Ausgabe 
24.12.1923
 
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Dikmie lag fett dem Herbste unter dem Schnee, aber Apollinaris 1 hatte den Körper in sauberer, Weiher Tracht mit Stickerei ge- - sehen, und das Blut strömte noch aus der Wunde ... Sv konnte | es bestimmt nicht gewesen sein: aber alle schworen uns bekreuzigten sich, daß sie die Frau genau so gesehen hätten, wie die Beschrei­bung lautete. Nachher fürchteten sich alle, nachts zu Wasen, und allen war es so unheimlich zumute, als wenn wir selbst das Ver­brechen begangen hätten. Bald war auch ich davon überzeugt, daß ich und mein Bruder die hingeschlachtete Frau gesehen Hüt­ten. Damit begann bei uns eine allgemeine Angst, die damit en­digte, dich man die ganze Angelegenheit den Eltern eröffnete und ' daß der Vater einen Brief an den Polizeikvmmissär schrieb. Dieser kam dann auch mit einem furchtbar langen Säbel zu uns gefahren und unterzog jeden einzelnen von uns einem heimlichen Verhör tn 'Vaters Arbeitszimmer. Apollinarij wurde vom Kommistar so-

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ihn, daß, als er herauskam, seine beiden Ohren feuerrot waren und eines sogar blutete.

Das haben wir ebenfalls alle gesehen.

Aber wie dem auch gewesen fein mag, jedenfalls brachten unsere Airssagen viel Leid über Sseliwan: man machte bei ihm eine Haussuchung, durchforschte den ganzen Wald und hielt ihn selber tange Zeit in Haft, fand jedoch bei ihm nichts Verdächtiges; ebensowenig fanden sich auch Spuren vor; der getöteten Frau, dm wir gesehen hatten. Sseliwan kehrte wieder nach Hause zurück, aber in der allgemeinen Meinung nützte ihm das nicht: seit der Zeit tvuhten alle, das; er ein Aebeltäter war, den man nur nicht erwischen komrte, und niemand wollte mit ihm auch nur das ge­ringste zu tun haben. Mich brachte man, damit ich nicht dem ver­stärkten Einfluß des poetischen Elements unterläge, in eine Ade!s- pension", wo ick mir in voller Rühr die Fächer der allgemeinen Bildung anzueignen begann, bis die Weihnachtsfeiertage nayten, wo es mir beschieden war, auf der Heimfahrt an Sseliwans Hof vorbeizukommen und dort mit eigenen Augen große Schrecken zu sehen,

12. Kapitel.

Sseliwans schlimme Reputation gab mir ein großes Ansehen unter meinen Pensionskameraden, denen ich meine Kenntnisse über diesen entsetzlichen Menschen mitteilte. Bon meinen Altersgenossen tn der Pension hatte noch niemand so schreckliche Erlebnisse gehabt wie die, mit denen ich mich rühmen konnte, und nun stand es mir wieder bevor, bei Sseliwan vvrbeizufähren, wozu sich keiner meiner Kameraden gefühllos oder gleichgültig verhielt. 3m Gegenteil, die. meisten von ihnen bedauerten mich und sagten ganz offen, daß sie nicht an meiner Stelle sein wollten: zwei oder drei Wagehälse beneideten mich aber und brüsteten sich damit, daß sie Sseliwan sehr gerne begegnen würden. Aber zwei von diesen waren als Aufschneider bekannt, und der dritte brauchte niemand zu fürch­ten," da seine Grotzmutter, wie er sagte, in einem alten ve­nezianischen Ringe einenSilvester-Stein" besaß, dessen Besitzervor jedem Unglück gefeit war"*).

3n unserer Familie gab es dagegen keine derartige Kostbar­keit: zudem konnte ich meine Weihnachtsreise nicht mit den Pferden meiner Eltern zurücklegen, sondern mußte mit denen der Tante siahren, die gerade vor den Feiertagen ihr Harts in Orjol für dreitzigtauseuL Rubel verkauft hatte und nun zu uns fuhr, um sich in unserer Gegend ein Gut zu kaufen, das mein Vater schon lange für sie erhandelt hatte.

Zu meinem Aerger verzögerte sich die Abreise der Dante in­folge irgendwelcher wichtiger geschäftlicher älmstände um volle zwei Tage, und so fuhren wir erst am Morgen vor dem ersten Feier­tage Mts Orjol ab.

Wir fuhren in einer geräumigen, mattengedeckten, dreispän- mgen Kibitiä und mit dem Kutscher Spiridon und dem jungen Laftli Boriska. 3n der Equipage befanden sich meine Tante, ich, mein Vetter, meine kleinen Cousinen und die Kinderfrau Ljubow Timofejewna.

Wit orde-ntlichen Pferden und aus einer guten Straße kann ntßn unser Dörfchen von Orjol aus in fünf bis sechs ©tunben er­reichen. In zwei Stunden erreichten wir Kromy und machten dort bei einem uns bekannten Kaufmanne halt, um Tee zu trinken und die Pferde zu füttern. Dieser Aufenthalt war bei uns Usus, zudem erforderte ihn auch die Toilette meiner kleinen Cousine, die noch tn den Windeln lag.

Das Wetter war schön, und es begann fast ein wenig zu tauen. Während wir aber die Pferde fütterten, begann es leicht zu frieren und dann zurauchen", d. h. über die Erde fegte seiner Schnee.

Die Tante überlegte: soll man abwarten oder sich im Gegenteil beeilen und schneller fahren, um noch vor dem Unwetter nach Hause zu kommen.

