188
stickte Mühlenbach und die neue breite Stetntrepps, an Ser man fast nicht Vorbeigehen könne, ohne hinabzutrippeln und in sein Stübchen hineinzuwundevn, in dem es wohnlich aussehen müsse jetzt' wo er sich alles kaufen könne, ivas sein Herz begehre. Auf dem ^D^nerlgubli mühte man, um nur noch eins zu erwähnen, herrlich im Kühlen sitzen, wenn die Augustsonne nieöerbrenne, daß die Muer gesottene Eier legen. Aun geriet Host in Hitze und erzählte, tote ihm das Geld nur so zufliege wie ein Mückenschwarm, wenn er auf der Bahn hackbrettle. „Besonders wenn es gegen Zermatt zugeht," meinte er lächelnd, „und die Fremden mxfi keine Ahnung haben, was das Leben dort kostet, zahlen sie meine Kunst wie Könige. Nachher, wenn sie gerupft und geschoren das Tal verlassen, rinnt das Goldbrünnlein nur noch in spärlichen Tropfen. Ich habe auch schon rotes Kupfer aus meinem Hut gefischt. Räch- sten Sommer schasse ich keinen Streich mehr in der Mühle. Mit dem Müllern verdient man ja kaum das Brot in die Suppe Die Dahn ist halt doch ein wahrer Segen fürs Land, für Arm und Reich, und ich könnte sie nicht mehr ermangeln. Richt des Geldes wegen, Gott behüte. Zum Hamstern und Zutragen bin ich alleweil zu dumm gewesen — die Fremden jedoch, die muh man
Me Wirte in Zermatt tun es auch. He ja, ich fag's, die Bahn ist nicht nur für die Reichen gebaut worden, auch so ein armer Krüppel, wie ich einer hin, soll seinen Gewinn daraus ziehen."
»Du wirst meiner Treu noch ein steinreicher Dorfhabicht und solltest dich nach einer Frau umtun," versetzte die Babette und strich ihm über das struppige Haar.
Host lachte. „Das Geld macht mir nicht heiß und nicht kalt, wid mit der Frau, — a bah — ich bin noch lange wohl so wie ich bin. Diesen Winter schnitze ich ein neues Hackbrett mit sechs Kontrabässen, da werden die fremden Herren und Schleierjungfern noch ganz anders glotzen und rühmen, wenn sse meine Musik hören — DonnerI Ich bin aber auch ein Künstler auf meinem In- strumeiit. Die Touristen, die aus den großen Städten kommen, die reden so, und die können es wissen."
Gr erhob sich, doch die Wirtin drückte ihn sanft auf den Stuhl nieder. „Kannst noch ein halbes, Stündchen bleiben, weil du es W, schmeichelte sie. Hosi aber stand auf und versetzte gähnend: „Ich habe Schlaf, und Zeit ist's. Ade!"
(Schluß folgt.)
Das Tierleben der Großstadt.
Bon Wilhelm B ö l s ch e?)
Bor so etwa zehn Jahren wurde in der Weltstadt Paris ein gar seltsamer Fang gemacht.
Es war in den bekannten großen Weinmagazinen des linken Seineufers. Arbeiter hatten längst schon nächtlicherweile einen ge- spenstischen Schatten mit langer Schnabelnase herumhuschen sehen. Man fahndete endlich systematisch auf den Kobold, und im grellen Laternenschein fand sich im Bersteck hinter roten Bordeauxfässern — ein Kiwi.
