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Falsche Propheten standen auf am Rhein und an der Donau, und tote Vorläufer des Antichrist gemahnten sie an die Erfüllung her letzten Zeiten. Viele Meister des weltlichen Regiments aber Walteten ihres Anttes sv-wlllkürllch und gottlos, als ob weder ihr Regiment, noch ihr Leben, noch die Welt jemals ein Ende nehmen tömv, und der Stuhl des Weltrichters niemals über den Stühlen aller Könige dieser Welt gesetzt werde.
Van war im vorgedachten Jahre ein freier Mann im Fuldaer Land — sein Rame ist vergessen — der hatte sein ererbtes Gut einem adeligen Grundherrn zum Eigentum hingegeöen, um dafür, ohne Knecht zu werden, doch den Schuh jenes Mächtigen zu gewin- nen und sich und seinen Kindern wenigstens Rietzbrauch und Zins von dem Besitz zu sichern, der noch seiner Väter volles Grgentum gewesen mar. Sn den schweren Zeitläuften aber starb der Grund-- herr und seine Sippe verdarb, und ein anderer gewann ferne Guter und 6aä frühere Gut jenes Mannes mit ihnen. Dn neue Gutsherr wollte nun flugs den freien Mann, der mit fernem Grund und Boden auch schon die Hälfte der Freiheit weggegeben, ganz zu seinem Eigenen machen, wie das damals bei Tausenden geschah, und in der Verwirrung und Rot der Zeit konnte der Bedrängte keinen Schutz finden wider den neuen mächtigen Herrn, »a tarn ihm ein verzweifelter Mut, dah er das Slend vorzrehen wolle der Knechtschaft. Roch lebte in ihm der Stolz und Trotz des alten Germanen, und gar manchmal schaute er verächtlich auf diese neue Zeit, wo der streitbare Mann dem demütigen Mönch und dem zahmen Bauern zu weichen begann. Sein Großvater hatte als Knabe noch den Dienst der alten Gotter rm heiligen Haine gesehen. Welche Götter waren denn besser, die alten oder die neuen; l Mit den alten ©Öttern war auch die gute alte Zeit entwichen Und wie zur Strafe kamen jetzt lange OahrederTrübsal herauf gezogen, und der neue Christengott hatte nicht Macht ^uft, ty>. 'Ximmer von seinem Volke zu nehmen. So dachte der lMann £ L AlL Land. Gr wollte sich selber he^en, mit oder ohne Gottes Hilfe nach der Wter Weise Iraft der eigenen Faust.
Darum gürtete er eines Rachts fern Schwert und entfloh von seinem Gute, das nicht mehr fein war, um zugleich der Gewalt ves neuen Herrn zu entfliehen. Er nahm nichts nut als seine drei köstlichsten Besitztümer: sein Weib, sein Kind und sein Schwertz Und weil es mitten im härtesten Winter war, so schlugen die Flüchtlinge warme Felle als Mäntel über ihr Gewand. Aber weder Speise noch Geld oder Kleinodien konnten sie auf den Weg nehmen m ^^ESw^rachteii' aber gegen den oberen Main zu ziehen und von da überzudringen nach Thüringen und Sachsen Das war ein kühnes Beginnen, denn der Weg ging mitten durch ein vom Feinde verwüstetes, ausgehungertes Land, und es war in den rauhesten kurzen Tagen vor dem Jahreswechsel. Aber die Flüchtlinge waren auch Hartgebackene Leute, wetterfest, mit Stahl in den Gliedern und einem wider den Hunger gepichten Magen.
War es doch auch tu selbiger Zeit, wo König Ludwig, genannt der Deutsche, bei Flammersheim ein paar Rippen brach und dennoch toeiterreiste, als sei er unversehrt, und keinen Seufzer aus- stieh, obwohl man das Krachen in den zerbrochenen Rippen hörte, toeim sie aneinanderstietzen, und mit seinem Bruder Karl eine Unterredung hielt, um das Reich Lothars brüderlich zu teilen, und dann erst, als er sich sein Teil ausgemacht, nach Aachen ging, um nun bei mehrerer Muhe die Rippen wieder zusammenwachsen zu lassen. „ , . . ,,
Das waren noch trotzige Zeiten, trotzige Leute und trotzige Könige, denen es auf ein zerbrochenes deutsches Reich und ein paar zerbrochene Rippen mehr oder weniger nicht ankam.