Wir hatten noch etwas über zwanzig Werst zu fahren. Der Kutscher und der Lakai, die die Feiertage mit ihren Verwandten und Freunden begehen wollten, versicherten, daß wir wohlbehalten

*) Der Silvester-Stein" ist ein heller Saphir mit der Tönung einer Pfauenfeder, der in alter Zeit als heilsamer Talisman galt.

Anmerkung Ljeßkvws.

heinikominen würden, wenn wir nur nicht länger zögerten unS möglichst schnell abführen.

Meine eigenen Wünsche und die der Tante entsprachen durch­aus dem, was Spiridon und Boriska wollten. Niemand wollte die Feiertage in Kromy in einem fremden Hause verbringen. Außer­dem war die Tante mißtrauisch und argwöhnisch und hatte eine sehr bedeuteirde Geldsumme in einer Mahagonischatulle bei sich, die in einem Futteral aus dickem grünem Fries steckte.

Mit diesem Kapital in einem fremden Hanse zu übernachten, erschien der Tante durchaus nicht ungefährlich, und sie entschloß sich, auf den Rat unserer treuen Diener zu hören.

Etwas nach drei Uhr war unsere Kibitka angespannt, und wir fuhren von Kromy in die Richtung zum Altgläubigen-Dorfe Koltfchewo: aber kaum waren wir über das Eis des Kromaflusses gefahren, als wir fühlte!;, wie uns die Luft ausging, um aus voller Brust zu atmen. Die Pferde liefen schnell, wieherten und wiegten die Köpfe, em sicheres Zeichen, daß auch sie den Luftmangel spür­ten. Indessen flog die Equipage besonders leicht dahin, als würde sie von hinten geschoben. Der Wind war uns im Rücken und jagte uns mit verstärkter Geschwindigkeit irgendeinem Ziele zu. Bald jedoch begann die ausgefahrene.Wegspur zustottern": auf der Straße lagen schon weiche Schneewehen, die immer häufiger wur­den: bis schließlich von der früheren Spur nichts mehr zu sehen war.

Die Dante schaute beunruhigt hinaus, um den Kutscher- zu fragen, ob wir auch noch bestimmt auf der Straße wären, fuhr aber gleich zurück, da sie von feinem kaltem Schneestaub überschüttet war, noch, bevor sie unseren Leuten auf dem Schlittenbock etwas zurufen konnte. Der Schnee fiel in dichten Flocken, der Himmel hatte sich verfinstert, und wir waren in der Gewalt eines wirk­lichen Schneesturms.

13. Kapitel.

Aach Kromy zurückzufahren war ebenso gefährlich wie weiter­zufahren. Hinter uns lag sogar als eine fast noch größere Gefahr der Fluß, in dessen Eis sich unterhalb der Stadt einige Löcher befanden, und wir konnten sie bei dem Schneegestöber leicht über­sehen und unter das Eis geraten. Bor uns lag bis zu unterem Dörfchen ebene Steppe; erst auf der siebenten 'Werst kam Sseli- wans Wald, der- aber die Gefahr des Schneegestöbers nicht ver­größerte, da es im Wald sogar geschützter sein mußte. Außerdem ging die Fahrstraße nicht durch die 'Waldtiefe, sondern hielt sich an seinem Saum. Der llvald konnte also nur ein nützliches Zeichen ßafür sein, daß wir die Hälfte des Weges nach Hause hinter und haben, und der Kutscher Spiridon trieb daher die Pferde noch zu größerer Eile an.

Der Weg wurde immer schwieriger und verschneiter. Bon dem früheren fröhlicher Knirschen unter den Schlittenkufen war nicht- mehr zu hören, im Gegenteil, der Schlitten kroch nun durch die lockeren Schiwewehen und begann von der einen Seite auf die aisdere zu schwanken.

Wir verloren unsere ruhige Zuversicht und erkundigten uns immer häufiger beim Kutscher und beim Lakai über unsere Lage. Sie gaben uns aber nur unbestimmte und ausweichende Antworten. Sie bemühten sich, uns von der Gefahrlosigkeit der Lage zu über­zeugen, während sie offensichtlich selbst nicht davon überzeugt waren.

Rach einer halben Stunde rascher Fahrt, während der Spiri- doirs Peitsche immer häufiger auf die Pferde niedersauste, wurden wir durch den Ausruf erfreut:

Dort wird Sseliwan» Wald sichtbar."

Ist er noch weit?" fragte die Tante.

Nein, wir sind schon ganz nahe."

Es mußte auch so fein, denn wir waren von Krvnry schon eine Stunde unterwegs. Aber es verging noch eine gute halbe Stunde, wir hörten die Peitsche immer öfter auf die Rücken der Pferde klatschen, aber der Wald tarn nicht.

'Was sott das bedeuten? Wo ist Sseliwans Wald?"

Vorn Bock kam keine Antwort.

Wo ist der Wald?" fragte die Tante wieder.Sind wir schon durchgefahren?".

Bein, wir sind noch nicht durchgefahren!" antwortete Spiri­don dumpf, wie unter einem Kissen hervor.

Aber was soll das bedeuteir?"

Schweigen.

1Kommt her! Haltet! Haltet!"

Die Dante sah zum Schlittenfenster hinaus und schrie ver­zweifelt mit ganzer Kraft:Halt!" Dann fiel sie in den Schlitten zurück, wohin wir als eine Wolke Schneeflocken nachflogen, die dem Luftzug folgten und sich nicht sofort setzten, sonderir in der Lust wie Mücken schwärmten.

Der Kutscher hielt die Pferde an und tat gut daran, da sie sich nur mühsam aufrecht hielten rmd vor Müdigkeit taumelten. Hätte man sie nicht in diesem Augenblick rasten lassen, so wären die armen Tiere wahrscheinlich umgefallen.

Wo bist du?" fragte die Tante Borsts, der vom Bocke gestie­gen war.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Langs. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.