nicht. Der Maler rief ihn leise an. Der Spitz schien nicht im minbesteik zu hören und veränderte seine gespannte Haltung nicht. Da hob der Maler den Blick nach dem Fenster, auf bas ber Hund zu starren schien. Durch bie Scheibe sah mit einem angstvoll verzerrten Gesichtsausdruck ber Kopf bes Bärtigen herein, als hätte sich ber Mann bis zur Brusthöhe am Fenstersims emporgezogen. Das starkknochige, verwilderte Gesicht war mit seinem wilden Haar und Bart bis in alle Einzelheiten ganz deutlich zu erkennen. Die Augen waren angstvoll auf- gerissen, ber Mund wie hilfeflehend geöffnet, so daß man die Zahne sah. An der linken Schläfe schien das Haar etwas zu kleben und Blut herunter» zutropfen. Don den Händen, die sich noch hätten am Fensterstein halten müssen, war nichts zu sehen; die Oberarme lagen gerade am Körper an. Es sah dem Maler jetzt so aus, als würde der Mann von unten vor die Scheibe geschoben, wie er da reglos starr in bas Fensterbild hineinragte.


