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empor.
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Werk, das nur Vas eine einzige, sehUsuchtsschWere Jubelwort enthielt: „Ueber-über-übermorgen — ü!"
Nun war's schon morgen, morgen wurde es heute fern!
Horch... '
Bum — bum — dröhnten von droben die ersten Kanonenschläge...
Der letzte Manövertag... der Heimkehrtag für. zehntausend junge Gesellen... der Heimkehrtag auch für ihn...
Den läuteten sie ein, die dumpfen, metallenen Schläge da oben. " , „
Bum, bum, Lum — klang's da von allen Hohen m der Runde... Diese Töne, die Mord und Grauen bedeuten sollten... ihm waren sie selige Friedensklänge...
Und immer tiefer senkte sich die Chaussee... das war das Dörfchen Hettenrodt, das er nun durchschritt... Noch! lag es schlummernd .... kaum, daß. ein schläfriger Ackerknecht schwerfällig die Haustür aufstieß, und über den Hof zum Stall humpelte, wo das erwachte .Vieh uach seiner Morgenration brüllte...
Nun senkte sich der Weg gen Hettstem. ,
In einer Viertelstunde würde er am Schlößchen vorbeikommen. c £ ,, , ,
Dort hing das Bild der schönen Frau, dort harrte sie selber der Heimkehr des herrlichen Mannes entgegen, der sie sein eigen nennen durfte —■ um an seiner Seite em neues, ein tieferes Leben zu beginnen. ,
War es nicht doch gut so... wie alles gekommeu war,, gut — — auch für die beiden?
Wenn der Sturm durch die Menschenherzen fährt, dann reißt er vielleicht einmal ein Glück in Trümmer — aber gibt es nicht auch Stürme, die segnen? die Luft klaren, das Morsche Hinwegsegen, auf daß. das Gesunde um so kräftiger blühe?
Bum, bum, bum — läuteten die Glocken ringsum — die Hochzeitsglocken!
Nun wand die Chanssee sich um eine Waldecke herum ...
Schau' vom ersten Morgenstrahl 'beglänzt, schimmerten die blitzenden Fenster, die schmucken Türme, die grün- umrankten Zinnen des Schlößchens Hcttstein.
Dort schlummerte sie, die schöne, schöne, schöne Fran...
Einen Gruß dir, einen Herzensgruß, du wunderliebliches, du märchenhafes Geschöpf — und — Segen, Segen, Segen auf dein Leben!
Himmel — war's möglich? — Aus dem Balkon mr ersten Stock stand einsam eine weiße Gestalt — lauschte pent volltönigen Geläute der Kanonen ringsum auf den Huns- TÜtf bcrQcn...
Jählings strömte das Blut zu Martins .Herzen — em Weh das ihn schier übermannen wällte, durchruttelte ihn so heftig, daß sein Fuß einen Augenblick stockte. .
Nein! weiter... rüstig weiter... rüstig weiter...
Und nun... nun wandte die Lauscherin langsam ihr Haupt bergaufwärts... und Uun gÄvahrte sie den cmfant wandernden Kriegersmann ... und nun ... erkannte sie ihn.
Einen Augenblick stand sie starr, schien fliehen zu wollen...
Doch nein — sie blieb —
Ein weißes Tüchlein ließ sie flattern durch die goldene Morgenluft... ein weißes Tüchlein... ein Abschteds^ zeichen... ein Friedenszeichen... r , ...
Und Martin riß den Helm vom Kopf... den Helm Mit dem grünen Zweige... dem Oelzweige daran... er schwenkte ihn nach droben zum hohen Balkon... zu der weißen Gestalt mit dem flatternden Tüchlem...
Aber wehren konnte 'er nicht, daß ein paar helle Tropfen über seine verbrannten Wangen.niederrannen und zer- blitzten auf dem staubigen Waffenrock...
Ade, ade, ade... vorüber, vorüber, vorüber...
"Bor dem Rückschauend en zerfloß das Bild des Schlößchens ... zerfloß in blinkende Rebel das Bild der weißen Frauengestalt mit dem flatternden Tüchlein...
Ade, ade, ade... t
,--- Und nun geradeaus den Blick... der Heimat, der
harrenden Liebe... der Zukunft entgegen...
Agathe... Agathe... '
Umbrandet vom tosenden Schwall der Kanonen schritt Martin zu Tal. ,
Heimkehrgeläut... Hochzeitsgeläut...
Er schritt zu Tal... schritt nieder m jenes Land, wo das Leben selbst Poesie wird... heiligste Poesie.
