Ausgabe 
14.1.1928
 
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- «ruck uad Derla«: Brühl'sch» UniversitLtS-Buch- und SteinLrvckerei, *X. ß«»fle. ©US»»-

Derarttwortlich: Dr. HanS Thyrivt.

Das Fräulein von Seubert

Von (8. T. A. Hoffman n.

(Fortsetzung.)

Scho» andern Tages gedachte die Seubert, sich mit dem Schmuck zu dem Goldschmied zu begeben. Doch war es, als hatten alle schönen Geister von ganz Paris sich verabredet, gerade an dem Morgen das Fräulein mit Versen, Schauspielen, Anekdoten zu bestürmen. Kaum hatte la Cha- pelle die Szene eines Trauerspiels geendet und schlau versichert, daß er nun wohl Racine zu schlagen gedenke, als dieser selbst eintrat, und ihn mit irgendeines Königs pathetischer Rede zu Boden schlug, bis Boileau seine Leuchtkugeln in den schwarzen tragischen Himmel steigen ließ, um nur nicht ewig von der Kolonnade des Louvre schwatzen zu hören, in die ihn der architektische Dottor Perrault hineingeengt.

Hoher Mittag war geworden, die Scuderi mußte zur Herzogin Montan- sier, und so blieb der Besuch bei Meister Rene Cardillac bis zum

sanft weggezogen und sich dann bemüht, eine Wtmde auf der linken ruft des Vaters mit Wundbalsam zu waschen und zu verbinden. Wäh­renddessen sei des Vaters Besinnung zurückgekehrt, er habe zu röcheln auf­gehört, und fte, dann aber Olivier mit seelenvollem Blick angeschaut, ihre Hand ergriffen, sie in Oliviers Hand gelegt und beide heftig gedrückt. Beide, Olivier und sie, wären bei dem Lager des Vaters auf die Knie ge­fallen, er habe sich mit einem schneidenden Laut in die Höhe gerichtet, fei aber gleich wieder zurückgesunken und mit einem tiefen Seufzer verschie­den. Run hätten sie beide laut gejammert und geklagt. Olivier habe er­zählt, wie der Meister auf einem Gange, den er mit ihm auf fein Ge­heiß in der Nacht habe machen müssen, in seiner Gegenwart ermordet worden, und wie er mit der größten Anstrengung den schweren Man«, den er nicht auf den Tod verwundet gehalten, nach Hause getragen. So­wie der Morgen angebrochen, wären die Hausleute, denen bas Gepolter, das laute Weinen und Jammern in der Nacht ausgefallen, heraufgekom­men und hätten sie noch ganz trostlos bei der Leiche kniend gesunden. Nun sei Lärm entstanden, die Marechaussöe eingedrungen und Olivier al» Mörder seines Meisters ins Gefängnis geschleppt worden. Madelon fügt» nun die rührendste Schilderung von der Tugend, der Frömmigkeit, d« Treue ihres geliebten Oliviers hinzu. Wie er den Meister, als sei er feie eigner Vater, hoch in Ehren gehalten, wie dieser seine Liebe in vollem Maß erwidert, wie er ihn trotz seiner Armut zum Eidam erkoren, roeil (eine Geschicklichkeit seiner Treue, seinem edlen Gemüt gleichgekommen. Da» alles erzählte Madelon aus dem innersten Herzen heraus und schloß da­mit, daß, wenn Olivier in ihrem Beisein dem Vater den Dolch in die Brust gestoßen hätte, sie dies eher für ein Blendwerk des Satans halten, als Daran glauben würde, daß Olivier eines solchen entsetzlichen, grauen­vollen Verbrechens fähig sein könne.

