208 —
narren?“ sagten die Domherren. „Das wird dir bet uns nicht gelingen.“ Da erwiderte der Mesner: „Es ist die Wahrheit, noch bin ich voll Schrecken. Wenn ihr mir nicht glaubt, so gehet selbst hin und sehet!“ Da ergriff einer der Chorherren eine Leuchte und begab sich ohne Zögern in den Dom: da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen. Das Licht entfiel seinen Händen, fliehend eilte er zum Bischof und sprach: „Hört an, wie es uns im Dome erging!“ und berichtete, was er gesehen hatte. Als der Bischof dies vernahm, eilte er aus feinem Gemach. Zwei Knechte mit Lichtern muhten ihm leuchten, bis er vor den König kam, dem immer noch mit nacktem Schwerte auf dem Stuhle 'ah. Da ries er von Grausen geschüttelt: „Laßt mich wissen, tr^r Euch irgend Leides getan oder was für ein Mann Ihr seid. Sprich, Gespenst, ich beschwöre dich beim Namen Gottes! Der Greis nut dem Schwerte antwortete: „Einst kanntet Ihr mich wohl, als ich noch König Karl hieb und gröbere Gewalt besah, als irgendeiner unter den Menschen.“ Da trat der Bischof näher und erkannte ihn. „Willkommen, lieber Herr,“ ries er, schloß ihn in die Arme und führte ihn in sein reiches Haus. Alle Glocken lieb er zusammenläuten, dah die ©‘a&t davon erdröhnte und Einheimische und Gäste verwundert Kunde verlangten, was die Bedeutung des gewaltigen Schalles sei. Als sie erfuhren, König Karl sei wiedergekehrt, forderten alle Gäste stürmisch ihre Nosse und flohen über Stock und Stein, und wer nicht reiten konnte, stürzte sich in wilder Angst über die Mauern zu Tal, dah die ganze Stadt von dem Lärm der Fliehenden erfüllt war. Der Bischof aber bat Karl, der Königin zu verzeihen, da sich alles ohne ihre Schuld zugetragen. Dies gewährte er gern und lebte fortan in Liebe mit ihr bis an das Ende ihrer Sage.
2. Das Ratternrecht.
Karl der Grotze war der beste Richter, den je ein Auge sah, umjubelt von Dankbarkeit, wo immer er Gerichtstag hielt. An jeder Stätte, wo er weilte, Pflegte er eine grobe Glocke auf» rich ten zu lassen, um der Armen willen, damit sie sie läuteten, wenn ihnen Anrecht widerfahren war. So oft dann die Glocke erklang, dachte er an den Zorn und das Gericht Gottes, und richtete weife und gerecht.
Eines Tages nun, als er bet Tische sah und ein reiches Mahl mit Hühnern und Fischen aufgetragen war, hörte er laut die Glocke ertönen. „Dies wird ein Armer fein,“ sprach er, „dem irgend Leides geschehen ist. Aber ich will ihm Recht verschaffen, bei meinem Leben, es sei nun Mann oder Weib.“ Sogleich gingen *,<e Hüter hinaus, um nachzusehen, wer Recht vom Könige begehre, aber sie erblickten niemand, weder Weib noch Knecht. Dies sagten sie dem Könige an, da erscholl die Glocke zum zweiten. Male. „Geht nochmals hin,“ sprach Karl, „und bringt ihr mir nicht den Mann, der dort in Nöten läutet, so sollt ihr bei Gott des Todes fein!“ Die vier Leute, die zu Hütern der Glocke bestellt waren, eilten darauf hinaus, sahen sich nach allen Seiten um und bückten sich, ob sie nicht etwa jemand zu entdecken vermöchten, aber soviel sie auch hier- und dorthin spähten, es war fein Mensch ringsum zu finden. So gingen sie denn wieder vor den König und sprachen: „Wir sehen niemand, der die Glocke geläutet bat.“ Kaum aber war das Wort heraus, so ertönte da- Läuten zum dritten Male. Wieder schwur der König ihnen den Tod, wenn sie ihm den Mann nicht brächten: da gingen die vier bebend hinaus und klagten, dah ihnen um nichts der Tod bestimmt fei. Da sah einer von ihnen in die Glocke hinein und Ehrte darin eine lange Natter, die sich um den Klöppel ge
