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Wie billig, die schöne, grausige Legende vorn Tod des Giftmiscbers Sainte-Croix, der sich beim Herstellen seiner ^überfeinen Gifte stets durch eine Glasmaske vor dem Einatmen der tödlichen Pulver schützte, dein aber eines Tages die Maske bei dieser.heiklen Arbeit herunterfiel, so daß er alsbald tot in seinem schrecklichen Laboratorium niedersank. Bleibt man bei dieser bewährten Erzählung, so erklärt sich auch der merkwürdige Umstand, daß "ber Verbrecher alle feine Gifte und gefährlichen Papiere so achtlos liegen ließ. Kurz, ich halte mich an die Legende und nicht an die .Gelehrten, die denn auch wirklich das im Nachstehenden Erzählte als Märchen diskreditiert haben.
Also am 30. Juli war der Giftmischer Sainte-Croix gestorben, der Liebhaber und Mordhelfer der schönen Fran von Brinvilliers, und diese Dame sah sich durch die gerichtliche Beschlagnahme seines Nachlasses, der ihre gesamten Briefe enthielt, bedenklich gefährdet. Kaum hatte sie gehört, baß die ihr wohl bekannte Kassette ihres Liebhabers, in ber er ihre Briefe aufbewahrte, in Händen des Gerichtes fei, als sie sich jede erdenkliche Mühe gab, diese Kassette uneröffnet in ihren Besitz zu bekommen. Als das schlimme Kästchen am 22. August vom Gericht geöffnet werben sollte, uub Fran von Brinvilliers bazu eingelaben wurde, ließ sie sich durch ihren Sachwalter vertreten, und als gleich daraus ein Spießgeselle ihres Liebsten festgenommen würbe, er- Psi.lk. sie die Flucht und wanbte sich nach. England. Inzwischen lies ihr Prozeß den ganzen Herbst unb Winter hindurch, und es würbe tm März bas Urteil verkündet, das jenen Spießgesellen zur Jiaoerung, die Frau von Brinvilliers aber in contumaciam zum -iebe durchs Beil verurteilte. Sie war des Giftmordes an ihrem Vater und ihren beiden Brüdern schuldig erkannt worben.
Ta gleichzeitig ihre Güter eingezogen würben, uub ihr Mann, der merkwürdig indolente Herr von Brinvilliers, sich jetzt ebenso ivenig um seine Frau bekümmerte, als er es während ihrer Licb- schnft mit Sainte-Croix getan hatte, geriet die verwöhnte Dame bald in betrübte Umstände und scheint sogar von ihrer Schwester — berielben Schwester, der sie jahrelang nach dem Leben getrachtet Mle — Unterstützung erfleht oder doch angenommen zu haben. Die Verurteilte lebte in Lonbon und wußte sich über beit Stand ihrer Affäre stets auf dem Laufenden zu halten.
Ter König Ludwig XIV. nahm persönliches Interesse an dem Prozeß unb bestand darauf, daß trotz aller Hindernisse die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme. So wurde denn in Loudon die Auslieferung der Verbrecherin mit Eifer betrieben, aber burck Formalitäten und kleine Mißverständnisse mehrmals verzögert, W das! Madame noch immer frei umherging, während der König von England schon ihre Auslieferung an Frankreich versprochen hatte. Und als endlich die Schwierigkeiten überwunden und alle Bedingungen dieser Auslieferung erfüllt waren, war Frau von Brinvilliers aus London verschwunden.
r w^rL011 V einige Zeit in der Pikardie unb an verschiebenen hollanbischen Orten ausgehalen thaben, soll in Baleuciennes unb 'n. Cambray gesehen worben feilt, unb flüchtete schließlich nach
Hier fand die Flüchtlingin in einem Kloster gastliche Ausnahme und konnte glauben, an diesem Orte ber Gefahr entronnen zu sein. In ber Tat blieb sie hier sowohl von Spionen wie von beängstigeu- ben Nachrlchten unbehelligt unb begann so sehr aufzuatmen, daß f'c UL mit einem gewissen Theria in einen Licbeshandel einließ.
