Ausgabe 
14.1.1928
 
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GichenerKnnilieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1(928

Samstag, den ty. Januar

Nummer 4

An eine Pappel.

Von Werner Bock.

Du bist so fest mit mir verwachsen, Baum, Wie mit der zähen Erde, die dich nährt. In deiner Krone fasse ich den Raum Des Himmels, morgendlich wie du verklärt.

Mit deinen Wurzeln steig' ich in den Schoß Der Mutter, jeder Quelle zugewandt.

Geheime Kraft des Mittags macht mich groß: So überrage ich das weite Land.

Wenn dir der Abendwind den späten Dust Aus allen Fernen in die Zweige legt. Fühl' ich, wie mich ein Fremdes lockend ruft: Wir lauschen beide stumm und tiefbewegt.

Die Nacht läßt dich allein. In meinem Traum Bist du das All, das von dem Tage ruht. Ich bin so ganz wie du, geliebter Baum: Die stille Welt wiegt sich in meinem Blut.

Kanzler und Somnambule.

Fürst Hardenbergs Altersiragödvk.

Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowfki.

Eine unheimliche Gestalt, wie aus HoffmannsElixiren des Teufels" entsprungen, aber heute vergessen, erschließt FriederikeHähnelsich nur dem Spürsinn des Forschers, der ihr in allen Briefen und Memoiren nachgeht. Und doch hat sie vor hundert Jahren eine tragische Rolle gespielt als letzte Geliebte des greisen Staatskanzlers Fürsten Harden» berg, dessen Lebensabend sie verbittert und den sie schließlich in den Tod getrieben hat.

Friederike Hähnel, eine Bäckers- oder Uhrmacherstochter aus Neu­brandenburg, Nichte desKöniglichen Bratenmeisters Boudin", also mit französischem Blut in den Adern, war als französische Bonne nach Ber­lin gekommen und dort als Somnambule aufgefallen; denn seit den Frei­heitskriegen war der sog.tierische Magnetismus" in Mode gekommen, und die Zeitgenossen wurden von den dunkelste» Erscheinungen des Seelen­lebens, Suggestion, Hell- und Fernsehen, ebenso angelockt wie die Gegen­wart. Die ersten Geister der Zeit, Fürst Hardenberg, Wilhelm von Humboldt und seine Gattin Karnline, Schleiermacher, Gol- ger, Savigny u. v. a., waren Anhänger des Magnetismus ober Mes­merismus, wie man chn nach F. A. Mesmer, dem erst 1815 ge­storbenen Begründer der neuen Heilmethode nannte. Unter den Berliner Aerzten hatte besonders Karl Christian Wolfart sie schon vor dem Kriege verkündet, und feine magnetopathische Anstalt fand immer stär­keren Zulauf. In ihr fand sich auch Friederike Hähnel ein, und so war ve, wie H. v. T r e i t s ch k e in seinerDeutschen Geschichte" berichtet, im Februar 1817dem Fürsten auf einem Zauberabend bei Wolfart be­gegnet und hatte durch ihre krampfhaften Verzückungen sein weiches Herz im Sturm erobert".

