Samstag, 25. August
Nr. 34
1923
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Der Hackbrettler.
Don Johannes Hegerlehner.*)
Das Tal ist eng und schroff, wo das Gletscherwasser in das Schaufelrad des Müllerjosi spring!. Die Sommerfrischler und Alpi- nisten, welche die Bahn hoch über der Schlucht auf sicheren Granit- mauern und Diadukten hinführt, blicken mit krause Stirn in die gruselige Tiefe, die auf jedem klafterbreiten Flecken Erde noch einer Hütte Raum gewährt. Wenn sie erst das schiefLotterhauschrn des Müllerjosi sähen, das in den Einschnitt des Wildbaches hinaus- hänat und nur von einigen Strebehölzern zur Bot ein biychen gestützt wird! Doch die mächtige Krone eines alten BuhbaumeS verdeckt das Schieferdach, und so ist von der Bahnlinie aus wirklich kein Stein von der Mühle zu erschauen. Aur der Muller sieht, wenn er will, durch die Lücken der Baumäste die rotgestrlchenett Wagen des Zuges, und wenn er auch nie hinaufblickt, wen er das Bähnlein unsäglich hasst, so hört er doch das Gattern und Poltern der rollenden Wagen, das selbst den donnernden Wildbach und das Klappern des Mühlrades während einiger Minuten übertönt.
Der Müllerjosi hatzi die Bahn, wie er keinen Menschen hassen könnte und wäre es nach seinem Willen und dem einer hoyeren Gerechtigkeit gegangen, so hätten mindestens ein Dutzend Lawinen und ebenso viele Bergschlipfe und Rufinen das Teufelswerk m Schutt und Trümmer legen >müssen. Er hatte ja wohl im steststen Beralertrvtz dagegen geredet und geeifert, aber du lieberJ®ott, wie soll ein gewöhnlicher Kleinhäusler gegen die grohen Herren aufkommen? Er lebte schlecht und recht von dem kümmerlichen Er- trag seiner Roggenmühle und von seinem Kartoffelackerlein, gehörte keiner Behörde an und trübte mit seinen Einwendungen und Fluchen nirgends ein Wässerchen.
Am Tage, als die Bahn eingewerht wurde und die Dolchen an der Linie sich zum Feste rüsteten, sollte auch in Mühleried ein grober Tanz über die Bretterdiele des Gemeindehauses rumpeln. Doch in letzter Stunde jedoch wurde der Tanz in Frage gestellt, weil der Müllerjosi seinen harten Kopf hatte.
Es muh nämlich gesagt werden, daß er als Hackbrettler viel weiter herum bekannt war, denn als Muller, und die Musik von Mühleried galt, ihrem flotten Hackbrettlerzu Dank, bergauf und -ab als die beste im Lande. Wenn die Muhlerieder aufspielteir, wuiide es dem sprödesten Mädchen warm unter dem Brusttuch uno die Weitzbärte, die vermeinten, in ihrem Winkel dem stillen Trunk sich ergeben zu können, spürten ein Kitzeln und Zappeln m ihren alten Knochen, dem sie fast nicht widerstehen konnten.
Es nützte nichts, daß selbst der Präsident zur Muhle hinunterstieg und den Hosi ersuchte, seine Kameraden aufzubieten und un Gemeindehaus zum Tanz aufzumachen. Der Hackbrettler war um kein Geld zu dem Schritt zu bewegen. Ein Gluck war es, datz bet Präsident in seiner Verlegenheit einen Italiener austrieb, der seine Harmonika und seine nicht geringe Kunst gerne zur Bei stellte. So konnte das Fest abgehalten werden und der Präsident seine über sechs Wochen hinaus studierte Rede vom Stapel lassen.
Der Müllerjosi sah am Abend des Festes auf seinem Hinter hausläublein und starrste mit weltfernen Blicken m die Tiefen der Schlucht. Vom Wasser sah er feinen Tropfen, weil uralte Eichen und Linden mit ihrem grünen Laubwerk von <stels zu crels; eine Brücke spannen, unter der die Wellen im verborgenen ^e m einem Hexenkessel strudelten und kochten. 'Das Waperrad ruhte nicht nur
*) Aus der Sammlung Schweizerischer Erzähler des Verlages Huber & Co. in Frauenfeld und Leipzig.
heute, sondern fast das ganze Hahr hindurch, da Hosi die Mahl» oänge erst nach der Roggenernte anlietz, wenn die Bauern tum allen Höhen herunterstiegen und den Ertrag ihrer magern Aecker zur Mühle brachten. .
