Samstag, 1. September
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1923 — Nr. 35
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Sedan.
(Aus einem Kriegstagebuch.)
14. Mai 1916. Ein Sonntag, schön wie selten einer, führt uns im Anschluß an einen Erkundungsritt auch auf die denkwürdige Höhe 307 westlich Sedan. Vereinzeltes Buschwerk und kleine Haine jungen Waldes bringen etwas Abwechslung in den grünen Rasenteppich, der die ganze Höhe bedeckt. Roch sind die Wunden, die ihr vor bald zwei Jahren der Weltkrieg geschlagen, nicht vernarbt. Doppelt üppich wuchert das Unkraut auf dem von Granaten gepflügten Boden, auf dem noch heute zerbrochene Waffen und zertrümmertes Gerät jeder Art zerstreut umherliegt. Schneeweiß heben sich die namenlosen Hvlzlreuze an dem lichtdurchfluteten Maienmorgen von dem satten Grün der Umgebung ab. Allein die Streifen in Frankreichs Farben, die die Mehrzahl trägt, lassen erkennen, daß die hierunter Ruhenden ihr Grab in heimischer Erde gefunden. Doch sah sie auch deutsches Blut fließen, nicht anders, als sie es 44 Jahre zuvor schon einmal gesehen. Auch ohne daß ein Stein an ihre denkwürdige Vergangenheit erinnert, bleibt es doch unvergessen, daß sie der Schauplatz des ersten Aktes der Tragödie von Sedan gewesen ist. Don dieser Höhe aus leitete König Wilhelm die Schlacht des 1. September' hier erlebte er den Zusammenbruch des französischen Kaiserreiches, hier überreichte ihm General Reille den berühmt gewordenen Brief seines kaiserlichen Herrn, dem „es nicht vergönnt war, inmitten seiner Truppen zu sterben". Frei schweift von hier der Blick über das sonnenvergol- dete Tal der Maas und den silberglänzenden Fluß entlang nach dem bergumgrenzten Sedan. Schließlich bleibt er an dem hell herüberschimmernden Flving haften, das auf halber Höhe über der^ alten Waasfeste gelegen, seinen Ruhm dem heldenmütigen! Opfertod französischer Reiterei verdankt: „Es wird attackiert —- und wenn der Ritt in die Ewigkeit geht!" —
16. Mai 1916. Gin strahlender Maientag geht zur Reige. Wie im Widerschein blutiger Tage leuchten Doncherys Trümmer purpurfarben in den Strahlenden der sinkenden Sonne. Schon längst hat üppiges Unkraut und dunkeles Moos Schutt und Staub überwuchert, in den Gurten sind Baum und Strauch — jeglicher Pflege beraubt — längst zu dichtem Gestrüpp verwachsen. Auf zerfallenem Gemäuer, auf geborstenen Simsen und rauchgeschwärzten Mauerzinnen leuchten buntfarbige Frühlingsblumen, während durch die kahlen Fenster rind geborstenen Pforten befiederte Sänger ihrer Deute nachjagen. Zu neuem Leben ist die Statur erwacht, "dch die Stadt bleibt tot, einem nordischen Pompeji gleich. Rar !elten betritt eines Menschen Fuß die schmalen Pfade, die sich durch den grünen Rasen dahinschlängeln, der heute die ehemals so viel begangenen Straßen bedeckt. Rur e i n breiter Weg führt vuvch die Stätte der Verwüstung zur Maas, deren Wasser rau« icpenö über die Trümmer der gesprengten Brücks schäumt. Aus den Gebäuden auf ihrem Südufer kräuselt sich blauer Rauch zum lichten Abendhimmel empor. Von des Mars ehernem Tritt verschont geblieben, bilden sie eine Oase in der Wüste. Hier ist es auch, wo etwas abgelegen von der Unruhe der Landstraße ein einfaches Haug steht: das Weberhäuschen von Doncherh. Der goldene öqj’immer, den das Abendrot des scheidenden Tages auf seine Banoe haucht, sind sein einziger Schmuck. Richts verrät äußerlich, daß in seinem Innern einst ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte begonnen.
