Ausgabe 
12.3.1913
 
Einzelbild herunterladen

159

es selten von einem Tschechen hörte."**) Auch zeigte siein mancher Hinsicht mehr Scharfsinn wie andere Leute" und war mit einer lebhaften Phantasie begabt, die sie dazu verleitete, den Kindern Mord- und Gespenstergeschichten zu erzählen, um sie durch Angst vom Bösen abzuhalteu. Sie hatte nichts Besseres gewußt, nichts Besseres gelernt! Sic war unsere Blutter, aber keine wahre Erzieherin." Es zeigt sich hier deutlich, welchen Schaden gerade die Unwissenheit der Mutter anrichten kann: sie versteht nichts voin Nutzen der Schule und hindert den Knaben am Lernen. Noch mehr ist ihre Unkenntnis i n Hy g re ur­schen Dingen zu bedauern, unter der schon die,erste körper­liche Entwicklung des Kindes leidet. Da drängt sich manchem die Frage auf: Wäre nicht hier das nächstliegendfte Gebiet für moderne Reformen! Oder sollte es. gar so schwer sein, den Mädchen der oberen Bolksschulklassen das Nötigste bcizubrrngen über Säuglingspflege, einfachste Krankenbehandlung und -Ber- hütnng. Die Klage über Kindersterblichkeit, Militäruntauglich- keit und ähnliches wird immer lauter. Aber man fchemt nicht daran zu denken, daß auch hier kleine Ursachen große Wirkungen hervorbringen. Man braucht noch lange keine übertriebenen Er­wartungen mit dem Schulunterricht verbinden, aber elementare Fehler, wie sie hier erzählt werden, könnten, doch durch ihn be­seitigt werden. So liest man z. B. über die Behandlung von Säuglingen:Sie packte das Würmchen in Windeln und Feder­betten ein, zog das Wickelband so fest an, daß das arme Wesen wie eine Holzpuppe aussah." Also iveder Luft noch Bewegung! Und so lag das Kind, mit einem schmutzigenGummel" zur Be­ruhigung im Muiid, stundenlang regungslos, bis die Mutter von der Arbeit heimkam.

Arbeiten musste sie wie kaum ein Mann. Sie geht mit dem Vater in die Fabrik, zu dm,)8ahnbauten, aus die Rüben­felder. Oder sie sammelt Holz, was so mühsam und schwer ist, daß eseigentlich nur die Männer taten".Ach, löte leid tat mir dam meine Mutter . . . wenn ich sah, wie sie die ganze Woche über aus dem Felde arbeitete ober in der Scheune das Getreide mit Flegeln drosch, dann irachts das kleine Mädchen versah, die Wäsche wusch und unsere Sachen flickte. Sie schien mir wie eine Heldin." Und war sie es nicht wirklich! Trotz ihrer Mitarbeit hatte sie nichts zu sagen bei der Verwendung des gemeinsam verdienten Geldes.Ter Vater strich das Geld ein und gab der Mutter einen Betrag als Kostgeld ... er frug sie nie, ob sie damit anskomme." Er war so geizig und gab so wenig her, daß die Mutter Schulden machen mußte, die sie dann heimlich durch doppelte Arbeit wieder abverdiente. Ihr Gemüt aber war trotz des harten Daseins nicht verschüttet: sie liebt ihre Kinder, zwet Buben und drei Mädchen, tritt schützend dazwischen, wenn der Vaterschimpft" : eine schöne Offenheit herrscht zwischen ihr und ihrem Sohne. Auch als dieser nach Jahren in die äußerste Not gerät, wendet sie sich nicht ab wie der Vater, sonderntat für mich ihr möglichstes; in ihrem Herzen war die Mutterliebe nicht erloschen."

