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Diese meine Bemerkung erweckte allgemeine Heiterkeit, deren Grund der Bezirksamtmann mir alsbald erklärte. Der Fischerbast war gar kein Eingeborener — das eben war das Merkwürdige daran. Irgendwoher aus flachem Lande stammend, war er Vor etlichen Monaten hierhergeronimen, um dem alten Fischer, seinem kinderlosen Detter, im Gewerbe beizuflehen und ihn später zu beerben. Die Strandleute, die voll Schadenfreude darauf gelauert hatten, welche klägliche Figur solch ein Herem- geschneiter, der kaum |e ein Ruder in der Hand gehabt, hier spielen werde, mutzten den Derdruh erleben, daß der Reue eä ihnen sämtlich an Schneiöigkeit zuvortat. Ich würde auch noch manches Stückchen von ihm zu sehen bekommen!
Dazu bot sich mir in der Zukunft freilich häufige Gelegenheit. Die DampssHifsahrt auf unserm See war erst in den Anfängen; e8 gingen nur wenige Fahrten, und an den meisten Orten wurde nicht angehalten, sondern ausgebovtet. Demgemäß muhte ich mich, wenn ich unversehens an ein anderes Ufer gerufen wurde, gewöhnlich der Schifferkähne bedienen; und mit keinem bin ich so oft und gern gefahren tote mit dem Fischerbast. Dielleicht rüirrte meine Vorliebe daher, datz wir beide — er und ich — zwei eingewanderte Glücksucher waren; aber jedenfalls hat auch sein Wesen es mir angetan.
Kein Kraftprotz war er, der Bast, eher das Gegenteil davon. Eine mittelgroße Gestalt, biegsam und zähe — und im Gesucht so einen Zug, der auf einen sensitiven Menschen deutete. „Nervös" würde ich es genannt haben, hätte das Wort, nicht so schlecht gepatzt zu der unerschütterlichen Ruhe, die seinen Handlungen innewohnte. Selbst beim schlimmsten Wetter und in augenscheinlicher Gefahr strahlte gleichsam ein Gefühl der Sicherheit von ihm aus; denn er schaute drein mit dem Blick eines Kindes, das noch kein Hebet erfahren hat und deshalb keins befürchtet.
Don Zeit zu Zeit machte der Bast sich den Spatz — als solchen betrachtete er es wirklich —, den See an seiner breitesten Stelle von einem Ufer zum andern zu durchschwimmen. Das Boot, das ihn dabei trotz seines Widerspruchs aus der Entfernung begleitete, würdigte er keiner Beachtung; ohne einen Fuß- oder Armstvtz zu beschleunigen, schwamm er dahin, ruhte auf dem Wasser wie auf einem Lager, nicht wie einer, der etliche zwanzig Meter Tiefe unter sich weih. War er dann glücklich angelangt, wo ihn lautes Händeklatschen der am Lande angesammelten Zuschauer empfing, so schüttelte er sich nur und lachte ein bißchen unter seinem Schnurrbart; mah sah, das Ding lieh ihn völlig kalt.
Skf): habe schon gesagt, wie sorglos auch ich in seiner Nähe war; ein einziges Mal ist mir der Gleichimut abhanden gekommen. 3n einer Weihnachtsnacht wars — da muhte ich Knall und Fall ans untere Deeende zu einem Wirt, der an Blinddarmentzündung erkrankt war. Der See war teilweise gefroren gewesen, dann war Tauwetter eingefallen, und das Eis trieb in Schollen umher flaute sich hier und da, während der Tauwind die Tiefe aufrührte, datz unser Rachen sich fortwährend hob und senkte. Bald sahen wir plötzlich fest, bald erhielt unser Schiff einen Stoh, der ein Loch befürchten lieh — ein Gezacker und Geschütier zum Seekrankwerden. Die Planken stöhnten und krachten; der Bub, den mein Fährmann Bast sich als zweiten Ruderer mitgenommen hatte, Betete laut — und ich, obschon kein Feigling, dachte nur im stillen: „Wenn wir heil hinüberkvmmen, soll's mich freuen! Glauben tu' ich's nicht!"
