ständig dunkle
Flut war die ungeheure
in der Runde. Doch keine Bewegung Seeleins. Wald und Grasplatz lagen des kleinen Paradieses gestört wor-
mochte sie jetzt sein?
Suchend schweiften seine Blicke unterbrach die stille Oberfläche des lo ruhig, als ob nie der Friede Den wäre.
Ein ungeahntes Gefühl des Grauens beschlich William, als er blt Riesenschlange um den Baum geschlungen sah. Er hatte die Büchse erhoben und den hin und her schwingenden Kops mit Kimme und Kam zu vereinigen gesucht. Ein guter Schütze war er, doch bei dem lM- sicheren Dämmer da oben wäre der Schuh ;— würdig eines Kunst- schützen, der im Anschlag das Ziel erfassend die Kugel aus dem Laufe schmeißt. Auf einen der vielen Ringel schießen? Bei seinen zwei Patrons zwecklos. Wo saß das Leben dieses scheußlichen Reptils, das ^eich einem sagenhaften Untier der Vorzeit plötzlich in seinem Urwaldparodie« aufgetaucht war?
Die Schlange glitt auf einen starken Ast hinaus, der etwa zehn Meter vom Boden entfernt sich wagrecht erftredte, und fing an, den langen Leib auf den Boden hinab aufzurollen.
Der Schweiß brach aus seinem ganzen Körper; zur Flucht wandte sich William gum erstenmal in seinem Leben. In diesem Augenblick befiel ihn eine seltsame Schwäche. Eine große Leere fühlte er plötzlich in seinem Hirn; die Arme, welche die Büchse schußbereit gehalten hatten, sanken nieder, hingen schlaff an den Seiten. .
Das riesige Untier beeilte sich gar nicht. Es wußte, daß eine Beuk, die es sich auserkoren, ihm so leicht nicht mehr entging.
Wie durch einen fernen Rebel sah William, daß der Kopf der Schlange den Boden erreicht hatte. Beinahe die Hälfte der Ringel lief noch um den Ast da oben. Ein vages Erstaunen keimte in dem unbeweglich dastebenden Mann. Ja, war denn das möglich? Gab es denn so etwas? Der Zoologe, der wußte, daß die Länge der größten von Südamerika gekommenen Schlangenhaut im British 2Rufeum in ßonbon zehn Parbs nicht überschreitet, regte sich in ihm. Es schoß ihm durch den Kopf daß Omiste ihm von unbekannten Riesenfchlangen benchtet hatte, als sie nach Kreuzung des Nebenflusses des Yata noch lange plaudernd am Feuer faßen. In den Sümpfen und Clinches zwischen den Bata und dem Rogo aguado=See sollten sie Hausen, auf dessen Ober- fläche große schwimmende Inseln einhertrieben. Vollkommen verlassen und menschenleer lag das Land dort, niemand war noch bis dahin vor- gedningem reßte in bem Mann das Erstaunen, daß er an
einen Fleck gebannt dastehen mußte, während sein Gehirn so klar all die ihm von außen zufließenden Gedanken aufgriff und zerlegte. Es kam ihm vor, als ob ein zweiter Greybroke, nur Strahlenmaterie, nur schwebender Geist, ein vom Hellen Sonnenstrahl getroffener lichter ^leck un Walde, in dem die Stäubchen flimmernd aus und nieder schwebten, neben dem gelähmten Greybroke von Fleisch und Blut stände und sein eigenes materielles Ich, sowie die Außenwelt in sachlicher Knick einer Betrachtung unterziehe.
Die letzten Ringel der Schlange hattetn sich vom Ast gelost, schwer pluinpste das Hinterteil des langen Leibes durch das Gebüsch hindurch aus den Boden. Zu einem riesigen Klumpen zogen sich die schwarzen Reifen zusammen. Die Schlange schwang den breiten Kopf zuruck zum Stoß der auch einen Ochsen umgeworfen hätte. Den Mann kam plötzlich der Wunsch an, sich der Schlange freiwillig in den Rachen zu WC!JffiilIiam", klang da die Helle melodische Stimme Aemilias durch den Wald, kam in 'ihrer ganzen Frauensüße herübergeschwebt durch die grüne Dschungel. „William, äcamä Aemilia!"
Die beiden Greybrokes vereinigten sich. Mit einem Ruck kehrte die Besinnung wieder. Unwillkürlich flog die Büchse an die Wange. Sos mit Nitroglyzerin geladene Geschoß mit zweihundert Kilogramm Aus- schlaqskraft traf die Schlange in den Hals am Kopfanfatz, stoppte den Stoß so plötzlich mitten in der Luft, als ob der Kopf des Untiers an eine unsichtbare Wand, die durch den Wald lief, angerannt wäre.
