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Wilhelm holzamers Nachlaß.

Wilhelm Holzamers Lebenswerk liegt nun abgeschlossen Vor. Ans den vor zwei Jahren erschienenen zweibändigen RomanDer Entgleiste", der sich nach einem prachtvollen Mufklang leider allzuschp in die Breite verlor, ist nun im Verlag von Egon Fleisch el in Berlin der Rest seines dichterischen Nachlasses in drei ansehnlichen Bänden er­schienen. Frau Nina Mardon- Holzamer, die dem Dichter in seinemExil" eine treue Gefährtin war, hat die hinter­lassenen Werke, von einigen Berliner Freunden des Ver­blichenen beraten, gesichtet und herausgegeben. Sie hat damit das deutsche Schrifttum UM ein paar bedeutende Bücher eines hochstrebenden und gemütvollen Poeten be­reichert, den ein tragisches Geschick allzufrüh aus dem Leben nahm.

Wilhelm Holzamer war unter unseren jüngeren Dichtern Nicht der genialste, aber der feinsten und tiefsten einer, ein begnadeter Lyriker und unter den jetzt erschienenen Nachlaßwerken ist der Band Gedichte wohl auch der wert­vollste. Die Sammlung, die nahezu seine ganze Schaffens­zeit umfaßt, vom ersten persönlich gefärbten Dichterwort vis zu seinem Tode, enthält seine, zartgeschliffene Verse voll tiefen Erlebens, voll innigen- Empfindens und voll von einer Art der Weltbetrachtung, die in ihrer klaren Ruhe eine sichere, gedrungene Kraft offenbart; Reife. Sie ent­hüllt mit zarter Hand den ganzen inneren Reichtum Holz­amers, der seine Lyrik mit seinem ganzen Herzen erfüllt hat. Weich und Poll flutet es aus diesem Buche heraus, das so schlicht und eh-rlich ist, wie es sein Verfasser immer war, und voll Gemüt und Seele. Ein Feind alles Lauten und Lärmenden war dieser bleiche Mann, aber nicht aus krankhafter Empfindelei, wie unsere meisten jungen Lyriker, die hinter sorgfältig gefeilten Versen voll entnervter Sprach'-- kunst, der alles lebensstarke, alles Blut fehlt, ihre fragmen­tarischen Gedanken kokett verhüllen, wie wir es von Stephan George, den Jungwienern und ihren Nachläufern kennen. Holzamer ist kein blutarmer Dilettant, kein matter Schön­geist, er hat bodenständige Kunst, er saugt seine Kraft aus der fruchtbaren Ackerkrume der Heimat, er freut sich der unverhüllten Sonne, die unsere Neuromantiker nur be­geistert, wenn sie durch die dunkelfarbigen Glasbilder kühler Renaissancepaläste schleicht, er nimmt-das Leben mit all seinen Härten und Kanten, er erlebt seinen Schmerz, läutert ihn in hartem Ringen und wächst daran empor. Und ebenso echt, ebenso wurzelfest zeigt er sich in den beiden jetzt her­ausgekommenen Prosabänden, so lange er aus dem Boden des natürlichen Lebens stehen bleibt. Mit dem Lebendes M rn o S t r o zziin dem Band Pari s er Erzählun g en ist ihm das nicht restlos gelungen es liegt etwas unklares, verschwommenes darin. Alles zerfließt im Raum, nirgends ist eine feste Kontur, und doch ist es nicht impressionistisch. UM so lebendiger und plastischer ist die andere Erzählung dieses Bandes, die Kle i n e G e s ch i ch t e , in der das Leben eines niedlichen Bügelmädchens mit der Wärme seiner siche­ren Anschauung und seines feinfühlenden Könnens entwickelt ist. Es ist eine ganz einfache Geschichte, ohne jede Besonder­heit so wie man sie fast täglich in den Zeitungen liest. Die Geschichte eines Mädchens, das an seiner Liebe zu Grunde geht, eines Mädchens, das sich erst an den Geliebten verliert und dann an jedermann. Ein Kind, das das Leben auf falschen Fährten sucht, voll Sehnsucht nach etwas Liebem. Daß der Faden der Erzählung schließlich zu weit ausgesponnen ist, das ist eine Eigentümlichkeit Holzamers, Über die seine fließende Sprache leicht hinwegträgt.

Der dritte Band, P e n d e l s ch l ä g e, enthält kurze Geschichten meist aus seiner rheinhessischen Heimatund warmes, blutfrisches Leben, aus der Entfernung manchmal etwas zu rosig gesehen, pocht darin.Es ist ein leises Rauschen in allem, als ob etwas an uns vorübergleite, gleich einem großen Wasser, das ins Unendliche fließt, gleich einem wandernden Winde, der ins Weite trägt. Und es ist wie das Ticktack einer Uhr, deren Pendel weit ans- holend schlägt und niemals ruht, deren Zeiger wir nicht sehen und deren Schläge wir nicht hören, also daß wir von der.eilenden Zeit wohl wissen, aber ihre Stunden nicht kennen und ihren beständigen Wechsel, und so ein Gefühl der Dauer in uns dringt, weil alles so flüchtig um uns ist." So sagt der Dichter selbst in einer seiner Erzählungen. Es! sind ebenfalls schlichte Geschichten Holzamer hat nie andere zu schreiben vermocht aber mit dem Auge des Dich­ters gesehen, aus ihrer Niedrigkeit herausgehoben, zu einem

Erlebnis voll erschütternder Bedeutung gestaltet und mit einerMilde, die dem kleinsten Wert gibt und es lieb behält". Das Herz, der rastlose Pendelschlag unseres Lebens, macht diese einfachen Geschichten zu Kunstwerken seltener Art, denn Holzamer, der nur zergliedert um zusammenzufassen, sieht mit mildem Dichterblick wie sich das Leben aufbaut aus kleinem zum Großen, und wie nichts ist, was bedeu­tungslos wäre oder wertlos.