Merkwürdig ist nun die Tatsache, daß diese gewissenlose, wilde und egoistische Frau bestäubig ein Schriftstück mit sich führte, bas sie ihre Beichte nannte, und worin sie ihr ganzes Leben aufgezeichnet hatte. Wir können uns bas nicht wohl anders erklären als aus einer an Aberglauben grenzenden Furcht vor den ewigen Strafen, wie sie denn auch später von keinem noch so schmählichen Umstand ihrer Hinrichtung so sehr betroffen schien wie von der Versagung des Abendmahls. So hatte sie also, offenbar um P? letzten Not einmal vollständige Beichte tun zu können, dies furchtbare Verzeichnis ihrer Verbrechen und Laster hergestellt Pm hielt es beständig m ihrem Zimmer in einer besonderen Schatulle verwahrt.
Sm übrigen vermochte ihr Mißgeschick die kühne Abenteurerin
..allzu tief zu beugen. Sie machte sogar ihrem in Frankreich, verbliebenen Manne ganz harmlos den Vorschlag, er inöge wieder zu ihr ziehen, worauf jener freilich nicht einging. Einstweilen lebte sie unbehelligt als Gast in jenem Kloster und betrieb in Ermangelung größerer Unternehmungen ihren leichten Liebeshandel mit Theria, ber sie jedoch nicht abhielt, auch anderen galanten Anuahernngeu zugänglich zu sein.
, So erschien eines Tages im März ein französischer Abba beiuchswelse tut Kloster, fragte nach der gnädigen Frau unb würbe von ihr empfangen. Es war eilt recht hübscher, noch lunger Manu von guten Manieren, dessen pariserischer Tonfall Madame sofort anheimelte, lieber den Zweck seines Besuches befragt, gab er die höflichste Antwort.
„Ich bin," sagte er ehrerbietig, doch lächelnd, „auf einer größeren Reise begriffen, die mir bett Besuch mancher Klöster zur Pflicht macht. Da erfuhr ich beim ganz zufällig uub zu meiner ?Wüßten Freube, daß Sie, gnädige Fran, hier Aufnahme ge- ucht und gefunden haben. Und so wollte ick beim die Gelegenheit, eine so berühmte und zurzeit so sehr vom Unglück verfolgte Dame kennen zu lernen und ihr vielleicht ein Trosteswort zu sagen, nicht
ungenützt lassen. Man bedauert Ihr schweres Schicksal in Paris allgemein und ist verwundert, ja entrüstet, daß es Ihren Gegnern üklungen ist, unser Parlament so sehr wider Sie einzunehmen, baß Ihre Verurteilung möglich war. Desto mehr freuen wir uns aber, Sie hier in Sicherheit zu wissen, wo Sie ruhige die Zeit abwarten können, da Ihnen die Gerechtigkeit zuteil werden wird, die wir m dem Pariser Urteilsspruch so sehr vermissen. Wie sehr Sie, verehrte Gnädige, in der Pariser Gesellschaft fehlen, davon können Sie sich keine Vorstellung machen."
Tas waren Töne, die Madame Brinvilliers lange nicht mehr vernommen hatte. Einen Augenblick kämpfte sie mit Tränen, r rbr auffteigen wollten, da ihr plötzlich bei den schmeichelhaften Worten des eleganten Abbes alles vor Augen stand, was sie verloren hatte. Ab, sie war immer noch eine Schönheit unb öon gutem Adel, und wenn sie zurzeit auf den Genuß ihres berühmten Reichtums verzichten mußte, so konnte das doch nicht allzu fange dauern.
Nach einem leichten, behutsam töstenden und endlich ganz weltmännisch plauderhaften Gespräch von einer Stunde empfahl sich der Abbö, küßte der schönen Frau die weiße Hand unb fragte angelegentlich, ob es ihm wohl erlaubt wäre, nochmals vorzusprechen, falls, wie anzunehmen, sein Lütticher Aufenthalt noch einen Tag oder zwei dauern sollte. Mit Freuden gabi die Dame diese Erlaubnis und setzte hinzu, die Gelegenheit zur Wiederholung einer so angenehmen und geistvollen Unterhaltung sei ihr allzu wert, als daß sie solche nicht lebhaft wünschten müsse, und es würde ihr ein wirklicher Verdruß fein, wenn ber Herr Slbbe nicht wiederkame.
Tas hübsche Männlein nahm Abschied, versprach sein Wieber- kontmen unb ließ die Einsame in der wohligsten Erregung zurück. Sie dankte es ihm, daß sie sich feit einer Stunde wieder ganz als Weltdame und gefeierte Aristokratin .fühlte, und es wollte ihr scheinen, sie habe dem feilten Mann genug Eindruck gemacht,- baß er seinen Aufenthalt in Lüttich auch ohne anbere Ursache recht wohl ihretwegen ein wenig verlängern könnte.