Die Scuderi, von Madelons namenlosen Leiden auf das tiefst« gerührt und ganz geneigt, den armen Olivier für unschuldig zu halten, zog Er­kundigungen ein und fand alles bestätigt, was Madelon über das häus­liche Verhältnis des Meisters mit feinem Gesellen erzählt hatte. Die Haus­leute, die Nachbarn rühmten einstimmig den Olivier als bas Muster eines fittigen, frommen, treuen, fleißigen Betragens, niemand wußte Böse» von ihm, und boch, war von ber gräßlichen Tai die Rede, zuckte jeder die Achseln und meinte, darin liege etwas Unbegreifliches.

Olivier, vor die Chambre Siebente gestellt, leugnete, wie die Seubert vernahm, mit der größten Standhaftigkeit, mit dem hellsten Freimut Me ihm angeschuldigte Tat und behauptete, daß sein Meister in feiner Gegen­wart auf der Straße angefallen und niedergestoßen worden, daß er ihn aber noch lebendig nach Hause geschleppt, wo er sehr bald verschieden fet Auch dies stimmte also mit Madelons Erzählung überein.

Immer und immer wieder lieh sich die Scuderi die kleinsten Umstände des schrecklichen Ereignistes wiederholen. Sie forschte genau, ob jemals ein Streit zwischen Meister und Gesellen vorgefallen, ob vielleicht Olivier nickt ganz frei von jenem Jähzorn sei, der oft wie ein blinder Wahnsinn Me gutmütigsten Menschen überfüllt und zu Taten verleitet, die alle Willkür des Handelns auszuschließen scheinen. Doch je begeisterter Madelon von dem ruhigen häuslichen Glück sprach, in dem die drei Menschen in-innigster Liebe verbunden lebten, desto mehr verschwand jeder Schatten des Ver- dachts wider den auf den Tod angeklagten Olivier. Genau alles prüfend, davon ausgehend, daß Olivier unerachtet alles dessen, was laut für seine Unschuld spräche, dennoch Cardillacs Mörder gewesen, fand die Seubert im Reich ber Möglichkeiten keinen Beweggrund zu der entsetzlichen Tat, die in jedem Fall Oliviers Glück zerstören mußte. Er ist arm, aber geschickt. Es gelingt ihm, die Zuneigung des berühmten Meisters zu gewinnen, er liebt die Tochter, der Meister begünstigt seine Liebe, Glück, Wohlstand für sein ganzes Leben wird ihm erschlossen! Sei es aber nun, daß, Gott weiß, auf welche Weise gereizt. Olivier vom Zorn übermannt, feinen Wohltäter, seinen Vater mörderisch anfiel, welche teuflische Heuchelei ge­bärt dazu, nach der Tat sich so zu betragen, als es wirklich geschah! Mtt der festen Ueberzeugung von Oliviers Unschuld faßte die Scuderi den Ent­schluß, den unschuldigen Jüngling zu retten, koste es, was es wolle.

Es schien ihr, ehe sie die Huld dos Königs selbst vielleicht anruse, am geratensten, sich an den Präsidenten la Regnie zu wenden, ihn auf alle Umstände, die für Oliviers Unschuld sprechen mußten, aufmerksam zu machen, und so vielleicht in des Präsidenten Seele eine innere, dem Aw < geklagten günstige Ueberzeugung zu erwecken, die sich wohltätig den Rich- lern 'mitteilen sollte.

