müsse.
Völlig im Banne der Kimsky, ließ er sich von ihr in Verona und auf der anschließenden Reise nach Genua Tag und Nacht umherhetzen und die zuletzt ausbeuten. So brach seine letzte Greisenkraft rasch zusammen, und am 26. November 1822 starb er im Beisein seiner Mörderin am Nervenschlag. Denn daß sie ihn teuflisch in den Tod getrieben hat, ergibt ich deutlich aus dem erschütternden Bericht seines Leibarztes Rust, der m Briefwechsel Pücklers (VI, 363 ff.) abgedruckt ist. In den letzten Krisen einer Krankheit wandte er sich mit Widerwillen von ihr ab; aber sobald eine Besserung eintrat, lächelte er ihr wieder zu, wenn sie sich als seine Pflegerin aufspielte. Sie hat sich noch an der Börse des Sterbenden ver- Kiffen. „Dis v. Kimfkys," schließt der Bericht, „sind von den Berwün- ungen der Fürstlichen Dienerschaft begleitet, nach Berlin oder Mecklenburg abgegangen, nachdem Graf Bernstorff (der Minister des Auswärtigen) ihnen die nötige Reisesumme hat vorschiehen lassen, um sie von dem Kongreßorte (Verona) so schnell als möglich wieder fortzubringen."
Die Fürstin Pückler sah sich durch das Testament des Baters enterbt, und ihr leichtfertiger Gatte, der nicht nur ihr Vermögen durchgebracht oder in Muskau verbaut, sondern auch noch 500 000 Taler Schulden gemacht hatte, sah sich zum „Bettelfürsten" degradiert. Um den völligen Zusammenbruch zu verhüten, bot die verarmte, verblühte Frau ihm freiwillig die Scheidung an, damit er sich eine reiche Frau suchen könne. Aber dkser Fischzug mißlang, und der Fürst Pückler mußte zur Feder greifen, um Geld zu verdienen. So erhielt ein jeglicher seinen Lohn — nur Friederike Hähnel nicht.
Sie verlegte den Schauplatz ihrer Tätigkeit jetzt nach Rom, wurde dort katholisch und befreundete sich innig mit dem Kardinal Fesch, dem Oheim Napoleons, und dem Jesuitenpater Beck. Unter Gregor XVI. und selbst noch unter Pius IX. spielte sie — nach Th. Mundt, dem Gatten der Luise Mühlbach — eine einflußreiche Rolle am päpstlickien Hose und starb erst 1871 im Besitz großer Reichtümer. Dem Fürsten Pückler waren schon vor Hardenbergs Tode die Äugen über sie aufge-
Gesellschafterin der Fürstin, die bereits das Haus verlaßen hatte und völlig verdrängt werden sollte, konnte sie jetzt nicht mehr auftreten Sie hatte also (am 3. Juni 1821) auf Hardenbergs Dotatwnsgut Neuhardenberg, einen Beamten v. Kimsky geheiratet, der sich zu dieser Strohmannsrolle hergab; fortan blieb sie des Fürsten unzertrennliche Begleiterin und der böse Geist seines Alters.
Der Hauptschlag gegen die Fürstin wurde ,m Herbst 1821 geführt, als diese und Soreff sich zur Kur in Teplitz befanden. Den Auftakt bildete ein Brief voller Winkelzüge und Unaufrichtigkeiten, worin Hardenberg seine Frau salbungsvoll bat, einen «strich unter die Vergangenheit zu setzen und zu ihm zurückzukehre». Alle die „gräueloollen Dinge", .die sie der nuninehrigen Frau v. Kimsky vorwerfe, beruhten auf gemeinen Klatschereien; sie sei der Spielball des opferfremden Einflusses geworden. Darum sei es unvenneidlich, daß Koreff aus Berlin entfernt werde. Er selbst behalte sich jedoch das Recht vor, in seinem Hause zu sehen und Umgang zu haben, mit wem er wolle. Sie sollte also mit ihrer Nebenbuhlerin wieder unter einem Dache Hausen; wo nicht, wurde ihr die Trennung „ohne Eklat" in Aussicht gestellt. ,
Mit dieser Epistel in der Tasche reiste Pückler nach Teplitz, um die Entscheidung zu erzwingen. Natürlich nur aus Liebe und Anhänglichkeit zu seinem Schwiegervater, um ihm ein ruhiges Alter zu sichern — sagte er. Er selbst hat Szenen, die sich in Teplitz abspielten, in seinen Briefen an den Schwiegervater geschildert. Die aufs äußerste gereizte Fürstin erging sich in Schmähungen und drohte mit Enthüllungen, während Koreff, in seiner Ehre und in seinem ganzen Dasein bedroht, schluchzend zusammenbrach, denn dies Ende hatte er nicht erwartet, nachdem er dem Fürsten durch seine Heilkunst das Leben verlängert und ihn einmal vom Tode gerettet hatte. Der Mephistopheles Pückler aber — so nennt Barnhagen ihn mit Recht — lachte sich ins Fäustchen, als er die beiden weinend und schon halb besiegt an seinem Bette stehen sah.
