134

Händen kamen, regnete es eine Flut von bitteren Verwünschungen. Kein Bein hatte sich gerührt, als die kleine, verstimmte Handorgel des Italieners im schärfsten Prestissimo aufsummte und knarrte, und als dieser seine Kunst verschmäht sah, war er beleidigt hinaus- gelaufen. So fehlte zum guten Gelingen das Herz und Bein in Be­wegung sehende Mühlerieder Trio. ,

Die drei Musikanten nahinen in einem leeren Winkel Platz und mischten sich in das allgemeine Bahngespräch, das sie ein- meinig nach ihren Köpfen führten und wobei sie mit Hieben und Ausfällen nicht knauserten. Als der Morgen an die Fenster schlug und der Aufbruch erfolgte, stolperte der Müllerjvst, der schwer ge­laden hatte, seiner Hütte zu. Auf der zertretenen und halb zerfalle­nen Treppe glitschte er aus und brach ein Dein. Er schleppte sich in seine Kammer und ließ am Morgen den Quacksalber rufen, der ihm den Schenkel mit dicken Brettern verschalte und m Eisendrahte schnürte. Aach einigen Wochen konnte der Patient das Bett wieder verlassen und durch die Stube humpeln, das Bein aber war steif und um eine Handbreite kürzer geworden. Wiederum schimpfte Iosi alle Zeichen über die Bahn, die an seinem Unglück schuld war, inu> wenn der Zug ob dem Dörflein vvrbeidonnerte, so nahm er die Pfeife aus dem Mund, spuckte aus und fluchte ein heiliges Donner­wetter.

Biele Wochen später, als die gelben Roggenfelder geschnitten wurden, traten "der Klarinettist und der alte Geiger zum Muller- !osi ins Stübchen. ..Was meinst? Glaubst, es gehe? fragten sie ihn. Uebeinnorgen zum Tanzsvnntag nach Stalden."

Der Müllerjosi schüttelte den Kopf.Ich bin ia noch nre zehn Schritt vom Hause weggehumpelt. Das Bein schmerzt mich immer noch sehr, und es ist steif wie eine Gartenscheie. Hol der

Teufel die Bahnt"

..Grad mit der Bahn fahren wir. das ist klar, entschied der Klarinettist.Ein Fuhrwerk kommt zu teuer, und dafür ist eben die Dahn da. Ich zahl das Billett schon, wenn dich das Geld reut. Sagen wir ab. so lassen sie in Stalden die Sedunermusik kommen, und 'bann ist uns das Dorf für alle Zeiten gesperrt."

Derart redete auch der alte Geiger auf den Kameraden ein, bis

er schließlich weich wurde und nachgab.

Am Sonntag saß der Müllerjosi mit seinem Kasten auf dem Trittbrett des Zuges. Seine Kameraden hatten in dem Abteil Platz genommen, und da es ein heißer Tag war, blieben die Wagen- türen offen. Das Züglein setzte sich in Bewegung, und Iosi öffnete seinen Kasten und zupfte der Dahn zum Trotz mit den klobigen Fingern leise die Saiten. Die zwei anderen Musikanten sollten nicht etwa glauben, daß er nun Augen und Maul aufsperre und das neumodische Fahrzeug mit all den Brücken und- Löchern als ein Wunderwerk begaffe. Die Altvordern hatten keine Dahn und sind doch da rollte der Wagen über einen schwindelnden hohen Diadukt, so ruhig und sicher, daß Iosi die eiserne Stütze, die ev schnell ergriffen hatte, wieder fahren ließ und staunend in den weißen Schaum der Schlucht hinabblickte. Hetzt finstere Rächt und Tunnelgerumpel, dann wieder der blaueste Himmel zu Häupten und mitten drin schau jetzt das Wunder senkrecht über seinem Scheitel das Kirchlein Von Emd, so ganz von allen Felsen und Hängen losgelöst, daß es in der Luft zu schweben schein.

Edu edu edu." murmelte er, da schnappte ihm eine dreiste Felsnase das Bildchen weg. Der Zug verlangsamte die Fahrt, ein Ruck, und das Zahnrad hackte sich ein, weil es jetzt steil bergab ging. Schau, schau, wie großartig. Das surrt und braust um die Ohren, schnurrt über Tobel und Wildwasser .daß es dem Teufel darob graust und läuft hol mich der Kuckuck wie am Schnürchen läuft's. Doch was hocke ich da und glotze so dumm, ich spiel mir eins auf und Pfeiff auf die Dahn. Er legte den Huk neben sich auf den Boden und ließ die Hämmerchen Über das Hack­brett zappeln wie im Tanzlvkal oder zu Hause auf dein einsamen Wasferläublein.

