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es richtig von mir war, diese Ehe einzugehen, das ist hier nicht die Frage. War es eine Schuld, dir mich trifft, so muß ich sie tragen. Aber Sie. Arno, sind nicht schuldig. Sie dürfen nicht mitbüßen. Wir find beide Feiglinge. Wir schleppen ein Leben ohne Ja und ohne Rein dahin. Ein Leben ohne Ja. Denn wir haben nicht den Mut, uns zueinander zu bekennen. Ein Leben ohne Nein. Denn wir haben uns innerlich noch nicht ganz aufgegeüen. Wir dürfen und können uns nicht gehören und treiben doch ein leichtes Spiel mit Wünschen, die nicht tveniger rechtlos sind als die Tat sein würde. Warum wären sonst alle diese geheimen Korrespondenzen? Sind es nicht verschwiegene Küsse? Sie dürfen die Frau eines anderen nicht küssen. Daß Sie es gestern nicht taten, obwohl mein Mann es wünschte, werde ich Ihnen nie vergessen. Nur deshalb sagt Ihnen dieser Brief mehr als je ein anderer. Aber auch das Gestrige bleibt nur ein Schein, solange wir uns nicht ganz trennen. Sie haben gehört, wie Otto im plötzlichen Wechsel seiner Stimmung zu einer Drohung ausholte. Küsse, die nicht gegeben werden, können mehr bedeuten, als wirkliche Küsse. Wollte er mit diesem Worte sagen, Laß er an Ihre Liebe zu mir glaubt? Glaubt er. daß ich Sie wieder liebe? Ich fühle mich ganz elend und gebrochen unter diesen Stimmungen. Mein NÄnn ist wenigstens ehrlich. Er liebt mich nicht mehr. Er fühlt sich zu Ottilie hin- gezogen. Wenn es wahr ist, was ich glaube, wenn Ottilie Ihnen schon längst nicht mehr gleichgültig ist, so beschwöre ich Sie nochmals: Sprechen Sie sich mit ihr aus. Wenn alles Aeußecliche in unserem Leben eine andere Gestalt annimmt, so wird sich auch unser Inneres verändern. Es ist eine Gefahr um uns und in uns, die sich vermehrt, wenn wir sie nicht mit Gewalt abwehren. Noch steht — ich hoffe es. Arno — mein Bild ganz rein vor Ihnen wie vor mir das Ihrige. Das soll nie anders werden. Sie können noch glücklich werden und Ohr Leben neu aufbauen. Dann wird, ich glaube es, auch meine Seele Ruhe finden, And dann noch eines, Arno, was Sie verstehen werben: Wenn Sie mit Ottilie gesprochen haben oder noch ehe Sie es tun, gehen Sie zu meinem Wanne, zeigen Sie ihm alle meine Briefe. Zeigen Sie ihm auch die Briefe, die Sie mir schrieben. Och lege sie diesem Schreiben bei. Warum ich ihm nicht alles selbst sage? Weil er mich auslachen würde. Er hält nichts von den „Gefühlsduseleien" der Frauen. Auch weiß ich nicht, wie Sie heute darüber denken. Sie als Mann, auf den er hält, werden mehr Eindruck auf ihn machen. Was wollen Sie ihm zur Erklärung dieser Briefe sagen? Was wird er Ihnen erwidern? Ach, ich weiß es nicht. Tuen Sie, was Die wollen."
Arno antwortete in einem Schreiben, von dein sich nur ein ab» !>erissener Konzeptentwurf bei dem Driefbündel befand. Der Sinn einer Antwort war:
„Sie sind mutig. Och bin es nicht mehr. Och will das Opfer als Strafe meiner Mutlosigkeit auf mich nehmen und Ohnen nicht mehr schreiben, auch keine Zeilen mehr von Ohnen empfangen. Ohr Vorschlag, mich an Ottilie zu binden, ist unerfüllbar. Mein Leben ist verfehlt und mir zur Last. G- soll kein fremdes Leben stören. Mit Ihrem Manne kann ich nicht sprechen. Vielleicht würde er auch mich auslachen, und so würde dieses Trauerspiel meines Lebens wie eine häßliche Komödie enden, vielleicht sogar mit Folgen für Sie, die ich nicht übersehen kann. Lassen Sie mich diese B.kefe vorläufig als den einzigen Schatz meines Lebens ausbewahren. Es könnten doch auch Fülle eintreten, in denen sie für Sie wie für mich wichtige Beweisstücke biden."