Di« Fürstin fügte sich notgedrungen in die Trennung; so blieb ihr wenigstens eine Altersversorgung. Sie zog nach Dresden, denn in Preußen zu bleiben, wurde ihr abgeschlagen, und starb dort 1854 hochbetagt. Koreff dagegen kämpfte weiter, tun sich wenigstens einen anständigen Abgang zu sichern. Da sein Schicksal jetzt in Pücklers Hand lag, demütigte er sich so weit, ihn um seine Protektion zu bitten, und dieser sagte sie ihm zu, um sich, wie er schreibt, „keinen bitteren Feind auf den Hals zu laden". So vollständig hatte das Verhältnis beider Männer sich umgekehrt! Eine härtere Natur hätte vielleicht aufgetrumpft, gleich der Fürstin mit Enthüllungen gedroht, aber wahrscheinlich nur einen Skandal herbeigeführt, der ihm zeitlebens angehaftet hätte. Koreff dagegen wollte gleichfalls jeden „Eklat" vermeiden und suchte nun zu retten, was noch zu retten war. Er mußte seine Professur an der Berliner Universität, seine Stellung im Kultusministerium aufgeben und wurde in schonender Form pensioniert. Im April 1822 verließ er Berlin auf Nimmerwiedersehen und wandte sich wieder nach Paris, wo er schon sieben Jugendjahre verlebt hatte; dort ist er 1851 als bekannter deutscher Modearzt und als Wegebereiter seines Freundes E. T. A. Hoffmann gestorben.
An demselben Tage, wo dieser dämonische Dichter in Berlin bestattet wurde (28. Juni 1822), gab Fürst Hardenberg ein kleines Herrendiner, um seinen Schwiegersohn mehreren Fürsten und Grafen in hohen Staatsstellungen als neugebackenen Fürsten v. Pückler-Muskau vorzustellen. Das war der Lohn dafür, daß er Friederike Hähnel zur Alleinherrscherin gemacht hatte. Außer ihm hatte der König bisher nur Hardenberg selbst und Blücher gefürstet, ein Kleeblatt, das, wie Pückler selbst sagte, nicht recht zusammenpaßte. Aber er sollte feiner neuen Fürstenkrone nicht froh werden. Die Hälfte der Gäste behandelte ihn eiskalt, so daß Hardenberg selbst sich seiner Protektion schämte. Und als Pückler ihn im Herbst bat, ihn in seinem Gefolge zum Kongreß nach Verona mitzunehmen, lehnte ber Staatskanzler dies glatt ab. Dagegen erlaubte er Frau v. Kimsky auf ihre zudringlichen Bitten hin, ihm mit ihrem Strohmann nachzureisen, obwohl sein neuer Leibarzt, der Generalchirurg Rust, sich nach Kräften dagegen sträubte und auch auf den üblen Eindruck hinwies, den ihr Erscheinen auf den König und auf den ganzen Kongreß machen
gangen, und noch als Greis schrieb er voll Abscheu von ihr: „Könnt* ich an den Teufel und an Besessenheit glauben, ich hielte gewiß Frau v. Kimsky für eine der ersten Besessenen. Ich habe in meinem Leben nur zwei solche weiblichen Ungeheuer kennengelernt. Mich schaudert noch jedesmal, wenn ich daran denke."
Zwei berühmte Asienreisen.
Von Dr. Alphons Robe l.
Das Jahrtausend zwischen 500 und 1500 nach Christus, welches wir das Mittelalter zu nennen gewohnt sind, können wir fast mit dem gleichen Rechte, wie wir von den letzten 400 Jahren als der Kolonialepoche Europas sprechen, das kolonialimperialistische Zeitalter nennen.
Denn damals wurden Welteroberungen von Asien und noch nicht von Europa aus versucht. Und es gab noch keine Kolonialreiche mit europäischen Mutterländern, dafür aber solche mit dem Sitz in Asien. Wir als Europäer sehen die Weltgeschichte ja in einer merkwürdigen und falschen Perspektive, die unrichtige Verkürzungen mit sich bringt. Was war denn nn Mittelalter dieses Europa? Ein zurückgebliebener Anhängsel des asiatischen Länderblocks. Damals hatte, tausend Jahre lang, Europa eine unbedeutende und kleinstädtisch anmutende Geschichte. Welt Politik wurde nicht mehr in Rom und noch nicht in Madrid und London, sondern in Bagdad, Samarkand und Peking gemacht. Europa lebte in ganz kleinen Verhältnissen. Es ist immerfort bedroht, verliert seine Grenzländer an Asien und zweimal steht selbst sein zentralster Raum, Mitteleuropa, in unmittelbarer Gefahr, eine asiatische Randprovinz zu werden. Das war das erstemal bet »em Arabereinfall an der Loire und das anderemal an der Oder in Schlesien vor der Schlacht gegen die Mongolen. Europa gleicht in jenen Jahrhunderten einer bedrohten Festung, die vergeblich versucht, frei zu atmen. Der größte Versuch, in einem Ausfälle sich ostwärts Luft zu machen, mißlingt-" denn die Kreuzzüge, so wichtig sie für die innerpolitische Geschichte Europas sind, waren machtpolitisch ein grandioser Fehlschlag.
