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seine in fünf Auflagen verbreitete, geraLez« klassische Schrift: Das deutsche evangelische Pfarrhaus.
Es ist das Verdienst bto eifrigen Forschers ans beut Gebiete unseres Hefsenlanbes, Dr. Karl Eßelbom, Bibliothekar in Darmstadt, das Lebensbild dieses bedeutenden Mannes in der Sammlung der Hessischen Volksbücher weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu haben.
Der Verfasser dieser Zeilen fühlt sich durch die nahe Freundschaft, die ihn mit Dr. Hermann Baur bis zu dessen Tode 45 Jahre lang verbunden hat und durch die Bekanntschaft mit allen Geschwistern außer der Schwester Wilhelmine, dazu berufen, einiges über dieses kürzlich erschienene Buch zu, sagen.
Der besondere Wert des Werkes beruht zunächst darin, daß es erstmalige Veröffentlichung der von Wilhelm Banr für seinen Sohn geschriebenen Lebenserinnerungen ist.
Sie sind leider unvollendet geblieben nnd reichen nur bis zur Entlassung Baurs aus dem Predigerseminar. Sie stammen aus den letzten Jahren seines Lebens. Er hat sie im Jahre 1894 begonnen, int November 1896 fortgesetzt. Zu Ostern 1897 wurde er durch einen raschen sanften Tod int Alter von 71 Jahren abberufen.
Tie Erinnerungen, wie sie uns vorliegen, sind von einer geradezu jugendlichen Frische des Geistes unb der Darstellung belebt und hätten sich zu wertvollem Memvirenwerk entwickelt, wenn es dem' Verfasser vergönnt gewesen wäre, sie zu vollenden.
Allein, auch das Bruchstück hat einen allgemeinen Wert. Es zeigt uns den Entwicklungsgang eines begabten jungen Menschen, der sich nach sonnig verlebter Kindheit unter Ueberwindung materieller Schwierigkeiten, allem Gemeinen abhold, nach der Wahrheit strebend, von Freundesliebe beseelt, unter dem Einfluß der Kämpfe auf religiösem und politischem Gebiete zu einem gefesteten, wahrhaftigen, durchaus adeligen Charakter entwickelte, lieber dem Ganzen schwebt der Reiz eines durch die Liebe zur Natur erhöhten poetischen Begabimg.
Tie Schilderungen des Lebens in den beiden Forsthäusertt, zuerst in Lindenfels, dann in Dornberg, des Tuns Und Treibens im Wald und Flur, der Erlebnisse in der Schule und in dem Darmstädter Gymnasium sind dem Besten zu vergleichen, was im Gebiete der Selbstbiographie geschrieben worden. Köstlich ist beispielsweise die Erzählung: „Wie der liebe Gott mich ohne eigentlichen Mittagstisch drei unb ein halbes Jahr, gerade in der Zeit des körperlichen Wachstums und jugendfrischen Hungers, genährt hat".
Eigenartig unb sehr verschieben von den gewöhnlichen Schüler- verbinbungen ist bie Schilderung der Gründung und Entwicklung des Rosenbunds, -eines Freundschaftsbundes, dessen Mitglieder meist die Treue durch das ganze Leben gehalten haben.
Die Rednergabe war allen Brüdern gemeinsam. Wilhelm Baur berichtet, daß dr bei der Feier der dreihnndertjährigen Wiederkehr des Todestags Luthers 1846 an der Lutherkirche auf dem Nahrungsberg in Gießen vor 1000 Fackelträgern die Festrede gehalten habe. Sein Bruder, Dr. Hermann Baur, wurde gleichfalls zum Festredner erwählt, als zur Erinnerung an die hundertjährige Wiederkehr von Schillers Geburtstag, wenige Schritte von der Lutherkirche entfernt bei Fackelschein eine Schillereiche gepflanzt wurde.'
Eine Schilderung der Universitätsverhältnisse Gießens, insbesondere auch des Auszugs der Studenten auf beit Staufenberg im Jahre 1846 und- die Eindrücke des Jahres 1848 sind besonders interessant.