Doch zu weit verzweigt war das Leben in dem riesigen Tier. Wieder schwang der Kopf zurück," und wieder hallte der Schuß durch den WlM.
Sterbend sank das Haupt in den großen Knäuel der Ringel, die sich lösten und in krampfhaften Zuckungen auf dem Waldboden auf und nieder tanzten. .. r, . , j.
William wandte sich und sprang wie ein gehetzter Hiftch durch «e Büsche, mit einem Schluchzen wie ein Kind in die Arme Aemilias. Am Rande des Waldes auf ihren Mann wartend, hatte die Frau eine unbestimmte Ahnung von Unheil befallen, ein düsteres Grauen, als Ob ein unabwendbares Verhängnis über sie hereingebrochen wäre. Durch die Büsche gedämpft war das Zischen der Schlange an ihr Ohr gedrungen, nachher Schweigen, das nur der Fall des Hinterteils der Schlange auf den Boden unterbrochen hatte, und immer nur dasselbe reglose Schweigen. ... „ . „ _ . ..
In dem Ruf „William, William, koimsi zu Aemilia , hatte sich die Angst des liebenden Weibes gelöst und ihrem Mann das Leben gerettet.
Eng aneinander geschmiegt horchten sie in den Wald hinein, wo das Schlagen und Brechen der Aefte allmählich ruhiger wurde und abstarb.
„Die Schlange?" fragte Aemilia zitternd.
„Die Schlange," sagte William, sich straffend, „sie ist tot.
Ein Weilchen warteten sie noch und gingen dann in den Wald hm- ein. In weitem Umkreis war das Gebüsch zerstampft und niedergedrückt.
Zu einem wirren Knäuel verschlungen lag das Untier da, der breite Kopf schlaff am Boden, die scheußliche Zunge weit hervorgestreckt.
Aemilia warnte William, die Schlange anzuruhren, da immer noch Leben in den vielen Ringeln sein könne. Mit einem Stock stieß er mw sicherer Entfernung in die Schuppenhaut. Und siehe, noch zogen sich di« Muskeln zusammen, suchten den Feind zu fassen und zu erdrücken.
Lianen, die sie hinter dem Kopf der Schlange verschnürten, wandten sie um die Bäume gleich einem Flaschenzuge und schafften so den rit- sigen Körper auf den Grasplatz hinaus. Monito faß noch immer auf [einem Ast und war durch nichts zu bewegen, herunterzukommen.
William schritt den Körper der Schlange ab. Zwanzig Schritte.
Der beinahe sechs Fuß hohe Mann wußte, daß ein jeder seiner Schritte annähernd ein Darb betrage. Zwanzig Hards!
Die Haut muhte der Nachwelt erhalten werden. Doppelt so lang war sie wie die größte, die er je gesehen hatte. •>
Er stockte und blieb stehen.
In Schlangenlinie den Grashang hinab lief eine breite Spur. Es loh aus, als ob ein lebendiger Baumstamm sich hinabgewälzt hätte und in das Wasser gerollt wäre.
„Boa", sagte Aemilia ruhig.
William schauderte. Nur fünfzig Schritte von seiner Frau und dem Kinde entfernt war das Reptil dahingeglitten, das ihnen mit einem Druck seiner Muskeln alle Knochen zerbrechen konnte. Ein riesiges Tier wußte es sein. Die Spur war gut einen Fuß breit, das Gras voll- ’ von der Schwere des mächtigen Körpers niedergedrückt. In die Riesenschlange hineingeglitten. Wo
„Komm schnell zum Hause hinüber", sagte William. „Es ist für euch nicht sicher draußen, wenn so ein Untier in der Nähe ist."
Kaum hundert Schritte trennten sie noch von ihrer Behausung. Rasch liefen sie hinüber.
„Monito", rief William, dem der anhängliche Afsengreis schon von weitem schnatternd entgegenzulaufen pflegte, wenn er die Stimme seines Herrn hörte. So sttll hielt Monito, wenn er ihm den Kopf kraute und ihm in ruhigen, gleichmäßigen Tönen etwas erzählte.
Aus dem Wipfel des höchsten Baumes klang die Antwort Mouitos, kläglich wimmernd, als ob eine unbekannte Gefahr ihm furchtbaren Schreck einflöße. Wer Monito war weder in dem dichten Laubdach zu «Hennen, noch das unsichtbare Etwas, daß ihn in solche Furcht versetzte.
William öffnete die Tür des Hags und rannte in den Garten. Alles beim alten, die Pflanzungen unversehrt.
„Monito, Monito" rufend, sprang er in den Wald hinein.
