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Knabenherzen etwas anderes, wertvolleres aus dem Miterleben der gewaltigen Ereignisse, ein vaterländisches Hochgefühl und dankbare Verehrung für die großen Führer, die dem deutschen Volk beschert waren. Ein gewisser Groll gegen Preußen der in manchen Kreisen meiner Heimat, die in süddeutsch-demokratischen Ueberlteferungen befangen waren, seit der Konfliktszeit und dem Krieg von 1866 herrschte, wurde durch die ersten Siegesnachmchten spurlos verweht, und mit jubelnder Begeisterung schlugen die Herzen dem greisen König Wilhelm entgegen als in den ersten Septembertagen das Geläute aller Glocken die fast märchenhaft klingende Kunde von der Gefangennahme Napoleons sererirch begrüßte. Wir empfanden es wie ein Gottesgericht daß der Kaiser der Franzosen sich der Gnade des Mannes ergeben muhte, Lessen Mutter von dem ersten Napoleon so schnöde und bitter gekränkt worden war.
Meine knabenhafte Begeisterung machte sich in Kriegsliedern und anderen literarischen Erzeugnissen Luft: ich verfaßte eme illustrierte Kriegszeitung, die unter den Kameraden die Bunde machte und den Feind auf alle erdenkliche Werse hnmoristrsch- satirisch zerzauste. Aber die Stimmung gegen Frankreich war bei mir sowohl wie in meiner ganzen Umgebung frei von Haß; lrnr freuten uns der Siege über den Feind,, aber wir wünschten ihm nichts böses. Es ist mir noch lebhaft erinnerlich, mit welchem Mitgefühl die Leiden der Bourbakischen Armee in dem harten Winter und die Entbehrungen der Pariser Bevölkerung wahrend der Belagerung bei uns besprochen wurden, obgleich nicht wemge aus Paris vertriebene deutsche Arbeiter als Opfer französischer Roheit in meiner Heimat Zuflucht gefunden hatten. Wir Knaben fanden auch bald Gelegenheit, das menschliche Gefühl gegen den geschlagenen Feind durch die Tat zu beweisen. Als Hilfstruppe bei der Verpflegung der durchziehenden Reserven, heimkehrender Verwundeter und gefangener Franzosen auf dem Bahnhof meiner Vaterstadt haben wir in stolzem Pflichtgefühl unser Scherflein zu den vaterländischen Aufgaben des Kriegsjahrs geliefert, und es ist uns bei dieser Samariterarbeit nie in den Sinn gekommen, die gefcmaenen Feinde anders zu behandeln wie unsere deutschen Brüder Immerhin sahen wir sie mit anderen Gefühlen an als die Streiter für Deutschlands Wohl und Gröhe. In . das Mitleid mit dem geschlagenen und gefangenen Feind mischte sich auch ein gut Teil Reugierde, deren bevorzugter Gegenstand die afrikanischen Truppen waren, von denen die Zeitungen und mündliches Gerücht manches Wunderliche erzählt hatten. Bei vielen von uns kam noch etwas Eitelkeit hinzu, da wir uns mit unserer Kenntnis des Französischen gegenüber den Söhnen der grande Nation die nur ihre Muttersprache kannten, brüsten konnten. Nach, und nach behandelten wir die Gefangenen, mit denen wir in unserem Derpflegungsdienst zu tun hatten, mit einer vornehmen Herablassung, die nicht frei von einer gewissen Geringschätzung war, denn wir sahen in ihnen nicht nur die Unter» legenen, also Minderwertigen, sondern machten auch, die Beobachtung daß das soldatische Ehrgefühl bei den meisten sehr zu wün- sechn übrig ließ. Sie waren nämlich bereit, uns für ein paar Groschen ihre Uniformknöpfe, Litzen, Achselstücke, Troddeln und was sie sonst noch lvsmachen konnten, zu verkaufen. Wir machten uns das zunutze, legten uns Sammlungen von französischen Kriegs» trvphäen an und waren in knabenhaftem Uebermut unter uns darüber einig, daß der Franzmann moralisch tief unter dem Deutschen „bieder, fromm und stark" stehe.
