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heit heute, weil cs unsere Vergangenheit ist, weil auf ihr unsere Gegenwart sich erbaut und wir im voraus gewiß sein wollen, daß das Beste jener Tage durch die 100 Iahte, die uns von ihnen trennen, nicht ausgelöscht sein kann aus dem Grunde deutschen Lebens.
1813! — Ein Jahr der Schlachten, unerhörten Blutvergießens auf deutscher Erde; in den wenigen Wochen, da in dem Jahre die Waffen ruhen, gezwungen ruhen, gefesselt von der unheimlichen Macht der klugen Staatsmänner, geht tiefe Angst und wilde Empörung durch die Seele der Besten: sie wollen den Frieden nicht, sie wollen schlechthin Sieg oder Untergang — und ein Jubelruf entringt sich ihrer Brust, als das Schwert — das gute Schwert Blüchers — wieder aus der Scheide fährt, die Kanonen wieder ihre donnernde Sprache führen dürfen. Wofür das Blut? Wofür kämpften sie? Wofür türmten sie Leichen über Leichen?
Wir wollen die Antwort auf die Frage nicht auf der Oberfläche suchen. Sie kämpften zweifellos dafür, eine Nation für sich sein zu dürfen, ein Volkstum, das sich alle Ordnuugen seines Lebens ans eigenem Empfinden, nach eignem Willen gestalten! durfte. Nicht um die Freiheit überhaupt — die gibt xs gar nicht — erhoben sie die Waffen, sie taten es um die Freiheit, die sie meinten, d. i. um das Recht, aus eigner Tiefe heraus! ihr Leben leben, ihre Gedanken denken, ihr Haus, ihre Stadt, ihren Staat erbauen.zu dürfen. Da sollte der Fremde ihnen nichts drein reden, und mochten seine Gedanken noch so groß und frei, und seine Gesetze noch so neuzeitlich-freisinnig erscheinen. Sie wollten sie selbst sein und bleiben.
Aber was war dies deutsche Selbst, das sich hier behaupten wollte? Gern scheidet man, wenn man jener Tage gedenkt, die Zeiten voneinander: die Zeiten der Gedanken und die Zeiten der Tat. Großes, gewiß, hatte unsre deutsche Erde auch zuvor erzeugt: eine Dichtung ohnegleichen in der Neuzeit, eine Wissenschaft, die die Führung in der Welt an sich gerissen hatte; die eine hatte im Herzen dieses Landes, am Fuße der Thüringer Berge sich wundersam entfaltet, die andere hatte von der äußersten Ostgrenze.her, eine schwere Gedaukenmasse, sich herübergewälzt; beide vereint hatten der deutschen Köpfe und Herzen sich bemächtigt: man kann sie nicht voneinander trennen: Goethe und Kant. Nicht darauf kommt cs an, daß der Lauf dieser Flüsse sich begegnete, und sie vereint den einen mächtigen Atrom deutschen Geisteslebens bildeten, darauf vielmehr, daß diese Dichter im eigentlichen und schwersten Sinne Deuker waren, daß sie in die plastischen Gestalten ihrer Phantasie und in den rhythmischen Fluß ihrer Rede die ganze Not und befreiende Macht tiefster Welt- und Lebensanschauung hineinzugestalten wußten, — darauf, daß diese Denker der Wissenschaft letzthin Dichter waren, die in nüchterne Kategorientafeln und langgesponnene Gedankenschlüsse eilte ,Gln^ innerer Ergriffenheit, die ganze Wucht persönlicher Gemütsüberzeugung hineinzugeheimuissen ivußten; dort war die Dichtung auf deutschem Boden nicht zu leichtem flüchtigem Spiel der Erholung, hier war die Wissenschaft in deutschen Köpfen nicht zu bloßem kühlem Wissen da: beide vereint, wahlverwandt, wurzelten in der Tiefe kraftvollen Gemütslebens und ließen aus dieser Tiefe ihre stolzen LebensbäuMe wachsen.
*, Dennoch in einer Welt der Gedanken, sagt matt', lebte diese deutsche Seele und die Zeit der Tat kam über sie. Sie zertrümmerte die Gcdankeugebilde, stellte die Träumer vor die einfachsten Fragen der Existenz, des nackten Lebens, und es zeigte sich, daß all dies Denken und Dichten keinen Fußbreit deutschen Landes zu verteidigen, leine deutsche Hütte vor roher Gewalt zu wahren vermochte. Es mußte eine neue Zeit auf deutscher Erde die Mänuer der Tat ins Leben rufen: nur ein Neues Geschlecht konnte die neuen fruchtbaren Schicksalsfragen bewältigen.