Auf der Rückseite des Amschlages, der die Briefe umschloß, fand Feuerbach noch zwei rätselhafte Worte von Arnos Hand. Sie schienen vor nicht langer Zett geschrieben. Es waren die Worte: „mors initium“.
Der Justizrat hatte sich erhoben. Gr legte die Briefe in die Kassette zurück und grübelte, alles anders vergessend, über Arnos Schlußwort nach: „mors initium. Der Tod ist der Anfang."
Was hatte dieser Rätselsatz zu bedeuten? Bestand etwa zwischen dem Inhalt dieser Briefe und Arnos frühem Tode irgendein Zusammenhang?
Abenddunkel hüllte das Zimmer in tiefe Schatten. On dem jungen Apfelbaume vor dem Fenster sang eine Drossel. Tiefe Müdigkeit kam über ihn, ein Gefühl grenzenloser Einsamkeit. Er mußte sich niedersetzen und schlummerte unter dem Abendlieds der Drossel ein.
Gin besonderer Traum kam über ihn.
Er stand vor den Schranken des Gerichtes, des Gerichtes, vor dem seine Beredsamkeit so oft gesiegt hatte. Aber er stand dort nicht als Verteidiger, sondern als Angeklagter. Was ihm die Anklage vvrwarf, kam ihm nicht ganz zum Bewußtsein. Zerstörung eines Lebens in irgendeiner Form schien es zu fein. Gr fand auf die zermürbenden Worte der Anklage kein Wort der Verteidigung. Er wollte seinen Richtern zurufen:
„Och bin schuldig. Wer tötet, soll selber des Todes sterben. Nehmt mein Leben hin."
Da trat Arnos Freundesgestalt in den Saal.
Er trat an seine Seite und ihm folgte Marianne. Arno war sein Verteidiger geworden, Marianne trat für ihn als Zeugin auf.
War es Drofselsang oder war es Mariannes Stimme, die Leides voll, die Richter für ihn um Milde bat?
War es Drosselsang oder waren es Arnos Worte, die wie eine zarte überirdische Musik den Saal durchfluteten unb vor denen die Gespenster der Anklage entflohen?
Der bleierne Schlaf löste sich in eine Art Halbschlummer auf. Zwischen Wachen und Träumen spann er bea alten Traumfaden lose weiter und' grübelte dann im Halbbewußtsein darüber nach, Wie konnte Arno diese Briefe in seine Hand fallen lassen? Tat er es absichtlich? Hatte sein vorschnelles Ende den Plan rechtzeitiger Vernichtung vereitelt? Wollte er mir kurz vor seinem Tode ihren Onhalt noch erklären? Er berief den Schatten des Verstorbenen: „Gib mir Antwort."
Arno antwortete wie aus ferner 'Weite mit dem Rätselworte: „mors initium“.
Aber Feuerbach ließ sich mit dem Worte nicht abweisen. Gr erwiderte der Geisterstimme:
„Marianne und ich stehen mitten im Leben. Wir müssen weiterleben, sei es, wie es sei. Du konntest sie schützen vor mir, als du lebtest, wenn sie eines Schuhes vor mir bedurfte. Run gabst du mir eine Waffe gegen sie in die Hand, obwohl du ihr Beschützer nicht mehr sein kannst. Hast du mir diese Zeugnisse eures Lebens absichtlich und bewußt übergeben? War es ritterlich von dir gehandelt, wenn du es wolltest?"
