Ausgabe 
14.2.1928
 
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GiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang M8 Dienstag, den lH.gedruar Nummer |5

Lied vom Winde.

Von Eduard Mörike.

Sausewind, Brausewind, Dort und hier!

Deine Heimat sage mir!

Kindlein, wir fahren Seit viel vielen Jahren Durch die weit weite Welt, Und möchten's erfragen. Die Antwort erjagen Bei den Bergen, den Meeren, Bei des Himmels klingenden Heeren: Die wissen es nie.

Bist du klüger als sie, Magst du es sagen.

- Fort, wohlauf!

Kommen andre nach, unsre Brüder, Da frag wieder!"

Halt an! Gemach, Eine kleine Frist! «agt, wo der Liebe Heimat ist, Ihr Anfang, ihr Ende?

,Wer's nennen könnte! Schelmisches Kind, Lieb' ist wie Wind, Rasch und lebendig. Ruhet nie, Ewig ist sie, Aber nicht immer beständig. Fort! Wohlauf! Auf! Halt' uns nicht auf!

Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen! Wenn ich dein Schätzchen seh'. Will ich es grüßen.

Kindlein, ade!"

Um errre Pfeife Tabak.

Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer.

Kommt einmalZum goldenen Engel", der gegen den Markt in Zcoenaar liegt, ein Fremder geritten, wirft dis Zügel dem Hausknecht hin und stapft mit staubigen Stiefeln die Treppe hinauf. Herr Wirt, sagt er barsch und nimmt seinen Hut ab, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, drei Pfeifen Tabak und den besten Barbier. Und ein Zimmer für eine Stunde; denn ich muh zum Abend in Nymwegen sein!

Zu Euren Diensten! entgegnet der Wirt und sprengt den Franz über den Platz, den Balthasar Bluewarm zu holen. Er selber bringt den Fremden gemächlich hinauf nach Nummer 2, zwar gegen die Seiten­gasse, aber mit einer bveitmächtigen Polsterbank und neubezogenen Stühlen, und steigt zur Diele hinab, denn in Holland rauchen sie Tabak aus tönernen Pfeifen, und dis Wirte halten dafür einen Laden.

Der Balthasar Bluewarm, als ihm der Franz hitzig hineinschreit, wischt erst seinen Mund ab, weil es gerade Kaffeezeit ist: So eilig hat es der Schweiger gebraucht, als er dem Alba entwischte! Aber er sucht sein bestes Messer aus den andern heraus, läßt sich den Rock von der Frau bürsten, glättet den Hut mit dem Aermel und geht in denGoldenen Engel", wo ihn der Franz hinauf nach Nummer 2 bringt.

Da sitzt der Fremde breitspurig in seinen Reitstiefeln da, mit dem Rücken gegen den Tisch, darauf er die Ellbogen stützt, und raucht seine Pfeife. Kann er rasieren, wenn ich die Augen zuhalte? fragte er und häli sie wahrhaftig geschlossen, als wäre er blind. Wenn ich die meinen ausmachen darf wegen dem Messer! scherzt der Balthasar Bluewarm und wagt kurzerhand an, den Fremden zu seifen, der wie ein Knorren im Wald dasitzt, nur daß er raucht.

Hat es der Herr an den Augen? fragt er, .als er das Messer am Riemen abzieht und den seltsamen Mann von der Seite betrachtet. Der aber schüttelt nur seinen Kops und pafft, zornig der Frage, in dicken Zügen, so daß es dem Bluewarm fast für die eigenen Augen zuviel wird, indessen er ihm nach der Ordnung das Kinn und den Hals, die Backen und danach die Rinne unter der Nase abschabt. Habe ich nicht den Koch des Herzogs von Braunschweig rasiert, als er vom Trunk ins Wasser gefallen war, und stank schon An wenig? denkt er für sich und bringt es mit Kunst zu Ende.

Fertig! sagt er sodann und fängt an, den Schaum von den Fingern zu wischen, die er zierlich gespreizt hat.

Fertig! sagt auch der Mann, steht breit in den Stieseln auf und hält ihm die leere Pfeife unter die Nase: das macht mir so leicht keiner nach! Und. er ist durchaus nicht blind, sondern hat kohlenschwarze Augen.

Halten zu Gnaden, was? fragt der Balthasar Bluewarm und packt sein Zeug mit geschäftigen Händen zusammen, weil er gern seine Be­hendigkeit zeigt.

Eine große Pfeife Tabak mit geschlossenen Augen zu rauchen! be­tont der Mann jedes Wort, als gäbe er einen Bericht von der letzten Schlacht oder gar eine Predigt. Und als dem Barbier der Mund offen bleibt vor solcher Torheit er hat es nicht an den Augen, sondern im Kopf! denkt er und sagt nur noch mit einem halben Kratzfuß: Sieben Batzen, wenn es beliebt! fängt der närrische Mann an, vom falschen Genuß des Tabaks zu reden, daß er doch ein Ding für den Ge­schmack sei; aber die meisten fänden nur ihr Vergnügen daran, den blauen Rauch zu betrachten! Weil sie nicht rauchen können mit geschlossenen Augen! fügt er mißfällig hinzu und fängt an, mit hängenden Beinen durchs Zimmer zu gehen, daß die Bretter unter ihn knarren, indem er mit zwei Fingern das Schabgeld nebst einem Douceur auf den Tisch legt.