So hat uns der tote Dichter, der von vielen schon fast vergessen ist, noch drei Werke vermacht, die zu dem Besten zählen, was aus seiner rastlosen Feder geflossen ist. Aller­dings: das Wertvollste seiner erzählerischen Werke werden auch in Zukunft die drei Romane Der arme Lukas, Peter Nockler und Vor Jahr und Tag bleiben Das' sind die Gipfelpunkte seines Schaffens.

Karl Neurath.

Der Brandstifter von Moskau.

Die grandiose Tragödie des Moskauer Brandes, dessen Flam« menzeichen am 15. September 1812 das erste große Brandopfep für den Untergang des Korsen mit purpurnem Finger an Ruß­lands Himmel schrieben, hat noch einen andern Helden als den Franzosenkaiser, der vor dem Glutenmeer aus dem Kreml fliehen mußte: nämlich den eigentlichen Urheber dieser grausig-großen Tat, den Grafen Feodor Wasiljemitsch Rostoptschin. In diesem Mann voll leidenschaftlichem Franzosenhaß, wildem Ehr­geiz und einer alles opfernden Vaterlandsliebe ist gleichsam der Geist des russischen Volkes symbolisiert, und seine Tat bleibt, so verschiedenartig sie auch beurteilt worden ist, das Zeugnis einer fanatischen Energie. Aus einer wenig bedeutenden Familie stam­mend, war Rostoptschin der Günstling Kaiser Pauls I. geworden, vom Zaren zum General, zum Großhofmarschall, zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten gemacht und in den Grafenstand erhoben worden. Die finstere Entschlossenheit, die in seinem Wesen lag, kam am stärksten in seiner Erbitterung gegen Frank­reich zuni Ausdruck; er haßte die Revolution als den Fluch der Menschheit, und er haßte noch- mehr den Sohn dieses Chaos/ Napoleon.

Als 1800 eine Annäherung der russischen Politik an Frank­reich erfolgte, widersetzte er sich bis aufs Aeußerste und fiel schließlich in Ungnade. Mit ruhiger Resignation zog er sich- auf sein Landgut Woronowo, 50 Werst von Moskau entfernt, zurück, um hier, nicht mehr beschienen von der Sonne der kaiserlichen Gunst, seine Tage zu verbringen. Aber kaum war er auf seinem Gute angelangt, als ihm ein Kurier ein Billett von der Hand des Zaren brachte mit den wenigen Worten:Ich bedarf Deiner! dringend. Komm schnell zurück." Angstvoll eilte Rostoptschin nach Petersburg, aber er kam zu spät: Paul war ermordet und der Anstifter des Komplotts war der Graf Pahlen, der die Miß­stimmung zwischen dem Zaren und seinem treuen Minister geschickt geschürt hatte. Rostoptschin eilte wieder auf sein Landgut zurück und lebte nun 10 Jahre lang in Woronowo mit seiner Frau und seinen Kindern; er nannte später diese Zeit die glücklichste und schönste seines Lebens. Aber der .Ehrgeiz ließ ihn doch nicht ruhen, und dazu kam die quälende Wut über die Siege des ver­haßten Eroberers. Seit 1810 erschien Rostoptschin wieder am Hofe des Zaren, und 1812 wurde ihm als einem der treuestes und entschlossensten Diener Rußlands das Schicksal Moskaus anvertraut. Der General-Gouverneur suchte zunächst das Volk der Hauptstadt und des Gouvernements durch öffentliche Bekannt­machungen zu beruhigen. Auch nach der Schlacht bei Borodino glaubte er noch-, daß das russische Heer vor den Mauern der Stadt den Feind vernichten werde: In einem Ausruf vom 11. Sep­tember forderte er die Bevölkerung auf, sich zu Fuß und zu Pferd zu bewaffnen, sei es auch nur mit Texten und Mistgabeln:Der große Bösewicht wird vor Moskau durch Feuer und Schwert seinen Untergang finden."' Dann aber schlug seine Siegeszuversicht in düstere Verzweiflung um. Tie Kunde von dem Brande von Smolensk hatte in ihm wohl schon einen größeren furchtbareren Gedanken erweckt. Dem Oberfeldherrn Kutusow erklärte er, er wolle Moskaulieber den Flammen, als dem Feinde übergeben", und dem Kaiser schrieb er am Tage vor dem.Brande:Bonaparte wird Moskau ebenso verlassen finden wie Smolensk. Alles äst fortgeschaift. Tie Stadt wird, wenn sie in Napoleons Hände fällt, eine Wüste sein wenn das Feuer chie -nicht vorher verzehrt und sie wird sein Grab werden können." In aller Eile ließ er Fackeln, Raketen, Zündungen und andere. Brandmaterialien anfertigen; die Bewohner wurden zur Auswanderung ermuntert, so daß von 240 000 Einwohnern schließlich nur 40000 Menschen der niedrigsten Bolksklasse zurückblieben. Alle Feuerspritzen waren entfernt, die Brunnen verschüttet; die Gefängnisse wurden geöffnet und den Verbrechern Begnadigung verheißen,, wenn sie beim An­zünden tätig sein würden. Bevor er selbst die Stadt verließ, be­ging Rostoptschin noch einen Akt bizarrer Grausamkeit, indem er den jungen Sohn eines Kaufmannes Weretschagin, der eine französische Proklamation ins Russische übersetzt hatte, durch- das Fenster auf die Straße werfen ließ und die Wut des Pöbels gegen deneinzigen Verräter Moskaus und Rußlands" entflammte, worauf der Unglückliche von der Menge buchstäblich zerrissen wurde.