Rur der Bast blieb gelassen. Und er behielt recht. <
Wir kamen glücklich hinüber, glücklich auch für den Patienten, bei dem ich eben noch das Aergfle verhüten konnte. Hernach sah ich mit dem Bast in der warmen Gaststube. Wunderlich genug nahmen wir zwei uns aus in den wiel zu wetten Kleidungsstücken des Wirtes, die uns die Wirtin an Stelle unsrer durchnähten geliehen hatte.
„Prosit. Bast!" sagte ich und schob ihm ein dampfendes Glas Punsch über den Tisch zu. „Sie sind ein Staatskerl von einem Schiffer! Ich war beinahe überzeugt, heute würde uns etwas passieren."
Mit lachenden Augen und blanken Zähnen blitzte der Bast mich an. „Bei mir passiert nix," sagte er nachdrücklich, „ein für allemal nicht. Ahr Wohl, Herr Doktors"
Die unerschütterliche Zuversicht in seinen Worten lieh mich aufhorchen. Das war mehr als bloßer Jugendmut, dies fatalistische Durchdrungensein von seinem Glück, sozusagen von seiner Unverletzlichkeit. Ich neckte ihn ein wenig ob seines festen Vertrauens; er aber blieb dabei: „Mir passiert nix."
Wie zufällig glitt seine Hand in das Vorderteil der Joppe, nach der Halsgegend hinauf, als muffe er unter dem Hemd etwas zurechtnesteln. Ich hatte die flüchtige Gebärde wohl wahrgenom- men, jedoch nicht weiter beachtet. Hingegen bemerkte ich im Laufe der Stunden, die wir meines Patienten wegen im Hause dort zubrachten, dah die bildhübsche Tochter der Wirtsleute trotz der Angst um den Vater meinem Bast ein deutliches Wohlgefallen bezeigte. Die zwei Leutchen wechselten allerhand vielsagende Blicke hatten gelegentlich hinter dem Herd miteinander zu tuscheln;
und al- wir des andern Tages wieder heimruderten, winkte das hübsche Mädel uns nach mit einem Eifer, den ich nicht ganz meinen ärztlichen Bemühungen zugute schreiben konnte.
„Aha, mein Lieber," dachte ich, „es gibt doch Seiten, wo du nicht unverwundbar bist!"
Um es kurz zu machen: die Sache verhielt sich wirklich so; und als kurz darauf der Erbonkel des Bast das Zeitliche segnete, gab mein inzwischen genesener Wirt gleichfalls seinen Segen zur Heirat der beiden Jungen. Damit machte der Bast eine der besten Partien im ganzen Seegebiet, sowohl was die Mitgift als die Person seiner Zukünftigen betraf; denn nach der Fanni hatte schon manch«: vor ch'm vergeblich geangelt. Uebrigens war er so närrisch verliebt, als man nur verlangen konnte. Halbe Tage lang hockte er bei der Braut, der er alles zuliebe tat, was er ihr an den Augen ablesen konnte. Und die Fanni ihrerseits strahlte förmlich vor Stolz und Zärtlichkeit, so oft sie des schmucken, tapfern Verlobten ansichtig wurde.
Wir sogenannten besseren Leute erwiesen insgesamt dem Paar die Ehre, bei der Hochzeit zu fein; und was für eine lustige Hochzeit war das! Die Frau Gräfin vom Seefelder Schloß — nicht die jetzige mein' ich, sondern die Mama — hat mir noch lange nachher versichert, sie habe damals getanzt comme une perdue, und ich kann von mir dasselbe sagen. Die jungen Eheleute zogen dann in das Fischerhaus, dem der Bast einen Stock hatte auffetzen lassen; der Schwiegervater richtete ihnen den Kaufladen ein, der sich inzwischen so herausgemacht hat, und alles war aufs beste bestellt in der besten der möglichen Welten.
(Fortsetzung folgt.)
Die Quadratur des Zirkels.
