Ausgabe 
25.8.1923
 
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ehren Beginne. Dis erfüllt, der absolute

ein Schimmelfleck ist.

ave IM aul-

Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.

Schriftleitung: August Goetz.

Sein Triumph aber ist die Großstadt.

Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten, öffentlichen Gebiets, der hellsten Straße im Gegensatz zur Hotte.

so entstanden. _ , , ,

Dor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Grofsttadt einen dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten darin, auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen,

stlian muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Pro- vinrlers unter uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des Berliner Alexander-Platzes sich geworfen suhlt, eingekeilt zwischen die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues gefahrdrohendes Geleise, betäubt vorn Lärm, verzweifelt, hilflos - und dazu eines waschechten Großstadtsperlings, ver ge­mächlich wie ein uralt routinierter Weltfahrer ui diesem wirvem- den Ozean der hastenden Kultur beiseite -- nicyt stiegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge eines solchen StraßenSahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Rur ein, zwei MenschNPchritte weit ftapMt er fort, keinen Zoll mehr, als unumgänglich notig ist,. nicht die Spur nervös wie kann man denn bloß, es ist ;a immer bas, eine, und je größer der rollende Berg, desto, sichMr, daß er auf feinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell von mir Rvtrz zu

J Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle bes Talmud stritten, daß schließlich einige Eimer Master über sie er­gossen werden muhten, um sie wieder in die D)irtlichk<i. jurud« zurufen. Die Rvtwendigkeit, den Leipziger, Platz m Berlin zu , überschreiten, dürfte den gleichen Erfolg erzielt haben. Der*-8» gepichte Grotzstadtspah aber läßt mitten im Gecummel und Aus­weichen auch nicht eine Sekunde ab von seinem Keifen wenn er, ge- rade recht dabei ist er wechselt ein Dutzend mal in wenigen AugenbNcken das Geleise, um Platz zu machen, schwatzt und schwa­droniert aber unentwegt dabei weiter. ,

Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle am Schlesischen Bahnhof amüsiert ^er neig« Schildkrötenpanzer des Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiß. Dampf der Lokomotive heizte ihnen das Hewi und da sumnsten und zwitscherten sie nun in einem solchen Massenton, daß er Mischen allen Pfeifen und Drohnen der unablässig em- und ausrollenden Züae immer noch wie eine feste Grundmelodie zu vernehmen, Ivar.

9 Sn den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wieder­holte dieses Dach den Dögeln etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der sogenannte Siedelsperlmg. Meuy oen: lustigen Dögeln bei Aristophanes ist er zu einer Art Siaatenbilvung uBer» gegangen. Zu Tausenden bauen sie aus Gras em gememsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den Zweigen Bangt unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im ganzen to°$®ine©eitenfäd zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvogel sind im Frühjahr die Frösche int Berliner Friedrichshain.

Ringsum die Mietskasernen himmelhoch' wie Mauern um den grünen Fleck. Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Run in der Rächt aber ebbt das Geräusch langscun ein bis gegen Morgen eine förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Dust der zahllosen violetten Fliederblüten flieht vom Harn her m die öden Straßen. .Und nun der Triller der Fcostche, schmetternd laut, die Stimme des freien Eindringlings auf eine Weile oteger über das ganze Waschmenwerk der Großstadt.

Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen und kleinsten Tiervvlks, an der sehr gut Wohl uns Wehe einer ganzen Weltstadt hängen können.

Eine Weltstadt und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die Traditionen einer Weltherrschaft: sie muh veröden, als unbewohnbar endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz simple statistische Ziffer steigt - die Ziffer der Malariacmfa e. Die Malaria, das tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen, eingeimpft durch eine Miicke. Em geachM Prozentsatz Mücken gegen Rom, das kein Barbarensturm m Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen können!

Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der Individuen des berüchttigienBohrwurms", einer wurmartig gestalteten Muschel, die den solidesten Hvlzpfahl durchlöchert uno verdirbt und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amster­dam, gerät ins Wanken, stürzt Dineta nach. Es war im Jahre IZdO, als schon einmal die furchtbarste Panik durch Holland ging, auf­regender als aller Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen, weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins Ungemessene zu mehren beginne '-Jte Gefahr verzog sich noch nicht einmal. Sie wäre, erfüll-, der absolute Untergang der ganzen Riederlande gewesen.

Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Aber trillionen, märchenhaft unfaßbare Zahlen, winzigster, einzelliger Tierchen, der sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kallschaiei aufeinander, bis aus dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Bino aus solchem Kalkstein baut der Mensch ein Großstadt, baut sie dank der Arbeitsleistung jener tierischen Baiuneifter, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten. Große veile von Paris sm

Kaum daß in einem alten Patrizierhaus noch die Ratte der guten atten®?eC war ein kleinstädtisch 'verträgliches, angstliches Tier gL- weseu, diese dunkle Ratte. Die neue mit ihrer Lehmfarbe feuchter R-N!bauten wurde rücksichtslos, derb tote die neue Großstavttuitur.

Solidität ihrer HöM- Trockenheit und Reinlichkeit gewesen. Die neue nahm ^eucrnigfett al-- eine ÄSi des WeltfortfchrittsswMgmdenKelle und vom Hauskeller zuletzt IN die Großstadtkellei. in oas ganz düstere unterirdische Kanalnetz. n,if die viel-

.r.;. Dariier Delagerungsratle taucht yrt-. auf, uie vier «»Htrrntete Kanalratte" eine Weile die Tyrannin geradezu eines ffiatai Grohstadtor^ns, die der Mensch aus seinem ebenen kiniktvollen W-rk nicht wieder herausbringen kann. Aber auch ihr Alemnderpimkt in der Welteroberung ist Überschritten. Gegen sl< wendet sich diesmal nicht die Legende, sondern die: ^^nsth -

7nd nachmdunkeln gleich fcer alten Hausratte, die, wenn nicht alle

Sen um so rapider geht es auch mit der Hausmaus ab- Lvirfts' Kein Mmsch kennt ihre Herkunft. Auch sie war auf einmal

Sne WZLossin des ?dmschem Ihre Heimat wird wohl nie mehr festzulegen fein, doch ist icy^rlich toie bei der Ratte die asiatische Steppe gewesen. DieErfindung ßtabt hxir aber auch' für fic ein Sl.Li.gnrs 2^2

Y'T.-ir Kann das alt 0tai)t!>au3 mit morschem

d^alw, enge fknstere Gasse" die ohne Mühe üBerquert tourbe Manchmal, wenn ich heute durch denelektrischen Svnnen- nlanr der Leipziger Straße wandle und als Dision der Zukunft eine Weltstadt seh? bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stock­werke übereinander, mit Aufzügen statt Dreppen, und asks nach iicb durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen üW MaabX ich an die Maus in ihrer letzte Phase: auf i>8C J^^Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Svaß gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, vhne- Gedanken aus unfern Bibliotheken und damft d^i Menschengedächtnis hei.iusgenagt - ob das m der Uebersulle fo schlimm war? Schließlich ist alles Vernünftige doch siebenmal ne^eÄÄ eÄtfeum ausgestorbener Groß- stadttiL if^r Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling

Straf;entier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich. r Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und mdiscyen Stadt wo ein so riesiger Vogel, tote der Marabustvrch, in Scharen die Straßen belebt und doch noch nicht mit dem g^zen Berg twn Abfällen fertig werden kann, den jeder Tag neu anhäuft, uad der Weltstadtstraße, die in ihrer Polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr em Spätzlein sättigen iann.

Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das ttitereftontefte. Rie ist er im ganzen zahm geworden obwohl er. ft* im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller sinnigen Menschenkinder an diesen.Herrgottsnarr^n immer roh aenua gewesen ist. Die scheue, wilde Aelsentaube hat der Mensch aus ihrer natürlichen Höhle herausgeholt und als jX^tier an sich gewöhnt, die Katze sogar ist oedingt zahm seworden. der Sperling in der gleichen Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur.

Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, wer will es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Malkäfer­jäger oder sonst als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen Gönnern schien. x>n Nordamerika, wo man ipn ob dieses auf Treu und Glauben genommenen Ruhens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist er zum Lohn aller Liebe zur wabren Landplage geworden. Dort tote bei uns nimmt er viel MfZ DöZn di/ohnehin heute so knappen Ristgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz, seit alter Gm man en zeit ein segenbringendes Hausgeistchen des Menschenherms. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse.

Aber teer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schön­heitssinn, den wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Para­diesvogel Reu-Guineas und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht fremd. Kleinschmidt, also em unan­fechtbarer Kenner, hat beobachtet, wie er einen Ristkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer Hyazinthen geschnmckt hatte.