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ihn alS Llfchgenossen anzunehmen, anspielend mit trübet Miene ,agte: „Sie sehen in mir den Feind und hassen mich." Ich geriet durch diese Bemerkung in Verlegenheit, es drängte mich, sein Vorurteil zu zerstreuen, konnte aber die rechten Worte nicht finden. Endlich brachte ich mit einem entschiedenen Kopfschütteln Sen Satz heraus: „Vein, mein Herr, wir lieben alle Menschen, 'wenn sie gut sind."
Darauf striche er mir mit sanfter Hand einigemal über den Kopf, drückte mich dann mit Wärme an .sich und sagte leise: „Vun, dann darfst du mich auch ließen. Willst du?" Dieser herzliche Gefühlsausbruch bewegte mich so, daß ich im Augenblick nichts antworten konnte. Ich nickte nur kräftig zur Bejahung, drückte ihm die Hand und entzog mich nach rechter; Knabenart der Verlegenheit durch schleunige Flucht. Von der Mutter erhielt ich einen Verweis für mein ungeschicktes Benehmen zugleich mit der Ermahnung, künftig recht freundlich gegen den Kapitän zu .sein, der doch als geschlagener Gegner, der fern vom Vaterland und feinen Angehörigen, das Brot der Gefangenschaft essen müsse, unseres Mitleids wert sei. Ich nahm mir die Mahnung zu Herzen und blieb gerne länger zur Gesellschaft bei dem Kapitän, als es die kleinen Dienstleistungen erforderten. Er suchte seinerseits die Besuche dadurch zu verlängern und unterhaltend zu machen, dah er sich vor mir das für den täglichen Bedarf notwendigste Material aus dem deutschen Sprachschatz beibringen lieh.
Einmal empfing er mich in auffallend heiterer Stimmung; seine blauen Augen strahlten, während er mich niedersetzen hieh und aus seiner braunen Flausjacke — er hatte sich bereits mit bürgerlichen Kleidung versehen — einen Brief herdvrzog, von dckm e;r mir die Freimarken anbot. Es war die erste Nachricht, die er seit den Augustkämpfen vor Metz, die mit der Einschließung der Dazaineschen Armee geendet hatten, von Hause empfing. Länger als ein Vierteljahr hatte er nichts von den Seinen gehört. Freudig bewegt nahm er ein Lichtbild seiner Frau mit eznem Söhnchen heraus und zeigte es mir; dann bat er mich, der Mutter zu sagen, dah seine Frau froh sei, ihn in Sicherheit und bei guten Menschen zu wissen, und diesen für alles danke, was sie dem armen Gefangenen zu Liebe tun würden. Er las mir die Driefflelle vor. Ich kannte damals schon den lateinischen Spruch: Humani nihit a me alierum puto, aber fein Sinn ging mir erst in dieser Stunde auf, als ich in dem gefangenen Offizier nicht mehr den Franzosen und Gegenstand meiner knabenhaften Neugierde allein, sondern auch den Menschen sah, der menschlich empfand wie wir, der in seinem rauhen Kriegerberuf doch nicht das Bedürfnis nach Liebe verloren hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Talisman.
Von Helene Rass.
Auf der Veranda unter dem schattenspendenden Zeltdach war ein lebhafter Meinungsaustausch im Gange. Die verwitwete Geheimrätin, der das Haus gehörte, hatte den Besuch ihres Arztes gehabt, und ausnahmsweise hatte der stets Eilige sich zu einer Vast an ihrem Kaffeetisch bewegen lassen. Da war alsbald das Gespräch auf dem einzigen Punkt angelangt, wo zwischen dem Doktor und seiner auf ihn schwörenden Patientin ein Gegensatz bestand. Nämlich die Geheimrätin neigte zu dem Glauben an allerlei Wunderkuren und Geheimmittel, von denen ihre zahlreichen Freundinnen ihr Erstaunliches zu berichten wuhten.
„Ich versichere Ihnen, Doktor: es hat geholfen! Die Wirkung soll überraschend gewesen sein."
