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Ende dieses Leidensweges, fängt jener Gedanke an, mich zu mar­tern. Aber nein: es war besser so. Morgen werde ich von Ihnen tn Gegenwart Ihres Mannes Abschied nehmen auf einen weiteren Monat. Ich will mich in Berge und Wälder zurückziehen, die der Fremdenstrom nicht berührt, Wühle ich nur eine ganz ein­fame Felsenklause, ein Einfiedlernest voll kühler 'Beschaulichkeit. Vielleicht beginnt dort die kleine poetische Quelle wieder zu rie­seln, aus der Ihnen ein ft meine Lieder flössen. Ach, was hat der Mensch in meiner Lage mehr als sich selbst, Und dieses Selbst ganz zu ergründen und auszuschöpfen, von trockeiler Tagesarbeit befreit, tief in sich hineinzublicken, das soll meine Beschäftigung sein. Wenn nur nicht in dem Spiegel dieses Selbst ein anderes geliebtes Bild austauchte, das die ersehnte Ruhe zerstören kann. Aber mag es ruhig erscheinen und schuldlos meine Einsamkeit teilen. Sie würde auch sonst zu einsam sein."

Diesem Schreiben folgte ein kurzes Billett Mariannes:

Ich danke Ihnen, lieber Freund, für jedes Wort Ihres heu­tiges Briefes. Er war mir wirklich ein tröstliches Zeichen Ihrer so lange schweigsamen Freundschaft. Verleben Sie den morgigen Abend mit meinem Manne und mir. Und dann suchen und fin­den Sie die verdiente Ruhe. Meine Gedanken werden Sie oft In Ihrer Klause besuchen."

Feuerbach dachte an den Tag seiner damaligen Rückkehr. Arno hatte ihm über den Verlauf seiner Arbeit ausführlich Bericht er­stattet. Er hatte ein Arbeitspensum erledigt, dessen Fülle den Hustizrat ausrufen lieh:Mensch, wo haben Sie denn die Zeit zum Äusruhen hergenommen? Sie müffen meine arme Frau recht vernachlässigt haben."

Der Abend des Tages war mit der Erzählung seiner Reise­erlebnisse verbracht worden. Am anderen Tage hatte Arno seinen Urlaub Ingetreten. 3n diese Urlaubs zeit Arnos fiel ein Brief Mariannes. Sie schrieb:

Mein Mann hat mich gebeten, Ihnen ein Lebenszeichen zu- kommen zu lassen und Ihnen für Ihre Nachrichten zu danken. Er ist auf einen Tag verreist, und so will auch ich eine Reise antreten, eine Reise zu Ihnen. Ich denke mir, dah ich spät Rachmittags auf der kleinen Bahnstation eintreffe, von der aus der Weg nach IhremFelsenhorst" führt. Ich kenne die Gegend nicht, aber ich mache mir ein Bild von ihr. Rechts vom Bahnhofe führt eine Lindenallee zum nahen Walde. Die Augustglut ist fast verglommen. Dom Gebirge her grüßt und ruft mich der erste linde Abendhauch. Rüstig den Äergpfad hinan im leichten Reisekvstürn, demSchimmel­kleide", wie Sie es nennen, gelange ich tn einer Stunde bis zur ersten Hälfte des Berges und blicke rastend zurück in das tiefe Tal. Unten liegen die kleinen zufriedenen Hütten, von frohen Menschen bewohnt. Abendglocken tönen zu mir herauf. Es liegt etwas Hei­liges in dieser Abendruhe, etwas alle tiefsten und reinsten Gefühle Hervorlockendes. Mein Herz schwankt: soll ich hier die Abendsonne verglühen sehen, und dann, ohne mich höher zu wagen, in das Tal Mrückkehren? Oder soll ich, diesen weiten sicheren Mick mit der halb beängstigenden Dämmerstille des steilen Tannenpfades vertauschend, dem Gipfel zustreben? Hoch oben in einer Blockhütte, zwischen Felsen haust der Freund. Was wird er sagen, wenn plötz­lich aus dem Tannendunkel das Schimmelkleid hervortaucht? Da kommt mir ein Gedanke: Ich will ihn ungesehen belauschen und einen Kranz vor seiner Türe niederlegen. Er wird ihn erstaunt be­trachten und aus dem Dufte der Waldblumen eine poesievolle Er­innerung in sich auf nehmen, als wäre das Märchen vergangener Tage an ihm vorübergegangen. So steige ich denn mit dem rasch gewundenen Kranze rüstig weiter. Hetzt bin ich oben. Dor mir eine Matte mit schroffem Berghintergrunde und in einiger Ent­fernung die tannene Hütte mit einer Bank davor. Leise schleiche ich mich heran. Kann ich ihn belauschen? Aber die Hütte scheint ver­lassen zu sein. Er ist nicht zu Hause. So kann ich mich denn heim­lich in ihr umsehen und mein Kränzlein wie ein Geheimnis nieder­legen. Da taucht plötzlich eine Gestalt in der Tür auf, eine wohl­bekannte Gestalt. Schnell ducke ich mich in das tiefe Gras. Der Einsiedler blickt über mich hinweg und tritt dann in die Hütte zurück. Da werfe ich meinen Kranz der Pforte zu und eile klopfen­den Herzens den Berg hinab, tiefer, immer tiefer bis hinunter zu jenen sufriebenen Hütten, wo frohe Menschen wohnen."