igen hatte, daß die Glocke davon zu schallen begann. Da jen sie vor den König. „List es jemand,“ rief dieser, „dem Schaden angetan wird, so führt ihn vor mich her, damit ich Gericht darüber halte!“ „Herr." erwiderken die Hüter, „wir haben niemand gesehen als eine grobe Natter, die sich um den Schwengel geschlungen hat und ihn flöhend schwingt. Es ist gar ein greulich Untier.“ „Dies ist ein Gotteswunder,“ erwiderte Karl, „vielleicht trauert sie, weil ihr ein Leid geschehen, das sie mir klagen möchte. Tut auf die Tür, labt sie herein, ich muh sehen, was Gott mit ihr vor hat und wie es um sie beschaffen ist!“ Da kroch die schreckliche Natter ohne Furcht von der Glocke herab 'und schlängelte sich bis an die Tür. „Labt sie herein,“ sprach der König, „ihr Gang ist schleichend, was mag sie begehren?" und verbot aufs strengstes sie zu verfolgen oder ihr ein Leid anzutun. „Sagt an, ihr Herren,“ rief er, „was beginnt sie?“ „Sie geht auf Euch zu!“ sprachen diese, „nun legt sie sich zu Euren Füßen hin." Da sagte der König: „Kein Zweifel, sie begehrt Gnade und will Gericht von mir und daß ich ihre Not schlichte. So gebiete ich dir denn, mir deinen Kummer zu offenbaren! Bei Gott, dem nichts verborgen ist, tu mir zu wissen, welch ein Leid dich betrübt!" Da kroch die Natter wieder aus dem Zimmer und die vier Hüter muhten ihr folgen, das Wunder zu schauen. Langsam schlich sie in einen Baumgarten bis in ein dichtes Dornicht, wo kein Mensch ringsum zu sehen war. Das zerwarfen die vier Hüter und erblickten nun eine Kröte, wie sie breit auf den Giern der Natter lag, dem Tier zu Leide. Da ward die Kröte vor den König gebracht und sogleich gerichtet, indem man sie mit einem Spieße durchstach.
Neue Ergebnisse der Nibelungenforschung.
Die neuere Forschung war sich längst darüber klar geworden, daß die einst so berühmte Theorie von den ungefähr zwanzig romanzenartigen Gesängen, die dem Nibelungenlied zugrunde liegen sollten, unhaltbar fei. Auch die Versuche, jede einzelne Episode und den gesamten Verlaus des Epos als uraltes mythologisches oder sagenhaftes Erbe germanischer Vorzeit zu deuten, konnten keine dauernd befriedigenden Ergebnisse zeitigen. Vielmehr näherte man sich der Auffassung, daß ein immerhin sehr ansehnlicher Meister aus dem vorhandenen Sagenstvff sparsam und zielbewußt sich auswählte, was ihm brauchbar schien für die Schaffung der großen Tragödie von Kriemhildens Liebe, Leid und Dach«, wobei er aber Handlung und Personen stark „modernisierte", auch sehr viel neues hinzufügte — nicht schöpfend aus überquellender Phantasie, sondern, wie es auch sonst begegnet, Altes mit zeitgeschichtlichem Erleben mischend, manchem Zeitgenossen mit Fleiß ein Denkmal setzend. Dieser letzte Gedanke bildet den Ausgangspunkt der überraschend ausschluhreichen Forschungen, die den Direktor des Hessischen Ktaatsarchives zu Darmstadt, Dr. Dieterich, zu äußerst bedeutsamen neuen Erkenntnissen über die Frage der Heimat des Nibelungenliedes. vor allem aber der Heimat und Persönlichkeit des D i ch- ters führten. Dieser muß in der Wormser