Nach diesem vielversprechenden Anfang hatte Wolfarts Kollege und Freund Dr. F. K o r e f f, Hardenbergs Leibarzt und Günstling, Pro- fesior an der Universität Berlin, und seit 1818 auch Bortragender Rat für Kunst und Wissenschaft in der Staatskanzlei, die Somnambule der 1 Fürstin als Gesellschafterin zugeführt, vermutlich, um stets ein bequemes I Medium für feine eigenen Vorführungen und Experimente zur Hand zu haben. Wer er hatte suh gründlich verrechnet.Die verschmitzte, eigen­nützige Betrügerin", schreibt der Chronist jener Zeit, Varnhagen o. Ense, übrigens ein Freund Korefss,betrügt den Fürsten mit Koreff im Einverständnis, und den Arzt selber. Sie wurde darauf des Fürsten Pflegerin Geliebte kann man es nicht nennen." Aber Varnhagen kannte die letzten Intimitäten des Hardenbergischen Hauses nicht. Aus den von mir benutzten Urkunden ergibt sich deutlich, daß sie auch feine Geliebte war und die letzte Lebenskraft des Greifes zerrüttete; das Pflegen war nur ein Vorwand.Unerschöpflich in geheimnisvollen Krankheitserschei­nungen und in den Künsten sanfter Plünderung", sagt Treitschke,be­gleitete sie ihn überall, selbst zu den Kongressen der Monarchen, und ruhte nicht, bis auch seine letzte Ehe, gleich den beiden vorigen, getrennt mürbe.* Umsonst wurde Ko re ff von Freunden, die ihr Spiel durch- Mmten, vor ihr gewarnt; in dieHeiligkeit des Magnetismus" ver- mssen, sah er dis Wahrheit nicht ober wollte sie nicht sehen, und lud mit Erlaubnis des Staatskanzlers sogar den Kultusminister o. Aktenstein z« einer dieser Seancen rin, um ihn von der Wahchrit des Magnetismus »u Überzeugen!

Um diese Verhältnisse im Hause des Staatskanzlers recht zu verstehen, mutz man wissen, daß Hardenberg, so groß er als Staatsmann und als At ormer Preußens dasteht, als Mensch doch ein Kind seiner Zeit war. !

Die» Aufklärung, in der feine Jugend wurzelt, hatte neben vielem Guten auch manch Schlimmes gewirkt und eine bodenlose Sittenverwilderuno geschaffen, die in den nachfolgenden Revolutions- und Kriegszetten w» alles aus den Fugen ging, womöglich noch zunahm. Ehebruch, Mätresse» wirtschaft, häufige Ehescheidungen und Wiederoerheiratungen waren an ber Tagesordnung. So geriet auch Hardenberg, ein schöner und galant« Manu, von einerEheirrung" in die andere. Seine erste Ehe mit ein« dänischen Gräfin Reventlow war zwar durch deren Schuld in bk -Brurfx» gegangen, denn sie hatte eine Liebschaft mit dem liederlichen Prinzen von Wales angeknüpft, aber die zweite Ehe, mit einer Sran Lenthe die sich seinetwegen hatte scheiden lassen, brach er selbst durch fein Verhältnis zu der Sängerin Eharlotte Schönemann die «neu Schauspieler Langenthal geheiratet hatte und Mutter mehrer« Kinder man Es kam nochmals zu einer Doppelscheidung; Hardenbern SU sich und heiratete sie 1807, zwei Jahre nachdem Goethe Christiane Vulpius zu seiner Frau gemacht batte. Die« affo war Hardenbergs dritte Frau, an deren Stelle sich Friederike Hähnel des Fürsten aus seiner ersten Ehe, biege- schiebens Reichsgrafln Sucte v. Pappcnheim, seit 1817 Gräfin P ü ck» fUnö ®atte haben wenig erbauliche Singe über sie berichtet.

Jedenfalls gab sie der jüngeren Nebenbuhlerin in Ton und Auffühnum mcyls nach. '

.®5 'st eine schwüle, ungesunde Stickluft, die uns aus dem Hause bes greifen Fürsten entgegenquillt. Ein Staatsmann, dem die Zügel ent. gleiten, der aber seine Machtstellung bis zum Tode behaupten will, xx* Wen zwei eifersüchtigen Weibern, die fein Alter verbittern und fein Lebe» Ekurzen, die sein Haus mit Gezänk ober mit hysterischen Krampfan. &foeir^*acV basQ alles übertüncht vom Abendglanz eines groß« Mannes, von dem Luxus der vornehmen Welt, von Szenen toller Aw». S^nheit und grellen Spaßen durchgellt, mitMagnetismus", politisch« fii'S.611 fR'Mfen geröroangert ein Dunstkreis, der an die tollst« ?5enen Hoffmannscher Erzählungen gemahnt. Alle, die an diesem Leb« aefh-nft mTrh.'n66 begünstigt, geduldet oder ausgenutzt haben, sind dafür gestraft worden nur Friederike Hähnel nicht.