' La Regnie empfing die Seubert mit ber hohen Achtung, aut die Mt würdige Dame, von dem Könige selbst hoch geschätzt, gerechten Anspruch machen konnte. Er hörte ruhig alles an, was sie über die entsetzliche Tat, über Oliviers Verhältnisse, über seinen Charakter vorbrachte. Ein feine», beinahe hämisches Lächeln war indesien alles, womit er bewies, daß die Beteuerungen, die von häufigen Tränen begleiteten Ermahnungen, wle jeder Richter nicht der Feind des Angeklagten fein, sondern auch auf alle» achten müsse, was zu seinen Gunsten spräche, nicht an gänzlich taub« Ohren vorüber glitten. Als das Fräulein nun endlich ganz erschöpft, Mt Tränen von den Augen wegtrocknend, schwieg, fing la Regnie an: 6» ist ganz Eures vortrefflichen Herzens würdig, mein Fräulein, daß Mk, gerührt von den Tränen eines jungen verliebten Mädchens, alles glaubt, was sie vorbringt, ja daß Ihr nicht fähig seid, den Gedanken einer ent­setzlichen Untat zu fassen, aber anders ist es mit dem Richter, ber gewohnt ist, frecher Heuchelei bie Larve abzureißen. Wohl mag es nicht meine» Amtes fein, jedem, der mich fragt, den Gang eines Kriminalprozesses U entwickeln. Fräulein, ich tue meine Pflicht, wenig kümmert mich das Urte» der Welt. Zittern sollen die Bösewichter vor der Chambre Siebente,»« keine Strafe kennt als Blut und Feuer. Ader von Euch, mein würdig«« Fräulein, mach? ich nicht für ein Ungeheuer gehalten werden an Har« und Grausamkeit, darum vergönnt mir, daß ich Euch mit wenigen Wormf die Blutschuld des jungen Bösewichts, der, dem Himmel sei es gebann. der Racke verfallen ist, klar vor Augen lege. Euer scharfsinniger Gern wird bann selbst die Gutmütigkeit verschmähen, bie Euch Ehre macht, mn ober gar nicht anstehen würde. (Fortsetzung fmgt)~

andern Morgen verschoben.

Die Scuderi fühlte sich von einer besonderen Unruhe gepeinigt. Be­ständig vor Augen stand ihr der Jüngling und aus dem tiefsten Innern wollte sich eine dunkle Erinnerung aufregen, als habe sie dies Antlitz, diese Züge schon gesehen. Den leisesten Schlummer störten ängstliche Träume, es war ihr, als habe sie leichtsinnig, ja strafwürdig versäumt, die Hand hilfreich zu erfassen, die der Unglückliche, in den Abgrund ver­sinkend, nach ihr emporgestreckt, ja als sei es an ihr gewesen, irgendeinem verderblichen Ereignis, einem heillosen Verbrechen zu steuern! Sowie es nur hoher Morgen, ließ sie sich ankleiden und fuhr, mit dem Schmuck­kästchen versehen, zu dem Goldschmied hin.

