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Wort und jedem das heilige Abendmahl gespendet und seinen Segen gegeben hatte, begleitet bis zur Dorsgrenze. Mann marschierten sie allein weiter.
Lebt wohl. Jungens! Wer von Euch wird seine Heimat nicht Wiedersehen?!
2. Teil.
Linthardt von Altenlohe, Erbjunker auf Schloß Heidehorst, war Student der Rechte in Prag. Rechts der alten Karlsbrücke, die die Moldau überspannt, stand in einem prächtigen Garten uralter Ulmen ein zierlicher Pavillon, mit Erkern und Türmchen, den bewohnte Linthardt von Nltenlohe. Obwohl schon vier Jahre dem Rechtsstudium ergeben, war er doch sehr, sehr wenig in die Hörsäls der alten, berühmten Hochschule gekommen. Von seinem Vater mit reichen Geldmitteln versehen, als Träger einer der ältesten deutschen Mdelsnamen und von hoher Begabung, sich auf schöngeistigem Gebiete als geradezu glänzend erwies, war der Erbjunker Heidehorst eine der bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten in der vornehmen Welt von Prag. Durch große Reisen, besonders durch Griechenland, Italien und Frankreich, hatte er sich eine weltbürgerliche Anschauung ungeeignet, die wenig vom vaterländischen Geiste durchi- drungen war, und die schließlich in einer grenzenlosen Bewunderung des Weltenbezwingers Napoleon Bonaparte gipfelte. Auf seiner letzten Reise durch Frankreich hatte er zudem noch seine Verwandten in Paris kennen gelernt, die Schwester seiner gestorbenen Mutter.
Frau von Bourgee bewohnte in Malmaison, einem Vorort von Paris, ein kleines Landhaus und schien, obgleich nicht übermäßig begütert, mit ihrer Tochter Toinette und ihrem Sohne Emile, der Leutnant bei den Kaiserlichen Leibhartschieren war, der Mittelpunkt eines geistigen Kreises zu sein, in dem sogar die Marquise Entrevenne, die Palastdame und persönliche Freundin der Exkaiserin Josephine Beauharnais, zu verkehren nicht verschmähte. Diese drei 'Wochen in dem abgeschlossenen Kreise französischer Reinkultur. hatten einen tiefen, nachhaltigen Eindruck aus den jungen Linthardt mit seinem seingestimmten, empfänglichen Gemüt gemacht und den letzten Rest markigen Deutschtums, der durch die Erziehung des alten Schloßherru noch in ihm lebte, vernichtet.
Linthardt war freilich klug genug gewesen, seinen Angehörigen in der Heimat diesen Besuch bei den französischen Verwandten zu verhehlen, wohl wissend, daß der kerndeutsche Vater darob zürnen würde. Schon seit Preußens Niederlage in den Jahren 1806 und 1807 war jede Beziehung, die früher übrigens auf rein förmlichen Ton gestimmt war, mit der Familie von Bourgee abge- brocheu.
Seit drei Wochen war der junge Altenlohe wieder in Prag .Die Niederlage in Rußland hatte auf alle Franzosen äußerst niederdrückend gewirkt, und nur die entschlossene Rückkehr des Kaisers und die bewundernswerte! Neuschaffung einer mächtigen Armee, die allerdings eine Glanzleistung bedeutete und die ganze Begabung des Korsen zeigte, hatte sein schwankendes Ansehen befestigt. Die Erhebung fast des gesamten norddeutschen Volkes hatte nun zwar auf Linthardt von Altenlohs keinen geringen Eindruck gemacht, doch befürchtete er nichts Ernstes für das Glück seines vergötterten Eäsars. Noch weniger befürchtete er eine Beteiligung der Seinen an dieser Erhebung gegen den Unterdrücker, da ihm, als dem Erbjunker des Besitzes, die testamentlichen Bestimmungen seines gallischen Großvaters und der Eid seines Vaters bei der Hochzeit mit der Französin gar wohl bekannt waren, und er die Preisgabe eines Millionenbesitzes um ein Hirngespinst, wie er den Versuch einer Befreiung Deutschland aus dem Joche Napoleons nannte, einfach gar nicht in Betracht zog.
Heute, fünf Tage nach dem denkwürdigen Auszug der Dörfler von Heidehorst, saß Linthardt von Altenlohe vor seinem Pavillon im Garten und lauschte dem Vortrag des Schauspielers Brinck, der aus einer Handschrift das jüngste Werk des jugendlichen Theaterdichters Theodor Körner vorlas.
„Ganz famos, ganz famos, lieber Brinck, aber es ist schade um diesen jungen Sprühkopf, jammerschade!"
„Warum, verehrter Junker?"
. »Ich meine, es ist schade, daß dieser junge Mensch, der ein Werter Schiller zu werden verspricht und gewaltige Begabung besitzt, so altväterischen Gedanken huldigt. Er schreibt zu — zu ich möchte fast sagen, zu deutsch, ihm
fehlt der Geist, das Prickelnde, das Glänzende französischer Auffassung, wie cs zum Beispiel . . . ." Sein Diener John trat au den Tisch und meldete: „Gnädiger Herr, eins Ueberraschung!"