Dei den ersten Klängen traten die Fremden, welche die Wagen füllten, unter die beiden Türen auf die Plattform hinaus und lauschten der seltsamen Musik, die wie ein Echo dieser wilden Berg­natur das Bahngetöse und Pusten der Lokomotive in die Stille bannte.Prachtvoll," hörte Iosi eine Stimme rühmen, und als das Stück zu Ende war. flogen von allen Seiten Wickel- und Silber­münzen in seinen Hut. Bor Scham wagte er kaum aufzublicken. Er hatte, weiß Gott, nicht um Geld gespielt, aber schließlich auf dem Tanzboden ließ er sich auch fünf Franken bezahlen für die Rächt und dazu ein gutes Essen und jede Stunde einen halben Liter und wenn die reichen Berliner und Engländer an seiner Musik Gefallen finden, ein,paar lumpige Batzen ist sieZHon wert. In Zermatt erhalten sie die gute Lpft und die weichen Betten und das braune bayrische Bier auch nicht um ein Vergelts Gott. Jedes Edelweiß, jeder Tropfen saure Milch muß dort teuer erkauft wer­den. Sonst trügen die Hoteliers den Kopf nicht so hoch und stolz.

Zum Dank für die unerwarteten Gaben schmetterte Iosi den Matterhornjodler aus voller Kehle, und sein Saitensviel raffelte in allen Tiefen und Höhen eine kräftige Begleitung. Die Melodie wurde zwar durch zwei kurze Tunnels verhackt, aber die Frem­den blieben auf ihrem Posten, ba das Bähnlern langsam und vor­sichtig fuhr, und als Iosi vor der Einfahrt in den dritten Tunnel den Jodler in einer kühn geschwungenen Zickzacklinie beendete, reg­net« es' nach der Ausfahrt wieder so viel klingendes Glück tn

seinen Hut, daß er den Kopf tief auf ote Brust senile. Für dies«, zweiten Geldregen konnte er nicht mehr danken; denn der Zug hatte Stalden erreicht, und die Mühleriedermusik stieg aus. Mit Hut und Hackbrett unter den Armen schritt Iosi voran, und ob­schon er den Kopf nicht um Daumensbreite auf die Seite drehte, merkte er ganz gut, wie die Fremden durch alle Fenster ihm nach­schauten.

Die zwei Kameraden nahmen ihn frisch weg in die Mitte, und der Klarinettler spähte mit gierigen Augen in die Tiefe des geld- schweren Hutes.Du, Iosi, bas hättest du dir auch nicht träum«, lassen, he, sagte er, und der Reid schaute ihm zu den Armlöchern heraus.Das nächste Mal spiele ich ebenfalls mit, fo erhalte ich auch mein Sümmchen."Ich teile natürlich mit euch beiden," erwiderte Iosi gutmütig, und als sie ein Stück weit gegangen waren, leerte er den Filz auf einen flachen Stein, .und alle drei schieden die großen und kleinen Münzen von den glitzernden Sklberstücken. Das Ergebnis war ein glänzendes.In einer hal­ben Stunde zwölf Franken," rief Iosi in hellem Erstaunen, und über sein hageres Gesicht mit dem schwarzenKorstigen Schnäuzchen flog seit vielen Wochen das erste große, selige Lachen.

Macht auf jeden grab vier Franken," bestimmte der alte Geiger, teilte das Geld in drei Häuflein do-re-mi und strich das seine ein.

Die Rächt durch wurde in Stalden gurrt Tanz aufgespielt, und am nächsten Morgen fuhr die Mühleriedermusik wieder tal- einwärts. Die Wagen waren vollbesetzt, und Iosi saß abermals auf der Einsteigtreppe. Rach der Abfahrt des Zuges packte er seinen Kasten aus und begann, gleichsam nur so zum Zeitvertreib, ein leichtes Geträller, das bald zum herrischen Wildbachwalzer anschwoll. Obschon es noch recht kühl war, hatte er den Hut vom Haupte genommen und neben sich gelegt. Die Wirkung war dieselbe wie gestern. Bei den ersten Klängen des Instrumentes fuhren die Fremden von den Bänken auf, drängten sich zu den Türen und priesen die seltsame Musik, die man weder in Berlin noch in Paris zu hören bekam. Rach jeder Rümmer schwirrten die Rickel- stücke und die Silberlinge in den Hut, Iosi brauchte nicht einmal mit dem Kopfe zu nicken. In Mühleried verteilte er die'Summe unter die Spielgenossen, die das Geld als etwas Selbstverständ­liches, ohne ein Wort des, Dankes, in den Sack steckten.