Es folgt ein Gedicht Arnos:

War mir's doch, als ob geschähe, Was mein Hoffen für und für Und ich fühlte deine Rähe, Deinen Fuß an meinet Tür.

Bebte schon, dir zu begegnen, Ganz von jäher Lust durchwühlt, Deine liebe Hand zu segnen, Die die heiße Stirn mir kühlt.

Ach, es ist mir nicht begegnet, Glück, du flohst in scheuer Hast, Rur den Wald hast du gesegnet. Richt des Waldes stillen Gast.

Doch ein Hauch ist hier geblieben, Warst dir doch des Freunds bewußt. Und das Kränzlein meiner Lieben, Drückt ich dankbar an die Brust.

Die weiteren Korrespondenzen der beiden bewegten sich im wesentlichen in dem Tone der früheren.

Die beiden letzten berührten ein besonderes Ereignis. Ma- rianne hatte den Besuch ihrer in der Schweiz ansässigen Jugend­freundin Ottilie empfangen. Das schöne junge Mädchen blieb meh­rere Wochen im Feuerbachschen Hause, und Feuerbach hatte es mit der Zeit daraus abgesehen, eine Verlobung zwischen ihr und Arno zustande zu bringen.

Es schien sich wirklich alles nach feinem Wunsche zu entwickeln.

Arno war fast täglich mit den beiden Freundinnen zusammen. Das heitere Wesen der Schweizerin wirkte auf ihn sehr belebend und entfaltete alle seine gesellschaftlichen Fähigkeiten. Man be­gann sich offenbar füreinander zu interessieren. Wodurch waren diese guten Aussichten vereitelt worden?

Feuerbach wußte es wohl. Er hatte selbst dazu beigetragen, und das kam so:

Als er merkte, daß seine Bemühungen, die beiden einander näher zu bringen, nicht ohne Erfolg waren, setzte Plötzlich seine alte, grausame Siegerlaune ein. Er war gewohnt, seine Kreise zu be­herrschen. Die Reigung zu seiner Frau hinderte ihn nicht, andere holde Frauen schön und liebenswürdig zu finden und ihnen den Hof zu machen. Die aufkeimende Liebe des jungen Mädchens für Aimo hatte etwas Verletzendes für ihn. Er wollte sich nicht von ihm übertrumpfen lassen. Ganz im Hintergründe spielte in ihm auch noch ein anderer Gedanke, eine egoistische Erwägung. War es denn eigentlich klug von ihm, den fleißigen Mitarbeiter an ein Eheglück zu fesseln, das ihn vielleicht allzusehr gefangen nahm? And so begann er denn skrupellos sein Zerstörungswerk mit kleinen Listen und Schlichen, deren Verwerflichkeit er sich im Grunde nicht verhehlte.

Gr reizte Arno durch die kühn zufafsende Art, in der er nun selbst das Mädchen umwarb.

