Ausgabe 
4.6.1913
 
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Sir Msmmenftichrn rauchen. Rommt aus dem Jahre 1813 von M«tx Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Frau Wintzer, alt und ehrwürdig, lief dem Schloßs- Herrn entgegen. Die Liebe und Güte leuchtete der Alten aus den Augen, aber die unzählichen Falten und Runzeln in ihrem kleinen, freundlichen Angesicht bezeugten auch, daß das Leben nicht in eitel Freude an ihr horübergegangen war. Elf Kinder hatte sie geboren, und nur eines war noch ani Leben, Paul Wintzer, der Schullehrer. Eigentlich zwei aber vielleicht zwei. Aber von dem zweiten wüßte sie nichts. Er war vor Jahren als fahrender Musikus in die Welt ge­gangen, nachdem er durch zahllose üble Streiche und Taten das Herz des Balers gebrochen hatte, der vor Paul Wintzer im Dorfe Lehrer gewesen war. Aber wer ergründet ein Mutterherz! Trotz der tiefsten Qaul, die der Sohn ihr angetan hatte, liebte sie ihn doch mit ganzem, vollem Herzen und harrte des Tages, da sie ihn, den verlorenen Sohn, wieder aufnehmen könnte. Und Paul Wintzer, der Bruder, hing nicht minder an dem Verschollenen.

Frau Wintzer führte den Schlohherrn in das Haus, das nun feine Heimat werden sollte. Sie räumte ihm das größte Zimmer ein, stellte den Sorgeustuhl ihres seligen Mannes zurecht und führte Gisela von Alteulvhe mit müt­terlicher Freundlichkeit in ein kleines, sauberes Stübchen, das die Mutter immer offen hielt für den ältesten in der Fremde weilenden Sohn. Fensterbrett und Kaminsims zierte sie mit den Frühlingsblumen der Pfarrerskinder, dann küßte sie das Mädchen aus die Stirn und sagte still:Run bist du wie mein Kind

Bald darauf ritten zwei Boten aus Heidehorst, der eine nach der Kreisstadt, um dem Notar Dr. Winter ihren Auszug vom Schloß anzuzeigen, der andre gen Süden, nach der alten Töhmerstadt, wo der Aelteste derer von Alten- lohe der Wissenschaft pflegte. Ihm sollte Botschaft werden, daß Werner ein Kämpfer geworden sei und dec Vater und die Schwester das Schloß verlassen hätten. Diese Botschaft sollte eine stille Aufforderung sein, Pandekten und Feder hinzuwerfen und den Sabel einzutauschen und mitzutun, was jeder deutsche Mann in diesen Tagen tat.

In Heidehorst wurde an jenem Nachmittag noch manches stolze Wort gesprochen, und am Abend kamen jung und alt noch einmal im Kruge zusammen, um beim Doppelbier, das der Wirt spendete, Abschied zu feiern. Neunundvierzicj wehrhafte Dörfler, vom Jüngling, kaum achtzehnjährig, bis zum Manne an der Greifenschtvelle, wollten morgen früh ausziehen. Schlag neun Uhr trat Peter Wend, Der Schultheiß, in die Schenke und gebot Ruhe.Geht heim nun, lieben Leute und Kampfeslbrüder, daß Ihr klaren

Kopf behaltet. Es wird mancherlei zu kästen und zu ordnen geben, denn mancher von Euch wird nicht wieder zur Kate zurückkehren. Baler und Mutter, Frau und Kinder haben heute noch Anrecht auf Euch, morgen nur noch der König und der Tod!"

Am andern 'Morgen, 'bei steigender Sonne stand einer im engen Stübchen im Schülhaufe und hielt das graue Haupt einer Mutter in Händen und küßte fast mit frommer Scheu die alten, welken Augen.Run muß ich fort, Mutter. Wohl kaum sehen wir uns wieder. Aber sei nicht traurig. Noch einen hast du, der wird einst zurückkehren und für bett Rest deines Alters sorgen. Nimm ihn aus und gib ihnt mit von meiner Liebe, die ich für ihn hege. Ich will. Umschatt halten, wo auch der Krieg mich hintreibt, ob ich ihn finde. Unter Tausend kenne ich ihn heraus, denn er trägt ja das Zeichen auf der Stirn, was ihnt der Fall in seiner Jugend eingegraben: die rote, dreieckige Nabbe!"

Die Mutter schluchzte nicht und weinte nicht. Ihr Tränenbächlein war längst versiegt, vom Kummer des Lebens bis auf das letzte Tröpflein ausgeschöpft.Mein Junge, ich gebe dich für den König," sagte sie schlicht und leise und legte dann segnend ihre welke Hand auf sein Haupt.Und kann ich dir noch etwas Liebes tun, wenn du nicht daheim bist, so sage mir's, Paul!"

llttb der Sohn neigte sich zu ihr und sagte hastig:Be­treue mir Baroneß Gisela, Mutter, bewahre sie mir vor allem Schaden!"

Junge!" rief die Mutter erschrocken, aber er schloß ihren Mund durch einen letzten Druck seiner Lippen Und war dann in der Tür verschwunden und stand in dem finsteren Flur. Da huschte ein Schatten an ihm vorüber. Einen kurzen Augenblick fühlte er sich am Kopfe umschlungen, und ein heißes, weiches Lippenpaar brannte auf dem seinen. Ehe sich Paul Wintzer noch recht gefaßt hatte, war der Schatten verschwunden. Die Tür des großen Parterrezimmers tat sich auf, und der alte Freiherr von Altenlohe und Junker Werner traten auf den Flur.

Auch Ihnen Lebewohl, bester Wintzer! Ihnen lege ich, als dem Befomtcrn und Gereiftern, meinen Werner ans Herz in Kampf und Feld. Sein Ungestüm wird in Ihrer besonnenen Ruhe einen Halt finden. Nun Heil zum KrieZ nud dem König Sieg!"

Tann wanderten beide, das Ränzlein über der Schulter, Werner Iben Degen seiner Ahnen an ber Seite, betn Dorfptatz zu, wo sich die andern Kämpen aus dem Ortck schon versammelt hatten. Noch einmal blickte Paul Wintzer zurück und sah das ehrwürdige Haupt seiner alten Mutter, die durch das Fenster dem letzten der Söhne nachschaute. Aber so sehr auch Paul Wintzer spähte, das Antlitz der eilten, das er so gern nochmals gesehen hätte, blieb seinen Augen verborgen.

Und nun ging es fort. Neunundvierzig Männer zogen aus, vont Pfarrer Tempel, der ihnen noch ein letztes