Gleich zu Beginn dieses Zeitabschnittes waren — eine schreckliche Vorhut Asiens — die Hunnen über Europa gefegt. Fortab wehten Asiens Fahnen allenthalben, mancherorts Jahrhunderte lang, mancherorts nur einige Wochen: über Palermo, Sardinien und Marseille, über Sevilla, Cordoba und Granada, über südfranzösischen Fluhtälern, an Elbe, Oder und Donau, von Moskaus Türmen und selbst über Roms rauchenden Trümmern. Nicht anders als heute Europas Fahnen von den ~ürmen Kairos, Schanghais, Bagdads, Delhis, Marokkos, Batavias wehen. Ungarn und der Balkan waren regelrechte mongolische Kolonien, Spanien em arabisches, Rußland'ein mongolisches Dominion. c .. „
Besser als Geschichtszahlen aufzuzählen, ist es, zwei merkwürdigen Reisen zu folgen, um so einen Begriff von diesen asiatischen Kolomalreichen zu erhalten. Der eine der beiden Weltreisenden war em Chinese, der andere ein Europäer.
Der Chiese hieß Yuan T schwang. Es handelt sich um einen Buddhisten, der ein Zeitgenosse Mohammeds war. Irgendwo am Gelben Flusse geboren, brach er aus seiner Heimat eines Tages auf, um das Mutterland des Buddhismus, Indien, aufzusuchen. Er zog anscheinend zunächst durch die chinesische Provinz Kansu, dann am Richthofeimebirge entlang und wanderte jene Straßen, die in unseren Tagen Sv en H ed lN gezogen ist. Er war schon in Zentralasien, als er endüch die chinesische Grenze überschritt. Damit kam er in einen anderen Machtbereich, den der Türken, die hier in Ostturkestan saßen. Sie wohnten in Zelten und auch der Hof war in Zelten untergebracht. Yuan Tschwang hat uns em färben- prächtiges Bild jenes Fürstenhofes überliefert, ?u?/dem En sieht daß d« Tatsache des Zeitlebens kein Beweis für eine zivilisatorische Rückständigkeit war Das Zelt des Fürsten hatte prachtvolle Goldstickereien, der Fürst selbst trug ein Kleid aus grünem Atlas, und seine Würdenträger trugen sich in Brokat. Man saß in den Zelten auf faubercn Matten (ww heute noch mel- fach im Orient); Musik war beliebt, die Küche gut und der Chinese lE den Wein. Von dort ist der Pilger weitergewandert wahrscheinlich durch die gleiche Gegend, in der in unseren Tagen die deutschen Turf an- erpebitionen ihre Ausgrabungen gemacht haben.
Auch in Sarmakand ist er gewesen, und von dort wandte er sich wohl südwärts, vielleicht auf der gleichen Straße, auf der schon Alexander derGroßenach Indien gezogen war Doch ging der Grwche durchf bas wilde Kabultal, der Chinese aber bestieg die Paßhohe von Khacher, auf ber aud) heute die Straße von Afghanistan nach Indien geht. Indien sarcki 9)Jan in einem durchaus traurigen Zustand.Es litt noch unter den schicklichen Verwüstungen, welche die weißen Hunnen hundert Jahre vorher anaerichtet hatten. Puan sah noch zerstörte Städte, viele Rinnen, entvölkerte Gebiete. Uebrigens waren es dieselben Türken gewesen, deren Zeltlager und Hauptquartier der Chinese nördlich der Berge gesehen hatte, die dieser Fremdherrschaft ein Ende gemacht hatten. Ihnen verdankte Indien seine Freiheit, denn das gewaltige Reich der weißen Hunnen, das über Indien, Afghanistan, Buchara sich erstreckt hatte, war von ihnrn zer- trümmert worden. Sechzehn Jahre blieb Puan Tschwang außer Landes, dann kehrte er fast den gleichen Weg, den er gekommen war wieder an den Gelben Fluß Chinas zurück. Mittlerweile ^r mne uiteryation^ Berühmtheit aus ihm geworden. Er ward an den chinesischen Katserh»! berufen und mußte dort eingehend von dem Turkenreich und dm Verhaltt Nissen des indischen Landes berichten. Denn m Peking und Nankingbe- achtete man gespannt die Entwicklung in Mittel- und Vorderasten. Mrssio- na'r« Mohammeds waren damals schon in Kanton angekommen. Der Gnesische Kaiser mochte einen Vormarsch der Araber nach AknMrch^N und deshalb die Widerstandsfähigkeit Indiens und Turkestans ftftstellen.
Die Araber aber wandten sich bann bekanntlich mehr nach Westm als nach Ostm. In Europa entstanden arabische Kolomalspharm: Spanien, Sardiniens Sizilim. Nordasrika wurde eine breite Machtbasis furben po« tischen Islam? Gegen Osten wandte er sich m-r WgÄ'S wollte'-man nicht durch Kriegszüge aufs Spiel fetzm.


