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Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckere:, R. Lanae, Gießen.
Und inait versteht e9, tvas Fichte 1808 in Berlrn gesprochen: ich rede zu Deutschen schlechtweg, von Teutsck>en schlechtweg. Wer das ganze Deutschland allerdings, das Äsen dieser Manner, tote mit Allgewalt hingezogen zu dem einzigen echten politischen Gebilde jener Tage: dem Staat Friedrichs des Grasten. „
Wie? Brach er denn nicht hoffnungslos zusammen, dieser Staat, unter den raschen, erbarmungslosen Schlägen des gemalen korsischen Emporkömmlings? Jawohl, das war geschehen. C« mar, als ob in diesem Staat nur zwei Augen, gewacht, alle übrigen geschlafen hätten; und tvie nun die einzig wachen sich auch geschlossen hatten, da war , niemand mehr da, dw Jetchen der Zeit zu erkennen, die Schritte de» nahenden Schicksals zu messen. 1808, am 24. Januar, einem „ehedem nr du-, en Landern viel gefeierten Tag, dem Geburtsfest des grasten Königs , predigt in der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin Friedrich schleiermacher. Er redet über die rechte Verehrung gegen das einheimische Große ans einer früheren Zeit. Er hört vernehmlich und laut Wunsch und Klage: „D, wenn der große Kömg noch da wäre. 'sc weist diesen König zu würdigen .würde er sonst ihn 2„ ^ahre nach seinem Tode zum Gegenstand seiner Predigt wählen? Wer er stimmt in den Wunsch nicht ein: wenig ehrenvoll, schirnfffltch findet er es für ein ganzes Volk, sein Wohlergehen, seine Selbstandig- keit nur hoffen "zu wollen von einem -Einzelnen, voll Eines Kraft, von Eines Art zu handeln. War sein Geist elnhelmtsch geworden in seinem Volk, dann muhte das Volk in seinem Geist gelernt haben, sich selbst zu Helsen in der Zeit der Prüfung und Bedrängnis. Und hätte es das nickst gelernt, dann konnte auch etne Auferstehung des Toten ihm nicht helfen: er lvürde, em Lebendiger, inmitten von Toten, stehen, die er zuvor nicht hätte, die er Mt nicht würde beleben können. Furchtbar klingt die Prophetenslimme des großen Predigers in die zerschlagene Gemeinde hinein: toenu ihr euch nicht selber helfen ivollt, dann soll kein Stem aus denl andern bleiben, dann soll euer Haus wüste gelassen werden.
(Schluß folgt.)
Büchertisch.
— „Winkelmusikanten" von Karl Söhle. Es ist vom Gesichtspunkte der Verbreitung der Volksbildung aus zu begrüßen, daß der Verlag von Kürschners Bücherschatz (Hermann Hillger Verlag, Berlin W. 9) nun auch Söhle seinem Lesergebiet zugänglich macht: steckt doch in dem ehemaligen Lüneburger Dorfjungen und kurzlebigen Schulmeister ein gut Stück Rosegger-Natur, nicht nur in der Achnlichkeit seines Lebensganges', solidem auch in der Natürlichkeit und Charaktertiefe seiner von gemütvollem Humor durchdrungenen Schilderungen. Die Musilantengeschichten zahlen ,Gu den beliebtesten und die gelungenen Abbildungen lassen die Lektüre dieses Bändchens jedem Freunde einer kerngesund deutschen Literatur als Gewiß erscheinen. — Ein anderes literarisches' Gebiet behandelt das nächstfolgende Bändchen „Das Geheimnis der Billa" von Max Hoffmann, der durch seine Maupassant- Übersetzungen beLinnt geworden ist. In dem vorliegenden Kriminalroman bewährt sich Hoffmann bis scharffinniger Darsteller, der die verwickeltsten Situationen in verblüffender Weise zur Lösung bringt. ----—
Kapsel-Rätsel.
Hochwasser — Malerei — Knackivurst — Genife — Konrad — Winter — Wagen — Schneeball — Terwisch — Lirse — Abtei — Kaifermantel — Schnabel — Kammer — Kontobuch — Eiertanz —
Rügen — Cleve — Herle — Zwirn — Schreibtafel.