Es war am Silvesterabend, dem Abend des dritten -Lages, seit der Mann aus dem Fuldaer Land mit Weib und Kind fliehend ins Weite irrte. Das Kind aber war zwei Jahre alt und trank noch immer an der Mutter Brust: denn so zog dieses starke Geschlecht starke Rachkommen grvtz, und sieben Jahre lang hatte vordem der starke Hermel der Mutter Brust getrunken. Mann und Weib trugen das Kind wechselweise und hüllten es fürsorglich in ihre warmen Felle.
Der Tag war grimmig kalt gewesen. Eisiger noch brach der frühe Abend herein. In den Waldbergen der Rhön hatten sich die Wanderer verlaufen und nur am ersten Tage von der Gastfreundschaft eines selber halb verhungerten Dauern einen mageren Bissen erhalten. Hungrig hatten sie sich schon gestern abend im Schnee des Waldes gebettet.
Am anderen Morgen schritt der Mann noch guten Mutes rüstig aus; denn wer aus der Knechtschaft zur Freiheit wandert, der spürt die Mühsale des Weges nicht. Schweigend, im treuen Duldermut des Weibes zog die Genossin nebenher, das schlummernde Kind Im Arme. Aber am Mittage hatten sie sich verirrt in den Schluchten des Gebirges; der Abend schlich heran und nirgends Netz sich der Rauch einer Hütte erspähen. Rur die Spuren des Wildes und' der Raubtiere kreuzten sich im Schnee, und noch hatte den ganzen Tag nicht ein einziges Mal das tröstliche Wahrzeichen menschlicher Futzstapfen den Mut der Wanderer belebt. Häufiger wachte das Kind gus, weinte stärker und länger und stammelte seine bittender' Laute, denn auch ihm konnte die Mutter schon nicht mehr Rahrung genug spenden.
Da begann es dem Mann zuweilen vor den Augen zu schwimmen, und es war ihm. als bräche mit einem Schlag sein ganzer Mut zusammen. Doch Stur einen Augenblick — und er erhob wieder
das Angesicht, schaute trotzig vorwärts in die endlose Wildnis» und sein leichter Schritt trug ihn so sicher und' scheinbar frohgemut wieder dahin, als seien die weihbereiften Zweige mit Frühlingslaub geschmückt und der vom Felsen stürzende Waldbach, darüber sich die gefrorenen Wasserdünste wie eine Rauchwolke lagerten, ein kühler Brunn Im Matz
Des Rlesensohnes aus Rordland — so hatten unsere -Urbäter den Winter geheißen und ihm den Ramen des grimmigen Mannes beigelegt mit der kalten Brust — dessen gedachte in der nächsten schwarzen Minute wieder der Mann; denn es überkam ihn, als wolle der grimmige Riese, der leibliche Vater des Todes, ihn und sein Weib und Kind hinmorden ohne Erbarmen. Es schwindelte ihm vor Kälte, und bis auf die Knochen drangen die Schauer des Frostes.
Das Weib aber mit dem blassen Leidensgesicht war anzusehen tote eine christliche Märtyrerin, die man zur Opferung hinführte vor jenen Riesensohn. Aber ob auch sie wohl im stillen erbebte unter der Mühsal des Leibes und der Marter der Seele, deuchte ihr doch der Anblick ihres Mannes mit einemmal noch viel schrecklicher. Denn wie die Rächt nieöersank und das letzte kalte Rot der untergehenden Sonne über dem Schnee der Bäume blutfarben verglühte, breitete sich über die harten Züge des Mannes ein gar furchtbarer Ausdruck. Es war, als gehe em gewaltiger Kampf durch seine Seele. Linstet rollte das wilde Auge, die Lippen zuckten so heftig, Latz er sie fest zusammenbeltzen mutzte, und gleich als wolle er den Feind, mit dem er Inwendig rang, auch mit dem Arme niederschlagen, fuhr mehr denn einmal die Hand nach dem Griff des Schwertes. Weitz besäumt vom Reif erhöhten Bart und Haupthaar die schreckenvolle Würde des Antlitzes, und im Doppel- licht Les verlöschenden Abendrotes und der glühend hinter Len Bergen aufsteigenden Mondscheibe erschien der Mann wie ein altheidnischer Priester, der, mit dem Zorn,ber Götter ringend, sich rüstet, Las Sühnopfer hier im Allerheiligsten der Wildnis zu bereiten.