Hier beginnt nun die Arbeit T. Esselborns, der unter dem bescheidenen Titel einer Einleitung ein abgeschlossenes Lebensbild Wilhelm Baurs entwickelt.
Was die Arbeit des Verfassers von ähnlichen Schilderungen unterscheidet, ist, daß sie sich ganz auf den Gedanken, Betrachtungen und Mitteilung eit Baurs aufbaut, wie sie aus feinen Merken, Aufzeichnungen und Briefen entnommen werden konnten unb die hier in trefflicher Weise zusammengefügt sind. Sie begleiten uns durch Baurs Jugendzeit bis zu seinem Eintritt ins Mut.
Ter Verfasser schildert dann, wie der geistig impulsiven Natur Baurs der flache Nationalismus, bem zur Zeit seines Studiums 1844 bis 1847 bie Theologen der evangelischen Fakultät noch huldigten, nicht genügen konnte, anbererfeit aber auch bie starre Orthodoxie, wie sie von Berlin unter Führung Hengstenbergs ausging, ihm nicht zusagte. So entwickelte sich bet ihm unb einer Anzahl befreundeter Geistlicher bie positive Richtung, bie unter der Bezeichnung: „Nieberwöllstädt er Konferenz", beren Mitgrünbcr Baur war, bekannt ist.
Seine segenbriiigeude Tätigkeit begann Baur 1850 als Vikar in Arheiligen bei Darmstadt, wo sein Vorgänger, Vikar Otto Kle- berger, bereits die Stätte der Wirksamkeit Baurs vorbereitet hatte.
Nach dreijähriger Tätigkeit wurde er als Pfarrvikar nach Bischofsheim bei Mainz berufen, wo bie schwierigsten kirchlichen Verhältnisse obwalteten. Die Gemeinde nahm ihn mit Vorurteil auf, allein er hatte es rasch überwunden, so daß bereits 1854 der Superintendent berichten konnte, Baur habe die Gemeinde
wieder mit der Kirche ausgesöhnt und alt und jung seien ihm mit Vertrauen zugetan.
Im April 1855 wurde Baur die Pfarrstelle zll Ettings--. Hausen übertragen, wodurch er in die Lage versetzt wurde, den int Herbst 1853 mit Meta von Betaz geschlossenen Herzensbund durch die Ehe zu besiegeln, die erst dmrch den Tod Baurs 1897 aust- gelöst wurde.
Tie Ehegatten lebten in glücklichster Harmonie unb Bebet Baur in bie Reichshauptstadt berufen wurde, war die Gattin ihm bie treueste Gehilfin auf dem Gebiete der Seelsorge.
Auch in Ettingshausen fand Baur schwierige Verhältnisse vor. Tas Dors war materiell tzeruntergckonimen und der seltsame Wandertrieb, der die Bewohner beherrschte, brachte schlechte Sitten in das Torf, während der Ackerbau vernachlässigt wurde.
Wenn Baur auch gegen diesen Wandertrieb machtlos war,- so gelang es ihm doch, während der sieben Jahre seiner Wirksamkeit in Ettingshausen die Gemeinde zu sich heranzuziehen und sittlich und kirchlich zu beben, unb als er dann die Stelle in Ruppertsburg erhielt, wurde fein Weggang allgemein bedauert. Auch in Ruppertsburg, wo ter von der Gemeinde nicht ohne Mißtrauen aufgenommen wurde, vermochte er sich bald Ansehen und Vertrauen zu verschaffen.
Tie großen Erfolge auf dem Gebiete der Seelsorge verdankt Baur, abgesehen von seinem glänzenden Predigertalent, wesentlich seinen persönlichen Eigenschaften.
In Ettingshausen entwickelte Baur neben seiner pfarramtlichen Wirksamkeit eine mannigfache schriftstellerische Tätigkeit/ von der er selbst bekennt, daß sie notwendig gewesen sei, um! dem auch bei einfachster Lebensführung nicht auskömmlichen Gehalt (650 Gulden) ein kleines Äebeneinkommen zu sichern.
