Ausgabe 
17.2.1912
 
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Herr war das Ebenbild der Mutter, aber durchaus ins Männliche übersetzt. Und Signe hatte, so erregt sie noch war, sofort etwas für ihn übrig, so ähnlich sah er wieder ihren: Keinen Liebling, den: jüngsten Kinde des Hauses'.

Man ging etwas sehr zeremoniell zu Tisch. Man begann gleich Berlin C. ist ein wenig materiell mit Natives und Chablis, und Seine Exzellenz plauderten bei aller Würdigung dieser guten Sachen mit solch sachlicher Lebhaftigkeit, daß Signe zunächst alte Aufmerksamkeit auf sein fabelhaft schnelles Sprechen konzentrieren mußte. Rechts neben ihr saß der Hausherr. Wen:: Mutter zu­gegen gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich den Kopf ge­schüttelt:Etwas reichlich viel Ehrung für deine dreiund­zwanzig Jahre."

Allmählich fand Signe ihre Fassung wieder. Sie suchte heimlich durch die etwas massige:: Blumenauffätze hindurch eine Orientierung über die lange Tafel. Und da sah sie erst, daß Viktor ihr schräg gegenüber saß, zwi­schen Elly Neumann und einer hübschen jungen Frau mit vielen Brillanten.

Sie sah auch: er hatte sich sehr verändert. Er war viel ernster, viel männlicher geworden. Der kurzgehaltene, blonde Spitzbart stand ihm gut, das Haupthaar war ganz kurz geschoren, so daß das schlanke Oval des Kopfes scharf hervortrat. Viel, viel männlicher sah er aus, recht wie ein Mann, der die Arbeit kennen und lieben gelernt hat. Er sprach eifrig mit Elly. Seine Augen konnte Signe nicht sehen. Aber den feingeschwungenen Mund sah sie: die Lippen diese Lippen, die so heiß küssen konnten ---

Was war das für eine seltsame, seltsame Begegnung!

Seine Exzellenz machte endlich eine Pause im Ge­spräch, um sich den Seezungenfilets ä la Monte Carlo zu widmen. Und diese Pause benutzte der Hausherr, um ein paar Worte mit Signe zu wechseln. Er strahlte voy Glück, der gute Herr Neumann: So lange hatte er seinen Aeltesten nicht hier gehabt. Sie wisse doch, er sei In­genieur. Uebrigeus ein lieber Junge. Wie sie ihn fände? Da unten, bitte, rechts neben dem Fräulein Schwester. Die schienen sich ja gut angefreuudet zu haben. Na ja, die liebe Jugend!

Sonst hätte Signe vielleicht etwas verwundert, etwas hochmütig gelächelt: zählte sie denn etwa nicht n:chr zur Jugend?! Aber heut wartete sie nur wartete sie auf irgend eh: Wort, eine Erklärung, wie Viktor hierher kam. Hier in dies Haus, wo sein Name früher nie erwähnt worden war.

Selbstverständlich, sie stand ihn: ja ganz als Fremde, ganz objektiv gegenüber. Aber es war nun einmal nicht anders: ein Rest von Interesse blieb doch. Wie hätte es anders sein sollen? Und wenn man es auslöschen wollte, solch Erleben, es kann nie vergessen werden. Die erste Liebe nicht mit ihrem Glück und ihren: Schmerz und.das nagende Schuldbewußtsein erst recht nicht.Wie ich's auch zurückdrängte und übertüubte, wie ich's auch verneinte, ,es brach doch immer wieder durch. .

Nämlich" sagte Herr Neumann endlich, nachdem er seinen Steinberger Kabinett kosend gekostet hatte,näm­lich der Herr von Kaltenegg hat sich unseres Jungen in der rührendsten Weise angenommen. Der Fritz hatte in der Kanonenwerkstätte einen häßlichen Unfall, eine schwere Quetschung des Brustkastens, und da hat ihn Herr von Kaltenegg, per zufällig in der Werkstätte war, nicht nur gerettet . . . nämlich weil er alleii: geistesgegenwärtig ge­nug war, die elektrische Kraft sofort auszuschalten . .' .er hat ihn nachher auch gepflegt, wahrhaftig wie einen Bruder. Ein fanroser Mann!" Herr Neumann war sichtlich gerührt; er sah bald auf seinen Sohn, bald auf Viktor, und dann hob er sein Glas, trank Kaltenegg zu und sprach dazu recht laut quer über den Tisch hinüber:In unendlicher Dank­barkeit, lieber Herr von Kaltenegg!"

Signe wollte nicht hinübersehen, aber sie tat es doch, und sie sah, wie Viktor leicht lächelnd den Kopf schüttelte, als wollte er sagen:Aber das war ja nicht der Rede wert", und dann auch sein Glas erhob. Deutlich sah sie dre schmale sehnige Hand, die sie einst so fest umfaßt hatte.

