Ausgabe 
16.2.1931
 
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GietzenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1951

Montag, den l6. Februar

Nummer 1<

Gigerlette.

Von Otto Julius B i e r b « u m.

Fräulein Gigerlette Lud mich ein zum Tee. Ihre Toilette

War gestimmt auf Schnee; Ganz wie Pierrette War sie angetan.

Selbst ein Mönch, ich wette, Sähe Gigerlette Wohlgefällig an.

War ein rotes Zimmer, Drin sie mich empfing, Gelber Kerzenschimmer In dem Raume hing.

Und sie war wie immer Leben und Esprit.

Nie vergeß ich's, nimmer: Weinrot war das Zimmer, Blütenweiß war sie.

Und im Trab mit vieren Fuhren wir zu zweit In das Land spazieren. Das heißt Heiterkeit.

Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf, Saß bei dem Kutschieren Mit den heißen vieren Amor hinten auf.

Die blaue Gräfin.

Eine Karnevalsgeschichte aus dem alten Berlin.

Von Ossip D y m o w.

(Nachdruck verboten.)

Die Geschichte, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin passierte, ist, wie unzählige andere, heute ganz vergessen. Längst versank in das Reich der Schatten die kleine Baronin Pgnes v. K-, ihr finsterer, eifersüchtiger Gatte, ihre beiden glänzenden Kava­liere, die miteinander um ihre Gunst wetteiferten, und auch ihre Ri­valin, die man die blaue Gräfin nannte. Seinerzeit aber wurde in der hüchsten Gesellschaft viel darüber getuschelt und gelacht. Denn die fünf Mitwirkendcn waren allzu bekannte Persönlichkeiten in den hohen und höchsten Kreisen.

Baron v. K., Sproß eines alten und einflußreichen Geschlechts, hatte sich im Sommer als lediger und vollkommen unabhängiger Mann nach Ostende begeben und kehrte als Gatte einer reizenden Blondine, halb Schwedin, halb Deutschs, zurück. Bon den ersten Schritten an, die sie auf ihrem ehelichen Wege machte, spannte sie ihren Gatten fest ins Geschirr ihres Willens ein, und der düstere, selten lächelnde Riese ließ sich widerspruchslos von der anmutigen Lenkerin leiten.

Die fröhliche, leichtsinnige, lebenslustige Agnes wußte nicht, was sie mit dem Ueberschuß ihrer Energie beginnen sollte. In jenen Zeiten gab es weder Autos noch Sport, noch die vielseitigen öffentlichen Spiele der heutigen Jugend. Den Frauen war nichts anderes erlaubt als Reiten uni) Tanzen. Diesen beiden Beschäftigungen gab sich die kleine Baronin mit aller Begeisterung und Leidenschaftlichkeit ihrer Natur hin. Da ihr Mann ein wenig hinkte, war sie gezwungen, sich nach anderen Partnern umzusehen. Diese fanden sich auch bald und wurden zu ver­schiedenen Diensten verwendet: Graf A. zum Tanzen, Baron S.-B. zum Reiten.

Der kleine Graf A., der entzückend den damals so beliebten Walzer tanzte, ritt natürlich auch keinesfalls schlechter, als Baron S.-B. An­dererseits konnte der kräftige, athletisch gebaute Baron einen ebenso vor­züglichen Tanzpartner abgeben. Aber die Baronin sand, daß jedem das seinige zukomme, und daß auch in diesen Dingen Ordnung sein müsse, lind so lange sie es in dieser Weise hielt, wagte sich keine böse Zunge an ihren guten Rus heran.

Auch die beiden Nebenbuhler begriffen, daß bei dieser Lage der Dinge die Chancen für den einzelnen geringer seien, und jeder von chnen bemühte sich, den anderen aus dem Sattel zu heben, um dessen , Stelle selbst einzunehmen. Ihr Kampf trug jedoch einen durchaus freund- chaftlichen Charakter, denn der Baron S.-B. hatte unter seiner Obhut eine junge, entzückende, früh verwaiste Kousine, die er allzu gern dem Grafen A. vermählt hätte. Die Sache war bereits im besten Gange, als

die unerwartete Leidenschaft des Grafen zur Baronin Agnes diese aus­sichtsreiche Heirat in Frage stellte.

Der Karneval kam heran. Er wurde damals mit viel größerer Hin­gebung, noch lustiger und ausgelassener gefeiert, als heute. Die Aus­wahl der Maske, des Kostüms, all das war eine große Wichtigkeit. Die kleine Baronin hielt das Kostüm, in dem sie das große Masken­fest besuchen wollte, vor allen geheim. Keiner von ihren Verehrern, nicht einmal der eigene Mann, wußte, wie sie sich kleiden würde. Natürlich fiel es ihr am schwersten, dies vor ihrem Gatten zu verbergen, und es kann sein, daß sie selbst es war, oder auch ihre Zofe, die sich verplappert hatte, sie würde in V l a u erscheinen ...