Hier vollendete er bann das größere Werk: „Geschichts- und Lebensbilder aus der Erneuerung dös' religiösen Lebens in den deutschen Befreiungskriegen."
1855 wurde dem jungen Paar ein Sohn geboren, der der einzige! geblieben ist unb bem Baur seine Erinnerungen getoibmet hat.
Bon der Kirchenbehörde bereits als Pfarrer für Worms bestimmt, entschied Baur sich für die ihm von Hamburg ans an- gebotene Pfarrstelle. Er siedelte im März 1865 dorthin über/ unb auf dem Gebiet der inneren Mission eröffnete sich ihm dort eine angestrengte und segensreiche Tätigkeit. Während des Feldzugs von 1866 war Baur Feldprediger bei der preußischen MaiN- Armee. 1872 erhielt er dann völlig überraschend beu Ruf als Hof- unb Domprediger nach Berlin.
Dieses Amt versah er elf Jahre lang. Im Jahre 1877 feierte er fein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Neben zahlreichen sonstigeii ihm zuteil gewordenen Auszeichnungen ernannte ihn bie theologische Fakultät der Universität Berlin zum Doktor der Theologie. Im nächsten Jahre erschien sein berühmt gewordenes Buch: „Das deutsche ^evangelische Pfarrhaus", das er der Fakultät gleichsam als Dank widmete.
Im Juli 1883 wurde er zum Generalsuperintendentcu der Provinz Rheinprcußen mit dem Amtssitz zu Koblenz ernannt Auch dort erwarb er sich anfänglichen Gegenströmungen gegenüber,- bald das Vertrauen der Geistlichen seiner Proviirz. Soweit Esselborns Buch.
Hervorzuheben sind noch die Erläuterungen, die der Professor mit erstaunlichem Fleiße in über 400 Anmerkungen niedergelegt hat
(Elternliebe im Tierreich.
Würde nicht in den ersten Lebensmonaten der größte Teil beY Tiere dahingerafft, so wären, wie der Direktor des Londoner Zoolo- gischen Gartens, Dr. Chalmers Mitchell, in einem vergnüglichen Vorlrag, den er zu Weihnachten vor der Londoner Jugend gehalten hat, ausführte, Land und Wasser bald derartig mit Tieren übervölkert jein, daß für die Menschen kein Raum mehr bliebe. Schon Darwin hat ausgerechnet, daß, wenn nicht ein großer Teil der Elephantcnbabies einginge, die Nachkommenschaft eines einzigen Eleianlenpaares, das im Höchstfälle 6 Junge während eines ganzen Lebens hervorbringt, in 500 Jahren 15,Millionen -cti'uf betragen würde I Und nun berechne man, wie viel Steinbutte int Meer schwimmen würden, wenn man bedenkt, daß t)cr Steinbutt in einem einzigen Jahr iö Millionen Eier legt. Die Natur hat aber dafür gesorgt, daß ein entsprechender Teil der geborenen Tiere wieder verschwindet. Sie bedient sich dazu der verschiedensten Mittel. Besonders wichtig ist das Moment, daß junge Tiere sehr schmackhaft sind und daher nicht nur von den Menschen, sondern auch von anderen Tieren in großen Mengen verschlungen werden. Bei den Tieren, die nur wenige Junge werfen, ist die Pflege durch die Eltern eine viel sorgfältigere, als bei den Tieren, die eine solche Fülle von Brut haben, daß, wie z. B. bei den Fischen, die Eltern sich, nachdem sie da find, nicht mehr um sie kümmern. Dadurch wird den Kleinen die Möglichkett, groß zu werden, sehr verringert. Es sind nicht immer, wie bei den Menschen, die Mutter der Tierwelt, nie ihren Jungen die größte Sorgfalt angedeihen lassen. Zum Beispiel das weibliche Seepferd legt nur ein oder zwei Dutzend Eier und kümmert sich dann weiter nicht mehr darum. Der Seepferdpapa erfüllt die häuslichen Pflichten dafür um so sorgfältiger. Er hat eine Art von großen tzosentascben an sich, m bie' die Eier hmeingelegt werde». Dann geht er ruhig fernen Ge-