Rus dem ersten der vorstehenden Wörter sind drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen, so daß sich daraus ein Sprichwort ergibt.
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummer r Weiß. Schivarz.
1. Dc8 — f5 D h 7, T e 5, T g 5 n. f 5
2. Lb8 — a7, Tc4, 13 — £4 Matt.
Vermischte».
kf. Künstliche Gelenke ans Silber. Ein Arzt in San FraneiSeo, Dr. Milton Francis Clark, ist dabei, der ersetzenden Chirurgie ein neues Gebiet anzubahnen: er glaubt, kranke Gelenke durch künstliche ans Silber ersetzen zu können und hat an Hunden und Affen hierüber Versuche ansgeführt, die nach einer Mitteilung des „Technical World Magazine" von Erfolg gekrönt waren. In der Narkose wurde dabei zuerst einem Affen das GTl- bogengelenk eines Armes herausgeschnitten, und dieses Ellbogen- gelenk wurde dann durch Metallteile ersetzt. An Stelle des Gelenkes ist ein richtiges Metallfcharnier getreten, der Stumpf des Oberarmes ruht in einer muldenförmigen Verlängerung und ebcnfo liegen die Stümpfe von Elle und Speiche in becherförmigen -Metall- iortsätzen. Muskeln, Sehnen, Nerven, Blutgefäße solle» dabei vollständig — abgeseher natürlich von dem nötigen Operations- einschnitte — erhalten sein. Die Befestigung bet Knochenstümpfe an den Metallteilen i|t nicht durch Schrauben, sondern durch anliegende Ringe erfolgt. Nach einer erzwungenen Ruhe von einem Monat durste der Affe den Arm mit dem künstlichen Gelenke zum ersten Male wieder bewegen, unb nach Tr. Clarks Angaben arbeitet das Gelenk ziemlich vollkommen. Röntgenaufnahmen zu dem Aufsätze der angeführten Zeitschrift, die anscheinend nach der Heilung aufgenommen worden sind, zeigen die Knochen im schwach gebeugten Arme in richtiger Lage, und es sind keine Abweichungen taußer den dunklen Metalltcilen) zu erkennen. Wie die Knochenhaut an den Stümpfen ausgeheilt ist und wie das Bindegewebe sich verhalten hat, kurz, wie die Knochenstümpfe in ihrer Umgebung vernarbt sind, ist auf dem Bilde allerdings nicht zu erkennen. Bei einem Hunde, der ebenfalls ein Metallgele,ck erhallen haben soll, konnte Dr. Äark dies mich nicht seststelleii, weil der Hund kurz nach der Operation an einer Krankheit starb und zu dieser Zeit die Heilung noch nicht weit genug vorgeschritten war. Tr. Clark nimmt aber an, sein Verfahren sei auf den Menschen ebenfalls anwendbar, es könnten also steif gewordene Gelenke durch künstliche aus Metall ersetzt werden, die zwar nicht den gefunden gleichkommen, aber immerhin brauchbar sind. Freilich wäre diese Methode, selbst wenn sich die oplimistifchen Erwartungen Dr. Clarks vollständig erfüllten, nur litt Erwachsene brauchbar und außerdem dürfte es sich um eine recht kostspielige Operation handeln.
