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das Altenteil gesetzt und Habe kein Recht mehr, über meinen Jungen zu machen; jetzt mußt du zusehen, wie du mit ihm fertig wirft," hielt sie getreulich. Sie tat dies wirtlich nicht ans Ruhebedürfnis, sondern weil sie der Ansicht war, haß viele Köche den Brei verderben müssen. Mit großem Bangen sah sie in die Zukunft. Vielleicht kam noch die Munde, wo sie ihre Autorität in die Wagschale werfen mußte, vorläufig jedenfalls lag keine Veranlassung vor, einzugreifen.
Und noch eilt Grund ließ sie eine abwartende Haltung einnehmen. Graf Relendorfs lag aus der Lauer! Er kam jetzt öfter als früher, meistens zu einer Zeit, in der er annehmen mußte, Hans-Wilhelm nicht zu treffen. Ohne Worte und doch allzu deutlich rang er um den Sieg. Eva sollte Vertrauen zu ihm fassen, sollte erkennen lernen, daß e§i- niemand auf der Welt so gut mit ihr meinte wie ihr Vater. Kam dann der Zusammenbruch, nun so würde er mit .fester Hand eingreifen und das Bänd zerschneiden zwischen Moreth und Glossow.
Die lebenserfahrene Agathe von Moreth sah diesem stillen Ringen zu — und schwieg. Der Tag aber, der die Entscheidung brachte, sollte sie auf dem Posten finden.
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Da Hans-Wilhelm sich nicht wohl zu Hause fühlte, benützte er jede Gelegenheit, die sich ihm bot, um in die Kreisstadt zu fahren. Keine Jagdeinladung lehnte er ab.
Düsedau triumphierte.
„Was habe ich dir gesagt, Pichelkow, er wird vernünftig!"
„Ja, der Mensch rann sich irren. Gott sei Dank, kann er es, lieber Jochen!"
„Du, ich werde nächste Woche eine kleine Jagd geben, nur lustige Sumpfhühner. Da wollen wir Hans-Wilhelm die letzten Marotten aus dem Kopse treiben!"
„Schön und gut, aber bring ihn: vorher bei, daß er Geld in seinen Beutel tut!"
Da lachte Jochen Düsedau.
„Du denkst, was nian hat, das hat man!"
„Natürlich!"
Da trinken die beiden ein paar Flaschen Burgunder mit Sekt — Hans-Wilhelm würde die Zeche schon bezahlen.
Und er sagte zu.
Röpke beugte gleich bei seiner Ehehälfte vor.
„Du, es wird wohl höllisch spät werden bis ich zurückkomme."
Sie sah ihren Herrn und Gebieter nicht gerade freundlich an.
„Ihr wollt doch nicht tvieder hoch spielen?"
„Bei Düsedau's wird's Wohl nicht anders sein."
„Wenn du 'reinfällst, voir mir kriegst du keinen Pfennig." (
Frau Röpke hatte nämlich einen tüchtigen Batzen in die Ehe mitgebracht.
„Hab' keine Angst, Moreth kommt, und der ist bar Geld!" -
Das ivar allerdings weit und breit bekannt.
Aber das letzte Wort mußte sie doch haben.
„Was ich gesagt, habe ich gesagt. Von mir kriegst du nrchts."
Im Grunde genommen sah sie den Verkehr ihres Mannes mit so „feinen Herren" sehr gern, da konnte sie bei den Kaffees in der Kreisstadt gehörig auftrumpfen und man beneidet sie um ihre Beziehungen.--■ —
Hans-Wilhelm taute in dem fröhlichen Kreise ordentlich auf. Diese Stille in Moreth war zum Verrücktwerden! Die kräftigen Worte, die hinüber- und herüberflogen, dünk- sten ihm Zeichen von Lebenslust zu sein. Man nahm sich kem Matt doi- ^n Mund, er selbst kam schnell in diesen burschikosen Ton hinein. Am meisten zog tttctrt über den kleinen dicken Röpke her; der wehrte sich ganz wacker ferner Haut und dachte inr stillen: „Morgen früh habt ihr nur eure Hänseleien zurückgezahlt — in Doppelkronen Und Scheinen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten."
Und wie er es gewollt hatte, so kam es. Nach dem GsseU setzte man sich hm und spielte „hoch, bar und hitzig".
