Ausgabe 
26.5.1923
 
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Samstag, 26. Mat

1823 Nr. 2L

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Mit Mann und Rotz und Wagen ...."

Aus den Tagebuchnotizen des Friedrich Giefe,

Leutnant im 5. Kgl. Westfäl. Linien-Aegiment').

Am 19. Rovbr. 1812, bei früher Vormittagszeit, nachdem wir von Smolensk 32 Stunden zurückgegangen, Ankunft in Orsza, wo ein längerer Aufenthalt stattfand, teils um auszuruhen, dann auch, um möglicherweise Lebensmittel zu beschaffen. Zu bald aber sah man sich in dieser letzten Beziehung getäuscht. Wohl tvaren gleichwie in Smolensk auch in Orsza Magazine, woraus den Hung­rigen, bei einer ordnungsmäßigen Austeilung vorab den noch unter Waffen stehenden, eine Labung hätte zuteil werden können, durch die Raubgier der Franzosen waren sie aber bald völlig auggeleert.

genug dabei, daß sich jene Zuchtlosen mit der Plürr- derungwon Magazinen begnügten, selbst das Privateigentum blieb nicht mulngetastet, obschon Napoleon mit dem Hauptquartier hier war! Dernichtet wurde, was man nicht zu gebrauchen wußte, Mordbreimerei getrieben, und Orsza, wie jede andere durch­gangene feindliche Stadt, wahrend sie doch derzeitig als eine pol­nische rmd darum befreundete Stadt anzusehen, in eine Wüstenei Verwandelt. Sn einem Mönchskloster, darin ich im Monat August (beim Vormarsch auf Moskau) Bekanntschaft gemacht und jetzt dadurch gehofft hatte, zu Lebensmitteln zu gelangen, fand ich nicht nur alle Mönche entflohen, sondern auch das mit französisch«, Marodeurs aus allen Waffengattungen überfüllte Kloster in einen wahren Schutthaufen verwandelt.

Aber selbst gegen ihre Waffengefährten, wenn diese nicht Franzosen waren, war die Handlungsweise jener Entarteten eine feindliche. So z. B. führte mich mein Rückweg vom Kloster im Gewühle 6er Menschen inmitten der Stadt an einem französischen Lancier-Offizier vorüber, eben als er mit einem Soldat unseres Armeekorps um die Hälfte eines Brotlaibs im Handel begriffen. Des Preises einig, und den noch unangebrvchenen Laib von dem Soldat, aus respektvollem Vertrauen zum Zerschneiden und Hal­bieren dargereicht erhalten, nahm ihn derselbe ohne jegliche Be­zahlung unter den Arm und wollte sich flugs damit entfernen, «w ich ihm in den Weg tretend zuschrie:Sie sind Offizier, mein Herr! und wollen so ehrlos handeln?" Betrosfen mir ins An- Msicht schauend, versuchte er sich durch einen Schwall von Worten zu entschuldigen, ohne seinen Raub fahren zu lassen; inzwischen aber aus meiner Miene und Sprache und der Hand am Degen wohl erkennend, daß ich nicht gesinnt, von ihm Entschuldigungen anzunehmen, warf derselbe jenen Brotlaib auf den Erdboden hin und verlor sich voller Hast im Gedränge.

Auch in Zembin fanden wir Häuser und Straßen überfüllt von Troß und Leuten der französischen Armee. Was nicht in Häu­sern hat können .Unterkunft finden, lag außerhalb derselben in »en Straßen herum und jeder Verein und jede Truppe unter­hielt für sich ihr abgesondertes Feuer. Denn es war leider einmal so hergebracht, daß Freunde und nur solche, die als Landsleute

*) Ein Leser bittet uns, den vorliegenden Auszug aus dem Tagebuche von Friede. Giese, Premier-Leutnant im 3. Kgl. uBeftfäl. Linien-Infant.-Rgt., mitzuteilen. Das Buch führt den TitelKaffel-Woskau-Küst rin i 8 12 -18 13 (Verlag Dyksche Buchhandlung, Leipzig); es handelt fich also um eine »edenswahre Schilderung denkwürdiger Ereignisse, die heute neues Rachdenken erwecken, weil wir ja wieder französische Anmaßung undRitterlichkeit greifbar vor Äugen haben.