Der Balthasar Bluewarm will nicht geldgierig scheinen und läßt die Batzen großspurig liegen. Sollte das eine solche Kunst sein? fragte er beiläufig und steht nun auch breitbeinig da, weil er den Fremden für einen Toren zu halten bereits gewiß ist. Der aber greift in die Tasche, darin ihm das Geld anscheinend locker sitzt, zählt acht Silbergulden auf den Tisch und prahlt: Ich wette acht gegen drei, daß Er nicht eine Pfeife Tabak mit geschlossenen Augen zu Ende bringt!

Hollah! überlegt der Barbier, der neben seinen Batzen die acht Gul< ! den liegen sieht, so leicht find die Vögel sonst nicht zu verdienen! Er trägt zwar das Geld nicht so locker in der Tasche wie dieser Mann in den Reit­stiefeln, der es offenbar dick hat; aber der Wirt, weiß er, wird chm die Gulden schon leihen: Seid Ihr ein Engländer, Herr? trumpft er ihm auf und sagt schon Ihr, weil ec vor seiner Narrheit keinen Respekt mehr hat. Wenn Ihr Euer Geld los werden wollt, ich will die Wette schon halten!

Er läuft hinab zum Wirt, der gerade einen Kapaun stopft, und will sich die Gulden leihen. Kaufst du Steine, fragt der zurück, so sieh dich vor, daß sie nicht salsch sind! Es gilt eine Wette! gesteht der Barbier: Und der Mann in Nummer 2 ist ein Narr mit deinem Tabak. Du kannst ihn getrost bei der Zeche scheren, weil er es dick in den Taschen hat! Der Wirt wischt schweigend die Hände ab, geht an den Schrank, darin er tagsüber das Thekengeld hütet, und gibt ihm die Gulden.

Aber betrogen wird nicht! sagt der Fremde, als das Geld auf dem Tisch liegt, elf Gulden und das Schabgeld mit dem Douceur. Die Bar­biere find Schaumschläger! Ich muß Ihm selber mit diesem Tuch die Augen verbinden, erst dann wird geraucht! Sonst kann ich die Wette nicht halten!

Bekommt er es schon mit der Angst? spottet Balthasar Bluewarm für sich: Her mit. der Pfeife und bindet mir zu, was Ihr wollt! Er setzt sich breit auf den Stuhl wie der Fremde, den Rücken gegen den Tisch, darauf die Gulden auf seine Tasche warten, und spreizt die Beine groß­mächtig ab, wie der andere tat; nur sind die seinen zu kurz.

Also los! kommandiert der Fremde, der das Tuch noch einmal be­fingert hat, daß keine Spalten darin find, schlägt den Feuerstein an und Balthasar Bluewarm beginnt zu rauchen. Wahrhaftig, merkt er, das Zeug schmeckt wenig, wenn man den Rauch nicht sieht. Aber acht Gulden sind reichlich für eine Pfeife. Hätte ich jeden Tag solch einen Narren zu schaben, mir sollte halb Zevenaar bald gehören! Und er qualmt ge­waltig draus los, weil er weiß, daß der Wirt seine Pfeife nicht oben­hin stopft.

Jndesfen geht der Fremde mit schweren Stiefeln hinter dem Tisch auf und ab, weil vor den Beinen des Bluewarm kein rechter Platz ist. Schmeckt ihm das Kraut? fragt er einmal, als wolle er ihm den Ge­schmack madig machen.

Konntest du schweigen, kann ich das Maul an der Pfeife halten, denkt der Barbier, während der andere die Gulden vom Tisch nimmt, als klebten sie an den Fingern, und auch die Batzen dazu.

Auf Ehre, Herr, sagt er dann, mir kommt da ein Drang! Ich hoffe, Ihr werdet mich nicht betrügen indessen! Und ist auf Ihr zu Ihr mit dem Barbier, wie der es mit ihm war, als er die Hand auf die Klinke legt.

Possen! mahnt sich der Balthasar Bluewarm: Die Schliche sind mir bekannt! Damit er meine Gulden gewinnt, statt ich die seinen, soll ich mich stören lassen! Und zieht an der Pfeife, indessen der Fremde noch einmal Excusez sagt und sich also französisch empfiehlt. Unten begleicht er dem Wirt die Zeche mit Batzen und legt noch zwei Kreuzer dazu für den Franz, ehe er aufsitzt, dem Gaul auf den Hals klopft und seinen Hut schwenkend sogleich einen scharfen Galopp nimmt.

Wo aber bleibt der Barbier? denkt der Wirt nach einer Weile und geht hinauf, wo er den Balthasar Bluewarm auf Nummer 2 findet, rauchend mit verbundenen Augen, daß die Kammer blau davon ist. Was