Am 12. April dieses Jahres vollendete Ferdinand Lindemann sein 70. Lebensjahr. Ihm war es vergönnt, ein Problem gum Abschluß zu bringen, das schon feit vier Jahrtausenden die Menschheit beschäftigte. Was für die Alchemist en, die Vorläufer unserer Chemiker, der Stein der Weisen war, was für die Physiker und Techniker das Perpetuum mobile bedeutete, das war für die Geometer die Aufgabe: Es soll ein Kreis in ein Quadrat von gleichem Flächeninhalt verwandelt werden. Sie ist gleich- bedeutend mit der Forderung: Es soll eine Strecke gezeichnet werden, die gerade so lang ist wie der Umfang eines Kreises, dessen Durchmesser man kennt.
Run fleht der Umfang eines Kreises ju feinem Durchmesser in einem ganz bestimmten Verhältnis, ö. h. es gibt eine Zahl, mit der man den Durchmesser nur zu multiplizieren braucht, um die Länge des älmfangs zu finden. Dieser Zahl, sie wird heute allgemein mit it bezeichnet, galt das heiße Bemühen der Forscher feit den ältesten Zeiten. Schon in einem uralten Papyrus, der etwa zwischen 1900 und 1800 v. Ehr., in Aegypten niedergeschrieben wurde, findet sich ein Wert für diese 3at>I: multipliziert
mit sich selbst, das wäre etwa 3,1605, und dieser Wert ist recht gut brauchbar. Die alten Babylonier benutzten dagegen den wesentlich schlechteren Wert 3. Dieser findet sich, auch in der Bibel an zwei Stellen: I. Könige Kap. 7 Vers 23 und H. Chrvnika Kap. 4 Vers 2. Wenn dort erzählt wird, datz das eherne Meer in Salomos Tempel 10 Ellen von einem Rand zum andern und dreißig Ellen ringsum maß, fo bedeutet das, daß man den Durchmesser nur mit 3 zu multiplizieren braucht, um den Umfang zu finden. Roch besser als der Wert, den die allen Aegypter gebrauchten, war der von Archimedes benutzte: 22/7. Wenn es sich nicht um große Genauigkeit handelt, ist dieser ebensogut wie der Heutzutage meist benutzte Dezimalbruch 3,14. Einen sehr guten Rährungswert fand Adrian von Metz nämlich sw/m = 3,1415929, der bis auf 6 Dezimalen richtig ist. Heute ist man in der Lage mit Hilfe der höheren Mathematik die Zahl * bis auf beliebig viel Dezimalen auszurechnen, man muß nur die nötige Zell daran wenden. Der Engländer Shanks hat 707 Dezimalen errechnet, was aber keineswegs als eine wissenschaftliche Tat anznschen ist.1
Sv mußte man also schon fange, daß die Zahl n rechnerisch aus einen unendlichen Dezimalbruch führte. Damit war aber noch nicht gesagt, daß die Quadratur des Kreises nicht vielleicht rein geometrisch durch Konstruktion mit Zirkel und Lineal ausführbar wäre. Denn man kann z.B. ein Rechteck von 2 Metern Sänge und 1 Meter Höhe sehr wohl durch eine einfache Konstruktion in ein Quadrat verwandeln; wenn man aber die Selle dieses Quadrats berechnet, findet man einen unendlichen Dezimalbruch, bei der Quadratur des Greife« konnten also die Verhältnisse vielleicht geradeso liegen.
Alle Versuche der Mathematiker das Problem zu lösen, blieben jedoch ohne Erfolg. Da erledigte im Jahre 1882 der deutsche Mathematiker Ferdinand Lindemann die Sache mit einem Schlag, er wies nämlich klipp und llar nach: Es ist unmöglich mit Zirkel und Lineal den Kreis in ein flächengleiches Quadrat ju verwandeln. An dem Lindemannschen Beweis ist nichts zu drehen und zu deuteln, wer also heute eine Aufgabe sucht, die sicher unlösbar ist der greife nur nach der Quadratur des Kreises.
Schriftleitung: August Goetz. - Druck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.