Der Kiwi, ein Strauß von der Größe eines Hahns, lebt in den Farndickichten Reuseelands. Er ist der überlebende Verwandte der riesigen Moas deren Knochen heute noch, dick fast wie die von Elefanten, in den Höhlen dieser geheiminsvollen Südseeinsel liegen. Dieses Pariser Exemplar war aber aus dem benachbarten Harbin ues Plantes entsprungen, und zwar schon geraume Zeit vorher. Die Gelehrten der Direktion hatten es schmerzlich beklagt und den nicht unbeträchtlichen Preis des seltenen Vogels auf ihr Verlustkonto gebucht. Ihm aber gefiel die „freie Großstadt" an einer ihrer unsolidesten Stellen, und er überwinterte ohne Beschwerde hinter den Fässern der Halle aux vins, die ihm lange Zeit ein ebenso gutes Versteck boten, wie seine neuseeländischen Farnkrautwurzeln.
Diese kleine Geschichte ist lehrreich für das allgemeine Verhältnis von Tier und Großstadt auf der Erde.
Unsere Großstädte find durchs die Bedürfnisse der menschlichen Intelligenz zu einer Art Arche Roäh geworden. Tiergärten und Aquarien holen die Tierwelt unseres ganzen Planeten wie in einen Brennpunkt zusammen. Es sind Tiere dabei, wie der nordamerikanische Bison und die Riesenschildkröte der Insel Aldabra, die in kurzer Frist in ihrer wilden Heimat ausgerottet sein und dann nur noch als buchstäbliche Großstadttiere existieren werden.
Was die Wissenschaft aber nicht schafft, das bringt der Handel, bald mit, bald "ohne ausdrückliche Absicht.
Gleich jenem Kiwi ist in Danzig die große, ausgesucht scheußliche brasilianische Dogelspinne plötzlich aufgetaucht, wahrscheinlich eingeschleppt mit importierten Hölzern.
Im Hahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil ein Wesen daherfchwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar WM das in dieser ZM miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis — heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar nicht bemerkt hätte. Es war
) Der bei Georg Bondi, Berlin, vor dem Kriege erschienenen vammlung feiner naturwissenschaftlicher Essays des bekannten geistreichen Naturforschers „Von Sonnen und Sonnenstäubchen" entnommen.
der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der Havana, der ebenfalls mit amerckanrschein Holz als „blinder Passagier" herübergekommen war.
. -Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf
eine Art geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendliche Massen von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er. Theorien ersinnen, über eine andere Lage der Meeresküste wurde die Nordsee bei Berlin branden lassen. Denn eilte Weltstadt etwa tote Paris verbraucht in einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen.
Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der Großstadt, die der Mensch- nicht zu holen brauchte, — die bon selbst einwanöernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein Stück neuer Landschaft, tote eine neu zu bevölkernde Insel.
Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie Las Bild der Großstadt selbst.
Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint heständig hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer.
Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem Licht das Geheimnis der Großstadt.
Äeides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht.
Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der „Höhle". §>as wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster, Dachluken waren die Höhkeneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte Raum erwünschtes Versteck.
Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt, Rachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die MauS und 'die Ratte, die Fledermaus, der Marder und die Eule.
- So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle.
Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende kleine Romane der „wiloen" Tierwelt abgespielt.
Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich verfallen: so das Storchnest auf dem Dach Aber aus dem Dächermeer wuchs der Domturm ins Blaue — und in ihm siedelte sich mit treuer Liebe der kleine, edrlgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisseree hat fester zur Gotik gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der Kölner Dom waren ihm die erwünschtesten „Höhlen". Aber ihn selbst umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein Leides- anzutun, und seine wirkliche Rahrung — Mäuse und schädliche Insekten — sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der pinschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet ist, wird er es fein.
plmgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes, zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen.
In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie, in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwmkel" des altertümlichen deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekom- meh", aber keiner weiß mehr woher. Gewiß ist. daß die Griechen und Römer sie nicht kannten, gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250) allgemein da war.
Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen zeigte, kam (mit . der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa. Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unernießlichem Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga überschwamm. 1750 hatten ich die ersten Vorposten in Ostpreußen gemeldet. Dreißig Jahre Pater war ganz Mitteldeutschland voll. 1809 erschien sie in der ' Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um die Welt gegangen.
Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die Städterin, älnd indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt,


