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bis heute hier gehalten, ihr Sohn schon lange nicht mehr, der war für ihn abgetan. ,
Er tat ja ganz, gleichgültig, Lüeb aus der Fntterttste sitzen und starrte vor sich hin, _
Die Pferde zermalmten das gutter, die Halfterketten klirrten, die Fliegen summten, draußen quietschte ein Pum- penschwengel. .
Endlich fand der Offizier die Sprache wieder.
„Drewel — weiß meine Mutter von dem Almosen der Komtesse?"
Der schüttelte fhimm mit dem Kopf.
Aber woher nimmt sie denn das diele Geld'?"
„Sie spart sich's ab. Der Herr Graf gibt ihr nronat- lieh vierhundert Mark, davon muß sie kaufen, was sie braucht. Manchmal bettelte sie Lei ihrem .Vater ton' mehr."
Also, auch Eva betrog — um seinetwillen!
Er riß die dicke Brieftasche heraus und entnahm ihr* einen Tausender.
„Hier Drewel, lassen Sie ausbessern. Gleich morgen geht's los!"
Der Alt^faltete den Schein vorsichtig zusammen und steckte ihn ein.
'„Nee, Herr Oberleutnant, da gibt's Nötigeres M tun."
„Was beim?"
„Für die Zinsen zum Oktobertermin sorgen."
„Ja, liegen denn die noch nicht bereit?"
„Wenn ich die ganze Roggenernte verkaufe, dann schon. Der Oktober ist am leichtesten zu bezahlen. Aber der April und der Juli, wenn nichts mehr da . ist —i wie wir da drüber wegkommen werden, weiß ich heute noch nicht."
„Wir kommen drüber weg. Hier" — Hans-Wilhelm hob die Brieftasche hoch — „sind zwanzigtausend Mark für's Gut."
„Wenigstens etwas."
Ganz gleichgültig sagte es der Oberinspektor und kletterte von der Futterkiste herunter.
„Kommen Sie morgen früh mit den Büchern um sechs Uhr zu mir 'rauf!"
„Jawohl, Herr Oberleutnant."
Hans-Wilhelm reichte hem alten treuen Diener die Hand.
„Ich muß zu meiner Mütter — gute Nacht!"
Drewel sah ihm mit abgezogenem Hute nach. Er Ivar ein einfacher Mann, aber soviel begriff er doch: das Geld war im Spiele gewonnen, und das bringt kein Glück, Kopfschüttelnd ging er noch einmal durch die Ställe, dann Nahm er seine Bücher vor. Bis nach Mitternacht saß er, aber Klarheit brachte er in diesen Lug und Trug nicht mehr herein, Wahrheit und Dichtung standen zu schroff nebeneinander. —
Hans-Wilhelm begab sich erst in sein Zimmer. Der große, starke Mann war total fertig mit seinen Nerven. So durfte er feiner Mutter nicht unter die Augen treten, die hätte doch sofort gemerkt, daß er eine niederschmetternde Nachricht erhalten. In seinem Leichtsinn hatte er also von Evas Almosen gelebt! Jawohl, das war der einzig richtige Ausdruck, und trotz dieser Demütigung befriedigte es ihn, daß er Drewel gegenüber gerade dieses Wort gebraucht hatte. Der alte Kerl mußte fühlen, wie furchtbar ihn der Schlag getroffen. Und ihr Vater war ihm auch noch mit zwanzigtausend Mark beigesprungen! Er überschlug den Inhalt seiner Brieftasche. Wohl vier- bis fiinf- und vierzigtausend Mark mochte er bei sich tragen. Gleich morgen mittag wollte er dem Grafen sein Geld mit den Zinsen zurückgeben; steckte er dann zwanzigtausend in die Wirtschaft, blieb ihm für ein Jahr lang genug zuiu Leben. Aber auch Eva mußte doch auf der Stelle ihr Geld wieder haben! Wieviel mochte sie wohl schon geopfert haben? Sicherlich mehrere tausend. Da konnte eben Drewel nicht soviel bekommen. Wenn ihn Beerenburg nicht vom Spieltische weggeholt hätte, zweifellos wäre er bald wieder im Gewinn gewesen noch au demselben Abend.
Da kam die Wut über ihn. War er denn ein dummer Junge, den: man Angst machen durste? Ob -or nicht lieber dem Oberinspetor zehntausend Mark hier lassen und mit dem Rest nach Spa zurückkehren, sollte? Der alte Relen- dorff konnte warten! Freilich, alle Tage lacht einem nicht das Glück, aber probieren geht über studieren!
Mit großen' Schritten wanderte er im Zimmer auf und ab, und schließlich kam er zu dem Entschluß: erst sehe ich mir die Bücher an, dann werde ich meine Entscheidung treffen!
