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Aus einer elsässischen Ale nftavt.
Von &. Schede-Heller, Straßburg.
Das Städtchen.
Es liegt lang hingestreckt in einer Talmulde zwischen rauchenden Fabrikschloten, schroff aufsteigenden Bergen, deren Wände und Gipfel sich über den roten Dächern zu schließen schemen. Dunkle Tannenwälder schneiden ins leuchtende Grün der Matten em, an
„Sie, Herr Pfarrer? Was hat Sie denn hierhergeführt?" fragte Teil, indem er auf der Treppe Halt machte und dem Gefragten die Hand bot.
Dieser erwiderte den Handdruck, nickte Just freundlich zu und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hatte hier rn der Nähe Geschäfte und da hatte mir Herr v. Brant einen Strauß Rosen aus seinen Treibhäusern mitgegeben, den ich Herren Lampert überbringen sollte — Sie wissen, er hat morgen seinen Geburtstag. Wie ich nun hier ins Haus trete und den ersten Treppenabsatz erreiche — denken Sie nur meinen Schreck! — da liegt ein Mensch regungslos vor meinen Füßen. Erschrocken beuge ich mich nieder und erkenne Herrn Wilhelm Lampert — barmherziger Gott! Er mußte eben die Treppe hinabgestürzt Jein; er hatte das Bewußtsein verloren. Ich mache natürlich Lärm, man kommt herbei, und wir schafften den scheinbar Leblosen hinauf nach seiner Wohnung und ins Bett. Ist w tot? fragt entsetzt seine Gattin. Ich konnte sie beruhigen, denn ich spurte seinen Odem und Herzschlag; aber — aber er hatte Blutstropfen int Ohr und war fahl wie der Kalk an der Wgnd; das waren schlechte Zeichen, und ich hatte Mühe, meine ernste Besorgnis der ohnehin schon geängstigten Frau zu verbergen. Es wurde natürlich gleich nach dem Arzt gesandt und letzt ist er drinnen bei dem Verunglückten— Gott gebe, daß es besser verlauft, als es den Anschein hat!"
Der alte Herr lüftete seinen runden, schwarzen Filzhut und schritt bedächtig die Treppe hinab. Tell und Just, denen auf ihr Klingelii die Magd geöffnet hatte, traten m den Vorflur der Lampertscheii Wohnuiig und von dort in das nach dem Hofe hinaus gelegene Schlafzimmer.
Ans den Zehenspitzen schlich Tell an das Krankenbett und schaute fragend Frau Julie und den Arzt an, dw am' Fußende des Bettes standen. Der Arzt zuckte die Achseln und deutete nach dem Patienten. Frau Julie fing wieder zu ! weinen an. Ein einziger Blick nach dem Pflegevater belehrte Tell, daß hier eine verhängnisvolle Veränderung vor- gegangen war. Tell trat ans Kopfende des Bettes und beugte sich zu denk Goldschmied hinab: „Mein armer Pflegevater, wie geht es denn?" Er hatte die Hand des Kranken «tP griffen und streichelte sie teilnehmend.
Herr Wilhelm Lampert versuchte, nach der Seite, von wo die Worte kamen, hinzublicken, aber es wurde ihm offenbar schwer; er gab es auf und begnügte sich, die Lippen I murmelnd zu bewegen ,
„Ich kann ihn nicht verstehen, sagte Teil, der sich hilflos nach seiner Pflegemutter umschaute. , .
Diese hatte gerade den scheidenden Arzt, der einige Verhaltungsmaßregeln gegeben und für den nächsten Morgen seine frühzeitiges Wiederkommen in Aussicyt gestellt hatte, bis zur Tür geleitet; sie eilte nun ans Bett und fragtä
I mit sanfter Stimme: „Was willst du, Wilhelm?"
„Sag's ihm doch," versetzte der Kranke mit Anstrengung, und als die Gattin nicht gleich erriet, was sie saget« solfle fügte er einige stammelnde Laute hinzu, die für Teil völlig unverständlich waren, von Fran Julie aber verstanden wurden.
„Du meinst, was wir heute früh besprocheii haben?"
Srerr Wilhelm versuchte zu nicken, was aber keineswegs gelang, der Ausdruck seiner Züge kündete aber, daß sein Wunsch richtig verstanden worden war.
„Ach Gott," hob Frau Julie, gegen Tell gewandt, an, „der Vater wünscht, daß ich Dir das mitteile, was er mir erst noch heute früh als feinen letzten Willen bezeichnet und auch schon seit längerer Zeit aufgeschriebeti hat. Aber", sie wandte sich wieder an den Gatten, „wozu beim jetzt, Männe? Das hat doch Zeit; Du wirst es, wenn Du mit Gottes Hilfe wie- ! der gesund bist, dem William selber sagen."
„Nein, nein," hauchte der Kranke, „sage es ihm, ich will | wissen, ob er — es auch tun wird."
I Diesmal hatte er etwas deutlicher gesprochen und auch | Tell hatte ihn verstanden.
lFortsetzung folgt.)