kf. Ein Möwen fing von Ostpreußen nach Barbados. Seit Jahren beringt die deutsche Vogelwarte Rositlen auf der kurischen Nehrung Vögel aller möglichen Arten, um die Zug- und Wanderstraße festzustellen. Von der Lachmöwe, die bei Nositten sehr häufig ist, war cs bisher bekannt, das; sie in Europa den Küsten- und den Flußläufen folgt und daß sie zuweilen auch nach Afrika hinübergelangt. Jetzt ist jedoch ge- Uleldet worden, daß eine Möve aus Rosilten im fernen Westen auf der Insel Barbardos erlegt wopden sei. Der Ning 6 888, den die Möwe erhalten hatte, ist unter rrwas abenteuerlichen Umständen wieder nach Rositlen gelang?. Der Bogel, der am 18. Juli 1911 noch nicht flügge war unb mit dem Fußring versähen wurde, so schreibt die „Natur", ist von einem jungen
Burschen an der südlichen Küste der Insel in einem Sumpfe geschossen worden, und die Aufschrift hatte in der Form „Vogel- Warte Rositten, Germiany" zunächst als die Adresse eines BriefeA gedient, der dann weitere -Erkundigung nach dem Verbleibens des Ringes zur -Folge hatte. „Die Möwe ist von einem Natur- kundigen nicht gesehen worden," hieß es in einem weiteren Briefe, „aber die 2 oder 3 Jäger', die sie gesehen haben, sind sicher, daß sie nicht zu der Art gehört, die man gewöhnlich hier sicht." Der Süden vvn Barbardos soll nach dem Urteile erfahrener Zoologen, die die Insel bereist haben, Sümpfe enthalten, die für diese Möweüart recht geeignet erscheinen. Gleichwohl ist es sehr erstaunlich, daß eine R-vsitter Bruchmöwe sich bis nahe an der Mündung des Orinoko verfliegt und cs ist gerade dies in Anbetracht des sonst viel geringeren Verbreitungsgebietes dieser Art ein neues Zeichen dafür, in wie Hohem Maße die Vögel Beherrscher des Raumes sind."
kf. Geschieden, ohne e s yu wissen. Paris hat wieder einmal seine Sensation: ein Gesellschaüffkandal, in dessen Mittelpunlt ein höchst merkwürdiger Prozeß steht, bildet das Tagesgespräch. Tas Ehepaar X., den höchsten Kesellschastsschichten angehörig, ist geschieden worden, und als dieser Tage ein bekannter Rechtsanwalt Frau X. hierüber ins Gespräch zu ziehen suchte, bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, daß die Dame von ihrer Scheidung noch nichts wußte. Er gab ihr dafür die nötigen Unterlagen, sie ivandte sich an die Staatsanwaltfchaft und auf diesem Wege hat sich in kurzer Zeit heransgestellt, auf welch raffinierte Weife ihr Man» eine Scheidung zustande gebracht hat, ohne daß sie es erfnhr, obwohl nach beit französischen Prozeßformalitäten ihre Unterschrift mehrfach nötig war. Ihr Gatte Sagte ihr nämlich eines Tages, seine wirtschasttiche Lage sei so bebenklicv, baß es besser iet, ihr uub sein Vermögen würben voneinander getrennt. Von bicsen Dingen verstaub Frau X. nun gar nichts, sie sagte zu allem Ja uub Amen unb überließ alles ihrem Gatten. Der gab ihr nun solgenbe Vorschrift: sie müsse am nächsten Tage zu einem Herrn Z. gehen, um bort einen Herrn zu spreche»; dieser werde sie auf- korbern, bie eheliche Gemeinschaft wieber herzustelle», bn5 müsse sie ober mit be» Worten ablehnen: „So wie ich jetzt bin, fühle ich mich sehr wohl, unb niemanb wirb mich zivingen, bie gegenwärtige Lage zu änberit." Frau X., bie ihrem Gatten blindlings vertraute, führte alles wörtlich aus, unb so sprach sie bie verhängnisvollen Worte, bie ihrer Ansicht nach sich auf bie Rettung ihrer Mitgift bezogen, aus. Der frembe Herr aber war ein Gerichtsvollzieher, auf besten Zeugnis hin nun bet Scheidungsprozeß beginnen konnte. Tie Scheidung würbe wirklich (wegen böswilliger Verlassnng) ausgeiprochen uub würbe schließlich rechtskräftig, al? Frau X. ei» paar Uiiterschrisieu unter Urkmibc» gesetzt halte, bereit Inhalt sie gar nicht gelesen hatte, iveil ihr Gatte sie gesandt hatte, ja auf bei» gleiche» Wege hat diefer Musierma»» und Scheibungs- küustler von seiner Frau eine fchriitliche Bescheinigung bariiber bekommen, baß er ihr ihre Mitgift zurückbezahlt hat! Das tollste an ber unglaublichen, aber bennoch wahren Geschichte ist, baß Herr unb Frau X. während ber ganzen Zeit unter beit Augen ihrer Freunbe als glückliches Ehepaar ziifammengewohut uub sogar mehrere gläuzenbe Gesellfchasten gegeben haben!