Frau und Kinder hatte er nicht, obwohl er langst über die Dreißig hinaus war. Was willst, das Weibervolk hat ihm noch nw k^Schlafgest^t. Muhgeschiebes unddmiDoNer-
schüsses, die wie aus weiter Ferne in das Toben des Gletscher- waslers hallten Er paffte dicke Wolken aus seiner Pfeife und frÄte sich ingrimmig dem Fest durch seine Abwesenheit ein«, gehörigen Dämpfer gegeben zu haben. Die Dahn, die verfluch^ Bahn sie werden sie. noch satt bekommen. Warum auf einmal so ein Spektakelwesen in das stille Dergtal hinemfahren muh, das will ihm nicht in den Kopf. Wer nicht gehen tonn, soll am Of«r sitzen Was brauchen die Fremden ihre Wundernasen zu allen Fensterglotzen des Zügleins herauszustrecken und den dickm Gast- Hofbesitzern ihre Kassen zu bereichern! Wenn sie den Grotzen und Gewaltigen Geld und Verdienst geben, so hat der arme ScUucker keinen Segen davon. Das hat schon sein Vater gesagt, und der konn^es toifW^ Äammar das Hackbrett und zog zwÄ neue Saiten auf. Alls er die Stimmung ausprobierte, glittendw Eisenhämmerchen wie von selbst über das vertraute Saitenvxrh gerieten ins Hopsen und Tanzen, und auf einmal war er mitten drin in einem alten währschaften Ländlerp zu dem er ^.Melodie summte, bis ein kunstgerechter Hodler ihm aus der Kehle fuhr der über dem dumpfen Gebrause des Wildbaches hinscywebte wie ein farbiger Apoll über blühende Wiesen Ao und zu flogi elrt Schaumspritzer oder ein verlorenes Stäubchen von dem Mühlen wasser auf die Laube und netzte ihm die heiße Stirne.
Mitten im schönsten Trio tappte ihm lemand auf die Schulter. Es war der Klarinettist, hinter dem der ®etger stond Ohne Äm stände Äoa»n sie ihre Instrumente unter dem Kittel hervor, setzten ich neben ihn auf das Bänklein und spielten nun zu dreien em Stock nach dem andern aus ihrem beschränklen TanzProgramm den Wildbachwalzer und den Lauistober, den Sanddodeler und den Oberschletzer. Und das Tvbelümsser rauschte und orgelte dmi Grundbah, datz es klang wie ein wildes, fremdartiges Raturspiel, teie ein Hexensabbat oder eine Waldeulenshmpponie.
Bei der ersten Pause stieg Hosi in den Keller und füllte ben tzinnkrua mit dem grauen, sauren Landwein, der auf den sonnige Hängen^über dem Dörflein wuchs, und die Kameradmi fveut«-sich Mtouf datz ihretwegen das Bähnlifest in einen armfehgen Stuben- und Weinhock äusarten mutzte, denn datz bei dem dünnenHav^ monikagedudel des Italieners die Tanzerei bald em Ende nehmen mürbe ft>ar ja bod)' eine ans gemilchte S<nHe.
Ern Fest, ohne datz wir drei aufmachen, ist k«riW. «W Qtarretei“ meinte der Klarinettler. „Es ist gut, datz wir b« der Kalberei nicht dabei sind! für die Rede des Präsidenten geb« ** '53K jedem Wort mit seinem schmalen KoPfe daM: denn das Reden war mühsam bei dem Lärm des tobenden Er schenkte unablässig ein, bis die Kanne leer war, und stietz n^ den Gesellen auf alte und neue Freundschaft an. 3n frater ütunöe wurden sie tätig, ins Gemeindehaus hinaufzugehen, ohne die 3n ftrumente natürlich, nur so zum Trotz und Spott.
Im Gemeindesaal, wo die Menge an langen Tlschreih«i &wn Weine zusprach, empfing sie jauchzendes Dravormfen. Als nE aber durch den dicken Tabaksgualm bemerkte, daß sie mit leeren