Die Besitzerin, die nun schon den zweiten Kriegssturm in diesem Dause erlebt, führt uns selbst. Von der Rückseite des Gebäudes geht es auf einer schmalen Stiege nach dem oberen Stockwerk. 3t»
dem ersten Zimmer, das wir betreten, reichen sich zwei große Kriege die Hände. Zu den Kugelspuren aus dem 70er Kriege gesellt sich hier ein deutsches Gewehrgeschoß aus den Herbstkämpfen 1914, das durch das Fenster eingedrungen, in einer Blumenvase stecken geblieben ist. Ein Zettel an der Wand macht unter genauester Zeitangabe darauf aufmerksam, Unmittelbar daneben führt die Tür in das kleine Gemach, dem das ganze Haus feine Berühmtheit verdankt: hier saßen sich Napoleon und Bismarck gegenüber, um über Sedans Geschick zu unterhandeln, hier vollendete die Feder, was das Schwert zu tun Übrig gelassen. Ein Tisch, zwei Stühle — das ist das ganze Mobiliar des Zimmers, das an jeder erdenklichen Stelle über und über mit Namen bekritzelt ist, während ein Glaskästchen auf dem Tisch Erinnerungen an hervorragendere Besucher dieses Raumes birgt.
Als wir auf geschichtlich denkwürdiger Straße nach Sedan zurückkehren, spiegelt sich der Mond bereits silbern in den Scheiben des historischen Schlößchens Bellevue, und gespensterhaft leuchten uns von dem nahen Soldatenfriedhof die weißen Kreuze der wohlgepflegten Gräber entgegen:
„Weint nicht um mich — ich habe Deutschlands größte Zeit gesehen und durst' im Siegestaumel sterben!"
--Dingeldein.
NuhrlanÄ.
(Dichtungen werktätiger Menschen.)
Baedekers Verlagsanstalt in Essen verdanken wir eine von Otto Wohlgemuth herausgegebene Sammlung von Gedichten aus dem Ruhrlande. In herber, aber reiner und kraftvoller Stimmung spiegelt sich hier das Ringen der westfälischen Stammesgenossen. „Die Menschen, die hinter diesen Gedichten stehen," so sagt der Herausgeber, „wissen, daß sie eine herbe, wuchtig-schöne Heimat haben, an die sie gebunden find mit aller Erdhastigkeit, um Blute." Und so ist es auch: viel Schönheit wogt durch diese Rhythmen der Arbeit, des Kampfes mit Nacht und Feuer. Aus dem Charakteristischen und Wohlgelungenen dieses schön ausgestatteten Buches entnehmen wir die folgenden Gedichte:
Mein Ruhrland.
Die Essen rauchen, und die Räder sausen, Zum Abendhimmel lodert hell die Gicht: Erschauernd starrt in Ehrfurcht mein Gesicht, Rastlosen Werkes Odem hör' ich brausen.
Eh ich's erkannte, Packt es mich mit Grausen, Als dräue Höllenlärm und Weltgericht: Doch im Erkennen wurde meine Seele licht, Von hunderttausend Orgeln hört' ich brausen Der Arbeit Lied gleich heiligem Choral: Da sang ich mit und fang das Lied der Erde, Der Erde, die mich schuf und trug — „Es toerbe!“ Das heil'ge Wort sah ich wie ein Fanal Das Land entlang allüberall geschrieben — Du heil'ges Land, dich will ich ewig lieben!
Erich Schulz.
Unruhige Rächt.
3m Hause, wenn alles längst ruhig schlief, Mir war, als ob es mich leise rief.
Wenn mich länger nicht warten ließ seltsame Glut, Schreckt empor, mich quälte mein Blut, Dann trieb's mich mit unwiderstehlicher Macht 3n meine Bergheimat, in die Wäldernacht.