Er tat dies wie int Scherz, und sie ging nichtsahnend auf seine Scherze ein, ohne zu merken, daß die Empfindlichkeit Arnos ihn von ihr entfernte. Eines Abends, als die vier Personen auf mondbeschienener Terrasse des Hauses einem guten Weine zu­sprachen, hatte Feuerbachs übermütige Stimmung einen so hohen Grad erreicht, daß er nach einem glänzenden Toaste auf Freund­schaft, Liebe und Frauenschöne den Vorschlag machte, man müsse das vierblättrige Kleeblatt der Freundschast noch frischer ergrünen lassen, indem man sich insgesamt fortan mit dem trauten Du an- rede. Er achtete nicht darauf, daß die anderen bei seinem un­erwarteten Dorschlag stutzten, hielt ihn ohne weiteres für ange­nommen und setzte seiner Ausgelassenheit die Krone auf, indem er nun auch eine Besiegelung des Duzbündnisses durch einen all­gemeinen Kußaustausch forderte.

Che das junge Mädchen sich sträuben tonnte, hatte er es schon auf den Mund geküßt, und nun wäre nach seiner ausdrücklichen Aufforderung Arno an der Reihe gewesen, die neben ihm sitzende Marianne zu küssen.

Aber es kam zu keinem weiteren Lippenaustausche. Marianne iund Arno hatten sich gleichzeitig wie in einem wirren Taumel erhoben. Zuerst schien es, als ob Arno von der Erlaubnis Feuer­bachs Gebrauch machen wolle. Dann ließ er, von einem eigentüm­lichen Ausdruck ihres Gesichtes betroffen, die schon ausgestreckte Hand sinken. Er sah Marianne schwanken, griff rasch nach ihrer Hand und bann setzten sich beide verstört nieder.

Feuerbach war von dieser Szene betroffen. Die Schweizerin schien durch das Verhalten der beiden einigermaßen bloßgestellt. Er fühlte seine Taktlosigkeit und sagte tn scharfem Tone:

Mein Vorschlag scheint doch nicht die allgemeine Billigung zu finden, die ich erwartete. Geben Sie mir meinen Kuß zurück, verehrtes Fräulein. Dann sind wir quitt Uebrigens sind nicht gegebene Küsse oft heißer, als die Küsse, die wirklich gegeben werden."

Dieses paradoxe Schlußwort fiel wie ein Donnerschlag in den Freundeskreis hinein. Feuerbach hatte es im auftoallenben Qlerger hingeworfen und sofort bereut

Die gute Stimmung war zerstoben.

Marianne schrieb anderen Tages an Antv:

Der gestrige Abend hat mich zu einem Entschluß gebracht. Unser Leben muß noch anders werden, wie es jetzt ist, Arno. Wir gehen sonst beide daran zugrunde. Ich weiß, daß meine Freundin Sie wirklich gern hat. Sie müssen sich ihr erklären. Ach, lieber Freund, ist denn die Liebe einer edlen Frau so wenig wert, daß ein Mann die Gelegenheit, sie ganz zu erringen, achtlos vorüber­gehen lassen bars? Wie selig muß bas Leben sein, bas zwei wahr­hast sich Liebende und Verstehende miteinander führen. Ottilie wird ganz.in Liebe für Sie aufgehen, wenn sie Ihr Wesen erst ganz kennen lernt. Und Sie, auch Sie werden ihr gutes Herz verstehen und voll Zärtlichkeit umfassen. Tuen Sie es denn nicht schon? Sollte ich mich, indem ich Sie beobachtete, getäuscht haben? Aber ich weiß auch, was Sie noch hindert, glücklich zu sein. Ich bin es. Das eheliche Glück beruht nicht auf einer plötzlich erwachenden Leidenschaft. Die kleine Flamme der Reigung wird wachsen und erwärmen, wenn sie sich mit der Flamme des anderen Teiles ver­einigt. Das bedenken Sie, Arno. Reißen Sie alles, was Sie zu mir noch hinzieht, gewaltsam aus Ihrem Herzen, und Sie sind geborgen. Meine Freundin wird mir den letzten Rest Ihres Herzens nehmen. Ich will mich nicht darüber beklagen. Denn ich darf es nicht. 06