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den Felsenhängen klammern sich niedrige Bauernhäuser und Melkerhütten fest. Sie schauen aus glitzernden Fensteraugen gar fröhlich und frei auf die Kleinstadt herab, die tief drunten im Kranze rhrer Berge zu ersticken droht. Dem Städtchen sind überall Grenzen und Schranken gesetzt; an jeder Straßenbiegung erhebt sich ein Berg, der den Blick ins Weite versperrt. Aber die Bewohner sind es zufrieden. Sie haben sich ein Theater, eine Badeanstalt und einen Wasserleitungsturm im Rokokostil erbaut, und etwas Selbstbewußtes und Würdevolles geht von ihnen aus. Die Häuser, im gestärkten'Sonntagsröckle, bilden rechts und links von den Straßen Spalier, und die Menschen, die dort aus- und einwandeln, scheinen ewig Halbtrauer zu tragen.
Die moderne Welt, die hier, wie in einer Großstadt, in Handschuhen und Lackstiefeln ausgeht, die kleinen Geschäftsleute und Angestellten, die es den Fabrikherren gleichtun wollen, reden französisch; aber von den Arbeitern, Schulkindern und Bauern, die an Markttagen mit langsamen Ochsemoagen ins Städtchen hereinfahren, hört man das biedere Elsässer Platt. Eine lange Hauptstraße zieht sich von einem Ende des Ortes zum andern; nach Norden führt sie zur deutsch-frairzüsischen Grenze, während sie nach Süden in die Ebene und das heiß pulsierende Leben einer Großstadt Mündet. Die Herzen der Einheimischen sind nach der sranzösischen Grenze gewandt; die wenigen altdeutschen Beamten aher, die im Post- und Bürgermeisteramt angestellt sind, blicken sehnsüchtig in die Ebene hinein und hoffen auf baldige Versetzung.
Der Fabrikherr.
Er ist ein reicher Mann, der sich ein Auto und einen Diener halten kann und deutsch mit einem' starken französischen Akzent spricht. Darum ist er im Städtchen sehr angesehen und seine Vorschläge dringen in den Gemeinderatssitzungen durch. Seine Wohnung ist ganz in dem alten französischen Stil eingerichtet. Im Salon stehen Louis XVI.-Sessel, im Eßzimmer Henri IV.-Möbel. Auf dem Büchertisch liegt neben deni „Temps" und einer elsässischnationalistischen Zeitung „Colette Baudochc", Maurice Barrel neuer Roman über die Urinöglichkeiteu einer Ehe zwischen einer Elsässerin und einem Deutschen, sei der Mann noch so gut und edel. Tie Tochter des Fabrikherrn hat nach Nancy geheiratet; sein Sohn studiert in der Sorbonne und seine Frau bezieht Kleider und Hüte aus^ Paris.
An dem politischen Leben eines Landes nimmt der Industrielle keinen tätigen Anteil. Von den Wahlen hält er sich fern, denn er ist ein entschiedener Protestant, und der Karckidat, der die französisch-elsässische Frage vertritt, ist Zentrumsmann, während der liberale Reichstagsabgeordnete kein waschechter Elsässer mehr ist. So überläßt der Fabrikherr es dem Volke, sich zwischen diesen zwei Uebeln für das geringere zu entscheiden.
Ter Fabrikherr trägt unter dem Arm ein schweres Buch mit sieben Siegeln. Es ist die ungelöste elsässische Frage. Nach seiner Meinung sind alle Deutschen Pangermanisten, die dem Elsaß keine rechte Verfassung geben wollen, die die vornehme französische Kultur verdrängen und „leur culture" an die Stelle seyen möchten. Tie Träger dieser Kultur sind in Straßburg der Kaiserpalast mit seinem erdrückenden ziegelroten Dach und die modernen Viertel mit ihren Karyatiden und Verschnörkeluugen, denen gegenüber das Rohan-Schloß und die stilreinen Sandstein- Paläste sich behaupten. Freilich — das Münster nnd die alten gotischen Häuser sind deutsch; doch das hat man in der Familie des Fabrikhcrrn vergessen. Goethe war ein genialer Geist, nur man liest ihn nicht, und Wagner ist im deutschen Leipzig geboren, aber den hört man in Paris und spricht Tristan und Isolde „Tristan et Jseulde" aus. Ein Verkehr mit den Altdeut- schen ifk Unmöglich. Es wäre sogar kompromittierend, sich auf offener Str-ße mit dem Postdirektor zu unterhalten.