So scheiden wir. Und gewiß, wer wollte die, ich meine sehr banale, Wahrheit in Zweifel ziehen: neue Zeiten brauchen neue Männer? Allein in der Wirklichkeit, in der geschichtlichen Wirklichkeit, scheiden sich die Zeiten so, mit einem Messerschnitte, voneinander nie; die eine wächst Nus der anderen hervor, die Neuen Ranken setzen an den alten Zweigen alt, ja sie saugen ihren Saft aus dem alten Stamme, der uralten Wurzel. In Halle hat matt 1806 die ersten Folgen des vernichtenden Schlages von Jena erlebt: Schleiermacher und Steffens haben vom Tore aus der' wilden Flucht preußischer Kolonnen z'ugesehen, sie sind in ihren Wohnungen ausgeplündert worden, ihre Uhren, ihr Geld, alles ist der fremden Soldateska in die Hände gefallen, sie leben von Kartoffeln und trockenem Brot, mehr haben sie nicht. Mer sich beugen werden diese deutschen Professoren nicht. Sie werden mit dem unterlegenen, schmachvoll zusammenbrechenden Staat leben oder sterben. Der Zorn des Imperators freilich wird die deutsche Hochschule auflösen: die Studentenschaft hat, angeblich oder wirklich, auf offenem' Markt dem' Allgewaltigen ein Pereat zu bringen gewagt. . Woher dieser Trotz? und sollte wirklich ein Studentenstreich die Rache heraussordern können, der eine deutsche Hochschule zum Opfer fallen Muß? Studentenstreiche in allen Ehren! Wer ich denke, wenn sie so schwer gewogen werden sollen, dann muß ein eigen-tiefer .Sinn Hinter ihnen verborgen sein. Napoleon ahnte ihn frühe schon; er glaubte ihn verachten zu dürfen, und der grimmige Haß, mit deM' er ihM begegnete, zeigte doch, daß er in ihm eine Wirklichkeit vor sich sah, ihm unfaßbar, unbegreiflich, aber eben darum fü.r ihn furchtbar, unbezwinglich.
Deutscher Ideologie, rief er 1813 seinem Staatsrat zu, muß man alles Unglück, das Frankreich betroffen hat, zuschreiben. Hat der Scharfblick des Hasses hier recht gesehen, so steht in dieser Ideologie der große Zusammenhang der Zeiten vor uns. In einer ideellen Welt hatten diese Deutschen.zu leben und zu atmen gelernt. Auf ideelle Kräfte bauten sie: das unerhörte Neue der Zeit war, daß diese ideellen Kräfte sich als das Realste erwiesen, was es überhaupt^ gibt, daß sie fähig waren, dem Rad der Weltgeschichte in die. Speichen zu fallen, unbezwingliches Schicksal doch zu bezwingen. In den Tagen des Friedens haben sie sich wohl ausgebaut, aber sie waren mit sich selbst allein beschäftigt gewesen, sie hatten sich um die Welt um sie her kaum kümmern können, letzt in den Tagen der Not, der Schmach, des Verderbens erwiesen sie sich als das, was 'sie waren, reale Kräfte zu realem Handelns deutsche Tat ist aus deutschem Gedanken geboren.
Und wirklich nicht nur Napoleon hat die Gefahr dieser Ideologie gewittert,
„Nicht Gespenster, die Wirklichen, sie dringen auf mich ein!" Die Zerschlagenen sehen in ihr alsbald die einzige Rettung. Tie Hallenser Professoren entsandten eine Deputation zu dem flüchtigen König an den Hof nach Memel, in den äußersten nordöstlichen Winkel der zertrümmerten Monarchie. In der Audienz, die sie nach Mitte August! 1807 hatten, ist das kühne Königswort gesprochen worden: „Der Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren hat." Tas war der Sinn der Männer, die damals den König umgaben. Und alsbald ward das Wort wirklich in Tat umgesetzt: jenes Königswort ist die eigentliche Gründungsurkunbe der Universität Berlin. Man muß dies Blatt deutscher Geschichte recht eingehend lesen: es ist eines der stolzesten Ruhmesblätter aus unserer Geschichte, ein Ruhmesblatt aus einem Jahr der Schmach: mitten im allgemeinen Verderben, unter den blinden, verständnislos dreinschauenden Augen französischer Späher, haben die Beyme, Schleiermacher Fichte, Humboldt den Plan der neuen Hochschule entworfen und durchgeführt: der Wissenschaft eine Heimstätte, während die Welt in Trümmern liegt; die Gedanken zuerst sollen gehütet werden, sie werden Leben in die toten Gebeine hauchen.