Ihrer Bitte gemäß fuhr Baron von K. an diesem Abend voraus und Agnes folgte ihm eine Viertelstunde später. Die reizende Türkin in blau zog sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ging gleichgültig an ihrem Mann vorbei, der sie von oben bis unten ansah und, sich an die ihm verratene Farbe erinnernd, sofort annahm, daß er seine Gattin vor sich habe. Im übrigen hatte er dasselbe bereits von einer Ungarin, von einem schlanken Husaren und vielen anderen geglaubt.

Die Türkin verschwand sehr bald aus seinem Gesichtskreis. Ab und zu schien sie in der Ferne aufzutauchen, wurde aber immer wieder von der wogenden Menge verdeckt. Plötzlich sah er, wie sie mit dem kleinen Grafen tanzte.

Natürlich ist fie's!" dachte er verstimmt und wollte auf sie zugehen, als wieder tanzende Paare sich vor ihn schoben und sie in dem lustig­bunten Tanzwirbel untertauchte. Eisersucht zehrte an seinem Herzen. Wo war nur seine Frau geblieben? Und wo war Gras A.? Sie steckten anscheinend irgendwo zusammen. Da geht der hohe, breitschultrige S.-B. vorbei. Auch in seinen Augen glaubt der Baron jenen Ausdruck neid­voller Eifersucht zu bemerken, die ihn selbst so quält. Von diesem Augen­blick wird ihm noch trauriger zu Mute.

Beklommen stieg er in die Galerie hinauf. Hier pflegten sich leicht­sinnige, Einsamkeit suchende Pärchen in schattigen Ecken zu verbergen. Aber es kam selten vor, daß eine Dame der hohen Gesellschaft sich dahin verirrte. Im Halbdunkel, hinter einer Säule erblickte der Baron von weitem die anmutige blaue Türkin. Sie hatte ihre Maske halb hinauf­geschoben und ihr Mund preßte sich in einem langen Kuß auf die vollen Lippen des kleinen Grafen. Eine Sekunde später bemerkte die Türkin, daß sie beobachtet wurde, ließ die Maske hinab und schlüpfte wie eine Eidechse die Treppe hinunter. Hinter ihr verschwand auch der Graf.

Abermals begann der Gatte zu suchen. Sein vor Eifersucht verzerrtes Gesicht war so ausfallend, daß die lustigen Frauenmasken erschreckt vor ihm zurückwichen und die Männer ihm betroffen Platz machten. Seine Bekannten aber guckten sich an und sagten:Da muß etwas geschehen sein ..." Er schritt, wie ein Schlafwandler durch die Menge, den drohen­den, dunklen Blick starr vor sich gerichtet. Zuweilen schien es ihm, als träumte er einen schweren Traum und seine Gedanken verwirrten sich ... Er sah furchterregend aus und man tuschelte bereits um ihn herum.

Plötzlich hielt ihn jemand freundschaftlich an, und eine Stimme, die ihn zusammeirzuckenließ, sagte:

Guten Abend, lieber Baron? So allein?"

Bor ihm stand der kleine Graf, die blaue Türkin am Arm, deren Augen ihn hinter der schwarzen Maske anzulächeln schienen.

Der Baron wußte nicht, was er sagen sollte. Jetzt in unmittelbarer Nähe, war er gar nicht mehr so sicher, daß die Türkin seine Frau sei. Er grüßte steif und sie gab ihm ihre Hand. Gierig griff er nach ihr. Nein, diese Hand gehörte ihr nicht ... Aber das blaue ... das blaue Kostüm und der Kuh ...?

Wo ist meine Frau?" fragte er den Grafen.

Ich habe sie soeben erst gesehen ... wenn ich mich nicht irre .. sagte dieser _imö flüsterte ihm vertraulich ins Ohr:

Sagen Sie mir die Wahrheit, sie ist doch in Rot? Eine Zigeunerin?" In Rot?" murmelte der Baron.Ich weiß nicht ... ich dachte ..." Sie sind ein ganz Schlauer!" rief lachend der Graf.Ich habe sie aber doch erkannt! Da ist sie ja! Ich wette ..."

Baron S.-B., dieser erstklassige Reiter, schwebte mit einer roten Zigeunerin in kunstgerechtem Walzer an ihnen vorbei, und man muß gestehen, daß er seine Sache ausgezeichnet machte. Jedenfalls schien seine Partnerin mit ihm zufrieden zu sein. Sie lachte vergnügt und als sie dicht an dem Baron von K. vorbeiflog, zupfte sie ihn am 2(ermel und rief:Ich amüsiere mich glänzend! Und du?"

Beim Klang dieser Stimme taute das Herz des Barons mit einem Schlage auf, er lächelte und schrie erfreut:Ich auch!"

Noch lange stand er da, schüttelte den Kopf und begriff nicht, wie er sich so hatte irren können. Lochend erzählte er später, bei einer guten Flasche Wein, den alten Freunden und machte sich über sich selber lustig.

Und damit hatte diese kleine Begebenheit ihr Ende gefunden, und niemand würde der anscheinend so harmlosen Verwechslung eine Be- beutung beigemessen haben, wenn die junge Gräfin nicht so gern die