Nur einmal im Jahr öffnet sich im Hause des Fabrikherrn das den Deutschen sonst fest verriegelte Tor. Monsieur erinnert sich daran, datz er nicht nur nach Paris, sondern auch nach Frankfurt reist. Madame hat ein gutes Wendessen bestellt und aus dem Keller alte Weine herauftragen lassen. Nun tvarten sie beide im Louis XVI.-Salon. Es klingelt. Der Diener öffnet die Tür, nimmt dem Gast Hut und Ueberzieher ab Md läßt ihn in den Salon eintreten. Es ist der Berliner Händler, der jedes Jahr nach Lüttersheim kommt, um in der Fabrik des Industriellen; seine großen Einkäufe zu machen.
Madame M e u r h.
Sie ist die Putzmacherin und wohnt in einem einstöckigen Hause neben dem alten, epheuumsponnenen Glockenturm. Jedes Jahr erhalten die Damen des Städtchens eine Visitenkarte, Madame Meury sei nach Paris abgereist und drei Wochen darauf eine zweite, sie sei mit den neuesten „modäles de Paris" zurück- gekehrt. Sie ist ein gar seltsaiuer Mensch. Eine Katholikin, die die Protestanten achtet, eine Französin, die im Elsaß tvohnt und doch nie iwer die Deutschen sth impft, eine Frau, die da meinh, das Madonnenbild in ihrer Stube müsse für alle, ohne Unterschied von Land und Konfession, dasselbe gütig versöhnende Lächeln haben. i
Sie hat keinen Laden. Durch eine enge Stiche, wo ein paar Hüte ausgestellt sind, gelangt man in einen zweiten Raum, in dem gerade Platz für ein Sofa, einen Tisch und zwei Stühle ist. Es duftet hier immer ein wenig nach Rosenkränzen und Weihrauch, so mystisch und weltentrückt, so gar nicht, wie in einem Putz
macheratelier, wo man Geschäfte machen will. Langsam^ ein wenig keuchend kommt Madame Meury an; das Haar schon gebleicht, die Hände welk; aber mit einem Gesichr, auf dem unseres Herrgotts Frieden geschrieben steht.
„Petite, apporte donc les chapeaux!"
„Petite," ist das Lehrmädchen, das die neuesten Modelle bringen soll.
Derweilen erkundigt sich Madame Meury nach diesem und jenem und hat für jede Freude ein Lächeln und für jedes Leid eine Träne.
Die Hute sind in großen Holzschachteln verpackt und tauchen aus weißen, knisternden Seidenpapieren hervor. Madame M'eury nimmt sie vorsichtig in die Hand mrd fährt sanft über die fächelnden Federn und schimmernden Flügel.
„Des modeles de Paris," sagt sie dann, immer mit derselben Verwunderung und Verehrung, als rede sie von der Kirche und der gütigen Mutter Gottes. Fast scheint es, als möchte sie die bullten Vögel behalten, damit sie ihr im elsässischen Klein- städtchen von der leuchtenden Stadt im Herzen Frankreichs erzählen.
„Et maintenant —"
Sie ist in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Die Hüte werden! aufprobiert, betastet, geprüft, bis man sich für den kleidsamsten entschieden hat.
Dann tritt man aus der kleinen Stube wieder heraus und geht mit einem Pariser Hut fort. Ja — und mit noch etwas, das seltener und wertvoller ist — mit dem ausgleichenden Frieden, der dem stillen Winkel entströmt und auf dem alten Gesicht leuchtet.
La chronique scandaleuee.
Was aus dem Städtchen werden würde, wenn Madame Zippel nicht in ihrem Spezereiladen säße, ist nicht aus'zudenken. Sie ist das Gewissen der Stadt. Die Ehrenhüterin. Die Ehrabschneiderin. Außerdem verkauft sie die besten Kuchen ünd hat in ihrem einzigen Schaufenster zur Oster- nnd Weibnachtszert die verlockendsten Kunstwerke aus Zucker Und Schokolade und wundersame mit Konfitüre gefüllte Würstchen, die das Entzücken der ganzen gaffenden Schuljugend bilden.