Nach der Straße Nicaise, dorthin, wo Cardillac wohnte, strömte das Volk, sammelte sich vor der Haustüre schrie, lärmte, tobte wollte stürmend hinein, mit Mühe abgehalten von der Marechaussäe, bie bas Haus umstellt. Im wilden, verwirrten Getöse riefen zornige Stimmen: Zerreißt, zermalmt den verfluchten Mörder! Endlich erscheint Desgrais mit zahlreicher Mannschaft, die bildet durch den dicksten Haufen eine Gasse. Die Haustür springt auf, ein Mensch mit Ketten belastet, wird hinaus- gebrachi und unter den greulichsten Verwünschungen des wütenden Pöbels fortgeschleppt. In dem Augenblick, als die Scuderi halb entseelt vor Schreck und furchtbarer Ahnung dies gewahrt, bringt ein gellendes Jam­mergeschrei ihr in die Ohren. Vor, weiter vor! ruft sie ganz außer sich dem Kutscher z>.i, der mit einer geschickten raschen Wendung den dicken Haufen auseinanderstäubt und dicht vor Cardillacs Haustür hält. Da sieht die Seubert Desgrais und zu seinen Füßen ein junges Mädchen, schön wie der Tag, mit aufgelösten Haaren, wilde Angst, trostlose Verzweiflung im Antlitz, die hält seine .Knie umschlungen und ruft mit dem Ton des entsetzlichsten, schneidendsten Todesschmerzes: Er ist ja unschuldig! Er ist unschuldig! Vergebens sind Desgrais', vergebens seiner Leute Bemühun­gen, sie loszureißen, sie vom Boden aufzurichten. Ein starker, ungeschlach­ter Kerl ergreift endlich mit plumpen Fäusten die Arme, zerrt sie mit Gewalt weg von Desgrais, strauchelt ungeschickt, läßt das Mädchen fah­ren, die hinabschlägt die steinernen Stufen, und lautlos tot auf der Straße liegen bleibt. Länger kann die Scuderi sich nicht halten. In Christus Namen, was ist geschehen, was geht hier vor? ruft sie, öffnet den Schlag, steigt aus. Ehrerbietig weicht das Volk der würdigen Dame, die als sie sieht, wie ein paar mitleidige Weiber das Mädchen aufgehoben, auf die Stufen gesetzt haben, ihr die Stirn mit kaltem Wasser reiben, sich dem Desgrais nähert, und mit Heftigkeit ihre Frage wiederholt. Es ist das Entsetzliche geschehen, spricht Desgrais, Renö Cardillac wurde heute morgen durch einen Dolchstich ermordet aufgefunden. Sein Geselle Olivier Brusson ist ber Mörder. Eben wurde er fortgeführt ins Gefängnis. Und das Mädchen? ruft die Scuderi. Ist, fällt Desgrais ein, ist Ma- beton, Cardillacs Tochter. Der verruchte Mensch war ihr Geliebter. Nun weint und heult sie, und schreit einmal übers andere, daß Olivier un­schuldig sei, ganz unschuldig. Am Ende weiß sie von ber Tat und ich mutz sie auch nach ber Conciergerie bringen lassen. Desgrais warf, als er btes sagte, einen tückischen, schadenfrohen Blick auf das Mädchen, vor dem bie Scuderi erbebte. Eben begann das Mädchen leise zu atmen, twch keines Lauts, keiner Bewegung mächtig, mit geschlossenen Augen lag sie da, und man wußte nicht was zu tun, sie in Haus bringen oder ihr noch langer beistehen bis zum Erwachen. Tief bewegt, Tränen in den Augen, blickte die Scuderi den unschuldsvollen Engel an, ihr graute vor Desgrais und seinen Gefellen. Da polterte es dumpf die Treppe herab, man brachte Cardillacs Leichnam. Schnell entschlossen rief die Scuderi laut: Ich nehme bas Mädcben mit mir, Ihr möget für das übrige sorgen, Desgrais! Em dumpfes Murmeln des Beifalls lief durch das Volk. Die Weiber hoben das Mädchen in die Hohe, alles drängte sich hinzu, hunderte Hände muhten sich ihnen beizustehen, und wie in den Lüsten schwebend wurde bas Mab- chen in bie Kutsche getragen, inbem Segnungen der würdigen Dame, die bie Unschuld dem Blutgericht entrissen, von allen Lippen strömten.

Serons des berühmtesten Arztes in Paris, Bemühungen gelang es endlich, Madelon, bie stundenlang in starrer Bewußtlosigkeit gelegen, wie- der zu fi* selbst zu bringen. Die Scuderi vollendete, was der Arzt be­gonnen, indem sie manchen milden Hoffnungsstrahl leuchten ließ in des Mädchens Seele, bis ein heftiger Tränenstrom, der ihr aus den äugen stürzte, ihr Luft machte. Sie vermochte, indem nur dann und wann bre Uebermarht des durchbohrendsten Schmerzes die Worte in tiefem Schluch­zen erstickre, zu erzählen, wie sich alles begeben.

Um Mitternacht war sie durch leises Klopfen an ihrer Stubentur ge­weckt worden, und hatte Oliviers Stimme vernommen, der sie beschworen, doch nur gleich aufzustehen, weil der Vater im Sterben liege. Entsetzt fei sie aufgesprungen und habe die Tür geöffnet. Olivier, bleich und entstellt, von Schweiß triefend, sei, das Licht in der Hand, mit wankenden Schritten nach der Werkstatt gegangen, sie ihm gefolgt. Da habe ber Vater gelegen mit starren Augen und geröchelt im Todeskampfe. Jammernd habe sie sich auf ihn gestürzt, und nun erst sein blutiges Hemd bemerkt. Olivier habe