Ja, so was vergißt sich natürlich nicht," fuhr Herr Neumann fort.Niemals! Sehen Sie, mein gnädiges Fräulein, und nun fügte es der Zufall, daß er und unser Fritz zu gleicher Zeit hier auf Urlaub wäre::. Und den Frrtz hätten Sie nur mal schwärmen hören sollen. Ich halte ja sonst nicht übermäßig viel von einem Berufs-,

wechsel, und bei früheren Offizieren denk ich nun gar leicht an Protektion. Aber der Kaltenegg da, der muß ein ganzer Kerl pardon, ein ganzer Mann sein! Wie der sich in wenigen Jahren emporgearbeitet hat, sagt unser Fritz, das sei erstaunlich. Nun, da sind :neine Frau und ich denn hinausgefahren. . . pämlich er wohnt bei feinen Eltern, und meine Frau hat die Frau Mama mal ber einem Wohl­tätig keits fest kennen gelernt. . . wir wollten ihm doch selber danken. Und dann hat er uns den Besuch erwidert."

Herr Neumann sprach ein wenig umständlich, und Signe war ihm dankbar dafür, denn ihre Selbstbeherrschung! schwankte schon wieder. Und als glücklichen Zufall emp­fand sie auch, daß jetzt Seine Exzellenz das Bedürfnis fühl­ten, sie über Rumänien im allgemeinen und das Königs­paar im besonderen, über Bukarest und Sinaja, über Jassy und die Petroleumindustrie zu unterhalten. Er hörte sein glattes Französisch ohne Zweifel selbst so gern, daß es genügte, wenn man mit halbem Ohr hinhorchte und daun und wann dem Fluß der Rede durch eine kleine Zwischen­frage neue Nahrung zuführte.

Ein Glück, denn ihre Nerven bebten.

Es war doch etwas seltsam Merkwürdiges, den Mann so loben zu hören, dessen erste, heiße Liebe mau einst be­sessen . . . und zurückgestoßeu hatte!

Und sie parlierte französisch und lächelte zu dem Ru­mänen nnd dachte dabei immer nur:Ich bin ja so froh, daß es Viktor gut geht im Leben", und wußte genau, wie unfroh sie war. ;

Und dachte:Gottlob, daß er's überwunden hat und nun aus dem .Wege zu irgend einen: wirklichen Glück ist, daß er von mir gar keine Notiz nimmt, daß er vergessest lernte, was ich ihm einst war. Gottlob! Gottlob!"und wartete doch darauf, daß er einmal, nur ein einziges Mal ihre Äugen suchen möchte.

Und dachte:Ganz kann's nicht in seinen: Herzen aus­gelöscht sein, was darin lebte! Ein Rest muß darin ge­blieben sein! Und wenn es nicht Liebe ist Liebe soll und darf es nicht mehr sein! so Haß! Immer noch bessery als gar nichts! Tausendmal besser, gehaßt sein, als so ganz vergessen."

Endlos lang war das Diner.

Immer animierter wurde die Stimmung. Herr Neu- mann hielt eine etwas umständliche Rede, in der er sein Haus zu allen lieben Gästen, ganz besonders aber zu der Auwesenheit Seiner Exzellenz, beglückwünschte. Mit einem Hoch auf König Karol und die Dichterkönigin Carmen Sylva schloß er. Exzellenz krähte in einem Toast auf die deutsche Gastlichkeit französische, deutfche und rumänische Brocken durcheinander. Die Gläser klangen aneinander, der und jener ging noch wie in alten Zeiten um den Tisch, um an- zustoßeu, einer Dame seine besondere Verehrung zu erzeigen.

(Fortsetzung folgt.)

Wilhelm Baurs Lebenserinnerungen.

Von Justizrat K r a f t.

Es war ein kinderreiches Haus, das des Großherzogl. Revierförsters Ludwig Baur in Lindenfels in: Odenwald, später Oberförster in Dornberg: Sieben Söhne und vier Töchter sind seiner Ehe mit Caroline Philippme geb. Schmidt entsprossen, Bon diesm Söhnen haben sechs in Gießen studiert. Der älteste Sohn Gustav Kaur war 15 Jahre zuerst Privatdozent und dann Professor der Theologie in Gießen, der jüngste Dr. Her­mann Baur war fünf Jahre Assistent an der Chirurgischen Klinik in Gießen, dann während 40 Jahren ein sehr beliebter und beschäftigter praktischer Arzt. Der vierte der Brüder in der Reihenfolge war Wilhelm Baur geboren am 16. März 18'26. Er hat es in seiner äußeren Stellung unter bei: Brüdern am weitesten gebracht, indem er 1872 vom einfachen Pfarrer int Hessenland und dann in Hamburg als Hof- und Domprediger nach Berlin berufen und 1883 zum Generalsuperintendenten der Provinz Rheinpreußen ernannt wurde; diese Stellung hat er bis zu seinem 1897 'erfolgten Tode innegehabt.

Alle Brüder waren begabt und haben im Leben angesehene Stellungen errungen. Professor Dr. Gustav Baur, der zuletzt an der Universität Leipzig wirkte, und Franz von Baur, der als Professor der Forstwirtschaft an der Universität München starb, waren in ihren Fächern berühmt.

Am weitesten bekannt im deutschen Vaterland aber war Wilhelm Baur, nicht nur wegen seiner hervorragenden äuße­ren Stellungen und seiner vielfachen schriftstellerischen Leistungen auf theologischem nutz historischem Gebiete, sondern auch durch