Seit 25 Jahren thront sic hinter ihrem Kontor. All die jungen Eheleute — die Städter heiraten nur unter sich — hat sie als Kinder gesehen und ihnen „pour un sou de bonbous" verkauft. Das räumt ihr gewisse Reckte und ein ^«.rkes Selbstbewnßtsein ein. Sie steht trotz ihrer Runzeln und geblich neu Haare noch genau so fest mrd sicher in ihrem Lader: da, den Kvpf zwischen die breiten Schultern gestemmt und die Arme in die Hüsten gestützt. An Werktagen sieht MM sie geschäftig in ihrem Laden hin und hergehen, Waren wiegen, einpacken und verschnüren, ivobei emsig polemisiert und kritsirert wird. Sonntags aber brächte keine Gewalt, nicht einntal die Predigt des guten Pfarrers, sie von ihrem Fenster weg. Dort sitzt sie hinter halb geschlossenen Läden und späht durch die Spalten auf die Kirchgänger und Touristen hinab. Das betrachtet Madame Zippel fast als eine Pflicht. Sie sammelt Stoff, prüft und wägt, und die Chroniken, die sie am Montag früh in ihrem Laden an die Städter weiter aibt,sind weit fesselnder als die, die in der Zeitung stehen. Da kann män nun erfahren, daß Madame $ einen neuen Federhut trägt, daff; der Fabrikherr seine Frau vernachlLssigt und recht ost nach Straßburg fährt, daß ein gefährlicher Flirt zwischen diesem Herrn und jener Dame entstanden ist. Verlobungen, Geburten, Ehescheidungen, Todesfälle hat Madame Zippel lange vorher prophezeit. Sie ist eine bewuichernswerte Frau, die nicht so leicht zu ersetzen wäre.
Im ehrbaren Städtle verbieten die Ehegatten ihren Frauen die Lektüre seichter Bücher. Daftir aber lebt Madame Zippel — la chronique scandaleuse ■— die für das Wohl und die Ehre der Stadt die peinlichste Sorge trägt, — und freilich auch dafür, daß die Tugend dort nicht zu eintönig wird.
Der Tourist.
Er studiert in Straßburg: aber alle Sonntage benützt er die frühesten Züge, um Bücher unb Papiere zu vergessen nnd in die Vogesen hiimuszuwandern. Um 9 Uhr ist er angekommen. Wie eng ist das Städtchen, wie leer die Straßen, wie drücken die Berge? Der Tourist merkt es nicht. Jeder,Sonntag ist für ihn ein Festtag. Seiine Augen leuchten so hell, wie die Sonne aus den Dächern, und das junge Blut kreist und pocht in dem jauchzenden Herzen.
Ein Spielmann geht an ihüt vorüber und streckt die Hand aus. Der Tourist zieht einen Nickel aus der Tasche: „Grüß Gott," sagt er und geht seines Weges weiter. Vögel stiegen über seinem Haupt, ans den Gärten duftet der Flieder, und eine große Liebe, eine unendliche Sehnsucht erfüllen fein Herz. Ueber den Häusern und Fabrikschüotcn stehen die Berge mit ihren, hellen Matten und dunklen Wäldern und winken und locken. Zu dem Gipfel wird er steigen und von der Grenzhöhe aus die Kamnüvandcruug machen, und immer auf der Höhe bleiben und ins weite, sonnenüberstureto Land hinausschauen. An einem stillen Plätzchen zwischen Blumen und Gräsern wich» er sich lagern, fein Ränzle vom Rücken schnallen nnd sein Mittagsbrot elfen und Krumen für die Vögel ausstreuen. Dann wird er weiter wandern, durch die einsamen Höhen, an wild aufgetürmten Felsen u:ti> jäh abstürzeuden Vergwäichen vorbei, und überall wird die Welt voller Glanz und Bläue sein.
Im Gedanken daran -vcrden seine Augen noch heller,, seine Schritte fester. Jetzt kommt er an dem • kleinen Spezereiladckn


