Ausgabe 
4.8.1913
 
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Lirnenraukch.

Roman von Paul G r a b e i u.

'Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Stumpf starrte die Frau mit gefalteten Händen auf das blasse Haupt ihres Sohnes. Sie hätte wohl einen Zorn, einen Haß haben sollen auf die da neben ihr, die schuld war an seinem Tode! Um ihres nichtigen Schmuckes willen hatte er sein junges Leben, lassen müssen, hatte sie den Ernährer verloren! Aber es blieb alles kalt und stumpf in ihr. Das war schon so auf -der Welt. Die Armen und Geplagten mußten noch immer mehr zu tragen bekommen, und die Reichen gingen leicht dahin nun, es mußte wohl so sein, daß dereinst am jüngsten Tage diese die letzten und jene die ersten wurden. Und wieder begann sie ihr Gebet zu mur­meln.

Nun hatte sich die erste Leidenschaft des Schmerzes bei Gottliebe gebrochen. Das Besinnen kam ihr wieder. Den Toni konnte sie mit aller heißen Reue über ihre allzu große Härte gestern nicht wieder erwecken; das konnte sie nur sühnen durch unerbittliche Strenge fortan gegen sich selbst. Aber eins stand in ihrer Macht: die Seinen vor der bittersten Not zu retten. Das Heilte Kapital, das bescheidene Erbteil ihrer Mutter, das zu ihrer Verfügung stand, oft hatte sie es gering geachtet; jetzt dankte sie Gott dafür; es sollte nun einem ernsten Zwecke dienen.

Doch es widerstrebte ihr, in dieser Stunde heiligen Schmerzes von den niederen Sorgen des Lebens zu sprechen. So erhob sie sich denn und sagte nur, zu der in Andacht versunkenen Frau hingewandt, leise fast demütig:

Frau Spängler Gott helfe Ihnen Ihr Leid tragen! Morgen lassen Sie mich wiederkommen, Ihrer und der Kinder Zukunft wegen mit Ihnen zu reden. Der Toni ist Ihnen genommen worden" ihre Stimme begann leise zu zitternaber Sie sollen darum nicht verlassen sein."

Die alte Frau fuhr aus ihrer Stumpfheit aus: Was sagte da die Fremde? Ihre Worte hatten sie mit einem Male an die Sorgen des Alltags gemahnt, die sich melden würden, allzu rasch nur, ehe noch der herbste Schmerz ver­wunden sein würde. Aber war da nicht eben ein Strahl des Trostes in das aufziehende Düster der Zukunft gefahren?

Gottliebe aber heftete noch einmal ihren Blick auf den stillen Schläfer, in stummem Abschied. Dann verließ sie schnell das Gemach.

Draußen auf der dunklen Straße trat ein Mann auf Gottliebe zu, der sie dort erwartet haben mußte Bessow.

Grüßend trat er zu ihr.

Ihre Tante war in größter Sorge um Sie, Fräulein Rhhngaert, und ich nicht minder. Ich fürchte, Ihre Nerven sind ernstlich angegriffen. Wollen Sie sich denn nicht endlich Ruhe gönnen?"

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Sein Don war zärtlich, teilnehmend.

Ich bin schon wieder ganz ruhig. Seien Sie ohne Sorge, Herr Bessow." Ihre Stimme klang in der Tat ernst, aber gefaßt.

Nun, Gott sei Dank!" Erleichtert atmete der Regie­rungsrat auf.Sie dürfen mir glauben, Fräulein Rhyn- gaert, ich habe mich wirklich aufrichtigst um Sie gesorgt."

Sie schwieg. Eine Weile schritt auch er schweigend neben ihr her, mit sich kämpfend. Endlich aber war er entschlossen. Er wollte die Sache zu Ende bringen. Diese Ungewißheit war ja aufreibend.

Fräulein Rhhngaert, die unglückselige Katastrophe hat uns leider in einer Unterhaltung gestört, die von größter Bedeutung für meine Zukunft, vielleicht auch für die Ihre"

Ich weiß, was Sie sagen wollen." Mit ruhiger Ent­schlossenheit schnitt ihm Gottliebe das Wort ab.Aber bitte sprechen Sie nicht weiter. Ersparen Sie uns beiden das !"

Betroffen fuhr Bessow zusammen.

Das heißt r ich hätte nichts, sch hätte nie etwas! zu hoffen?"

Ich bitte Sie, ersparen Sie mir doch, deutlicher zu werden!" bat Gottliebe nochmals.Es wird Ihnen ja ge­nügen, wenn ich Ihnen sage, daß meine Zukunftspläne über­haupt jeden Gedanken solcher Art ausschließ^n. Ich bin des Drohnenlebens überdrüssig, das ich bisher geführt habe es hat schon lange auf mich gedrückt und mich unzufrieden gemacht ich werde mir Tätigkeit und Beruf suchen, die mich ausfüllen."

,/AH so!" Ein scharf ironischer Klang tönt« aus den kurzen Worten. Die schwer verletzte Eitelkeit stachelte in Bessow böse Instinkte am, die er sonst sorgfältig unterdrückte. Das ist ja sehr interessant, mein gnädiges Fräulein! Um so interessanter, als diese ganz neuen, überraschenden Pläne so merkwürdig zusammenfallen mit dem Malheur dieses Burschen, den Sie sich in den letzten Tagen so eng attachiert hatten. Man könnte ja fast glauben"

Schämen Sie sich, das Andenken eines Toten zu ber- unglimpfen!" Zornlodernd herrschte ihn Gottliebe an, dicht vor ihm stehen bleibend.Und jetzt sage ich Ihnen: Auch wenn ich jene anderen Pläne nicht hätte, einem Männ von so niedriger Gesinnung gäbe ich meine Hand niemals! So" und sie wandte sich zum Weitergehenund nun darf ich wohl auf Ihre fernere Begleitung verzichten."

Wie Sie befehlen!" Kalt den Hut lüftend, trat Bessow zurück.

Allein schritt Gottliebe weiter, durch die Dunkelheit hin. Da fiel in ihr Auge aus der Höhe ein mildleuchtendeo, blasser Schein die Firnen droben vom Ortlergebtrge.

In tief erzitternder Wehmut blieb ihr Blick darauf haf­ten. Das sollte fortab ihr Symbol sein, ihr Sehnen: die stille Größe, die auf irdisches Getriebe hinabschauende Er­habenheit. Und mit dem Bilde jener klaren Höhen würde ibr unzertrennbar vereint bleiben das Bild des armen Un-