Diese Vermutung ber erfahrenen Frau erwies sich andern Tages als nicht unbegründet. Es erschien ziemlich früh am Tage, doch nicht früher als etwa die Empfängsstunde einer vornehmen Dame während ihres Landaufenthaltes ftattfänbe, ber Herr Abbe in feinem1 seinen Seibenrock, brachte einen um diese Jahreszeit kostbaren Strauß von Maiblumen mit und begann alsbald die Unterhaltung auf dem Punkte, wo er sie gestern abgebrochen hatte. Es war heute Sinn und Benehmen der beiden weit leichter und freier als gestern; von dem- schrecklichen Prozeß und der kläglichen Lage der Gnädigen ward diesmal kein Wort gesprochen, sondern Man plauderte ainüsant und freundschaftlich, die Dame ließ kleine reizende Koketterien aufblitzen, die ber Herr mit Komplimenten erwiderte, unb diese Komplimente glitten in feiner Abstufung mehr und mehr vom Gebiete gefell- schaftlicheu Allgemeinheit auf das ber persönlichen und momentanen Galanterie hinüber, ja, der kühle .Herr erlaubte sich aut Ende einen Kuß auf MadaMes Schulter, ber kaum gerügt wurde. Nun gestand er, plötzlich in Feuer ansglnhend unb auf die Knie sinkend, daß er allerdings gestern noch des Sinnes gewesen sei, heute von Lüttich abzureisen, daß er nun aber unmöglich gehen könne unb am liebsten alle Tage seines Lebens! in diesem Stübchen zu den Füßen dieser entzückenden Fran «erbringen möchte. Er hielt ihre Hand fest, die er mit Küssen bedeckte, und legte in tiefer Bewegung sein Haupt in ihren Schoß: und 'fie strich ihm lächelnd mit schmeichelnden Händen über das glatte schwarze Haar.
„Herr Abbs", sagte sie endlich gütig, „Sie vergessen, daß wir uns in einem Kloster befinden. So sehr Ihre Jugend Und Zuneigung zu mir mein Gefallen haben, so entschieden muß ich daran erinnern, daß ich als Gast dieses heiligen Hauses und als atme verfolgte Frau besondere Rücksichten zu nehmen habe. Sie werden das begreifen und mich nicht ber Gefahr aussetzen, meines Gastrechtes hier verlustig zu gehen."
„Aber gewiß, mein Kleinod," flüsterte der Liebhaber glühend, „wie könnte ich je das Geringste tun, das Ihnen unlieb wäre! Erlauben Sie mir daher, Mlerschöktste, Sie morgen an einem1 sicheren Orte zu erwarten und Sie zu einer Spazierfahrt in mein ent Wagen einzuladen. Ach, wie ich Sie liebe, Mein Bijou!"
Sie machte noch einige zeremonielle Widerstände, sodann wurde! das Rendezvous unter Beobachtung vieler Vorsicht auf morgen an einem bestimmten Platz außerhalb der Stadt verabredet, und zuM erstenmal zog ber junge Mann die Eroberte an sich und gab ihr, ohne daß sie. widerstrebte, so viel Küsse als er wollte. Tann drängte sie ihn zur Türe und brachte dcnlRest des Tages vergnügt in!Ge- baufcii an das neue hübsche Abenteuer hin.
Sie las auch ein wenig in ihrer geschriebenen Beichte und dachte diesmal Nicht an die Höllenstrafen, sondern sah ihr kühnes, selbstherrliches Leben von der Höhe des Augenblickes an wie eine schöne wilde Feuersbrunst, die noch in voller Pracht und bereit Erlöschen noch in weiter Zukunft steht.
Ändern Tages Machte sie sorgfältig Toilette, steckte einige von den duftenden Maiblum'en in ihren Busen'und! ging zu Fuße, in einen dunklen Mantel gehüllt, deut Stelldichein'entgegen. Vor der Stadt zwischen den Mauern zweier Gärten blieb sie fiebern atmete die milde erdig duftende Frühlingslust und wartete auf den Galan. Und schon nach wenigen Minuten shörte sie auf dem' Wege hinter ihr einen Wagen rollen, ber 'sich rasch näherte. Sie


