Ausgabe 
7.4.1913
 
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trat an den Rand des feuchten Weges der Wagen dog um' lote Ecke, Mr langsamer und hielt genau an ihrer Serte Unter deut niedergelassenen Lederdache sah lächelnd das Gesicht des Mchg, das sich ihr mtgegenneigte, und sie setzte lächelnd den Fuß auf den Wagentritt.

An diesem Augenblick hörte sie Schritte hinter sich, fühlte irch von starken Arnim ergriffen, sah sich, jäh erschreckend, von drei, vier, fünf fremden Männergesichtern umgeben und brach, da ste die Uniformen der Pariser Polizei erkannte, mit einem wahn­sinnigen Schrei, vor dem die Pferde scheuten, zusammen.

Als sie nach wenigen Minuten wieder zu sich kani, säst sie in einem sehr rasch dahinfahrenden Zweispänner an der Serte des Klbbss, der jedoch heute Uniform! trug und sich ihr kühl als Polizei­offizier vorstellte. Es war der GesreUe Desgrais, Len das Pariser Parlament zur Festnahme der Verurteilten ausgesandt und der feinen Auftrag mit Hilfe dieser Liebeskomödie ausgeführt hatte, da er eine Verhaftung int1 Kloster aus Furcht vor einem etwaigen Volksaufstand nicht wagen möchte.

'Damit ist die Geschichte der Madame Brinvilliers zu Ende; und so wütend sie sich um! das von 'Desgrais beschlagnahmte Beichtmanuskript wehrte, so brauchte sie doch' um dessen Vollständig­keit nicht besorgt zu sein, denn in der 'kurzen Zeit zwischen ihrer Verhaftung und ihrer Hinrichtung zu Paris -war ihr keinerlei telegenheit mehr geböten, die merkwürdige Liste nach irgendeiner eite hin zu bereichern. 1

wie Her Amerikaner den Deutschen sieht.

Der amerikanische Schriftsteller Price Collier, der inScribners Magazine" seit einiger Zett Aufsätze über Deutschland. und^ die Deutschen veröffentlicht, fommt in der jüngsten Ausgabe dieser Zeit» schrill auf den Charakter der Deutschen und deutsche Sitte und Ge­wohnheiten zu sprechen. Die deutsche Etikette, die deutsche Höflichkeit weicht nach Colliers Beobachtungen von der ameri­kanischen ganz erheblich ab. Der Amerikaner schüttelt der Dame zum Gruß kräftig die Hand, au? der Straße grüßt er durch ein Kopfnicken, oder indem er vergnügt mit seinem Stocke winkt, und da­mit verstößt man in Deutschland gegen den guten Ton I Eine Sitte, h-- tu Amerika kein Seitenstück hat, verzeichnet Collier unter den Tischsitten: nach beendigter Mahlzeit pflegen die Herren der Dame des Hauses ehrftirchtsvoll die Hand ztt küssen und dabeiMahlzeit" zu sagen. Diese Sitte, die freilich nicht allgemein verbreitet ist, hält Collier für reizend. Zur deutschen Höflichkeit gehört nach Colliers Ansicht die Gewohnheit der Deutschen, einander (die Herren wie die Damen) mit Titeln anzureden. Fast 20 Zeilen seines Aufsatzes füllt Collier mit einer Aufzählung voit gebräuch- lichen Titeln und dabei hat er, wie man ihm gern zugestehen kann, nur wirkliche Titel, etwaWirklicher Geheimer Regierungsrat" oderHerr Amtsgerichtsrat" herausgegriffen und andere, etwa Frau Oberbergrat undFrauOberpostschaffner streut er dann später gelegent­lich ein. Wenn er in diesem Zusammenhänge aber über die Deutschen spottet, hat er augenscheinlich vergessen, daß die Amerikaner von dieser Titelsucht durchaus nicht frei sind, nur komint bei ihnen hinzu, daß sie zuweilen auf recht merkwürdige Weise zu ihren Titeln gelangen. Unter den Amerikanern trifft man Leute, die sich als Marschall, Gouverneur, Colonel oder Mayor anreden lassen. Wenn man sich die Angelegenheit dann aber bei Lichte besieht, stellt sich heraus, daß diese Leute weder Marschälle noch Gouver­neure sind, sondern diese Titel sind bei ihnen Vornamen.