Bald sollte ich. die Franzosen näher kennen lernen, als es bei den flüchtigen Aufenthalten von Gefangenenzügen auf unserem Bahnhof möglich gewesen war. Die Festung Metz fiel Ende Oktober und die ganze Bazainesche Armee geriet in deutsche Gefangenschaft. Um diese Menschenmassen unterzubringen, mutzten auch kleinere Garnisonflädte in Anspruch genommen werden. Auf dem Exerzierplatz (Drandplatz) zwischen der Kaserne und dem Gymnasium wurde in aller Eile ein Barackenlager errichtet, und schon vor Mitte November zog ein bunter Hause fremdartiger Insassen dort ein. Zu meiner großen Betrübnis konnte ich nicht selbst Augenzeuge des seltenen Schauspiels sein, da ich damals wochenlang wegen eines Beinleidens einsitzen mußte. Ich vertrieb mir die Zeit mit meiner bunten Kriegschronik und belustigte mich mit der Herstellung eines hölzernen Käfigs, in dem ich einen aus Pappendeckel und Holz gefertigten Napoleon gefangen hielt, der leidlich ähnlich gelungen war.
Eines vormittags wurden wir durch das Geschrei der Magd aufgeschreckt, die mit den Worten ins Zimmer stürzte: „Der ganze Garten ist voller Franzosen". Wenige Augenblicke darauf ertönte vielfaches Getrampel auf der Treppe, und bas Vorzimmer füllte sich, mit einem Haufen Rothvsen, Offizieren und Soldaten, geführt von xinem deutschen Feldwebel. Dieser eröffnete meiner Mutter, daß er für die gefangenen Offiziere mit ihren Burschen Wohnung im leerstehenden unteren Stockwerk unseres Hauses suchte. Als die Mu<<er den französischen Gruß des ältesten der Gefangenen in derselben Sprache erwiderte, erheiterte sich sein ernstes Gesicht, und er sprach sofort mit lebhafter Beredsamkeit seine Freude darüber aus, die heimischen Laute im ftemden Lande zu hören. Zch musterte inzwischen den Hauptmann mit scheuem Staunen. Er sah gar nicht französisch aus, nicht schwarz und knebelbärtig. sondern dunkelblond mit einem schon leicht angegrauten Vollbart, und chatte helle freundliche blaue Augen. Es kam mir vor, als gleiche er den Bildern von Garibaldi, die man seit 1860 in
manchen demokratisch gesinnten Bürgerhäusern Gießens t* Ser guten Stube hängen sah. Und siehe da, als die Mutter die ganze Gesellschaft nun hinunter führte zur Besichtigung der Wohnung, und ich über die Karte herfiel, die der Hauptmann zu seiner Vorstellung abgegeben hatte, da fand ich, daß er ein Landsmann des italienischen Volkshelden, ein Nizzarde oder gar ein Eorfe sein mutzte, denn auf der Karte stand:
Charles Oiovannoni,
Capitaine au premier r<5giment de ligne
Toulouse
Rue RomiguiSres 11.
Nach> Ueberwindung einiger Bedenken entschlossen die Eltern sich das leerstehende Stockwerk an den Kapitän mit seinen Leutnants und Burschen zu vermieten, und die zehnköpfige Gesellschaft richtete sich, noch an demselben Tage ein. Nun begann da unten eine kriegsmäßige Wirtschaft, der ich mit wachsender Neugier zuschaute; die Burschen besorgten die Küche und die sonstigen Dienste für die Offiziere, und diese trieben sich geräuschvoll im Haus und Garten umher. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Leutnant Ga.chet, ein Amorinokopf mit dunkelm Kraushaar, dw- den lieben langen Tag Pfiff und trällerte: am wenigsten merkte man von dem Kapitän. Wir Knaben fanden das Treiben der neuen Hausgenossen höchst belustigend und unterließen nicht, den Kameraden gegenüber mit unseren Erlebnissen zu prunken und uns von ihnen beneiden zu lasten. Zu unserem Erstaunen und Bedauern fanden die Eltern jedoch den Zustand nichts weniger als beneidenswert; die Mutter wurde doch vielfach mit häuslichen Anliegen der ftemden Gäste belästigt, dem Vater war die andauernde Unruhe im Haus, die bis in sein Studierzimmer drang höchst störend, am übelsten aber war unsere Marie daran, das frische stramme Dienstmädchen vom Lande, denn sie konnte sich, nicht auf der Treppe oder im Hausflur zeigen, ohne von den Franzosen wie von einem Rudel Hunde verfolgt zu werden. Da sie die Wetterauer Landestracht mit den kurzen, kaum übers Knie herabreichenden Röcken trug so waren Burschen wie Leutnants bei jeder Begegnung darauf aus sie in die runden Waden zu kneifen. Nach wenigen Tagen schon stellte Marie unsere Mutter vor die Wahl: „Entweder verlasse ich das Haus oder die Franzosen." Die Eltern entschieden sich gerechterweise für Entfernung der galanten Gäste, und dem Kapitän Giovannoni würde umgehend Mitteilung davon gemacht.