Einsam, ein rüstiger Wanderer, schritt Martin Flam- berg in der Morgenfrühe des 22. September talabwärts auf der Chaussee, welche von Leisel über Hettenrodt, Hett- stein und Idar nach Oberstein an der Nahe führte .. „
Hier würde er den Zug erreichen, der ihn heimwärts ^^Frühmorgens im Lagerstroh hatte, der Feldwebel ihn geweckt: „Verzeihen Herr Leutnant, eme Ordonnanz vom Herrn Major ist da!"
„Soll ans Zelt kommen!" „ .
„Herr Leutnant möchten so bald als möglich zum Herrn Major kommen!" ' , ... ,,
Sassenbach war just bei der Morgentoilette, als Flam- berg ins Stabszelt trat: „Na, Flamberg... Briimm- schädel...?" . r
„Danke gehorsamst - nein, Herr major!
„Entschuldigen Sie - muß mich eben fertig rchieren!
Beim Schein einer Stallaterne, die der Bursche mitsamt einem winzigen Spiegelchen seinem Herrn vorhielt, saß der Bataillonskoinmandeur ans einem Faß, mit ansgeklapptem Waffenrock, und schabte die angegrauten Stoppeln van seinen bronzebraunen Wangen.
„Also, lieber Freund, Sie haben morgen Hochzeit... Da scheint's mir doch besser, das Armeekorps behilft sich am letzten Uebnngstage ohne Sie — Sie sind also hiermit ent- . lassen und haben 'möglichst schnell und geräuschlos aus dem
Bereich des Kriegsgetümmels zu verschwinden!"
„Aber ich bitte ganz gehorsamst, Herr Major...
„Keine Fisematenten! Ich befehl's, und damit basta.
„Und wer, befehlen Herr Major — wer soll die erjte
Kompagnie heute führen?" . t
„Ach was, die paar Stunden! Kann ja der Windhund, der Carstanjen machen! — Na, einverstanden?"
„Ich danke von ganzem Herzen, Herr Major!" .
Sassenbach stand auf, und während der Bnrsche ihm im Steh!en die kotigen Stiefel an den Beinen mit der Wichs- ' bürste bearbeitete, streckte er dem Untergebenen die Hand hin: „Also stecken Sie sich einen grünen Zweig an als Neutralitätsabzeichen und verschwinden Sie auf dem nächsten Wege, solange es noch dunkel ist... kommen Sie gut nach! Hause, empfehlen Sie mich unbekannterweise Ihrem verehrten Fräulein Braut — und machen Sie Ihre Sache gut — na, Sie verstehn mich schon — hahaha! Haben „ Sie auch schönen Dank für freundliche Unterstützung und leben Sie wohl!"
„Darf ich Herrn Major meinen gehorsamsten, tref- gefühlten Dank für die gütige Aufnahme Und alles Gute —"
„Schon gut, schon gut, lieber Flamberg — es war uns eine Ehre und ein Vergnügen!"
— — Und nun marschierte Martin Flamberg' einsam talabwärts.
Bon seinem Helm nickte ein grüner Busch. In seinem Wachstuchtornister klapperte eine halbe Flasche Kognak, die Carstanjen ihm noch als Abschiedsgabe eingepackt —
„Junger Ehiemann in spe--können eine kleine
Herzstärkung gebrauchen!" —
Die Säbelscheide in der Linken, die Rechte taktmäßig pendelnd, stapfte er bergab in munterm Soldatenschritt.
Und wie ringsum die Bergsäume sich rosig erhellten^ erhellte sich auch des Wanderers Herz---
Ja, es ging heimwärts... heimwärts... es ging in die Arme der Liebe... der Liebe, der nun sein ganzes Leben gehören sollte... sein ganzes Leben ... !
Immer leuchtender stieg des fern harrenden Mädchens teures Bild vor seinem Blick empor... nun erst, da (er schon fast abgerechnet Mit allem, was er besessen und erhofft hatte, lag's vor ihm in seinem ganzen süßen, holden Glanz.
Er zog Ugathens letztes Briefchien hervor, dies Brief
.. in einem glücklichen Traum von Zukunft Schönheit r— Ruhm — Glück — in einen: wundersamen Stchemsfuhlen mit dem weiten All ringsum, dem Chor der Schlier auf Ur weiteu Bergeshalde... dem Gewimmel der Gestirne brolS, «m gtiralnent... mit allem G°!ch»sl« und seinem Schöpft^- de-' Lieb-..." ,
Langhin streckte sich der Soldat ans den harten Stoppelboden, sthob Mollys Briefchen m dre Brusttasche seine^ Waffenrocks... und schaute nun regungslos mck Mmenden Augen zum weißlenchtenden Nebelbogen der Milchstraße