Sehr drollig liest sich Colliers Ansicht über da8, was in Deutschland verboten oder erlaubt ist und wie man sich zu verhalten hat, einerlei in welcher Lebenslage. Seine Beob­achtungen, daß man in Deutschland nur allzu oft auf die ominöse InschriftVerboten" stößt, ist nur zu wahr. Die Fremden, so sagt er, lachen hierüber. Sie wissen uäinlich au? Erfahrung (so denkt Collier wohl, weil er dies den Deutschen nicht zutraut!), wo man ausspucken darf und wo nicht, wo das Rauchen erlaubt ist und wo nicht, wo man gehen darf, wo man die Füße hinzulegen hat, wann man lachen darf, ob man baden darf usw. Noch lächerlicher er­scheinen dem Amerikaner die zahlreichen Warnungen und Vor­schriften für häufig wiederkehrende Lebenslagen: Linke Hand am linken Griff! In der Fahrtrichtung absteigeu! Rechts gehen! oder gar dank dem Znvorkommen der Post: Aufschrift und Marke nicht vergessen! Collier übersieht hierbei nur, daß sehr viele solcher Vorschriften" im Interesse der Allgemeinheit erlassen sind oder den Beamte:: unnötige Slrbeit ersparen sollen. Freilich behauptet Collier and), in einer Autodroschke zahlreiche Vorschriften gelesen zu haben, etwa daß die Fenster nur durch den Chauffeur geöffnet werden dürfen, und hierfür gilt diese Begründung natürlich nicht. Aufschriften wieHalt! Wenn die Schranke gefchloffen!" oder Linke Hand am linken Griff!" kennt der Amerikaner aus feiner Heimat überhaupt nicht, weil er an dieAuslese des Geeigueteu" glaubt und sich weiter keine Gedanken darüber macht, wenn ein Staatsbürger wegen eigener Unvorsichtigkeit dtwch die Eisenbahn getötet worden ist.

An einem Punkte, den Collier bei seinen früheren Aufsätzen über Deutschland nur gestreift hat, verweilt er diesmal etwas aus- sührllcher: die Deutschen essen ihm zu viel und zu ost. Die Damen, so verzeichnet er, nehmen ins Theater sowohl wie in Biergärtei:

Pakete mit zurecht gemachten Broten mit; wenn man zu irgend einer gesellschaftlichen Veranstaltung geladen ist, wird man sicher­lich lange Zeit sestgehalten, aber es gibt keine Gelegenheit, w» Essen und Trinken nicht einen Teil des Programms ausmachen. Ein Absatz in Colliers Aussatz beschäftigt sich' mit dem National- bewußlsem der Deutschen. Die Deutschen haben davon zu wenig, so stellt Collier fest, unb hierbei kann man ihm leider nicht wider­sprechen. Diesen Mangel verfolgt Collier in der Geschichte rück­wärts ; er führt an, wie die ausgewanderten Deutschen im Aus­lands früher in anderen Völkern aufgegangen sind unb erklärt es also als einen Erbfehler, daß ber junge Deutsche, der nach England geht, in wenigen Monaten dem Aeußeren nach zu einem voll­kommenen Engländer wird, der seine Abkunft absichtlich verleugnet. Ja von einem hervorragenden Berliner Bankier hat Collier erfahren, sein deutsches Personal in Südamerika müsse alle paar Jahre ge­wechselt werben, ba seine Angestellten zu raschin Stücke gingen".

Vermachtes.