Sp waren die Wanderer zu einer Anhöhe gekommen, wo schwarze Basaltpfeller aus der Schneedecke aufragten. Hüter einem vorhängenden Felsen, den die Pfeiler im Emporsteigen wie ein Dach über sich gehoben hatten, fanden die Ermatteten Schutz vor dem Winde, ein schneefreies Plätzchen und dürres Reisholz genug, das bald zu einem lustigen Feuer aufloderte. Sie beschlossen, hier Machtlager zu halten, aber der Hunger nagte, Latz an keinen Schlummer zu denken war; auch das Kind wimmerte Immer häufiger und kläglicher.
Dem Mann lietz es keine Ruhe zu sitzen oder zu liegen; er konnte nur, an die Felspfeiler gelehnt, stehend in das Spiel 6er Flamme starren oder mit verschränkten Armen auf und nieder gehen. Don züngelnden Gluten wandte er den Blick In die Höhe zu dem alten Sternenlicht des Winterhimmels und sprach zum Weibe: „Die Riesen und Helden der Vorzeit leuchten da droben als Gestirne. Sonst blickten sie uns gnädig an. Schau, tote sie jetzt so kalten Auges auf uns niedersehen, gleich dem Riesen Winter selber mit dem kalten Herzen in der Brust. Vorn Himmel stiegen die Götter hilfreich zur Erde, als unsere Väter noch Glauben und Opfer für sie hatten. Eure Priester haben die alten Götter aus unserer Brust vertrieben, und die Götter haben nun den Himmel fftr sich behalten, und den Menschen blieb das Glend."
Das Weib erwiderte, zitternd und demütig, aber voll gläubigen Vertrauens: ,,Rur ein Gott ist zur Erde niedergestlegen und hat als Mensch mitgelltten für die Menschen. Da wird die Erde so ganz des Gottes voll, dah fürder kein Gott mehr niederzusteigen braucht."
Der Mann verstummte. Ganz nahe hörte man das Geheul hungriger Wölfe. Dem schwachen Weib ivard es nicht angst bei diesem Rachtgesang; Loch als sie wieder aufblickte in das Gesicht ihres Mannes, da ward' ihr angst, denn sein Auge war wilder als Las Auge eines Wolfes.
Lind der Mann begann aufs neue: „Wo unsere Väter im Unglück verstrickt lagen, da gedachten sie ihrer Schuld und rüsteten Sühnopfer. Je schwerer Schuld und Rot, um so teurer mutzte die Gabe sein, die zur Sühne dargebracht wurde. Haben uns die Sänger nicht gesagt — heimlich, dah es die Mönche nicht hörten — von dem guten nordischen Könige Domaldl, den sein eigen Volk zum Altäre führte, um ihn als Len besten Mann des Volkes den Göttern zu opfern, damit sie die Hungersnot vom Lande nähmen? Und als das Opfeinnesser das Leben des Königs selber durch- schnitten hatte, wich der Hunger vom Lande."
Das sprach der Mann mit dem glühenden Auge des Wolfes, rmd wie ergriffen von der Vollkraft tierisch-menschlicher Leidenschaft führte er Hiebe mit dem Schwerte durch die Luft. Und abermals versagte dem Weibe das Wort der Erwiderung.
Ja, das waren wildgemutete Menschen, die noch die ganze Wucht eines ungebrochenen Gefühles im Leibe spürten, zu selbiger Zeit, wo selbst ein König mit gebrochenen Rippen sich doch immer noch Manns genug fühlte, ein ganzes großes Königreich zu zerbrechen.
Und aufs neue und immer schrecklicher erhub der Mann seine Stimme: „Du hast nicht vernommen, Weib, was vorgestern der Bauer erzählte, der uns zum letztenmal speiste. So höre jetzt! Der Erzbischof Rhaban sättigt auf feinem Hofe zu Winkel täglich Hunderte von Hungrigen, die in dieser schweren Zeit aus der gangen Gegend dort zusammenströmen. Run geschah es un-