„Nun?"
„Ein Bote aus der Heimat!"
Linthardt sprang auf. „Hallo! Es wird doch nichts Unangenehmes sein?! Führe den Mann her!"
Der Reitknecht, mit Staub und Schmutz bedeckt, übermüdet und erschöpft, trat an den Tisch, grüßte ehrerbietig und überreichte dem Junker eine lange schmale Kassette aus Ebenholz, ein altes, wertvolles Stück, das der alte Freiherr schon während seiner diplomatischen Dienstzeit in Paris zu wichtigen Posten benutzt hatte.
„Ah, Freund Heinrich, unsers Marstalls erster Hüter. Willkommen! Es muß Wichtiges sein, da dich der Vater zum Boten auserlesen hat. John, hole mir den Schlüssel zur Kassette, er liegt in meinem Schreibpült linker Hand in der Muschelschale. Dann sorge, daß Heinrich sich genügend aus- ruhen und .stärken kann, und gib ihm zu essen und zu trinken, was er begehrt!"
Während der Diener, der in altprager Tracht gekleidet war, in den Pavillon ging, um den Schlüssel zu holen, stellte Linthardt einige Fragen an den Boden. „Nun, Heinrich, alles wohl zu Hause?"
„Gewiß, gnädiger Junker, das heißt bis auf die Gicht des.gnädigen Herrn!"
„Na, die hat er ja immer, der Vater. Und wie geht cs Werner, dem lieben Gefühlshelden? Speit er immer noch Feirer und Rache auf den Kaiser der Franzosen?"
„Ich denke, mehr denn je," sagte Heinrich bedeutungsvoll.
„Er wird ihn noch bewundern lernen, den großen Cäsar. Und mein Schwesterchen, ist sie noch das Kind, als! das ich es vor vier Jahren verließ, das eine himmlisclM Freude an jeder Blume, an jedem Schmetterling zeigte?"
„Die gnädige Baroneß ist noch immer lieb und freundlich zu allen Leuten, wie früher, — und sie ist schön!"
„So, — danach hatte ich nicht gefragt und um dein Urteil nicht gebeten," sagte er scharf und fuhr fort: „Gehe jetzt zur Küche und stärke dichj, wie du magst. Ich will sehen, ob die Botschaft notwendige Antwort erheischt. Ansonsten kannst du hier zwei oder drei Tage verschnaufen!"-
(Fortsetzung folgt.)
M3.
Jahrhundertfeier von Stadt und Universität.
Festrede des Rektors D. Eck.
Hochgeehrte Festvcrsammluug! Mitbürger! Kollegen! Kommilitonen! Meine Damen und Herren!
Zu einer Jahrhundertfeier sind wir in diesem festlichen Raum versammelt. Nach vergangenen Tagen unseres Volkes schauen wir zurück. Ein Zwiefaches steht damit an der Schwelle unsrer Gedanken. Die Tatsache zuerst, daß der Geist diese wunderbare Fähigkeit besitzt, Vergangenheit nicht vergangen sein zu lassen, aus seinem Gegenwartsleben diese Gräber und diese Toten anzuhauchen, daß sie in seinem Bewußtsein wie Lebende wieder wandeln auf grünem Plan, ihr Schmerz und ihre Freude, ihr Kampf und ihr Sieg wie heute Miterlebtes uns durch die Seele zieht. Eine wunderbare Fähigkeit. Was wäre der Mensch — was wäre ein Volk, eine Nation ohne diese stolze Herrscherkraft über Tod und Vergangenheit, die unserm Bewußtsein eignet? Steigt auf aus beit Tiefen des Gewesenen, Nieinals-wiederkehrenden, ihr ernsten Schatten der Geschichte, daß. wir Euch als Lebende schauen!
Aber weiter: unsre Vergangenheit! Nicht wie ein Schauspiel, ein grandioses, aber doch ein Schauspiel nur, sehen wir heute fremdes Schicksal, mächtig, ungeheuer, aus der Bühne dex Weltgeschichte sich vollziehen. Wir, wir selbst, so wie wir sind, sind an dieser Vergangenheit unmittelbar beteiligt. Man kann der Hellen Wipfel und der stolzen Kronen sich nicht sreuen vhng des Stammes zu gedenken, der sie trägt. Man kann alle Fülle und allen Reichtum, aber auch alle Sorge und alle Not der Gegenwart nicht voll, bewußt empfinden, ohne zu fragen, wie das wurde, aus welchen Schmerzen es geboren, mit welchen Hoffnungen es ins Leben getreten ist. Unsre Vergangenheit! Eine Natron ist nicht ein Wesen, das an irgend einem Heute aus blanker Erde wächst: sie ist nur, was sie wurde — und sie wurde, was sie ist, nur durch die Kraft Und die Tat derer, die rhren Namen zuvor geführt, ihre Sprache zuvor geredet, ihr tiefstes Empfinden zuvor bestimmt. Wir gedenken der Vergangen-