* Wie Kaiser Wilhelm II. unb BernHard Dern- burg verwandt sind, untersucht im Archiv für jüdisch« Familienforschung, Kunstgeschichte unb Museumswesen der Kammer­herr des Fürsten zu Schaumburg-Lippe, Dr. iur. et phil. Stephan Kekule v. Stradonitz. Danach ist das Bindeglied ein Otto Besserer, der von 1338 bis 1358 als Bürgermeister von Ulm amtierte. Die Besserer sind nach dem Gothaischen Almanach ein Ulmer Siadt» geschlecht, das mit Georg, Herrn der Feste Bußnanghausen, 1212 urkundlich erscheint. Sie sind auch die Ahnen der seit 1817 bayrisch freiherrlichen Besserer von Thalsingen. In Ulm erscheinen sie mit Ottos Vater (seit 1296) als Stadtpfleger, Stadtrechner, Stadt- Hauptleute und Bürgermeister. Otto Äefferers Urenkelin Amalie heiratete zuerst in ein fürstliches Geschlecht hinein; ihr Gemahl Ludwig von Landau, der 1447 starb, stammte aus dem gefürsteten Hause Beutelsbach oder Württemberg, Amaliens und Ludwigs Ur­enkelin Anna von Hohenems ehelichte 1535 einen Grafen Zinzen- dorf-Pottendorf; die Nachkommen dieses Ehepaares erscheinen sogar mehrfach unter beit Ahnen des deutschen Kaisers. Der Ulmer Bürgermeister Otto Besserer hatte aber and) einen Enkel Heinrich, der 1377 als Bürgermeister von Ulm erscheint. Er stiftete am Ulmer Münster die Befferer-Kapelle. Verntählt war er mit Elisabeth Löw, Von diefem Besserer-Löw'scheu Ehepaar nun hat einen Tropfen Blutes so ziemlid) alles in den Adern, was heute noch von den alteingesessenen Gesd)lechtern der alten Freien Reichs- und Kaiser- stadt Frankfurt vorhanden ist. Dazu gehört die gesäurte Nach- kommeuschaft einer Susanna Zollikofer von und zu Altenklingen, die 1723 gestorben ist, aus ihrer Ehe mit dem 1748 gestorbenen Johann Jakob Heyder. Zn dem Weibesstamme dieses Heyber-Zollikoierschen Ehepaares gehört and) der frühere Staatssekretär des Reichs- kolonialamtes Bernhard Dernbnrg. Dessen Vater, der Schriftsteller Friedrich Dernbnrg, heiratete nämlid) die Tochter des Pfarrers Karl Stahl, dessen Frau Mathilbe die Tochter des Medizinalrates Bernhard Huth unb einer Susanna Maria Heyder war. Wie diese 1780 gestorbene Susanna der älteren verwandt war, setzt Kekule eingehend auseinander. Sein Nachweis der Verwandtschaft unseres Kaisers mit seinem früheren Reichskolonialstaatsfekretärs wäre aber nicht gelungen ohne zwei tüchtige Forfchungen zur deutschen Familienforschung: F. Rieber: Zur ©efdjidjte der Familie von Besserer (in den Mitteilungen des Vereins für Kunst und 'Altertum in Ulm und Oberschwaben), und Karl Kiefer: Die Familie Haider, Hayder, Heider, Heyder, von Heider und von Heyder. (Frankfurt a. M.).

* Getröstet.Warum weinst du beim, mein Junge?" Ach, Herr, ich hab' 20 Pfennig verloren."Nun sei ruhig, mein Junge, bas ist ja nicht so schlimm. Hier hast du 20 Pfennig. . . . Aber wo hast du denn bas Gelb verloren?"Beim Sechs­undsechzig spielen."

* Der Schuldige. Gläubiger:Wie, immer noch kein Gelb, trotzbem Sie jetzt verheiratet sinb?" Junger Ehemann (wütend):Ja, es ist unerhört, Sie kriegen fünfhundert Mark von mir, warum haben Sie sich nicht mal über meinen Schwieger­vater erkundigt!"

Magisches Madras.

1 In die Felder nebenstehenden Quadrats sind die Buchstaben AABBDEEEEIIMMR * R R derart einzutragen, daß die wagerechten u. - senkrecht.Reihen gleichlautend folgendes bedeutenr

1. Eine Kulturpflanze.

2. Stadt in Nordholland.

3. Italienische Provinz.

4. Arabischen Titel.

Auflösung in nächster 'Nummer.

Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Pantomimen Mab« Olbeitburg * Frankfurt Elfen Samfö Sabine« Oleanber;

Professor Röntge n.

lebaftion: K. Neuratb- Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gietz«^