Nur ein paar Schritte. Ein Hissen und Zischen über ihm wie von einem überladenen Ventil ließ ihn den Kopf heben. Hoch droben in der Krone eines Baumes sah er Monito auf den äußersten dünnen Zweigen unbeweglich sitzen, wie hypnotisiert auf einen Punkt starrend.
Um den Stamm in vielen Ringeln gewunden suchte eine ungeheure schwarze Riesenschlange den Affen zu erreichen. Doch die Aeste waren 8u schwach für das viele Zentner schwere Gewicht. Enttäuscht schwang das Untier den flachen, breitgedrückten Kopf hin und her, aus dem die gespaltene schwarze Zunge läng hervorzüngelte.
Da hörte die Schlange den Ruf Williams und glitt in langen schwarzen Ringeln, die kein Ende nehmen wollten, am Baum herunter. Sie hatte das große weihe Tber, das da unten inmitten des Grüns stand, bemerkt. Die Beute schien mehr zu lohnen als der kleine Happen auf bem Baurn, den sie doch nicht erreichen konnte.
*) Wir entnehmen die nachfolgende Schilderung dem im Verlage Strecker & Schröder in Stuttgart erschienenen, ungemein spannenden Reisebuch „Sie Wildnis ruft" von Rudolf 3 i en ft
Doch lassen wir dieses Jahrhundert und wenden wir uns einer späteren «eit zu Den europäischen Weltreisenden des Mittelalters wollen wir bereiten' Marco Polo. Marco Polos Vater und fein Onkel waren schon In Peking gewesen und von dort mit dem ausdrücklichen Auftrage des Mongolenkaifers K u b l a i zurückgekehrt, den Papst zu bitten, ihm eine L,uwhl Theologen zu senden und mit diesen wieder an seinen Hof zu kommen Während sie sich in Italien darum bemühten, gingen in diesem Lande chreckliche Singe vor sich. Konradin wurde hingerichtet, und der tupft befand sich im Kampfe mit einem Gegenpapst. Die SBerfudje der ®o[os d)higcn fehl, sie mußten schließlich allein nach Ostasien zurückkehren. Sn Rom, wie in ganz Europa, hatte man damals eben noch keine rechte Borstellung von der Bedeutung der asiatischen Gebiete; man konnte die Größen Verhältnisse nicht beurteilen und hielt alles außerhalb Europas kür zurückgebliebenes Heidentum. In Peking dagege kannte man Europa, imd der Hof suchte Verbindungen anzuknüpfen. Die europäische Enge war van so merkwürdiger, als das Mongolenreich bis unmittelbar vor Europa, ja in Europa hinein reichte. Es konnte eines Tages geschehen, daß Italien, Deutschland, Ostrom mongolische Kolonien wurden. Rußland wie Bagdad Wit Mesopotamien standen damals unter mongolischer Herrschaft.
Als die beiden älteren Polos die Ostafienreise ein zweites Mal antraten, nahmen sie den jungen Marco mit. Die Reife ging über Jerusalem »ach Bagdad, wo also bereits das mongolische Weltreich erreicht war. Die Weiterreise vollzog fick) also dauernd in einem Staate. Die Reiseroute ist gewesen: Basra, Bender-Abbas, Turkestan, Gobi, Gelber Fluß, Peking. Rach sechzehn Jahren ging die Rückreise zur See über Ceylon, Indien, Senftscher Meerbusen, und dann zu Land weiter über Mesopotamien, einasien, Konstantinopel nach Italien (die Polos waren Beneziaer). Und wieder bekommen wir einen Begriff von dem engen Horizonte dieses Europa, wenn wir hören, daß niemand den Polos ihre Reiseberichte glauben wollte.
Denn Europa wollte es nicht glauben, daß außerhalb feiner Grenzen die Welt größer und zivilisierter war als hierzulande. Die Polos ober hatten mit eigenen Augen die ungeheuren staatspolitifchen, technischen und kulturellen Leistungen 6er Mongolen gesehen, die ein Weltreich von Peking und Karakorum aus leiteten, das ganz Ostasien, Zentralasien, Persien, Teile Indiens, den Kaukasus, Mesopotamien und Südrühland umfaßte. Erft die neuere Geschichtsforschung Hai die Berichte Marco Polos Schritt für Schritt bestätigt und erhellt, wie albern die Spöttereien über die „Aufschneider" aus Venedig seitens der Zeitgenossen gewesen sind. Keine bessere Bestätigung läßt sich für Polo denken als die der modernsten Forschung: in chinesischen Annalen fand man seinen Namen, und die Jahre stimmen genau.
Der Kamps mit der Riesenschlange.
Von Rudolf Dien ft1).