Und nun zu Holeks erster Frau, seinerLuis"! Etwas Zartes, Feines liegt über ihr. Sie ist von schlankem Wuchs, mit schwarzen Haaren und blauen Augen und hat eine schöne.Stimme. Aber nicht ihr Aeußeres macht tieferen Eindruck auf ihn, sondern ihre Zurückhaltung und ihr sittliches Benehmen". Und nachdem er noch erfährt, daß sie mutig Angriffe auf ihre Ehre abge­schlagen,da war ich wie verwandelt zu dem Mädchen. Sw war in meinen Augen die Tugendhafteste, die Reinste!" Tie beiden jungen Menschen, die in derselben Fabrik arbeiten, lieben sich und gehören sich an. Sie leben mit Luisens Mutter zusam­men, und nun beginnt auch für sie der schwere Kampf um Arbeit, um Brot, nut die Existenz. Tapfer setzt Luis ihre Kraft ein. Sie verdient mit als Handlangerin, sie ladt für 2 Gulden 21/2 Waggon Kohlen in Karren, ja zuzeiten lebt die ganze Familie allein von ihrem Verdienst in der! Glasfabrik, obwohl sich Holek einst geschworen hatte,sie soll sich nicht soyvie meine Mut­ter Tag und Nacht schinden und plagen." Die Not wird immer größer, es gibt gegenseitig Vorwürfe, Streit, Zorn, und endlich vergreift er sich an seiner Frau. Wahrlich traurig, daß das äußere Elend auch den Frieden der Familie zerstört, daß sich der Mensch Zum äußeren Unglück auch noch das innere auflädt! Der Mann, der sonst nüchtern und sparsam ist, greift zum Alkohol und schlagt seine Frau! Gewiß, es ist psychologisch begreiflich als Ausge­burt der Vei^weiflung. Aber die Frau, die die gleiche Rot durch­lebt, wo bleibt ihr Ausweg?,! Es wird von jedem und auch von ihr als selbstverständlich betrachtet, daß sie weder im Trinken.Trost sucht, noch in Wutausbrüchen. Sie hält die Familie zusammen, sie wirtschaftet für den Mann und zwei Kinder so gut es eben geht, die Aermste, wird mitten jm Hunger und Jammer von einem Kinde entbunden, das sie nach sieben Wochen weinend be­graben muß.

Als durch neuen Verdienst des Mannes die leibliche Not ver­ringert wird, tut sich eine andere Kluft zwischen ihnen auf. _ Der Mann sehnt sich nach Wissen, nach Bildung, nach einem geistigen Inhalt. Für den Arbeiter liegt es am nächsten, dies alles in der Sozialdemokratie verkörpert zu sehen, und ihr schließt sich

**) Holeks' Eltern waren Tschechen und lebten im nördlichen Köhnien.

Holek an mit der ganzen Begcisteiungssähigkeit und dem ganzen Opferwillen eines selbstlosen Herzens. Dieser Kamps ummehr Licht" ist fürwahr nichts Kleines; wird aber ausgefochten wie hier, wo er äußerlich nichts bringt als Arbeitsentlassung, Hunger, Heimatlosigkeit, dann steht man erschüttert vor solch einer Menschwerdung". Wer will es trotzdem dem armen Weibe verargen, daß es sich gegen die politische Betätigung des Mannes wendet, die so viel Zeit und Geld verschlingt und die Familie immer wieder brotlos macht! Es hat sich ja niemand die Mühe genommen, sie über den.tieferen Zweck der politischen Bewegung aufzuklären. Sie teilt allein das Unglück des Verfehmten, von dessen innerem Gluck bleibt sie ausgeschlossen. Der Streit be­ginnt aufs neue. Und doch wird uns heute so oft entgegen gehalten: politische Aufklärung der Frau bringt Streit in die Familie. Indessen, man bedenke, daß politisches Verständnis mindestens. ebenso oft auch ein Band werden , kann, das Eheleute zusammenhält. Der Arbeiter braucht nicht immer ins Wirtshaus zu sitzen, toeitn er von dem reden will, was fein Inneres beschäftigt. Und der praktische Sinn der Frau lvird manchen Rat geben können über das Wie und Wieviel der Be­teiligung an politischer Agitation. Hat diese, aber Arbeitsent­lassung und Not im Gefolge, so wird der Opfermut des Werves nicht zurückstehen hinter dem des Mannes.