Und doch, so eng der Zusammenhang der Zeiten uns bei dieser Vergegenwärtigung deutscher Ideologie erscheint, es ist nicht der ganze Zusammenhang: war denn diese deutsche Seele wirklich — zuvor, ehe die harten Jahre kamen, — die Träumerseele,, als die Man sie uns schildern möchte? Fast fünfzig Jahre zuvor, gleich nach dem siebenjährigen Kriege, hatte Lessing seine Minna von Barnhelm gedichtet. Der König, gegen den er heimlich zornige Briefworte schrieb, der freie deutsche Mann gegen den despotischen Herrscher, hatte ihm den Gedanken der Dichtung eingegeben. Demselben allergnädigsten König und Herrn hatte Kant seine „Mlgemcine Naturgeschichte und Theorie des HimmÄs" gewidmet und das Grundbuch der deutschen Philosophie, Kants Krttsk der reinen Vernunft, trägt an seiner Spitze den NaMen des preußischen Kultusministers Freiherrn v. Zedlitz. Goethe endlich: eine 'Ah'nung echten Heldentums ist dem' Knaben in der freien Reichs- stadt zuerst an feen Taten Friedriche aufgegangen, und als 'die Kunde seines. Todes ihn in Italien erreicht, hält er für einen Augenblick inne im Schauen der ewigen Bildwerke; iM Ergründen der unvergänglichen Naturgesetze, er sinnt, wie der große König nun mit den Heroen seines Gleichen sich im Schattenreiche unterhalten wird. Ich meine, das genügt. Friedrich spar die Tat auf dent- schent Boden. Er selbst der Philosoph und Dichter auf dem Thron, aber in herrlichem Heide ul eben ein unbezwinglichi-reiner Wille. Und dieser Wille galt dem' Staat! d. h. der einheitlichen Zusammenfassung aller Volkskraft zu selbständigem Leben und in sich freier Entfaltung. Jawohl, ein Wille zur Macht wär in dieser Königsseele lebendig und dieser Wille hatte sich bewährt, als eineWelt in Waffen wider ihn stand. Mag an diesem Willen noch so viel dynastische Ueberlieserung und dynastischer Ehrgeiz beteiligt sein, zuletzt doch war es reiner Wille, der sich dem Gedanken der Königspflicht beugte Und den Staat, das Ganze, schlechthin über Lust und Leben des Einzelnen erhob. In Preußens König ging denDeutschen inmitten ihrer schwächlichen KlAnstajaterei und ihres kläglich zusammenbrechenden römischen Reichs der Gedanke des Staats in feinem1 souveränen Einheitswillen und seinem stolzen Selbstbewußtsein auf.
Ten Deutschen, sage ick). Denn weithin über Preußens Grenzen hinaus zog dieser Staatsgedanke allen Stahl in deutschen Männerherzen an sich. Alle schmachvolle Erinnerung an Rheinbund und Westfälisches Königreich — ich will von ihnen kein Wort weiter sagen — ist ausgelöscht, meine ich, in einer großen Tatsache: die Führer der Freiheitskriege, die Größten von 1813, sind dem preußischen Staat in den Jahren der Not geschenkt von dem ganzen deutschen Vaterland: zu dem Hannoveraner Scharnhorst, dem Franken Gneisenau, dem Mecklenburger Blücher gesellen sich der Dithmarsche Niebuhr, der Rügener E. M. Arndt, der Sachse Fichte, und mitten unter ihnen, sie alle um Haupteslänge überragend, der Größte unter den Großen, der Deutscheste unter den Deutschen jener Tage, das Kind der Nassauer Berge und der Lahn, der Freiherr Karl von und zum Stein. Wenn man wägen, nicht zählen will, dann darf Man getrost im Gedenken jener Tage sagen:
„Tas ganze Deutschland mußt' es sein!"