Da klopfte es.
Ein Mädchen meldete, daß das Wendessen bereit sei. Einen Diener hatte man auf Moreth schon lange nicht mehr.
In ihrem Zimmer erwartete ihn die Mutter.
„Nun, Hans-Wilhelm, fertig ausgepackt?"
„Nein, Mama, wie ich vorhin auf den Hof ging- traf ich Drewel; mit dein habe ich über die Wirtschaft gesprochen."
Löise seufzte Frau von Moreth.
„Morgen früh kornint er um sechs Uhr mit den Büchern zu mir."
„Erfreuliches wirst du wenig finden."
Da legte Hans-Wilhelm seine .Hand auf die Schulter der Mütter.
„Erfreuliches oder Unerfreuliches — es wird Zeit, daß ich der Zukunft mit ruhigen Augen entgegensehe!"
IN diesem Augenblick^dachte er nicht mehr an Spa. —!
„Haus-Wilhelm, wenn du das ernstlich wolltest!" „Ich will!" ,
„Komm mit mir vor das Bild dernes Vaters; dort versprich mir's."
Und der Sohn sieht fest auf den jungen Vater, der fröhlichen Gesichtes, fast lachend, aus dem Rahmen auf ihn niederblickt.
„Für Moreth will ich kämpfen, Ivie der Vater für die Standarte des Regiments!"
Da fällt eine Zentnerlast vom Mutterherzen, (Fortsetzung folgt.)
Zrauenschicksale im Arbeite? stand.
Von Paula Messer-Platz.
Wie in der Aufklärungszeit durch das neuerwachte Interesse für die Einzelpersönlichkeit die Zahl der Biographien wuchs/ so auch wieder in der Gegenwart, deren psychologische Neigungen und Forschungen die Wertschätzung des Biographischen steigern, Was aber unsere Zeit von der des 18. Jahrhunderts unterscheidet — der Blick auf die Massen, die Arbeiterfrage, die .Sozialdemokratie —, das unterscheidet auch die biographische Literatur unserer Tage von der damaligen: die Jetztzeit hat als Neues die Arbeiterbiographie hervorgebracht.
Wohl die drei besten verdanken wir der Vermittlung von Paul Göhre.*) Jedes dieser Bücher hat seine Eigenart. Das Fischers zeigt eine episch-ruhige Schilderung von Tatsachen, die eben hingenommen werden, weil sie sein müssen. Das innere Feuer dieses Mannes umleuchtet diese Tatsachen, hat sich aber noch nicht gegen sie geivandt. Anders bei Bramme. Hier Zittiert schon Erkenntnis und Abwehr durch, die sozialdemokratische Idee wird geboren. In der Biographie von Holet endlich flammt hell auf das Bewußtsein der körperlichen und geistigen Art des Arbeiters, flammt ans die Begierde zn helfen, zu ändern, >zu organi- fieren. So führt dies Buch mitten in die Erregungen und Probleme der modernen Zeit und zwar auf einem Wege, der den meisten Lesern fremd, gber zum Verständnis fast unentbehrlich sein wird.
Eines dieser modernen Probleme ist die Frauenfrage und in ihrem Gefolge die llntersuchungen über die Lage der Arbeiterin, ihr Leben, ihre Bildnng, über das, was ihr not tut. Wo aber ließe sich davon ein unmittelbarer Eindruck gewinnen als durch die Lektüre einer solchen Arbeiterbiographie! Meines Wissens ist ihr Wert von diesem Gesichtspunkt aus noch nie gewürdigt worden.
Drei Frauen treten in dem Buch von. Holek in den Vordergrund: die Mutter und seine beiden Frauen. Seine erste Erinnerung sieht die Mutter weinend. Und dieses stille, hoffnungslose Weinen bleibt der Unterton in den drei Franenleben/ in denen Hungern, Arbeiten, Gebären die traurige Melodie ab- geben. Trotzdem nimmt es jede in ihrer Art tatkräftig mit dem Leben auf. WaS Schulbildung anbetrifft, so ist die Mutter sehr schlecht dafür, ausgerüstet: sie kann .weder schreiben noch lesen. Holet sagt dazu: „Noch bedauernswerter als mein Vater war meine Mutter. Denn er konnte wenig, sie aber gar nichts. Das. war für uns Kinder der größte Schaden." „Nur Deutsch hatte sie während ihrer Di^stzeit gelernt und zwar so geläufig, wie ich
*) „Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters", (Karl Fischer.) — „Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. (William Bromme.) — Wenzel Holek: „Lebensgang eines deutsch-tschechischen Arbeiters". Sämtlich bei Engen Diedr- richs in Jena.


