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„ Kauernblut.
wwnuiit von Gerhart t>. Amhntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
.Die Sitzung der Strafkammer des Landgerichts hatte vrs in beu späten Abend gewährt.
Die letzte Sache, bei der auch der Staatsanwalt Teil mitzuwi .ren hatte, war die Aburteilung des verhafteten Car- valpo gewesen.
Teil hatte in fast halbstündiger Rede auf Grund der ihm von Peter gemachten schriftlichen Mitteilungen den ganzen Hergang jenes nächtlichen Einbruches mit peinlichster Gcimui;-;iicü und packender Redekunst geschildert. Offenen Mundes, starr vor Erstaunen, hatte Carvalho zugehört; er» schöpfender hätte er selber die Sache nicht erzählen können. v,a.de Peter Dechner denn geplaudert? War sein Eid so gar nichts wert gewesen? Fürchtete er nicht die Rache der ver- ra.cne.ii Genossen?
Als aber Teil dazu überging, die nichtswürdige Art und Weife zu schildern, wie der Angeklagte sich der Mithilfe Peters versichert, wie er ihn umgarnt und verlockt, sich in sein Vertrauen hineingelogen und seine politische Verstiegenheit, die eine rein theoretische Verirrung des Idealisten ohne alle praktischen Konsequenzen und ohne jede Gefahr für die Gesellschaft gewesen wäre, dazu benutzt hätte, ihn zur Teilnahme au einem gemeinen, auf schlaue Weise als selbstlose Grosstat hingestellten Verbrechen zu verführen, da hatte das Erstaunen und die Verblüffung Carvalhos den höchsten Grad erreicht — war denn dieser Staatsanwalt allwissend? Sah er denn einem jeden in die Herzkammern hinein und konnte er dort auch die verborgensten Gedanken lesen?
Aber es sollte für Carvalho noch schlimmer kommen. Die weitere Rede des Staatsanwalts wurde für ihn zu einer Art moralischer und körperlicher Mißhandlung, unter deren zerfleischender Wirkung er sich schmerzlich stöhnend zusam- menkrümmte und mehrmals drauf und dran war, auszurufen: „Halt, cs ist genug! Ich gestehe ja alles ein! Verurteilt mich, aber laßt mich nicht länger durch diesen Ankläger da foltern!"
Wie wohl ein Leichenredner, wenn es ihm darauf an» kommt, eine Trauerversammlung bis ins innerste Mark zu rühren, den Verstorbenen unter Verschweigung seiner Schwächen nur in der reinen Schöne einer ihm angedichteten Vollendung zeigt und jedem einzelnen der Leidtragenden berechnend vorhält, welch ein herrliches, unersetzliches Wesen er an dem Dahingegangenen verloren habe, so zermürbte auch Tell nicht nur den Angeklagten, sondern auch die Richter und das mitanwesende Publikum, indem er Peter Dechner, den Maurermeister, als einen hochbegabten, von Grund aus edlen und selbstlosen Menschen schilderte, der nur durch fortgesetzte Mißerfolge und eine Kette widriger, unverschuldeter
Schicksale auf die schiefe Ebene politischer Verirrungen gedrängt worden wäre. Ein einziger materieller Erfolg, irgend eine freundliche Wendung seiner trostlosen äußeren Lage, der Zuspruch eines wahrhaft treuen und ehrenwerten Freundes würden diesen verbitterten Mann unzweifelhaft sofort umgestimmt und in die Bahnen bürgerlicher Tätigkeit und Zuverlässigkeit zurückgeführt haben; ein schönes, groß angelegtes Menschenleben galt es hier zu retten; statt dessen hätte sich der Satan in Gestalt eines internationalen Hochstaplers, eines ehr- und gewissenlosen Banditen, an den Unglückseligen herangedrängt, um ihn vollends haltlos und elend zu machen und den Verratenen dann meuchlerisch in den Abgrund der Schanoe zu stürzen.
Wenn er, der Staatsanwalt, die geheimnisvollen und um so verderblicheren Einflüsse des Angeklagten auf den des höchsten Mitleids würdigen Selbstmörder bis in die letzten Nervenfasern zu verfolgen und bloßzulegen vermöge, so verdanke er dies zwei eigenartigen Umständen: erstens seiner verwandtschaftlichen Beziehung zu Peter, der sein Stiefbruder gewesen sei, und zweitens dem erschöpfenden Bekenntnisse- das Peter noch kurz vor seinem freiwilligen Ende niedergeschrieben und ihm durch einen dritten zugesandt habe. Und wie nun diese bloßstellende Blutsverwandtschaft mit Peter glücklich erwähnt war — o, sie hatte dem selbstbewußten Manne eine ungeheuere Willensanstrengung gekostet und ihm den Schweiß in feinen Kügelchen auf die Stirn getrieben —, da empfand er das gesteigerte Bedürfnis, diesen Stiefbruder geradezu als ein weißes, fleckenloses, nur der abgefeimtesten Verführung zum Opfer gefallenes Lamm darzustellen, während er zur Schilderung des Angeklagten die Farben nicht grell und brennend genug zu nehmen wußte; ja, zuletzt tauchte er seinen Pinsel in den Pech- und Schwefelpfuhl der Hölle, das konterfei dieses in Menschengestalt umhergehenden Teufels nur einigermaßen dem Original entsprechend wiederzugeben.
„Sehen Sie dort den Nichtswürdigen an," so fuhr er in seiner donnernden Philippika fort, „leider kann er nur des Diebstahls mittels Einbruchs angeklagt werden, in Wahrheit aber ist er ein verabscheuenswerter Mörder und die Schmach des ruchlosesten und schändlichsten Meuchelmordes, begangen an dem. armen Peter Dechner, steht in Flammenschrift auf seiner Judasstirn geschrieben!"
„Genug, es ist genug!" hatte Carvalho gesagt. Alles Blut war aus seinen Wangen gewichen, und in ohnmächtiger Wut und Reue knirschte er mit den Zähnen aufeinander.
Dieser nur einem schweren Seufzer ähnelnde Ruf, der kaum von den Richtern und dem Publikum verstanden worden war, hatte den Staatsanwalt im Flusse seiner Rede unterbrochen. Er stutzte einen Moment und Wurf einen spähenden Blick nach der Anklagebank, vor der sich der halb vernichtete Carvalho kaum noch aufrecht stehend erhielt — aber neue Wut entflammte ihn; diese Menschenbestie dort hatte ihn gezwungen, feine verwandtschaftliche Beziehung zu einem Anarchisten, einen Selbstmörder zu enthüllen; er haßte den