Gegend, wo er einen großen Teil der Handlung sich abspielen läßt, zu Hause gewesen fein. Denn nicht mir Volker, der tapfere Spielmann und treue Genosse des Hagen, ist eine historische Persönlichkeit, ein um 1150 lebender Herr des Alzeyer Volkert n Hofes, Mitglied vielleicht eines Zweiges der Truchseß von Alzey, sondern auch der grimme Hagen selbst wird von einem Schimmer der Geschichte getroffen: Wenn im Worms des zwölften Jahrhunderts eine Hagengasse genannt, wenn ein Ritter Arnold, Hagens Sohn, 1196 als Zeuge erwähnt wird, so ist das zweifellos bemerkenswert: wemi ferner jene wildgräfliche Linie, die nach Burg Troneck im Hmnsrück sich nennen konnte, vor den Toren von Worms begütert ist, so mag damit die Wandlung vorn Trojaner Hagen zum Hagen von Tronege ihre Erklärung finden. And aus dem Wormser Miniflerialengeschlecht derer von Metze wird der Ortwin des Epos stammen, für Ru m v ld aber finden wir wohl das Modell 1150 auf dem Hoftag zu Speyer in dem Königlichen Kämmerer gleichen Namens, der 1146 recht gut als Warnung vor der Kreuzfahrt das geflügelte Wort von den „geböten Schnitten“ geprägt haben könnte. Wahrscheinlich ist in einer Uta von Schauenburg die Gründerin des Klosters Hagen „z e L o r s e" in S ie g f r i ed von Speyer der alte Bischof des Epos gefunden: auch dis Lage Odenheims im Ried mag als erwiesen gelten, selbst wenn man der Gleichung Udinehagen — Oden Hain — Odenheim nicht folgen darf. Wenn Hagen „z e L o h e“ (= Lochheim bei Lorsch) den Hort versenkt, so zeugt .das so gut von der Ortskenntnis bei Dichters, wie die Schilderung der Gegend zwischen Worms und Odenwald int Gesang „wie Sifrid erflogen ward“. Woher aber waren ihm die Verhältnisse jener Lande vertraut, die Kriemhildens Brautfahrt und später der Burgunder Zug berührte? An der Straße zu Etzels Hof lag die Burg von Else und G e l f r a t, die nicht Gestalten eines bayerischen National- epvs sind, wie man meinte, sondern urkundlich zu belegende RittervomKohlbach, mit denen der Dichter des Nibelungenliedes auf einer Fahrt im Gefolge eines hohen Herrn vielleicht einmal unsanft bekannt geworden ist. And selbst Markgraf Rü- digervon Pechelaren ist geschichtlich zu erweisen, ein Glied des vornehmen Geschlechts der A r i b o n e n. Manches sonst noch aus der Geschichte des Aribonenhaufes erinnert an Szenen des Nibelungenliedes, besonders in der Nibelungen Not. Wo aber ist, der Mann, der wohlbekannt in der Wormser Gegend, zugleich auch wohlvertraut mit den Verhältnissen im Südosten des Reiches, ritterlichen Sinnes und beweglichen Geistes, gelehrt und begabt, unser deutsches Heldenepos schaffen konnte? Bloß auf einen Mann treffen, soviel wir sehen, alle diese Bedingungen zu: Nur Abt Sigehard von Lorsch dürfte als Dichter des Nibelungenliedes in Frage kommen, ein Neffe Siegfrieds von Speyer, Enkel -Uba8 von Schauenburg, Urenkel der Tochter eines Grafen aus dem Hans der Aribonen, bewettert mit Rüdiger von Pechelaren.
Das sind in großen Zügen die Ergebnisse der Forschungen, über die im Oberhessischen Geschichtsverein Dr. Dieterich in methodisch äußerst reizvoller Weise unter Ausbreitung eines geradezu raffiniert zusammengetragenen Materials berichtete.
Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Llniv^Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Dieben.