Wir wüßten gern Näheres über ihr Wesen und ihre Erscheinung, ab« em Bild von ihr nicht nachweisbar, und wir besitzen nichts als bk ®nnnerung5blatter ihrer Landsmännin Luise Mühlbach, die 1814 m Neubrandenburg geboren ist und daher wenigstens die Ueberlieferuna kannte auch die Hahne! als halbwüchsiges Mädchen und viel später, in nnhnS-Äe9e-le^n l'n.b S°h°rtAber sie mischt, wie stets, Roman UlU» Wirttichkeit durcheinander. So soll die Hähnel den Fürsten schon lsen Wiener Kongreß (18141815) begleitet und die Mecklenburgische Ritterschaft soll ihr damals einen prachtvollen Viererzug mit Equipage grichenkt haben, damit sie in Wien für deren Privilegien wirke! Nur als

JtDman- wenn auch gut erfunden, ist daher auch die folgende errtro?rftn0 3 ®*rten' bie Sui?c Mühlbach von ihrer Landsmännin Sie war nach dem gewöhnlichen Begriff der Menschen nicht schön, r-A- ü*r.befaß kene diabolische Häßlichkeit, die in ber Ekstase sich zur große schwarze Augen, welche mit so eigen. - tumlidjem Feuer funkelten, es schwebte um ihre Lippen ein so eiqentum- Mer Zug von Ueppigkett und Weltverachtung, und es klangen von ihr« ,te ,m magnetischen Schlafe lag, so seltsam energische Worte, wAche oft die eigenen Gedanken des Fürsten mit so wunderbarer Divi- nationsgabe wiederholten, daß der Fürst sich davon tief ergriffen und fast DetauDi suhlte. 1 1

m emen dämonischen Einfluß auf den ©reis, und

®rraLJ3urfLeT:Jeit 181,7 ,em Schwiegersohn, wußte nichts Befleres zu tun, als sich mit ihr anzufreunden, um Vorteil daraus zu schlagen. Das war gewiß nicht sehr nobel, aber was tut man nicht für eine Fürsten» frone! 1 er damalige Graf Puckler ist allen Feinschmeckern durch bas rwch. GM benannte Eis und manchen geistigen Feinschmeckern durch feine Östlichen Reileoriefe bekannt. Andere schätzen ihn als Gartenkünstler von JKusfau, Branitz und Neubabelsberg; außerdem hat er alsliberal« Fürst, als Veschützer Laubes und Bewunderer Heines, stets eine gute Presse gehabt. Als Mensch jedoch ist er weniger schätzenswert: eitel, effekthascherig, aalglatt und skrupellos.

Nachdem er sich durch Korest er gesteht dies selbst die Gunst seines neuen Schwiegervaters erworben, machte er sich zum Werkzeug der Hahnel, um Koreff zu stürzen und hie Fürstin zu verdrängen. Die Ereignisse kamen beiden zu Hilfe. Schon zu Anfang des Jahres 1820 fand Puckler den Fürsten mit feiner Gattinhell drouilliert" und Korest m feiner Gunst gesunken. Am Ende des Jahres wurde Korest aus ber Staatskanzlei in das Kultusministerium versetzt, und im Mai 1821 war er beim Fürstengänzlich aus dem Sattel gehoben", und durch Friedrich ' Schöll ersetzt, den er selbst in den Dienst des Kanzlers gebracht hatte.

Um sich ihrerseits fest in den Sattel zu setzen, hatte Friederike Hähnel eme neue Form für ihr Verhältnis zu Hardenberg gefunden, denn als