Run geschah das Wunder. Der Müllerjosi, der bis dahin für die Bahn kein gutes Wort gesunden, saß jeden schönen Tag auf seiner Wagentreppe, fuhr einige Stationen weit talab und den gleichen Weg wieder zurück, immer klimpernd un& johlend, Und wenn er den 'Filz umstülpte, klingelte und klirrte es ver­heißungsvoll in seine hohlen Hände, und nun brauchte er den Erlös mit keinem Zweiten und Driften zu teilen.

Als das Geld von Tag zu Tag sich mehrte und zu einer an­sehnlichen Summe'anwuchs, fiel es. dem Iosi auf, wie bescheiden die armselige, felsgraue Mühle sich unter die Aeste des stolzen Rußbaumes duckte. Im ganzen Dorf war keine Hütte so schmuck­los und bettelhast. Er kaufte deshalb- einen Kübel Oelfarbe und bestrich die Läden mit einem prachtvollen Mattengrün. Das Dach ließ er flicken und eine neue breite Treppe anlegen, über die sein lahmes Bein Bequem auf und ab stelzen konnte. Da die Dauern mit ihrem Korn zur LIlühle niederstiegen und die Getreidesäcke zu einem großen Haufen sich türmten, ließ er auch ein weit vor­springendes Schutzdach anbringen. Zum Müllern hatte er keine Zeit, solange die Dahn ihm die Taschen stopfte.

Endlich, als die Hänge in den goldenen Herbstfarben prang­ten und die letzten Züglein mit den letzten Sommerfrischlern tal- aus glitten, und bald darauf der Bahnverkehr eingestellt wurde, ließ er das Wasser in einem kräftigen Bogen in das Mühlrad f(Meßen, und nun klapperte das Werk ohne .Unterbruch. Es war aber auch die höchste Zei't; denn die Bauern verlangten ihr Mehl, um Brot backen zu können, -und schon wurde um die Häuser herum geinunkelt, matt werde eine neue Mühle errichten, da der Iosi das Handwerk erbärmlich vernachlässige, seitdem er Dahnmusikus geworden sei. Iosi-aber ließ sich nicht lumpen. Die Mühle tvav Familienerbe, und auf zwei Stunden in der Runde hatte es nie eine andere Müllersfamilie gegeben. Er führte in seinen Keller zwei Fässer neuen Wein und brachte die murrenden Kunden mit einem guten und reichlich gespendeten Tropfen zum Schweigen.

Als die Mühle das Klappern einstellte, fielen die ersten Flocken. Durch- die kahlen Aeste des Nußbaumes schimmerten die grünen Läden der Mühle, und der Talfluß war klein und beschei­den geworden und rauschte in kristallklaren, smaragdgrünen Was­sern kaum hörbar durch die Schlucht. Den Müllerjosi duldete es nickt mehr in der häuslichen Stille und Einsamkeit. Die Dahn mir all ihrem Getöse und Fremdengetriebe hatte in ihm das Ver­langen nach Menschentum und Gesellschaft erweckt.

Er setzte sich unter Tags und Abends in die Pinte zu Kartenspiel, und Dorfklatsch und merkte lange nicht, daß die blut­junge Witwe sich gerne um ihn zu'schaffen machte. Gr hatte bis jetzt noch nie etnem Weibsbild scharf in die Augen geguckt, und es fiel ihm nicht sm mindesten auf, daß die Dabette das tiefdunkle Haar über die Ohren zurückstrich und mit zierlichen Schritten ihm entgegentänzelte, wenn er in die Stube trat.

Eines Abends, als er allein in der Wirtschaft zurückgeblieben war, rückte sie mit ihrem Stuhl an seine Seite, belobte die schönen grünen Läden, die ganz nach ihrem Geschmack seien, und das ge-