Man darf heute nicht mehr übersehen, welche Rolle die Politik im. Leben des Arbeiters spielt; daß gewaltige Bolksmassen, unbefriedigt von der geistigen Speise der Kirche, ihren Gedanken­hunger zu stillen suchen dyrch politische Tätigkeit und politifche Jenseitsträume. Religiös sind aber gerade, die Besten imter ihnen geblieben, freilich, ohne es meist selbst zu wissen. Oder ist es nicht im tiefsten Sinne religiös empfunden, wenn Holet auf alle Vorwürfe antwortet:Der Jesus hat auch für die Wahr­heit am Kreuze geduldet! Weshalb sollen es nicht auch wer? Ebenso geht ihm, dem Atheisten, das starke Gefühl für sittliche Werte nicht verloren. Zwar lebt er etwa acht Jahre inwilder Ehe" mit der Luis, die auch teilten Anstoß daran nimmt, und läßt sich später nur tragen um* der Kinder willen. Die Ehe ist ihm aber an sich heilig, und als er bei seinem Werbe Untreue vermutet, da ist die Ehe für ihn zerstört, und er bleibt nur den Kindern zuliebe. Bald danach stirbt Luis, um Zwillingen das Leben zu geben. Ihre letzten, beteuernden Worte sind:Wenzel, meine Liebe zu dir . . ." Da heißt der Tod sie schweigen. Bwr Kinder läßt sie dein Vater zurück, fünf sind gestorben. Wahrlich, dies müde Weib hat- sich den Tod verdient und bte Ruhe,

Bald zwingt die Not Holet, wieder zu heiraten. Aenßere Eigenschaften spielen diesmal noch weniger eme Rolle. Jm Gegeiiteil:ihre Gesichtsfarbe und Züge, verrieten, da« es ihr aiich nicht gerade zum beften ging. Aber ihr Ansehen gefiel mir." Sie ist die Tochter eines kleinen Schneiders, 24 Jahre alt und von lebhaftem Temperament. .Holet hofft sogar von ihr zu lernen, da sie eine schöne Handschrift besitzt und gut int Rechtschreiben beschlagen ist. Sonst freilich hat sie nichts, gelernt als etwas Rechnen und viel Beteii. Kein Wunder, denn in ihres frommen katholischen Vaters Hauswar noch nie eine Zeitung gekommen und außer Kalender und Gebetbuch auch kein anderes .Puch." Wie hätte sie da mehr lernen können! Wieder ist es die Kindererziehung, die am meisten Schaden darunter leidet. Es fehlte ihr die Aufklärung, um die Kinder stets in einer be­stimmten Richtung zu zieheii." Sie ist leicht ungeduldig, schlagt viel, zankt mit lauter 'Stimme und wie! sie selber einst, so 1 ollen auch ihre Kinder in Furcht und Zittern gehalten werden Doch scheint ihr Gerechtigkeit nicht abzugeheu, dennsie behandelt ihre eigenen Kinder genau so wie die Stiefkinder".Sie war.em Weib, wie ich es mir nur wünschen und wie ich es als Arbeiter auch allein braucheil konnte," sagte Holek von ihr. Tiefe tüchtige Frau und das neu erstandene ordentliche Heim bringen den Manu vorn Trinken zurück, dem er sich! als Witwer ergeben hat. Das ist gewiß kein Ausnahmefall. Die Frau ist dcr _(yeino des Alkoholismns, denn er steht wie em Gespenst täglich und stündlich vor ihrer Tür und droht ihr das bißchen Gesund­heit, Geld und Glück zu nehmen, das sie für sich unb bie ^5breit bem. Leben aberungen. Wie schrecklich aber der Trunk unter beit Arbeitern wütet, das zeigt dies Buch deutlich. Dazu ist der Arbeitgeber noch häufig Besitzer der Kantine unb zwingt seine Leute einen guten Teil des Lohnes dort siegen zu lallen. Gewiß werben nicht überall solche Zustände herrschen wie an der beutlch- tschechifchen Grenze, aber es wäre allgemein zu nmnschen, daß der Arbeitgeber keinen Anteil an Kantine und Kaufladen belaße unb damit kein Interesse, wo unb wieviel die Angestellten kaufen. Je mehr Anregung zum Trunk aber für den Arbeiter in I einer Laae oft liegt, um so größeres Verdienst erwerben sich-bw grauen für* bie Gesunbheit unb Höherentwicklung des Volkes burch ihren Kampf gegen den Alkoholismns.

Obwohl Holeks Franeine gute Wirtschafterin ist, mit jedem Kreuzer rechnet, nichts verfchwendet, nicht naschig ist" und gilt einzuteilen weiß, läßt sich die Not nicht verscheuchen. Sind doch nun acht Esser zu versorgen unb der Ernährer liegt an Lungen­entzündung barnieber. Da entschließt sich die Frau, zugleich mit ihrem Neugeborenen bas Kinb einer Beamtensaimlie zu stillen, unb von bem Lohn lebt bie Familie. Aber die Folgen der Ueber- anftrengimg zeigen sich bald: kaum ist der. Mann gesund,,erkrankt