Der Doktor lächelte ein wenig hinterhältig. „Das geb' ich schon zu, Verehrtest« — gewih! Der Glaube macht ja selig — warum soll er nicht gesund machen?"
Die außer ihm Anwesenden, der Sohn und die Schwiegertochter der Hausfrau, neckten die Mutter ob ihrer Gläubigkeit, Worauf sie kampfbereit versetzte: „Ach, ich weih schon, wenn wir Frauen etwas behaupten, heißt es immer: Bloße Einbildung!"
„Ditte," sagte der Doktor, „reden Sie nicht so geringschätzig von der Einbildung! Sie ist manchmal das Schönste, manchmal das Schrecklichste auf Erden — nicht nur das seelische, auch das körperliche Wohlbefinden hängt zum großen Teil von ihr ab. Was ist überhaupt wirklich? Ein eingebildeter Schmerz kann genau so weh tun wie ein wirklicher; denn nicht auf das, was ist, sondern auf unser Empfinden davon kommt es an."
Die andern stritten dafür und dawider; währenddessen glitt der Mick des Doktors hinaus über die flutende glitzernde Fläche des Sees, am Gestade entlang, das eigentlich nur ein großer ©arten war. Ein Park neben dem andern, voll grüner Büsche und duftender Vosenst räucher, die nirgend so üppig gediehen wie hier in der Seeluft. Dazwischen schimmerten die weißen Dillen; und Mich die verstreuten Häuschen der eingesessenen Fischerbevölkerung, die hinter den vornehmen Svmmersitzen nicht zurück- flehen wollten, prangten mit buntem Anstrich und mancherlei Blumenschmuck an den Fenstern. Fast unter jedes Dach war der Doktor schon eingetreten; er genoß bei hoch und niedrig gleiches Vertrauen, weshalb er gemeinhin nur „der Seedoktow genannt ward.
„Wüßten Sie doch, welchen Einfluß der Phantasie auf die verschiedensten Menschen bei den ungleichartigsten Zuständen ich habe beobachten können! Ich würde mich anheischig machen einem Leidenden durch ganz indisferente Mittel, Pillen aus Mehl oder Zucker, Linderung zu verschaffen, falls er überzeugt wäre, sie tun ihm gut.“
„Aber Doktor! Mir scheint, das ist doch zuviel gesagt!" „Meinen Sie!"
Dicht an das Besitztum der Geheimrätin schloß sich ein ansehnlicher Grasgarten, wo zwischen Obflbäumen ausgespannt .fließe Fischernetze zum Trocknen hingen. Aus dem einstöckigen Hause, das inmitten stand und über dessen seitlicher Mngangsti'rr ein Ladenschild befestigt war, trat soeben ein hagerer Mann mit ergrauendem Haupthaar von einem größeren Knaben b« ^leitet. Die beiden machten sich daran, die Netze abzunehmen; währenddessen ward der Mann der kleinen Gesellschaft auf der benachbarten Terrasse gewahr und grüßte höflich hinüber. Sein Blick begegnete dem des Seedoktors — da ging ein hellerer Zug über sein ernstes Gesicht, und er grüßte nochmals, mit achtungsvoller Vertraulichkeit, die der Doktor durch Winken der Hand erwiderte.
Als sich Vater und Sohn samt ihren Netzen entfernt hatten, wandte der Doktor sich nachdenklich zu den Tischgenossen zurück. „Da drüben wandelt der lebendige Beweis für das, was ich vorhin behauptet habe," fagte er. „Der Sebastian Höß, vulgo Fischerbast genannt."
„Der Fischerbast?" wiederholte die Hausfrau erstaunt.
„Ja eben der! Wenn ich Ihnen erzählen wollte, was für ein anscheinend kleiner älmfland im Leben dieses Mannes eine große, folgenschwere Volle gespielt hat, Sie würden mir kaum glauben."
Der Sohn der Geheimrätin schaltete ein, er könne sich nicht recht denken, daß der Fischerbast je krank gewesen fei — und seine junge Frau meinte: auch nach übermäßig viel Phantasie sehe der Bast ihr nicht aus.