Sofort nach Empfang der schriftlichen Kündigung kam der Hauptmann zu uns herauf; er hatte seine beste Uniform an, die ihm sehr gut stand. Aber er machte eine recht betrübte Miene, und setzte der Mutter mit Bescheidenheit aber eindringlich auseinander wie schmerzlich es ihm sei, das Haus verlassen zu sollen; er habe sich so sehr gefreut, gute Menschen in Feindesland gefunden zu haben, die ruhige Lage der.Wohnung vor der Stadt, wo er nicht immer den Blicken der 'ßeute ausgesetzt sei entspreche seinen eigensten Wünschen, und er bedauere und mißbillige aufs ernsteste das ausgelassene Benehmen seiner Kameraden, bitte aber herzlich, nicht auch, ihn dafür büßen ßu lassen. Dann erklärte er ganz offenherzig, die Kündigung sei ihm ein erwünschter Anlaß, sich, von der Gesellschaft der jungen Offiziere seiner Kompagnie zu befreien, die das Los der Gefangenschaft so wenig würdig trügen, und schloß mit der Wiederholung seiner dringenden Ditte, ihn selber im Hause zu behalten, wo möglich auch, wenn es nicht unbescheiden sei, in Kost zu nehmen, denn der Gedanke widerstrebe ihm, täglich an einer öffentlichen Wirtstafel wie am Pranger sitzen zu müssen. Das Ersuchen, ihm auch die volle Verpflegung zu geben, begleitete der Kapitän mit einer weiteren Begründung, die meiner Mutter stark ans Herz griff. Gr sagte, der Verkehr mit den Kindern des Hauses würde ihn seine bittere Lage leichter tragen lassen denn er habe, und dabei zitterte seine Stimme Weib und Kind daheim in Toulouse, die seine Rückkehr ersehnten und deren Anblick er nun noch wer weiß wie lange entbehren müste.
Gegen die Aufnahme des gefangenen Feindes als Kostgänger der Familie Hatten aber die Eltern schwere Bedenken, wie sehr auch, die Bitten des Kapitäns die Mutter rührten. Es wurde khnt daher nur die Wohnung zugesagt einschließlich Lieferung des. Frühstücks, und auch, dafür dankte er in den wärmsten Ausdrücken, indem er zugleich die Hoffnung aussprach, die Knaben manchmal bei sich sehen zu dürfen. Nachdem nun der lebenslustige Leutnant Gachet mit seinem gleichgesinnten Genossen an die Luft gefetzt war, begann für mich ein sehr merkwürdiges Zusammenleben mit Giovannoni. Auch, meine Brüder kamen wohl gelegentlich zu ihm, da ich aber den Winter über öfter aus der Schule bleiben muhte, auch der Fixeste im Französischsprechen war, so wurde ich oft mit kleinen Diensten bei dem Kapitän betraut und <S verging kaum ein Tag ohne einen 'Besuch in fernem Zimmer. Es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß ich mit rhm in seiner Muttersprache reden konnte, 'während er die meinige nicht verstand, und mit neugierigem Eifer verfolgte ich alles, was er tat und sprach. Diese Empfindungen wurden bei mir baw durch eine andere verdrängt; da ich den Kapitän immer ernst und traurig fand und selbst sein freundlicher Gruß kaum durch ein Lächehn verschönt war, begann ich Mitleid mit ihm zu fühlen, zumal, als er eines Abends auf die Weigerung meiner Eltern,