und Stammgenossen miteinander ein und dieselbe Sprache redeten, zusammenhielten und gewissermaßen Rationalvereine' bildeten, welche sich gegen die ihnen .Unbefreundeten durch nichts andere- kennbar machten, als durch Beweise von Abneigung und Gehässig­keit. Alle dergleichen Vereine, weit entfernt, sich einander bei­zustehen. überhäuften sich mit Schmähungen und Mißhandlungen, und die Franzosen zumal, an Bevorzugungen gewöhnt, waren nimmer gewillt, ihre vermeintlichen Vorrechte aufzugeben. Sie glaubten sich berechtigt, zum Rachteil aller andern das an sich zu reißen, was ihnen zufagte, und da jene, die dies betraf, nur der Gewalt nachgaben, so entstanden Tätlichkeiten und Raufereien, deren Folgen nicht selten höchst traurig waren.

Das Jahr des Herrn.

Von W. H. Riehl.

Zu W. H. Riehls lOOjährigem Geburtstag am 6. Mai 6. Hs. hatten wir aus seinen kulturgeschichtlichen Schriften jene interessante Abhandlung überDas Land der armen Leute, unserer mitteldeutschen Gebirgsgegenden, Westerwald, Vogelsberg, Rhön, abgedruckt und den sicheren und tiefen Blick gerühmt, mit dem er deutsches Leben zu erfassen und darzustellen verstand. Riehl ist der Meister der kulturhistorischen Rovelle. Der Evttasche Verlag in Stutt­gart Jxtt in 1 hübschen Bänden seine Rovellen neu cherauS- gebracht, die in der deutschen Literatur Dauer haben, weil in ihnen nicht nur reizvolle Stücke aus deutscher Vergangen­heit gespiegelt werden, sondern weil Riehl ein Erzähler voll Kraft und Leben und von feinem Humor ist. eine geschlossene Persönlichkeit, die sich auch in der künstlerischen Form aus- drückt. In einer feiner Vorreden erklärt er, ihm schwebe als Vorbild der Richtersche Holzschnitt vor. Die nachfolgende kleine Geschichte, die von deutscher Drangsal erzählt rmd den heutigen Röten eine säst noch härtere Zeit an die Seite stellt, zeigt, daß die beiden Meister wirklich viel Gemestr-- sames haben und Riehls Kunst in der Tat auf unmittelbare Anschaulichkeit treffend hinzielt.

Im Jahre des Herrn 850 tag das Elend vielgestaltig auf deutschen Landen. An den Nordlüsten waren die Rvrmannen plün­dernd und mordend hereingebrochen; in Thüringen und Hessen die Sorben. Dazu breitete sich eine schwere Hungersnot über alle Gaue. So ward das Maß des Jammers voll.

In Strichen, die Frieden gehabt, schätzte man's hie und da, daß je der dritte Mann Hungers-gestorben; wie es aber gar in 6en vom Feinde verwüsteten Garren ausgesehen, das weiß niemand zu sagen. Die Geschichte hat jenes Bild des Jammers in Ver­gessenheit gehüllt. Denn der Krieg war geführt worden als Ber- tilgungskrieg; darum zerstörte der Feind dem Feinde alle Pflan­zungen und verderbte alle Feldfrucht, so daß auch der kleine Rest der hungrigen Ernte, den Gottes Bannherzigkeit übrig gelassen, durch der Menschen Erbarmungslosigkeit vernichtet ward.

Des Nachts hatten Feuerzeichen des'Himmels die schwere Zeit voraus verkündet. Eine Molke stieg auf von Norden her und eine andere kam von Osten entgegen, und feurige Strahlenbüschel ohne älnterlaß gegeneinander schleudernd, stießen sie in der obersten Hohe des Himmels zusammen und verschlangen sich gleich zwei Heeren im Kampfe. Allen Menschen aber erzitterte das Herz; denn sie geübten, der Herr habe fein Angesicht ganz abgewandt von ^E^deutschen Volke, und selbst die Hunde sollen dazumal kläglicher als sonst geheult, die Vögel betrüblicher gesungen Sahen.