And Arno erwiderte:
„Ob ich es wollte oder nicht, was ist daran gelegen? Vielleicht wollte ich es. damit du siehst, daß sie ohne Schuld ist. Du kennst das Leben und weißt, wie das harte Lebensschicksal an Tausenden von uns zum Verführer und Verbrecher wird, ohne daß wir ez wollen. Es gibt keinen ganz Schuldigen. Deshalb durfte ich auch dir zum Verteidiger werden vor jenem Gerichts, vor dem du dich ganz schuldig fühltest. And es gibt eine Schuld, die äußerlich groß erscheinen mag, und wir müssen und wollen sie doch begehen und wollen sie nicht einmal bereuen. Sie ist unabwendbar, daß selbst Engel sich mit ihr beschweren würden. Diese Briefe durften in deine Hand fallen. Es ist gut, daß es geschieht. Denn nun erkennst du die Wahrheit. Du weißt jetzt, was du vielleicht halb ahntest, was in Marianne und mir lebte, und da wir nicht die Schuldigeren find, da sie es am allerwenigsten ist, so wird mein Tod der Anfang deiner Reue, der Anfang deines Erkennens und einer geläuterten Liebe zu ihr sein. Dieses dein Erkennen wird ihr Beschützer werden. Sie bedarf meines Schuhes nicht mehr. Mors initium.“
Feuerbach rüttelte sich aus seinen Träumen auf. Es war Rächt geworden, eine milde Frühlingsnacht. Der Gesang der Drossel war verstummt. Lichter Mondenschein lag auf den Blüten des Apfelbaumes, dessen Zweige wie nach Liebe verlangend zu ihm emporstrebten.
Er öffnete die Kassette, nahm die Briefe heraus und verbrannte einen nach dem anderen an der Flamme einer Wachskerze.
Dre Wirke.
Don Werner Dock.
MS ich mich eines Morgens am Waldrand ntederließ, fiel mein Blick auf eine junge Birke, die ein wenig abseits von den Bäumen des Waldes in einem schmalen Wiesenteppich wurzelte. Ihr Stamm war dem Körper einer Elfe gleich, biegsam und mädchenschlank. Aeber die silberblaue Haut wallte der Schleier der Zweige wie ein vom Himmel heruntergewehtes goldgrünes Reh.
Weine Augen liebkosten in der wunderzarten Daumgestalt einen irdisch gewordenen Traum. And je länger ich den holden jungen Daum in mein Auge schloß, desto heißer flutete in mir ein seltsames Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem lieblichen Wesen auf. Mehr als einmal hatte ich so ganz das Ginsgefühl mit den Geschöpfen der stummen Natur erlebt. Aber immer umfaßte mein Herz sie als Ganzes, den Wald, die Gräser, die Blumen ...
Diesmal stand ich plötzlich in einer geheimnisvollen Bezrehung zu einem einzigen Pflanzenwesen, das über all seine Fremdheit Hinaus unsichtbare Fäden zu mir za spinnen schien. Arklängg erwachten in mir, Erinnerungen an ewig ferne Zeiten, da dis Schranke zwischen den Kindern der Erde noch nicht grausam aufgerichtet war. Floß nicht in jedem Daum derselbe Saft, der vor undenklichen Zeiten die Argebilde meiner Ahnen durchströmte? Mar nicht über alle Trennung hinweg dort noch Blut und Leben von mir und hier Blut und Leben von dort?
Eine unwiderstehliche Gewalt zog mich jäh zu dem stillen Schwesternwefen hinüber. Och lehnte meinen Kopf an den schwellenden Stamm, meine Hände umschlangen das süße Waldgeschöpf in einer unsagbaren Bewegung. And während ich mein Herz an das Herz des Baumes preßte, erschauerte ich in einer niegekannten Seligkeit, als plötzlich, ohne daß ein Lufthauch sich rührte, eilt keuscher Zweig sich zu mir niederbeugte und leise, leise über mein glühendes Antlitz strich . . .
Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Drühl'schen Aniv^-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