Hans-Wilhelm war die Einladung wie gerufen gekommen. In zwanzig Tagen mußte er den Wechsel bezahlen, Mts hatte er Gelegenheit, den Schaden zu reparieren. Menn ihm das Glück hold war. Sein ganzer Leichtsinn wa« erwacht, kurzer Hand hatte er die ganze Wirtschaftskasse, neuntausend Mark fast — Drewel hatte wenige Tage
vorher den Roggen verkauft — zu sich gesteckt. Das Glück wollte er zwingen, im rechteii Augenblick feste „pflastern", und wenn er zweiundzwanzigtausend Mark etwa gewonnen hatte, kurzer Hand aufstehen und: sagett: „Adieu, meine Herren! Ich bin so oft bei Ihnen 'reingefallen, jetzt habe ich meine Revanche!"
Er trank sehr wenig trotz wiederholter Aufforderung.
„Nee, ich danke," erwiderte er. „Nachher wollt' ihr doch wieder mal ordentlich jenen, und dazu brauche ich einen klaren Kopf."
Düsedau warf seineni Freunde Pichelkow einen triumphierenden Blick zu; er hatte doch recht behalten, Hans- Wilhelm war „vernünftig" geworden.
„Röpke muß die Bank übernehmen; er hat uns zu oft geplündert", hieß es.
„Herrschaften, ich hab' nur einen Tausender mit." „Der langt für den Anfang", rief Hans-Wilhelm. „Na, denn meinetwegen drei Taillen durch." Man war einverstanden.
Der Amtsgerichtsrat gewann.
Als sich die dritte Taille dem Ende näherte, fragte! Hans-Wilhelm:
„Wieviel steht in der Bank?"
„Zweieinhalbtausend!"
„Banko!"
Wie ein Blitz schlug das ein; Moreth legte zweitausendfünfhundert Mark auf den Tisch.
Dein guten Röpke stand der Schweiß aus der Stirne; annehmen mußte er, auf einen Schlag konnte sein ganzer Gewinn flöten gehen und der mitgebrachte Tausender dazu.
Düsedau und Püchkow rissen schlechte Witze.
„Jochen, ich wette um hundert Taler, der dicke Röpktz in seinem Dusel gewinnt. Hältst du dagegen?"
„Nee, mein Lieber, das glaube ich selbst."
Gespannt blickt alles auf die beiden.
Röpke sah sich seine beiden Karten an.
„Ich gebe!"
Hans-Wilhelm drehte die ersten beiden um; er bekam, weil er „Banko" gerufen, zwei Paare.
Rasch warf er sie auf den Tisch.
„Acht, kleiner Schlag!"
Dann nahm -er das zweite Paar auf, keinen ließ er die Karten sehen.
„Ich bitte!"
Röpke drehte die oberste Karte der zusammengeschrumpf- ten Taille um; es war Karo neun. Hatte Moreth kein Zählauge im zweiten Paare, und das ist, eine große Seltenheit, so war die Neun das Beste, was er kaufen konnte; seine Karte hatte sich verschlechtert.
Ruhig sagte Röpke: „Ich kaufe nicht, ich bleibe auf sieben Coeur zwei, Treff fünf!"
Ruhig legte Hans-Wilhelm zu der Karo neun seinen Pique König und die Treff Dame.
„Das macht nichts, und nichts und neun macht neun!"' Röpke schob ihm das Geld' zu.
„Ich bin pleite, meine Herren; ein anderer muß d'iö
Bank übernehmen!" • i
Man bestürmte Hans-Wilhelm, er inußte es tun, hatte er doch gewonnen.
„Gern, meine Herren. Genau wie unser braver Röpke — drei Taillen durch! — In der Bank stehen tausend Mark!"
„Aber Hans-Wilhelm", rief Düsedau, „du wirst doch den Gewinn nicht senken?"
„Wenn den Herren meine Bank zu gering ist, gebe ich sie gern wieder ab."
Tas wollte man auf keinen Fall. Nach manchem Hiu- und Herreden gab' man sich zufrieden.
(Fortsetzung folgt.)'
Die Verhaftung.
Bon Hermann Hesse.
Am 30. Juli 1672 war in seinem Schlupfwinkel, nahe beti Place Maubert, der Herr von Sainte Croix gestorben. Die Histriker, denen nichts heilig ist, und die keinen Sinne für den Wert der Gebärde haben, obwohl ihre Wissenschaft sich mit nichts ander:em beschäftigt,-die Historiker haben neuerdings nachgewiefenH daß er nach längerem Krankenlager in seinem Bette gestorben sei wie andere Leute auch. Diese minderwertige Wahrheit, falls sie eine ist, wird aber bald tvieder untergehen, und bleiben wird,