„Ich versichere Sie," sagte der Doktor, „der Fischerbast war einer der merkwürdigsten Fälle, die mir in meiner Praxis vorgekommen sind. Wollen Sie seine Geschichte hören? Mein Dampfschiff geht erst in fünfundzwanzig Minuten."
Als ich vor mehr denn zwanzig Jahren mich als junger Arzt hier niederließ, da war der diesfeiiige Seestrand gewissermaßen noch Terra incognita. Von all den Dillen standen etwa zwei oder drei; es gab weder Grandhvtels noch Basare, in denen alle Ver- kaussartikel zu haben waren, sondern fast alles mußte aus der Stadt verschrieben werden. Von Kurkonzerten und italienischen Nächten ließ man sich nichts träumen; kurz, unser jetziger, so vornehm gewordener Hauptort war ein ruppiges Fischernest mit ein paar Honoratioren, zu deren gelangweilter Zahl ich fortan gehören sollte. Meine ehemaligen Kommilitonen hatten mir auch weidlich zugesetzt: „Mensch, was fällt dir ein, dich so unter den Kaffern vergraben zu wollen?" Mich aber, als ein Landkind, schreckten die einfachen Verhältnisse nicht ab; außerdem verlangte ich nach Brot und Selbständigkeit, zumal ich auf Stipendium studiert hatte. Also bewarb ich mich um die Stelle und erhielt sie, froh, aus etliche Meilen im Almkreis der einzige Heilkundige zu sein. '
Am Tage, da das Ding perfekt wurde, faß ich mit dem Dezirksamtrnann und einem zur Vuhe gesetzten Major, der ein Häuschen am Strande bewohnte auf der Aussichtsterrasse beim Schloßwirt. Es war damals wie .heute der berühmteste Rundblick; und ich genoß als ein Neuling die Ausschau über die glänzend wachende Fläche mit den kaum sichtbaren Dergumrissen in der Ferne. Der See war keineswegs so belebt wie jetzt; am Alfer kreuzten ein paar Fischerkähne, die sich jedoch bald verzogen, ebenso wie die Buben, die zuvor nm die Badehütten herum gespielt hatten. Denn cs war ein 1 rüber, regnerischer Tag und der ganze See mit kleinen krausen Weilchen bedeckt, die mählich größer wurden und zischend an die Böschung schlugen. Ein einziges weißes Segel, das noch draußen umhertrieb, ward von den Windstößen, die sich darin verfingen, förmlich zerzaust, so daß das Schiffchen, dem es angehörte, Gefahr lief, gänzlich umzukippen. Don geschützter Stelle aus sieht sich solch ein Schauspiel ja gut an; für die Insassen des Segelboots jedoch schien schleunige Heimkehr geboten.
„Das ist der Fischerbast," sagte der Bezirksamtmann, der durchs des Wirtes Fernglas den Segler gemustert hatte. „Der Teufelsbraten muß immer der letzte draußen sein."
Ich schaute genauer zu und sah einen schlanken, anscheinend jungen Menschen, der gemächlich In dem hin und her geworfenen Fahrzeug gesessen hatte, sich nun erheben, um das bedrohte Segel zu reffen. Seine Bewegung vermehrte das Schwanken des Kahns; er hatte den unsichersten Stand, während seine Hände mit Gewalt an dem (Segeltau zerrten, tchs der Sturm ihm entreißen wollte. Mich dünkte, er müsse über Bord geweht oder samt seinem Doot in die Tiefe geschlungen werden, wie er so frank und frei dastand. Aber nichts von alledem: er brachte es fertig, fein Segel kunstgerecht einzuziehen, und steuerte dann ebenso kühn tote geschickt nach dem Ufer, wo wir ihn eben vor Torschluß anlanden sahen.
„Sapristi," sagte ich „der Kerl hat Haare auf den Zähnen! Wie doch den Seeanwohnern durch die Gewöhnung von klein auf der Begriff der Gefahr völlig abhanden kommt!'