Urheber dieser Zwangslage mit verdoppeltem Ingrimm und, I die Hand pathetisch gegen ihn ausstreckend, fuhr er mit er I hobener Stimme fort: „Da, schauen Sie hm überzeugen Sie sich wie der Angeklagte durch Miene und Gebärde wdes Wort der Anklage als wahr bestätigt! Er ist unfähig, auch nur ein Jota dessen zu bestreiten, was gegen ihn vorgebracht wird, und ich bedauere, daß ihm nicht wegen Mordes der Prozeß gemacht werden darf, daß auf ihn nur der §243 al. 2 des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich Anwendung findet, der das von ihm begangene Verbrechen mit Zuchthaus bis I zu zehn Jahren bedroht." _ ,
Den Blick, den Carvalho letzt dem Staatsanwalt zuwarf, konnte dieser nicht mehr sehen, denn er hatte sich schon wieder den Richtern zugewandt; wohl aber saß lemand tm Publikum, der diesen haßerfüllten, rachsüchtigen Blick bemerkte und unter der Drohung desselben bange zusammenschauerte. I Es war Friedrich Just, der ein Zeuge des großen Erfolges seines Lieblings hatte sein wollen. Wenn Just auch eine zwiefache Genugtuung empfand, daß den Bösewicht, der ichon I den Vater Teils ruiniert hatte, nun endlich doch noch die Strafe ereilte, so beschlich ihn doch nun auch die Sorge um Tell, der sich die Todfeindschaft eines Mannes zugezogen hatte, der vorläufig zwar durch ein paar Jahre Zuchthaus unschädlich gemacht werden würde, nach dieser Zett aber an seinem Ankläger vielleicht Rache zu nehmen versuchen konnte.
Die Verhandlung war beendet. Der Gerichtshof hatte sich nur kurze Zeit zur Beratung zurückgezogen, dann war er wieder erschienen und hatte Carvalhos Verurteilung zu drei Jahren Zuchthaus verkündet. Der Verurteilte hatte auf jedes Rechtsmittel Verzicht geleistet und seine Strafe Mort angetreten. Teil war nach seiner Schreibstube gegangen, hatte dort Barett und Robe abgelegt und sich durch Begießen der Hände mit kaltem Wasser wieder einigermaßen erfrischt.
Er atmete auf; Gott fei Dank, das war nun ubcrstan- ; den. Er dachte an den Verbrecher und konnte trotz aller Schwäche und Schonungslosigkeit, mit der er gegen ihn vorgegangen war, ihm doch eine gewisse Achtung nicht versagen, denn Carvalho war bis zuletzt für alle Mahnungen und Bedrohungen unzugänglich geblieben und hatte die Person des dritten Mitschuldigen mit keiner Silbe verraten. Auch ein so tief gesunkener Mensch war also der Treue gegen feinen Spießgesellen fähig! Es war nun festgestellt worden, daß dieser dritte Fritz gerufen worden und wahrscheinlich nut einem Teile der Beute nach London geflüchtet war. Immerhin hatte Teil einen schönen Erfolg zu verzeichnen, und er hätte wahrlich zufriedener fein können, wenn nun dieser Erfolg nicht mit einer so bedenklichen Schädigung von Dells gesellschaftlichem Ansehen hätte erkauft werden müssen So dachte wenigstens der Staatsanwalt; er glaubte die Welt zu kennen, und er fah im Geiste, wie ängstlich man sich fortan von ihm zurückziehen würde. Aber er wußte, was er zu tun hatte, um sich und anderen peinliche Lagen zü ersparen. Volle Weltflucht, strengste Zurückgezogenheit von allem Verkehr, das war für ihn hinfort ein Gebot der Selbstachtung! Er mußte fein Amt aufgeben, er mußte um feine Entlassung aus dem Staats- und Justizdienste einkommen.— das war unerläßlich! Freiheit und Einsamkeit, das waren hinfort die Bedingungen, unter denen er allein noch weiter existieren konnte! „ rr ,
Schon morgen wollte Tell seine Pflegeeltern aufsucheu und mit ihnen von seinen Plänen sprechen.
Er hatte seine Toilette beendet, den Paletot angezogen und stülpte den Zylinder auf, um fortzugehen, als Just, ohne erst anzuklopfen, über die Schwelle seiner Amtsstube stürmte. -
„Herr Staatsanwalt, Sie möchten schnell nach der Horn- straße kommen; Fran Lampert hat eben einen Dienstmann hierher gesandt, Herr Wilhelm Lampert ist die Treppe hinabgestürzt — es soll schlecht mit ihm stehen."
Ein bedauerndes „Oh!" war alles, was Tell erwiderte. Aber er flog, nachdem er Just ein Zeichen gemacht hatte, ihn zu begleiten, durch den Korridor und über die Breite Steintreppe hinab bis vor das Portal des Kriminalgerichts, sprang in eine herangewinkte Droschke, ließ Just ebenfalls einsteigen und rief dem Kutscher das Ziel der Fahrt und ein dringliches „Schnell, schnell!" zu.
Als er mit seinem Begleiter die Hornstraße erreicht hatte und die Treppe zur Larnpertschen Wohnung emporstieg, kam ihm ein geistlicher Herr entgegen. Es war der Pfarrer Sammler aus Breditz bei Giesdorf, dem auch die Seelsorge in Giesdorf übertragen war und den Tell vom Brankschen Hause her schon näher kannte.


